Google+ PPQ: Mai 2012

Donnerstag, 31. Mai 2012

Worthülsenfabrik unter Strom

Neuer, genialer Streich aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF): Nach dem "Rettungsschirm" und der "Energiewende", der "Schuldenbremse" und dem "Wachstumspakt" haben die Sprachexperten aus der Geschwätzschmiede unter dem Bundekanzleramt mit dem Begriff "Stromautobahnen" (Abbildung oben) einen neuen Scoop gelandet. Wie Rainald Schawidow, der Chef der BWHF, gegenüber PPQ sagte, habe seine Behörde die "in sich nicht im ersten Moment schlüssige Vokabel" geschaffen, um die Bemühungen von Kanzlerin Angela Merkel um die Energiewende "noch stärker ins Bewusstsein zu rücken". Die Anforderung dazu sei vom neuen Bundesumweltminister Peter Altmeier gekommen.

"Besonders erfreut sind wir, dass die Kreation unserer Kreativen so gut angenommen wird", sagte Schawidow, der der auf Beschluss der Regierung Kohl vor Jahren direkt im Berliner Regierungsviertel unterhalb der Kanzlerwaschmaschine in den märkischen Restsand gegossenen Anstalt öffentlichen Rechts seit der Gründung vorsteht wurde. Mehr als 200 deutsche Zeitungen hätten den "eigentlich ja von keiner inneren Logik angegriffenen Begriff stante pede" übernommen, freut sich der Fachmann. Überall sei die Rede davon, dass die natürlich in Wirklichkeit nicht existenten "Stromautobahnen" in den nächsten zehn Jahren quer durch Deutschland gebaut werden müssten, um das Abschalten der Atomkraftwerke aufzufangen.

"Wir wissen selbstverständlich, dass es um Stromtrassen geht", beschreibt Schawidow die Arbeit am neuen Konsensbegriff zur Beschreibung eines politischen Nichts. "Stromtrassen klinge aber zu unpersönlich, um im politischen Tagesgeschäft Verwendung finden zu können. "Autobahn dagegen kennt jeder, Autobahn klingt verlässlich, gut, sauber und schnell." Die "kleine Unschärfe", dass auf Autobahnen Autos fahren, während durch Stromleitungen Strom fließe, wodurch Stromleitungen eigentlich "Strombahnen" genannt werden müssten, nehme man dankend in Kauf, auch wenn einige wenige Kunden sich über die fehlende Sprachordnung beschwert hätten. "Aber keine Angst, wir werden Autobahnen deshalb jetzt nicht in Autoautobahnen umbenennen", tröstet Schawidow.

Staatsgeheimnis aufgedeckt: Wo die Sprechblasen gedrechselt werden

NSU: Handy-Spur ins Rätselcamp

Während sich immer mehr Medienschaffende von den Untaten der braunen Terrorbande NSU abwenden und auch die Bundesanwaltschaft zunehmend die Mittäter ausgehen, hat der Berliner Kurier eine neue, heiße Handy-Spur ins Terror-Rätselcamp aufgetan. Nach einem Bericht des Blattes wurde Beate Zschäpe, die Überlebende der zwei tödlichen Drei, kurz nach der Explosion in Zwickau, bei der ihre Mittäter und Urlaubsbegleiter Mundlos und Böhnhard (Foto oben: NSU-Spur am Strand von Palma) starben, über ein Handy angerufen. Der Inhalt des Gesprächs ist nicht bekannt, der Kurier allerdings behauptet zu wissen, dass die Handynummer auf das sächsischen Innenministerium registriert ist.

Eine dumpfe Ahnung steigt herauf, wie tief der Untergrund war, in dem die selbsternannten NSU-Mitglieder lebten. "Etwas mehr als Stunde, nachdem sie ihre Wohnung in der Frühlingsstraße 26 in die Luft jagte, versuchte jemand Zschäpe anzurufen", orakelt der Kurier. Das "Neue Deutschland" will sogar wissen, woher Beate Zschäpe wusste, dass ihr beiden Freunde im Wohnwagen umgekommen waren: Um 12.11 Uhr, eine Dreiviertelstunde nach dem Tod der beiden in Eisenach-Stregda, habe die Polizei zum ersten Mal auf Zschäpes Handy angerufen und jemand habe auf die Mobilbox gesprochen.

Naheliegend, wenn man davon ausgeht, dass die Polizei im Wohnwagen auch die Handys von Mundlos und Böhnhardt gefunden und systematisch deren am häufigsten benutzte Nummern angerufen hat. Davon ist in Kurier und ND jedoch aus unbekannten Gründen nicht die Rede. Zu einfach? Passt nicht? Oder hatten die keine Handys?

Fest steht: Um 15.37 Uhr sprengte Beate Zschäpe das Hauptquartier der NSU - erst dreieinhalb Stunden nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt. Und trotzdem ließ sie alle wirklichen Beweise so zurück, dass die Fahnder sie unbeschadet sicherstellen konnten. Die "Bekenner-DVDs", die die NSU Jahre zuvor fertiggestellt hatte, nahm sie sogar eigens mit, um sie während einer viertägigen Odyssee durch Deutschland an eine Reihe von zum Teil längst obsoleten Adressen wie die "PDS Sachsen-Anhalt" zu schicken.

Allerdings wäre der Anrufer wohl längst nicht der einzige Behördenmitarbeiter gewesen, der Zschäpes Identität und ihre Telefonnummer kannte. Wie das ND berichtet, versuchte um 17.50 Uhr auch die Polizeidirektion Südwestsachsen aus Zwickau das von Zschäpe benutzte Handy zu erreichen, ab 18.12 Uhr habe das sächsische Innenministerium dann 18 mal versucht, durchzukommen, um 18.13 Uhr wählte sich jemand aus dem Lagezentrum der Polizeidirektion Südwestsachsen ein.

Ein Land schreibt einen Thriller:
NSU: Brauner Pate auf freiem Fuß
NSU: Rufmord an den Opfern
NSU: Heiße Spur ins Juwelendiebmilieu
NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Mittwoch, 30. Mai 2012

Gesänge fremder Völkerschaften: Trommeln aus Taiwan

Sind Taiwanesen Taiwanesen? Oder einfach nur Chinesen, die im Gefolge von Tschiang Kai Tschek vom Festland auf die Insel umgezogen sind? Wir reden hier natürlich nicht über Staatsbürgerschaft, sondern über Kultur, weshalb die Antwort verhältnismäßig einfach ist, wenigstens was die chinesischen Trommler betrifft, die dieser Tage durch Deutschland touren. Die drei Dutzend hüpfenden und zuhauenden Kinder gehören zum Stamme der Bunun, der schon auf Taiwan lebte, als Tschiang Kai Tschek noch Ming hieß und Kaiserlöckchen trug.

Die Bunun, chinesisch 布農 / 布农, sind die Indianer Taiwans, die bis heute wie ihre Vorväter im zentralen Bergland der Insel leben, dort aber im August 2009 dennoch von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurden. Vor einem Jahr begann Goh Chin Kuan, Acht- bis 12-Jährigen die alten Samba-Tänze ihrer Vorfahren beizubringen. Zum "Karneval der Kulturen" flogen die Botschafter des 37.000 Angehörige zählenden Bunun-Stamms zum ersten Mal nach Deutschland, um im höflichen chinesischen Stil für ihre Belange zu trommeln: Diszipliniert und laut am Instrument, mit einer Apfelschorle zufrieden, wenn die Orchesterführung zur Pause trillert.

Den Menschen in Mitteldeutschland, die trotz der großen bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Reihe "Gesänge fremder Völkerschaften nicht eben verwöhnt sind mit kulturellen Leckerbissen, gefällt das. Ganze Honigkuchenlandschaften lächelnd stehen rüstige Omis am Straßenrand, Mutter, Vater, Kind patschen einheitlich die Hände aufeinander und selbst die letzten verbliebenen Vertreter der einheimischen Jugend zucken verdächtig mit den R&B-verbildeten Hüften.

Mehr Gesänge: Grunzrock von der Unstrut
Blasen in Steueroasen
Pogo in Polen
Hiphop in Halle
Tennessee auf Tschechisch
Singende Singles



ESM: Letzte Schlacht um Europa

Löw hat sein letztes Aufgebot benannt, die Politik ist im Trainingslager für die letzte Schlacht um Europa. Alle Jahre wieder dasselbe Spiel: Kaum steht ein großes Fußballturnier ins Haus, wird von oben knallhart durchregiert.

Was ehemals die Mehrwertsteuererhöhung war, die im Schatten multinationaler Einsätze der DFB-Auswahl beschlossen werden konnte, ohne dass es irgendwer mitbekam, ist heute der zum zweisilbig aussprechbaren ESM verkürzte ehemalige Rettungsschirm. Nein, ehhsM ist nicht die EM! Aber sobald es losgeht, ist das auch egal. Denn sobald das Turnier in Polen und der Ukraine angepfiffen ist, wird die "umstrittene" (dpa) Geldmaschine locker und leicht beschlossen werden - so wahr in Jogis Truppe alle unschuldig weiß tragen werden.

Macht ja nichts, merkt ja keiner! Fußball schafft Handlungsfreiheit! Angela Merkel spielt das Spiel seit Jahren professionell. Nicht laufstark, aber stellungssicher, nie hastig, aber immer schnell zur Stelle, wenn sie eine Gelegenheit sieht. 2006 verabschiedete das damalige Traumkabinett aus linken Christdemokraten und rechter Sozialdemokratie die größte Umsatzsteuererhöhung aller Zeiten, vier Jahre später folgte im Schatten der Begeisterung für "Joachim Löws junges Team" (Günter Netzer) ein Gesetz zur Legalisierung jeder Art von Datensammlung durch das Bundeskriminalamt, die sogenannte Reform des Einzugs der Gebühren für den Staatsfunk, Gesundheitsreform verabschiedet, das Swift-Abkommen zur Herausgabe aller Bankdaten an ausländische Behörden durchgewunken, das Grundgesetz geändert, damit die seit Jahren Hartz-IV-Jobcenter bestehen blieben können, die Wehrpflicht schlagartig verkürzt und ein "Sparhaushalt" verabschiedet, der trotz seines Namens mit einer Rekordneuverschuldung von 65 Milliarden Euro plante.

Das Volk schaut Fußball, das politische Berlin nimmt es als Einladung, das hat Tradition. "Wir kennen unsere europäische Verantwortung. Wir sind bereit, den Rettungsschirm ESM schnell zu verabschieden, gerade mit Blick auf eine mögliche Zuspitzung der Krise in Griechenland", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel. Gab es um den - aus heutiger Sicht zwergenhaften - Rettungsvorgänger EFSF noch riesigen Streit, halten der Schweini und der Lahm, der Poldi und der Klose den Gabriels, Röslers, Merkels und Schäubles den Rücken frei. Unschuldig in Weiß.

Flattr thisWelt Online hat den Kommentarbereich dieses Artikels geschlossen, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

Dienstag, 29. Mai 2012

Günter Grass schreibt immer noch Gedichte

Wer hat es gesagt?

Die freie Marktwirtschaft war für mehr Wohlstand in der Geschichte verantwortlich als jeder andere Faktor.

Aigner: Runde Stunde reicht

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner findet die Filmlängen im Fernsehen oft zu ausgiebig bemessen. Erwachsene müssten oft Dokumentationen oder Nachrichten sehen, wenn sie weniger fernsehen wollten, sagte sie. Aigner kündigte an, kommende Woche mit den Spitzen der deutschen Fernsehsender unter dem Namen "Runde Stunde" eine Initiative zu starten, die auf kürzere Filmlaufzeiten hinarbeiten will. "Kürzere Filme sind gut für die Aufmerksamkeit und für die Gesundheit", sagte sie. Den Menschen bleibe so mehr Zeit, "auch mal vor die Tür zu gehen".

Beunruhigende neue Zahlen zum TV-Konsum hatten Aigner aufgeschreckt. Danach schauen die Deutschen im Durchschnitt zwischen drei Stunden und 20 Minuten und vier Stunden und 30 Minuten fern. Betroffen sind vor allem Ostdeutsche, die wegen langer Volksmusiksendungen und Talkshows mit Oststars rund eine Stunde mehr vor dem Fernseher zubringen müssen als Menschen in Hessen oder Bayern. Insgesamt laufen ostdeutsche Fernseher täglich 52 Minuten länger als westdeutsche.

Aigner ist damit unzufrieden. Sie fordere deshalb, dass Sender Knüller wie den "Tatort" oder "Schlag den Raab" um mindestens 30 Prozent der Laufzeit kürzen. Natürlich sei das nicht einfach. "Es gibt hier Hemmschwellen, die kann man beseitigen", sagte die Ministerin.

Sie rief Regisseure und Drehbuchautoren dazu auf, kürzere Drehbücher zu schreiben und Krimis oder Dramen auf eine "runde Stunde" (Aigner) zusammenzustreichen. "Es ist ein Skandal, dass wir derzeit jedes Jahr mehr als 120 Milliarden Lebensstunden dafür verwenden müssen, uns überlange Filme, Fußballübertagungen und Gameshows anzusehen." Hier seien auch die Sportverbände gefordert, etwa, in dem angekündigte Übertragungen von Olympia mit mehr als 60 Stunden am Tag rigoros auf Highlight-Berichterstattung zusammengestrichen würden. "Es muss sicherlich nicht jeder Hüpfer eines Leichtathlethen in jedes deutsche Wohnzimmer gesendet werden."

Montag, 28. Mai 2012

Nachträglich, Gerd

Hades-Plan: Platzt die deutsche Dominanz?

Aufregung in Berlin! Platzt der Hades-Plan? Nachdem der „Spiegel“ über eine neue Umfrage berichtet hatte, nach den eine Mehrheit der Deutschen noch viel mehr neue Schulden aufnehmen würde, um noch viel mehr Wirtschaftswachstum herbeizupumpen, damit die endlichen Ressourcen unserer einzigen Erde noch schneller verbraucht sein werden, läuten im politischen Berlin die Alarmglocken. Der Hades-Plan, in dem Helmut Kohl und eine Handvoll Getreuer kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks festgeschrieben hatten, wie Deutschland Europa zuerst über monetäre Sparwirtschaft erobern und später dann als Großgläubiger des Restkontinents dauerhaft dominieren würde, kippelt.Auch das Debakel beim ESC stimmt die Entscheidungsträger zunehmend besorgt um die angestrebte deutsche Vormachtstellung.

Klare Sache: Wenn laut Politbarometer 62 Prozent der Befragten für „schuldenfinanzierte Wachstumsimpulse“ votieren, ohne genau sagen zu können, was das sein soll und wozu es dient, steht Angela Merkel mit ihrer Politik der Verteidigung des Hades-Planes auf verlorenem Posten. Schließlich sieht das geheime Papier vor, dass Deutschland vergleichsweise solide wirtschaftet, seine Nachbarn aber gleichzeitig zu vermehrtem Konsum und höherer Verschuldung verführt. Ziel des kostspieligen Unternehmens war es ursprünglich, die ungünstigen Ergebnisse des 1. und des 2. Weltkrieges friedlich zu korrigieren. Ehemals feindliche Völker sollten über eine gemeinsame Währung nach dem Vorbild der weltweit verehrten Deutschen Mark von den Vorteilen eines Lebens unter deutscher Anleitung überzeugt werden.

Der öffentliche Meinungsruck zu noch mehr eigener Kreditaufnahme in Zeiten, in denen die Bundesrepublik täglich so viel neue Schulden macht wie früher im Monat bringt die Kanzlerin in Bedrängnis. Da die Steuereinnahmen durch zahlreiche Erhöhungen in den vergangenen Jahren so hoch sind wie noch nie in der Geschichte eines deutschen Staates, fehlen dem Kabinett bereits heute Möglichkeiten, Milliarden und Abermilliarden sinnvoll auszugeben. Stattdessen werden für CDU-Politiker mit festem Monatseinkommen auf Staatskosten iPads angeschafft, Krötentunnel gegraben und Altautos vom Staat aufgekauft. Zusätzliche Kredite spülten noch mehr Geld in die Kasse, die Regierung hätte noch größere Probleme, das Geld auszugeben.

Auch deshalb hatte Merkel bisher auf den Fiskalpakt gepocht, mit dem sich 25 der 27 EU-Staaten per kostenloser Unterschrift und bis zum Tag, an dem sie keine Lust mehr drauf haben, zu strengerer Haushaltsdisziplin und stärkerem Schuldenabbau verpflichten. Kein guter Weg, hatte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der „Das Kapital“ gelesen hat, von Anfang an kritisiert: Sparsamkeit blockiere die Beendigung der Krise, wichtig sei es, dass die Deutschen jetzt direkt für griechische schulden einträten. Dazu seien gemeinsam ausgegebene Euro-Anleihen der richtige Weg, sagte er der "Rheinischen Post".

Trittin ist damit klar auf demselben Kurs wie der neue französische Präsident François Hollande, dem die inzwischen vier Jahre andauernden Ankündigungen, demnächst werde ist große Sparanstrengungen aller Staaten geben, als völlig ausreichend zur Krisenbekämpfung erscheinen. Hollande lehnt Sparen konsequent ab, es solle nun auch nicht mehr darüber geredet werden. Stattdessen müssten alle Staaten möglichst viel Geld leihen, um Konjunkturprogramme zu finanzieren. Aus den dann hereinsprudelnden Steuereinnahmen könnten, so Hollande, sowohl neue als auch alte und ganz alte Kredite im Handumdrehen getilgt werden.

Hass auf den Hades-Plan
Hades-Plan: Traumhafte Zustimmung

Meinten Sie Hasselhoff?

Die einwöchige USA-Reise einer Delegation aus Sachsen-Anhalt hat sich aus Sicht von Ministerpräsident Reiner Haseloffmehr als gelohnt. "Wir haben für Sachsen-Anhalt gepunktet," zog der CDU-Politiker nach seiner Rückkehr in Magdeburg positive Bilanz. „Unter dem Strich kann ich für die Gesamtreise sagen: Erwartungen mehr als erfüllt“, sagte Haseloff der Nachrichtenagentur dpa nach seiner Rückkehr.

Richtig gekracht hat es offenbar an der Westküste, wo Haseloff als erster Mensch überhaupt Werbung für Sachsen-Anhalt als Tourismusziel machte. Wie seinerzeit Amundsen und Scott habe er dabei mutig Neuland betreten, sagte der Star von Kultfilmen wie "Das Tabu Gardelegen". „Da war bislang überhaupt noch keiner, der für die Lutherdekade geworben hat. Demzufolge ist es bei den Bischöfen und zuständigen Kirchenverantwortlichen dort auf sehr, sehr fruchtbaren Boden gefallen.“

Wermutstropfen dabei: Weniger erfolgreich war der erste Mann Sachsen-Anhalts allerdings bei den Medien jenseits de „großen Teichs“ (ARD). Sowohl in Philadelphia als auch in San Francisco schlüpfte der eloquente, aber nicht fremdsprachigenkundige Politiker aus dem Lutherland unter der Aufmerksamkeitsschwelle aller regionalen Zeitungshäuser hindurch.

Fünf Tage USA, keine Zeile in keiner einzigen Zeitung – die Seite des san Francisco Examiner etwa fragt auf die Sucheingabe "Haseloff" frech "did you mean Hasselhoff" zurück. Wirkungsvoller kann ein Politiker kaum für sein Heimatland trommeln und für die „Lutherdekade“ werben. Vor Studenten des Lutheran Theological Seminary in Philadelphia rief Haseloff aus: "Es ist nicht unser Martin Luther, es ist unser aller Martin Luther, wir teilen" und lud alle Menschen im Saal - weniger Studenten, als vielmehr einheimische Kirchenvertreter und Bürger, analysiert die halbstaatliche Agentur dapd – zu einem Besuch an die Straße der Gewalt, der Luthers ganze Liebe galt. Die Lutherdekade und das Reformationsjubiläum seien „offensiv beworben worden“, sagte Haseloff unter Verweis auf heimische Medienecho, das das amerikanische um etwa 1700 Prozent übertraf. Der Ministerpräsident rechnet aufgrund seiner Werbereise in den kommenden Jahren nun mit deutlich mehr amerikanischen Touristen in Sachsen-Anhalt.

Auch US-Investitionen würden folgen, ist er sicher. Es seien schon Gespräche vereinbart worden, um konkrete Produkte zu entwickeln. Außerdem habe er „einen ganzen Stapel an Visitenkarten eingesammelt“.

Sonntag, 27. Mai 2012

ESC: Ohrfeige für die Kanzlerin

Am Tag nach dem Debakel der deutschen Mission beim European Song Contest hat die politische Auswertung begonnen. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück hat das unbefriedigende Abschneiden des für Deutschland singenden Roman Lob zum Anlass genommen, Kanzlerin Angela Merkel anzugreifen. Deren Personalmanagement sei "unterdurchschnittlich". Er sehe Kanzlerin Angela Merkel zunehmend unter Druck, auch auf europäischer Ebene. "Es wird erkennbar einsam um die Kanzlerin", sagte einer der kommenden SPD-Kanzlerkandidaten.

Das Erstaunliche sei, dass sich Merkel präsidial weit erhoben habe über die Qualität ihres Kabinetts. Der ESC habe nun aber gezeigt, dass es ihr in Europa nicht gelinge, die Völker für deutsche Interessen einzuspannen. Weil Merkels Krisenmanagement in Europa in den letzten zwei Jahren unzureichend gewesen sei, habe die deutsche Delegation in Baku die Quittung bekommen: Mit Russland, Aserbaidschan, der Türkei und Albanien lagen in der Endabrechnung mehrere Länder vor den deutschen Demokraten, in denen Menschenrechtsverletzungen und undemokratische Verhältnisse Alltag sind. "Europa wendet sich vom deutschen Modell ab", hieß es aus der Opposition. Das sei "unbegreiflich".

Nach Ansicht Steinbrücks trägt Angela Merkel die Verantwortung für das Desaster der Demokratie, das sich bei der Stimmvergabe für diktatorisch dominierte Künstler und die Profiteure früherer DDR-Zwangsarbeit zeige. Es sei sehr bedenklich, dass Merkel wichtige von Deutschen besetzte Führungspositionen preisgegeben habe. Es reiche nicht, dass deutsche Firmen dem blutigen Regime von İlham Əliyev Prachtpaläste errichteten, in denen sich andere dann für schlecht gefälschten Euro-Pop feiern ließen. "Das alles weist darauf hin, dass es ein weit unterdurchschnittliches, teils parteipolitisch bestimmtes Personalmanagement gibt", so Steinbrück. Der Wahrnehmung deutscher Interessen diene dies alles nicht.

Kritik hatte während der Live-Sendung aus Baku auch die ehemalige deutsche Entertainerin Anke Engelke geübt. "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen", sagte sie, "aber es ist gut, wählen zu können und es ist gut, eine Wahl zu haben." Man müsse dann eben auch damit leben, dass die Falschen gewinnen, weil sich ihre Interessen ergänzen. Wie stets hatten sich die 92 ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken gegenseitig ebenso mit Punkten versorgt wie die aus der sowjetischen Konkursmasse hervorgegangenen Kleinstaaten.

Auch aus der CDU kommen inzwischen Forderungen, Deutschland als Ganzes aus dem ESC herauszulösen und ab dem kommenden Jahr mit 16 Vertretern der einzelnen Bundesländer anzutreten. Statt wie bis lang 78 Punkte vergeben zu können, ständen den deutschen Juroren dann 1248 Punkte zur Verfügung. "Ein Pfund, mit dem man wuchern könnte", findet auch der Alt-Internationale Ralf Siegel. In der Eifel, wo Lob-Produzent Thomas D sein Hauptquartier hat, hieß es mehrheitlich, Deutschland dürfe nicht immer nur zahlen, sondern müsse "irgendwann anfangen, auch mal was dafür zu bekommen".

Grass: Die Schande von Basel

Als sich Günter Grass mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" vor gut sieben Wochen an dieser Stelle in die Grass-Debatte einschaltete, war die Reaktion der Leser und der Medien groß. Sie war größer als bei jedem anderen Thema, das PPQ in den vergangenen Jahren mit heißer Nadel strickte.

Zunächst drehte sich die Debatte vor allem darum, ob Grass eigentlich ein Gedicht geschrieben habe, dann wucherte sie dahin aus, dass infrage stand, ob er ein Gedicht hätte schreiben dürfen. Vor allem sein spätes Geständnis von 2006, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war, spielte gar keine Rolle. Es dauerte, bis es im Diskurs um den politischen Kern des Gedichts ging - die Frage nach dem Tabu, das es nicht gibt, das allerdings als Tabu existiert, weil es tabu ist, darüber zu sprechen, dass es nicht existiert.

Wir sind Grass!, propagierte PPQ seinerzeit - und das völlig zurecht, wie auch Günter Grass selbst findet. Der Nobelpreisträger ist nicht tatenlos geblieben, sondern er hat weitergeschrieben, wieder ein Gedicht, diesmal spürbar angefressen von der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Testspiel gegen die Schweiz.

Die Form der Bettelei um Schlagzeilen mag bei Lyrikfreunden umstritten sein, doch sie hat Tradition. Vom Einbruch in die Bohlenvilla bis zur Besenkammeraffäre von Boris Becker und der schlüpfrigen Partei-Beziehung Wagenknecht/Lafontaine erlaubte die formlose Form stets, komplexe sportliche Zusammenhänge als Buchstabenpuzzle aufzulösen, so das jeder das verstehen kann, was er möchte.

Für Günter Grass hat die Einmischung in die Weltgeschichte wiederum eine biografische Tradition. Schon als junges Mitglied der SS kämpfte er im 2. Weltkrieg, später engagierte er sich in der Gruppe 47 als Schreiber gegen das Vergessen und vor einigen Jahren fiel beim Häuten einer Zwiebel auch die SS-Sache wieder ein. Basel, dort, wo vor 104 Jahren alles begann, ist der Schauplatz des neuen Großwerkes. Bis heute gehörte das reimlose Schreiben für ihn wie selbstverständlich zur Rolle des Schriftstellers und Dichters. Man muss nicht lange überlegen, man schreibt, wie es die Tinte hergibt. Oder das Herzblut, denn das nutzte Günter Grass diersmal als Trägerflüssigkleit, nachdem ihm die Tinte beim Schreiben seines Israel-Poems nach einem Augenzeugenbericht von Vril ausgegangen war. Auch das neue Werk des Literaten, sein erstes zum Thema Nationalmannschaft, sein Debüt zum Thema Fußball, erzählt davon:


Der Aufregung nah, weil den Erwartungen nicht gerecht,
bist fern Du dem Erfolg, den das Volk ersehnt.

Es ist der Ball verflucht, der Fan gehässig,
ein Team nun, unter Schrottwert taxiert.

Als Elf mit 3:5 an den Pranger gestellt, leidet eine Nation,
die Dank zu schulden Dir Redensart war.

Zum Siegen verurteilt, was früher
Trophäen erbrachte: die Schweiz schlug zu.

Grausam vor den Augen des Volkes
heimgesucht, trugen zum Dress Furchtgesichter.

Kaum noch geduldeter der Mann an der Seitenlinie,
dem einst als Liebling gehuldigt wurde.

Sinnloser Zorn, dem der Fankurve Macht
frönt wider dem ter Stegen. Ohne die Bayern.

In der Schmach trägt Löw Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Liebe Du gewesen.

Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt Kommafehler gehortet in Ballnetzen.

Lauf endlich, lauf! schreien der Kommissare Claqueure,
Kommentatoren, Elfmeter, der Pfiff bleibt aus.

Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Hoffnung zu erfüllen unser Sehnen erfleht.

Geistlos verkümmern wirst Du ohne Mumm,
ohne die Bayern, lahm ohne Lahm und Schweinsteiger.

Samstag, 26. Mai 2012

Prachtpalast für die Wissenschaft

Seit knapp einem Jahr wird in Halle in einem komplett sanierten Tschernischewskihaus Weltwissenschaft gespielt. Ein Palast, um den die Nationale Akademie Leopoldina derzeit auch noch eine Prachtmauer sanieren und neuinstallieren lässt. Doch nach Ansicht des Rechnungshofs hätte der fast 17 Millionen Euro teure Ersatzneubau des zuvor 15 Jahre lang leerstehenden ehemaligen Logenhauses nie so entstehen dürfen: Zu üppig dimensioniert, zu teuer und nicht im Interesse von Bund und Land - das Urteil der Prüfer, so verrät es ein erster Entwurf eines Prüfberichtes, ist hart.

Bereits der Beschluss zum Bau des Leopoldina-Hauptquartieres durch Bund und Land ist nach Ansicht der Rechnungsprüfer rechtswidrig, weil wegen der Verschuldungssituation von Bund und Land in den Jahren 2009 und 2010 keine Beschlüsse mit weitreichenden rechtlichen und finanziellen Konsequenzen hätte fassen dürfen. "Die Politik hätte diesen Beschlüssen widersprechen müssen", heißt es. Auch die Übergabe des 15 Millionen Euro teuren so genannten "Förderschecks" durch das Bundesbauministerium "war nicht mit geltendem Recht vereinbar", weil das im Besitz einer Freimaurerloge befindliche Haus zuvor erst hatte für eine Million Euro vom Land angekauft werden müssen. Mittel des Konjunkturpakets II seien aber nur für die Sanierung von Gebäuden verwendbar gewesen, die sich schon vor dem Beschluss zur Sanierung in öffentlichem Besitz befunden hätten.

Dass der ehrgeizige Plan von Anfang an auf Skepsis stieß, bekannte Günther Hoffmann, Abteilungsleiter beim Bundesbauministerium, schon bei der Grundsteinlegung. "Es erschien eher aussichtslos." Auch aufgrund der "vehementen Unterstützung von Ministerin Schavan" habe man jedoch "Bedenken zurückgestellt".

Kritik melden die Prüfer auch an der opulenten Ausstattung des Neubaus an. 104 Meter lang, 20 Meter hoch und zwischen zwölf und 20 Meter breit ist das künftige Hauptquartier der Wissenschaften in Deutschland, dabei werden von den 70 Angestellten, die derzeit für die Leopoldina arbeiten, auch weiterhin sieben im Berliner Büro im Regierungsviertel sitzen und zehn weiter im alten Leopoldina-Gebäude in der Emil-Abderhalden-Straße arbeiten. Auf rund 6000 Quadratmetern Fläche befinden sich in dem neuen Hauptsitz trotzdem gut 200 Räume. Für die 50 Mitarbeiter im neuen Domizil stehe dadurch verschwenderisch viel Bürofläche zur Verfügung, 150 Zimmer ständen dauerhaft leer. Allein der künftige Festsaal der Leopoldina hat 400 Plätze, obwohl wissenschaftshistorische Seminare zu Themen wie „Peter Simon Pallas und sein wissenschaftliches Werk“ in der Regel nur einen kleinen Kreis von Fans anlockten.

Die Prüfer bemängeln, dass der gewählte Ansatz den Grundsatz von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verletze. Sowohl hier, als auch bei den Vertragsverhandlungen "wären erhebliche Kostensenkungen möglich gewesen". Der Rechnungshof schließt daher Rückforderungen von Fördermitteln nicht aus. Zudem bevorteile auch der Mietvertrag die Akademie: Ihr stünden aus der Vermarktung des Hauses Einnahmen in unbegrenzter Höhe zu, obwohl der Bund und das Land Sachsen-Anhalt die Leopoldina mit Steuermitteln finanzieren.

Die verantwortliche Behörde äußert sich vorerst zum Prüfbericht nicht: "Das ist ein Entwurf, da kann sich noch alles ändern", hieß es. Gebe es genug politischen Druck, werde alles umformuliert, eventuell werde dann auch gar keine Prüfung vorgenommen. "Schauen Sie sich doch dieses schöne Haus an", sagte ein mit der Materie vertrauter Experte, "das sieht doch einfach schön aus!"

NSU: Brauner Pate auf freiem Fuß

Noch mehr Arbeit für die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse in Sachsen, Thüringen und dem Bundestag sowie die Bund-Länder-Expertengruppe, die sich seit Monaten mit der Frage beschäftigen, warum die Terrorgruppe NSU mehr als zehn Jahre lang im Untergrund unbehelligt operieren konnte. Nachdem bisher feststand, dass alle Behörden versagt haben, weil Spuren in Richtung zur braunen Bande einfach nicht verfolgt wurden, hat der Bundesgerichtshof jetzt festgestellt, dass selbst ein Mitwisser und langjähriger Helfer der zwei tödlichen Drei Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe etwas von den Mordtaten der Rechtsterroristen wusste. Holger G. war am 13. November 2011 im Raum Hannover festgenommen worden, weil er als Kurier eine Pistole an die NSU übergeben und den sich untergetaucht wähnenden Kämpfern mit Papieren und Versicherungskarten geholfen hatte.

Dennoch, so der BGH, liege kein dringender Tatverdacht vor, weil es keine "tragfähigen Anhaltspunkte dafür“ gebe, „dass die Übergabe der Pistole die Taten des NSU objektiv in irgendeiner Weise erleichtert oder gefördert hat", begründet das Gericht die verfügte Haftentlassung von G., der in der Hochphase der NSU-Berichterstattung als eine Art brauner Pate durch Medienland gespenstert hatte. Grundlos: Das Terrortrio habe „nach außen streng abgeschottet“ gearbeitet und gemordet und über mehr als zehn Jahre davon abgesehen, sich zu seinen Taten zu bekennen. G. habe erklärt, nichts von den Mordanschlägen gewusst zu haben, sowas habe er dem "Trio" auch nicht zugetraut. Die von ihm an die NSU übergebene Waffe sei zudem bei keiner der Taten verwendet worden – ganz im Gegensatz zu den Ergebnissen der medialen Schnellermittlungen im vergangenen November, die verdeutlicht hatten, dass die NSU nicht nur alle neun Opfer der von Medien "Döner-Morde" genannten Tatserie mit derselben Waffe erschossen hatte, sondern sechs von ihnen zusätzlich auch noch mit der von G. gelieferten Pistole.

Nach der Freilassung des Westarms der Terrortruppe sitzen nun neben dem Herzen der NSU, Beate Zschäpe, noch vier weitere mutmaßliche Unterstützer in Haft. Vorgeworfen wird ihnen durchweg dasselbe wie Holger G., durchweg bestreiten alle vier eine Kenntnis von Mordplänen oder gar Mordtaten. Neben der spannenden Frage, wann die Haftprüfung auch bei diesem Quartett ergeben wird, dass die bisherigen Vorwürfe zur „Behilfe zum Mord“ es unter diesen Voraussetzungen kaum bis in eine Anklageschrift schaffen, geschweige denn vor Gericht Bestand haben werden, schleicht sich langsam auch wieder die Frage an, wie Ermittlungsbehörden hätten wissen können, was nicht einmal selbsternannte Mitkämpfer und Freunde wussten. Wo doch nach Ablauf der Verjährung der einzigen Straftaten, wegen derer die NSU-Mitglieder anfangs gesucht worden waren – Sprengstoffbesitz und Nichtantritt einer Haftstrafe – nicht einmal mehr ein Grund bestand, überhaupt nach ihnen zu suchen.

Ein Land schreibt einen Thriller:
NSU: Rufmord an den Opfern
NSU: Heiße Spur ins Juwelendiebmilieu
NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Freitag, 25. Mai 2012

Günter Grass schreibt ein Gedicht

Keine Chance beim Songcontest

Ein musikalischer Gruß an die Seehofers, Münteferings, Gabriels, Wulffs, Schröders und Fischers, den Kevin Wetherall da zartfühlend aus seiner Gitarre gewrungen hat. "Old Man in young man's shoes" hat keine Chance beim Songcontest und so, menschenrechtstechnisch betrachtet, saubere Musik, auch wenn der Text noch so schmutzig ist.

Wetherall, nach seiner ersten Karriere als Popstar als "Dirty Ray" wiederauferstanden, scheint damit leben zu können, für ein Publikum zu singen, dass sein Mitgefühl nicht haben will. Joschka, Horst, Siggi und Münte würden nachvollziehen können, was er meint, mangels Radiopräsenz des ehemaligen Anführers der Immaculate Fools aber ahnen sie bisher nicht einmal, dass da draußen einer ist, der weiß, wie es ihnen geht, der dieselben Probleme wälzt und dieselben Ängste aussteht.

Mann möchte unter ihr Kleid krabbeln und sitzt doch allein, Mann möchte ihr seinen Namen geben. Und ist eigentlich doch noch anderswo verheiratet. Seehofers letzter Walzer, im Boulevard heruntergespült. Müntes spätes, jungen Glück, aus den Schlagzeilen verschwunden. Gerhard Schröder hat eine 19 Jahre Jüngere, Peter Harry Carstensen schafft 20 Jahre, Günther Oettinger bringt es auf 25 Jahre, Laurenz Meyer auf 26, Joschka Fischer auf 28 und Helmut Kohl, der immer gewinnen wollte, gar auf 35.

Junge Dinger ohne Lebenslast, kräftig genug, all die Sünden ihrer damit schwer beladenen Kerle wegzuschleppen, wenn diese selbst unter der Last zusammenzubrechen drohen. Macht macht Liebe, wo sie sonst nicht hinfällt. Die letzte Frau von Willy Brandt, Brigitte Seebacher, war 32 Jahre jünger als ihr Mann. Theo Waigel heiratete eine 18 Jahre jüngere Skiläuferin. Oskar Lafontaine erkannte, dass die 26 Jahre jüngere Sahra Wagenknecht die Richtige für ihn ist. "You love her with marching bands and flags, to the last waltz, to the end of the dance", ätzt Dirty Ray, "too many years upon you, your life must surely fade." Lässt sich nicht ändern. So jung sie auch sind und so groß die Liebe.


Put all your sins in her basket
Not too heavy to hold
Find the beauty in your sadness
When you´re alone
You love her with marching bands and flags
To the last waltz, to the end of the dance
Till the guitar player has broken every string
Love is folding in on you
Old man in young mans shoes
She is folding in on you
Old man in young mans shoes

You want to crawl beneath her dress
Sign your name across her breast
Kiss her mouth an make her wet
Lose yourself between her legs
You love her with marching bands and flags
To the last waltz, to the end of the dance
Till the guitar player has broken every string
Love is folding in on you
Old man in young mans shoes
She is folding in on you
Old man in young mans shoes

Sometimes you lean towards the silence
Of losing her someday
Too many years upon you
Your Life must surely fade
You love her with marching bands and flags
To the last waltz, to the end of the dance
Till the guitar player has broken every string
Love is folding in on you
Old man in young mans shoes
She is folding in on you
Old man in young mans shoes

Abendland im Anerkennungsloch

Über „Verdrossenen und die Empörten“ schreibt Herfried Münkler in der Neuen Zürcher Zeitung und obwohl der Text des Berliner Politikwissenschaftlers Augsteins „Freitag“ sofort argwöhnisch die Frage stellen lässt, „wie wenig Kapitalismus und Demokratie noch zueinander passen“, geht es eigentlich um etwas ganz anderes. Die Demokratie ist im Anerkennungsloch, schreibt Münkler, es scheine vielen – etwa dem „Freitag“ – ja so, dass Demokratie und wirtschaftliche Prosperität „nicht mehr so eng miteinander verbunden zu sein, wie dies in den letzten Jahrzehnten als selbstverständlich galt“.

Ist zuverlässiger Wohlstand trotz der chinesischen Aufbauerfolge an eine demokratische Verfassung gebunden? Oder blockiert nicht die Demokratie Fortschritt durch dauernde Bedenkenträgerei? Zeigt nicht die Krise mit ihren stets alternativlosen Entscheidungen, dass nur ein postdemokratisches System schnelle und allen dienliche Entscheidung erlaubt?

Münkler ist nicht sicher, dass die Zweifel an der Demokratie dorther rühren. Es sei „nicht in Abrede zu stellen, dass sich die Rahmenbedingungen für das Funktionieren der Demokratie in letzter Zeit verschlechtert haben – was mit der schwindenden Handlungsmacht des Staates und den Folgen einer wachsenden Einkommens- und Vermögensspreizung in den europäischen Gesellschaften zu tun hat“, schreibt er. Beim klassischen Territorialstaat seien die politischen Grenzen immer auch wirtschaftliche Grenzen gewesen, Staaten kontrollierten ihre Währungen, stimulierten ihre Wirtschaften und konnten „als der erste Adressat für die Wünsche und Forderungen der Bevölkerung auftreten“.

Das geht inzwischen anders. „In Zeiten der Globalisierung, da sämtliche Grenzen an Bedeutung verloren haben, ist der Staat zwar nach wie vor der Adressat von Erwartungen, aber er hat viel von seiner früheren Handlungsmacht verloren.“ Was er nicht zugibt, um nicht Respekt und Zustimmung zu verlieren: „Anstatt auf die Verlagerung der Entscheidungszentren hinzuweisen, tun die Politiker nämlich so, als seien sie nach wie vor Herren der Lage.“ Da sie es aber immer weniger seien, sprächen sie von der «Alternativlosigkeit» ihrer Entscheidungen. „Alternativlosigkeit aber ist eine Vorstellung, die, sobald sie häufiger kommuniziert wird, mit der Demokratie unvereinbar ist.“

Des Pudels Kern liegt hier begraben. Wo die Alternativen fehlen, fehlt es an Notwendigkeit, zwischen Alternativen zu wählen. Demokratie aber nun ist gerade die Gesellschaftsform, in der der öffentlich ausgetragene Dissens am Ende zu den besten Ergebnissen führt – nicht das Kungeln hinter verschlossenen Türen.

Wie aber soll demokratisch diskutiert werden, was global mit immer größerem Zeitdruck entschieden werden muss, weil stets irgendeine Börse öffnet oder eine Kreditlinie zu platzen droht? Gar nicht, sagt Münkler. Die demokratische Mitwirkung des Volkes verwandle sich in eine nachträgliche Beurteilung der Folgen von Entscheidungen. „Selbstverständlich können die politischen Eliten hinterher für das, was sie entschieden haben, durch Machtentzug abgestraft werden; aber die einmal getroffenen Entscheidungen sind in der Regel nicht mehr rückgängig zu machen.“ Die aktive Mitwirkung des Volkes am politischen Prozess werde auf Lappalien beschränkt, während in fast allen wichtigen Fragen nur noch der «Output» beurteilt werden kann. Der Ausgang der anstehenden Wahlen entscheidet sich dann daran, ob eine Mehrheit mit diesem Output zufrieden oder unzufrieden ist.“

Die Entscheidung darüber fällen die „Verdrossenen“, denen es gegen den Strich geht, nicht vorher mitentscheiden zu dürfen. Und die „Empörten“, die die Entscheidungen anders getroffen hätten. Beider Problem ist, dass sie nicht wirklich wissen, was und wie etwas anders gemacht werden kann. Die aber verlangen, auch unter den neuen Bedingungen müssten die alten Regeln gelten: Der Wohlfahrtsstaat muss überbrücken, was das freie Wirtschaften an Gräben schlägt. Und die Schuldenbremse muss dafür sorgen, dass die Brücken nicht in den Himmel wachsen.

Münkler sieht keinen „besseren Mechanismus zur Aushandlung unterschiedlicher Erwartungen und  Interessen als die Demokratie“. Zweifelt aber, ob sie nicht längst Schaden genommen hat: Eine „Erwartungsüberfrachtung“ habe sich in den letzten Jahrzehnten aufgebaut, die regelmässig zu Enttäuschung und Wut führt. Demokratische Kompromisse beeinhalteten früher eben auch, dass alle Beteiligten enttäuscht waren. Heute hingegen – siehe Stuttgart 21 – gilt der Kompromiss immer als Grund für ein Rückspiel.

„Deswegen ist das Projekt der weiteren Demokratisierung der Demokratie riskant, wenn es diesen Erwartungen weiterhin frönt, anstatt sie abzubauen.“ Es sind die, die von der Demokratie alles und insbesondere Wunderdinge erwarten, die für sie am gefährlichsten sind. Der «Wutbürger», von dem zuletzt häufiger die Rede war, ist das Produkt seiner eigenen überzogenen Erwartungen.“

Donnerstag, 24. Mai 2012

Verbot der Woche: Geld im Auto

Immer dreister, immer selbstbewusster, mit immer weniger Furcht vor der Entdeckung, so präsentiert sich das internationale Verbrechen derzeit nicht nur im gefürchteten Internet, dem größten Tatort der Welt (BKA-Chef Zierke), sondern auch im wahren Leben. Teilweise wird dort gestohlen, teilweise grassiert andere Kriminalität, als sei sie nicht verboten.

Relativ unbeachtet von der Bevölkerung, die zunehmend besorgt ist wegen der Bedrohung der Sicherheit durch marodierende Geldkuriere, frei lebende Millionäre und Manager, die ihre Bonuszahlungen nicht mehr in der Brieftasche nach Hause tragen können, hat die Bundesregierung jetzt auf die beunruhigende Lage reagiert. Im Rahmen der bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Reihe "Verbot der Woche" gelang es dem Kabinett, ein Millionentransportverbot in privaten Pkw durchzusetzen. Damit werde Besitzern von großen Geldmengen untersagt, ihre Bargeldvorräte einfach so unbeaufsichtigt durch die Republik zu fahren, hieß es im politischen Berlin. In einem ersten Fall konnte das bürokratisch knapp Bundes-MiTraspoVbo genannte Gesetz bereits erfolgreich in der Praxis angewendet werden. Wie die staatliche Danachrichtenagentur dpa berichtet, konnten Rosenheimer Polizisten bei einer Routinekontrolle nach den Vorgaben des neuen geldtransportverbotsgesetzes in einem Auto auf der Autobahn rund zwei Millionen Euro sicherstellen.

Nach Angaben der Polizei hatten Schleierfahnder das Auto eines 54-Jährigen und seiner 33 Jahre alten Lebensgefährtin einfach mal so von der Autobahn München-Salzburg gewunken und durchsucht. Dabei sei "bündelweise Geld in verschiedenen Verstecken und Hohlräumen gefunden" worden, was nach der neuen Rechtslage eindeutig strafbar sei. Niemand, warnte ein Polizeisprecher, dürfe Geld im Auto-Kofferraum, auf oder unter dem Beifahrersitz oder in Hohlräumen im Fahrzeug lagern. Dabei sei es völlig nebensächlich, woher das Geld stamme und wem es gehöre. Im Fall des festgenommenen Paares konnte die Polizei bislang nicht feststellen, woher die Millionen stammen. Nach der neuen Rechtslage ist das eine Straftat. Gegen die beiden wurde daher Haftbefehl wegen des Verdachts auf Geldwäsche erlassen.

Nach dem Aufstieg: Doppel hält besser

Am Ende ist es wie bei der Suppenküche. Man muss nicht viel tun, schon gar nicht schwitzen. Es reicht, sich anzustellen, irgendwann ist die Zeit rum und es gibt, weshalb man gekommen ist. Hier in Dessau, wo der Fußballverband Sachsen-Anhalts die Endspiele seines Pokalwettbewerbes organisiert, wenn ihm nicht gerade nach Schützenhilfe für den geliebten Hauptstadtverein oder einen ausgiebigen Ausflug in die Fußball-Anarchie ist, geht es für den Halleschen FC auch in diesem Jahr wieder um den im Stil des Fifa-WM-Pokals gestaltete Trophäe und den Einzug in die erste Runde des DFB-Pokals.

Vier Tage nach der gewonnenen Meisterschaft und dem Aufstieg in die 3. Liga kein Traumziel wie in früheren Jahren. Damals hatte ein Sieg des HFC im Stadion des Erzgegners den nahenden Wechsel der Kraftzentren des Fußballs im DFB-Armenhaus angekündigt. Ein Wechsel, der vier Jahre danach volle Wirkung zeigt: Neben dem Halleschen FC hat Fußball-Sachsen-Anhalt nahezu weniger als nichts zu bieten: Der 1. FC Magdeburg beendete die Saison Tabellenletzter in der 4. Liga, der VfL Halle Tabellenletzter in der 5. Liga, der ambitionierte FC Grün-Weiß Wolfen ist pleite wie Anhalt Dessau, die früher auch schon mal höherklassig spielenden Altmark Stendal, Sangerhausen und TSV Völpke abgetaucht.

Bleibt ein Ort namens Haldensleben als Endspiel-Gegner, der eine Mannschaft schickt, die sich freut, dabei sein zu dürfen. Das ist so spannend wie Schlangestehen: Die ganz in Grellgrün auflaufenden Außenseiter steht hinten dicht wie Meuselwitz und versucht es nach vorn gelegentlich mit schnellen Kontern. Der Favorit, mit Rittenauer, Preuß, Shala und Müller für Horvat, Mast, Hauk und Texeira, versucht, sich Zeit zu lassen und auf die Gelegenheit zum ersten Treffer zu warten.

Die kommt so schnell nicht, weil Halle unkonzentriert und viel zu lässig wirkt, während der HSC um die beiden früheren Magdeburger Probst und Kreibich trotz Übergewicht einiger Akteure engagiert dagegenhalten. Noch. Nach einer halben Stunde aber nimmt der bis dahin unauffällig agierende Andis Shala eine Einladung an und fällt nach einem Foul im Strafraum. Wagefeld macht das 1:0, 180 Sekunden später nutzt Marco Hartmann dann schon die nunmehr gedrückte Stimmung bei den Grellgrünen und nickt eine Lindenhahn-Flanke zum 2:0 ein.

So leicht war es noch nie, Pokalsieger zu werden. Aber noch nie zuvor hat ein Double wohl auch so wenig Jubel ausgelöst. Binnen weniger Monate sind die HFC-Anhänger - in Dessau rund 2500 - aus dem Zustand jahrzehntelanger Dauerenttäuschung in den milder Jederzeit-Euphorie gewechselt. Stimmungsvoll sind auch im Paul-Greifzu-Stadion die Wechselgesänge, groß ist die Freude über den schon zur Halbzeit absehbaren dritten Pokalsieg in Folge. Aber das fiebrige, zittrige, endorphingeschwängerte früherer Triumphe ist an diesem Abend nurmehr Erinnerung.

Nach der Pause darf Haldensleben noch mal ein bisschen zeigen, was dieser oder jener in Grell am Ball kann. nach knapp 70. Minuten antwortet Shala mit dem 3:0, zwei Minuten vor Schluss legt Preuß nach fabelhaftem Flankenlauf des eingewechselten Mast noch das 4:0 nach. Nun sind die Rot-Weißen am Ausgabeschalter angelangt, hinter dem ein verstörend laaaaangsaaaam sprechender Spitzenfunktionär des Fußball-Landesverbandes ein endloses Gratulationssprüchlein radebrecht. Statt des im letzten Jahr noch den Fußballfan spielenden Ministerpräsidenten tritt zur Pokalausgabe diesmal nur noch der Innenminister an, der zugleich "Sportminister" ist.

Passt zur fußballerischen Gesamtsituation im Land des Europapokalsiegers von 1974: Der Pokalsieg ist der 3. hintereinander für den HFC, das 4:0 bedeutet zugleich den höchsten Endspielsieg in der 22-jährigen Geschichte des Wettbewerbs.

Nach dem Aufstieg: Stunde der Schamlosen

Wenn es regnet oder schneit, wenn zehn Grad minus sind und ein kalter Wind geht, während auf dem Platz der Gast aus Meppen aufläuft, sind Leute da, die man später nie mehr sieht. Anders ist es, wenn ein Verein wie der Hallesche FC dann mal aufsteigt: Noch ehe die Mannschaft, die den ersten Tabellenplatz heldenhaft erkämpft hat, die eigens aufgestellte Partybühne betritt, ist die von Bürgermeistern und Finanzministern okkupiert worden. Vorn ist das Licht, ich hoffe, du kannst mich sehen, würden die Brachial-Populisten wohl am liebsten singen, tief durchdrungen von einem Glauben daran, dass es ihr Stadion war, das sie Tore geschossen und Flanken geschlagen, Gegentreffer verhindert und Elfmeter gehalten hat.

Ist das Fernsehen da, dürfen sie auch nie fehlen. Sie haben weder Anstand noch Gefühl dafür, was sich gehört, ihnen ist ausschließlich wichtig, wahrgenommen zu werden. Der bester Stürmer des Vereins ein SPD-Mann aus Elsterglanzland, der beste Verteidiger eine Sozialdemokratin von 1,50 Größe, deren Wangen vorm Fanvolk glühen, als hätte sie wirklich selbst mitgespielt.

In der Stunde des Triumphes reicht es ihnen nicht, bescheiden im stillen Kämmerlein zu denken, das habe ich nicht schlecht organisiert. Nein, sie wollen die Bühne für sich, die Scheinwerfer, den Applaus, sie verstehen es als ihre persönliche Leistung, das Geld der Steuerzahler für die Bespaßung von Steuerzahlern in einem neuen Stadion ausgegeben zu haben. Noch ehe einer der Spieler des Halleschen FC auch nur das Stadion verlassen hatte, trafen sich die Schmarotzer der sportlichen Sternstunde auf der Partybühne, um die Huldigungen des Fanvolkes entgegenzunehmen.

Was für eine Leistung, was für eine Verkommenheit. Minutenlang lassen sich Oberbürgermeisterin und Landesfinanzminister von den Fans feiern, als wären die die ihren und sie deren natürliche Idole. Sie kennen keine Scham, sie haben kein Gefühl dafür, dass dies nicht der Ort und die Stunde ist, an dem und zu der sich der Organisator eines Kindergeburtstages vor die eintreffenden Fünfjährigen stellt, um ihnen mitzuteilen, dass er den Herd, auf dem Kuchen entstand, persönlich im Küchenparadies ausgesucht habe.

Sie, die sich als Elite sehen, sind darin nicht anders als ihr Gegenstück, das den erlösenden Moment, in dem der Aufstieg wahr wird, als Einladung begreift, den Platz zu stürmen und der Mannschaft und ihrem Trainer damit die Bühne zu nehmen, die ihnen im größten Augenblick ihrer Karrieren zugestanden hätte. Nein, meine soll das sein, schallt es von der Ultra-Tribüne. Haben wir denn nicht die ganzen schönen Choreos gestaltet, die dem Verein mindesten 20 Punkte eingebracht haben? Haben wir denn nicht das schöne Stadion gebaut, immer am Rand der Rechtlichkeit entlang?, ruft es von den VIP-Plätzen zurück. Mein ist der Verein, da sind sich beide einig und beide meinen sich. Selbstbezogen. Egoistisch.l "Positiv besetzte Fankrawalle", nennt es der DFB. Wie immer nicht nur originell, sondern auch ausnehmend lustig.

Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Nach dem Aufstieg: Tage wie diese
Vor dem Aufstieg: (VdA) XV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XI
Vor dem Aufstieg: (VdA) X
Vor dem Aufstieg (VdA) IX
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Mittwoch, 23. Mai 2012

Amokverbot wirkt

Unmittelbar nach dem Amoklauf eines 14 Jahre alten Schülers in Memmingen hat die politische Auswertung des unblutigen Dramas durch Politik und Fachwissenschaft begonnen. Man könne am Beispiel der Vorgänge gut sehen, dass das vor drei Jahren erlassene Amokverbot wirke, sagte der Gewaltexperte Christian Pfeifffffer, dereinst Entdecker des gewaltauslösenden Potentials des Kollektivtopfens in der DDR. Beim letzter derartigen Überfall eines frustrierten Jugendlichen seien noch Messer, Äxte und Molotov-Cocktails verwendet worden, durch die zur Amokvorbeugung vorgenommene Verschärfung des Waffenrechts sei das nun nicht mehr möglich. In Memmingen hatte der Täter stattdessen notgedrungen drei Pistolen, darunter zwei erlaubnispflichtige und eine Schreckschusswaffe, verwendet.

Pfeifffer warf den Medien vor, durch zahlreiche Berichte über Amokläufe mit seiner eigenen Unterstützung dafür zu sorgen, dass Amokläufer den Eindruck gewännen, sie könnten durch ihre Tat berühmt werden. Er, Pfeiffer, beweise hingegen seit Jahren, dass man nicht selbst Amok laufen müsse, um ins Fernsehen zu kommen. Es reiche völlig, über Amokläufe zu reden.

Das politische Berlin zeigt sich zufrieden mit dem Ablauf des Amoklaufes, der nur wegen der nach dem letzten derartigen Fall eingeführten gesetzlichen Pflicht, Waffen sicher verschlossen aufzubewahren, glimpflich ausgegangen sei. Es komme jetzt darauf an, wie üblich "Killerspiele" für die Tat verantwortlich zu machen. Hier sei ein Verbot noch möglich und deshalb auch nötig.

Führende linke Politiker werden in den kommenden Tagen ihre Forderung erneuern, die Zahl der Polizisten im Lande zu erhöhen. In der DDR habe es mehr Polizisten, aber auch viel, viel weniger Amokläufe gegeben. Der Zusammenhang sei evident. "Nur der Personalabbau bei der Polizei erlaubt es den Tätern, ihre Taten durchzuführen", hieß es im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin.

Nicht zufrieden reagierten die Grünen, die kurz vor Beginn des Waffenganges in Memmingen eine Gesetzesinitiative zur Außer-Haus-Lagerung aller Kleinwaffen gestartet hatten. Jeder Waffenbesitzer müsse, so die Idee, "eine sichere Lagerungsmöglichkeit für Munition und Waffen außerhalb der Wohnung" nachweisen. Denkbar sei ein Vergraben im Garten oder auch ein Versenken in öffentlichen Gewässern. Dabei sollen Waffen und Munition "örtlich getrennt" entsorgt werden.


Nackte Hooligans gegen Europa

Kaum ist kaum noch von Julia Timoschenko zu hören, die ihre Bandscheibe neuerdings verborgen vor den Augen der Weltöffentlichkeit pflegt,schieben sich andere "ukrainische Nymphen" (Paolo Pinke) vor die eigens bestellten Objekte der internationalen Danachrichtenagenturen.

In einer aufsehenerregenden Live-Aktion für das französische Damenmagazin "Marie Claire" hat sich die weibliche Hooligan-Truppe "Femen" jetzt gegen das vereinigte Europa gestellt: Bei der Präsentation des Euro-Pokals, der kommenden Monat unter den besten Fußballmannschaften des Kontinents ausgeschossen werden soll, stürmte Femen-Mitgliedin Inna Shevchenko den in Dnepropetrovsk aufgestellten Ausstellungsbus mit der Männertrophäe, um die menschenrechtswidrige Metallvase, von femen "Tasse" genannt, vom Sockel zu stoßen.

Herbeieilende Sicherheitsleute unterbanden den Akt zivilen Ungehorsams auf eine Art und Weise, wie sie nur in finstersten Diktaturen denkbar ist. Brutal schritt die Staatsmacht ein, nicht einmal die Nacktheit der Künstlerin, die ihr Jeanswestchen wegen der besseren Kamerawirkung zuvor ausgezogen hatte, hinderte die Schergen des systems daran, die zuvor lange geprobte Aktion abzubrechen.

Die feministische Künstlerin wurde von zwei großgewachsenen Männern fortgeschleppt, unterwegs konnte sie immer nur wieder kreischend auf die Verantwortlichen für die unverzeihliche Gewalttat hinweisen, die offenbar in Brüssel sitzen. Darauf zumindest weist der wiederholte Ruf "Fuck Euro" hin, den Shevchenko während ihres Abtransportes ausstößt. Im politischen Berlin stößt der ukrainische Widerstand gegen noch mehr Rettungspakete bisher allerdings auf taube Ohren, weder Medien noch Parteichefs äußerten sich empört. Einzig das Schweizer Blatt Blick, die vor Sex-Tourismus in der Ukraine warnt.

Im Femenshop soll es Tassen mit dem Fuck-Euro-Aufdruck ab kommender Woche geben, Fans müssen bisland noch mit brustgemalten T-Shirts und Kalendern vorliebnehmen.



Dienstag, 22. Mai 2012

Kachelgott im nahen Osten

Seine großen Auftritte hatte er zuletzt außerhalb: Leipzig und Görlitz nahmen den in seiner Heimatstadt Halle verfemten Fliesenkünstler Kachel Gott mit offenen Armen auf und boten ihm an repräsentativen Stellen im Stadtbild Gelegenheit, seine kunstvoll gestalteten Keramikplatten einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

Ein kleiner Behördenfinger, den der kultisch verehrte Stadtraumgestalter nun aber offenbar nutzt, um von seiner Homebase Halle aus in den Krieg der Kulturen einzugreifen. Mit einer neuen Kachelklebung an einer der heiligsten Stätten der Muslime in Mitteldeutschland begibt sich Kachel Gott auf das dünne Eis der Schlachtfelder der Religionskämpfe, auf denen - die älteren Leser erinnern sich - bereits die Kreuzritter scheiterten. Provokanter noch als Thilo Sazzarin setzt der Kachelmann dennoch ein Bild des Sterns von Bethlehem direkt an die Fassade des islamischen Kulturzentrums in der ehemaligen sozialistischen Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt.

Affront oder Diskussionsangebot? Ausgestreckte Hand zur Integrationshilfe oder knallharter Stinkefinger für womögliche Salafisten, obwohl deren bei weitem absolut überwiegende Mehrheit völlig friedlich auftritt?

Wie immer bleibt der Kachelmann eine Antwort schuldig, wie immer gibt er Freunden und Feinden Rätsel auf. Treibt ihn die Wut über die Nichtbeachtung durch einen Großteil der mitteldeutschen Fliesenfreunde dazu, der Strategie der rechtsradikalistischen Partei Pro-Nrw zu folgen und sein Heil in der Provokation zu suchen? Oder will er mit der in Blau und Gelb gehaltenen Gestaltung des Geburtssternes Jesu´ ein Zeichen für religiöse Toleranz über Mekka, Jerusalem und Saudi-Arabien hinaus setzen? Fliesenforscher sind derzeit noch ratlos, Kachelfans in aller Welt verunsichert. Friedliche Muslime haben die Beklebung ihrer Pilgerstätte inzwischen friedlich beendet, die von den höchstes geistlichen Gelehrten der Neustadt als haram eingeordnete Kachel wurde friedlich entfernt.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari


Nach dem Aufstieg: Große Geste in Rot

Schon vor dem großen Finale in der Regionalliga war hier beim Aufstiegsbegleitboard PPQ ja durchgesickert, dass Rasenball Leipzig plante, die Fans in Mitteldeutschland mit einer großherzigen Gratulationsgeste nach Halle von der eigenen Sportlichkeit zu überzeugen. Ein geheimer Anzeigenentwurf war uns zugespielt worden, im klassischen RedBull-Design (oben links) stellte der österreichische Konzern dort eine eigene "HFC-Edition" zu Ehren des Aufsteigers in die 3. Liga vor, gewürzt mit der augenzwinkernden Zeile "its pure Chemie", mit der die Werber aus Salzburg auf den alten HFC-Namen "Chemie" anspielten.

War es die vorzeitige Lüftung des Geheimnisses? War es ein Problem mit der speziellen Redbull-Mischung aus dem üblichen Gummibärensaft und handgesiedetem Hallorensalz? Die Öffentlichkeit wird es vielleicht nie erfahren - Fakt aber ist, dass RedBull seinem ehemaligen sportlichen Konkurrenten nun mit einer ganz anderen Anzeige gratuliert hat. "Wer die meisten Punkte hat, steht zurecht ganz oben", heißt es zähneknirschend in einem Inserat (oben rechts), dass der Konzern in Zeitungen der mitteldeutschen Metropolenregion geschaltet hat. Auch designtechnisch ist die Anzeige eher anspruchslos, einziger Hinweis auf den Urheber ist eine winzig kleine Zeile ganz unten: "Die Roten Bullen gratulieren dem Halleschen FC zum Aufstieg".

Montag, 21. Mai 2012

Gesprächsalarm im Kinderkanal

Dem Gegner ein Podium geben, mit ihm reden, seine Argumente anhören, die eigenen von ihm wiegen lassen - schon in den guten alten Zeiten des Kalten Krieges war das auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs ein Straftatbestand. Wer Recht hat, muss nicht diskutieren, schon gar nicht mit jemandem, der nicht Recht hat. Und schon gar nicht muss er das öffentlich tun, vor aller Augen und Ohren. Denn immerhin besteht doch stets die Gefahr, dass einige wenige, irregeleitete, nicht standhaft genug erzogene Gefolgsleute der einzig wahren Wahrheit von dieser oder jener Seite auf die andere hinüberwechseln.

Ein Vierteljahrhundert nur hat es gedauert. Nun ist es wieder soweit. Binnen einer Woche hat die freie Presse im Land gleich zweimal Gesprächsalarm geschlagen: Ein Salafist bei Maischberger beschwor die Gefahr herauf, dass eine junge Generation, die nicht von tausend Schlachten gegen rote Ideologen gestählt ist, zuschaut und morgens mit dem Gesicht gen Mekka erwacht. Und nicht ganz einen Woche später surft dieselbe freie Presse auf derselben Empörungswelle, weil nun der ausgemachte Volksfeind Thilo Sarrazin mit einem neuen Buch bei Günther Jauch gastiert.

Draußen vor der Tür stehen die Demokraten und mahnen friedlich "Sarrazin, halts Maul, sonst stopfen wir es dir". Drinnen sitzt der Auflagenmillionär dem SPDKanzlerkandidatenkandidaten Peer Steinbrück gegenüber und doziert gewohnt trocken über Aushandelsbilanzen, historische Schuld und falsche Weichenstellungen zum gemeinsamen Europa. Sarrazin liefert Bildungsfernsehen im besten Sinne, Steinbrück assistiert ihm in der Rolle des Herzenseuropäers, der nicht widerspricht, sondern dieselben Fakten nur anders gewichtet.

Eine Sternstunde öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch weil Thilo Sarrazin einmal sagt, ja, er sei an falschen Entscheidungen beteiligt gewesen, habe zwar dagegen argumentiert, dann aber gehorcht. Auch Steinbrück hat seinen Bekennermoment: Freilich sei es falsch gewesen, Griechenland nicht schon vor zwei Jahren in die Pleite gehen zu lassen, sagt er. Das ist genau das Gegenteil dessen, was er seinerzeit im selben Brustton der Überzeugung verkündet hatte.

Warum also hätte diese Sendung nie sein sollen, wenn es nach Politikern wie Renate Künast, Wolfgang Schäuble und Patrick Döring  gegangen wäre? Warum hält es der "Stern" wie einst das "Neue Deutschland" für gefährlich, dem Gegner ein Podium zu bieten?

Die Antwort liegt irgendwo zwischen Guido Knopps Geschichtslektionen und dem kürzlich ausgestrahlten Margot-Honecker-Interview, das weniger Interview war als Kinderfernsehen für Erwachsene. Kaum hatte die ehemalige DDR-Politikerin einen Satz gesprochen, tauchten aus der Kulisse schon Zeitzeugen aller Art auf, um richtigzustellen, zu widersprechen und dem Publikum klarzumachen, dass man der verbiesterten Hexe keinesfalls glauben dürfe.

Wer noch bei Verstand ist, hätte das ohnehin nicht getan. Doch das Staatsfernsehen traut der Vernunft seiner Zuschauer so wenig über den Weg wie Politiker und Zeitungsschreiber. Statt Information muss deshalb Propaganda her, statt dem Publikum die Möglichkeit zu eröffnen, sich ein eigenes Urteil zu bilden, liefert der der Medienchor unter Anleitung der Nachrichtenagentur dpa die gültige Deutung immer gleich mit.

Den Menschen gefällt das, wie die heftigen Reaktionen zeigen, die zu beobachten sind, sobald Fernsehen sich die Verständnisvorsorge spart, sobald Zeitungen dorthin schreiben, wo es um die Wurst geht. Ein Klima, in dem jede offen geäußerte Abweichung vom Meinungsmainstream das gesellschaftliche Aus bedeuten kann, ist der Tunnelblick auf die Wirklichkeit nicht nur das, was das Volk von "Spiegel", "Stern", "SZ" und "taz" bekommt, sondern auch das, wonach es dem Volk am heftigsten verlangt. Die Welt ist kompliziert genug, es reicht, wenn man eine Wahrheit verdauen muss. Ob die die richtige ist, spielt keine Rolle.

Wachstumsbremse stottert

Dabei wäre es nach den Warnungen des jüngsten Club of Rome-Berichtes so wichtig gewesen! Doch nein, die von Wissenschaftlern aus aller Welt mit Blick auf die endlichen Ressourcen unserer Erde geforderte Wachstumsbremse funktioniert offenbar immer noch nicht. Ganz im Gegenteil – wie die Financial Times berichtet, feiert die deutsche Wirtschaft nach nur wenigen Monaten mit moderatem Ressorcenverbrauch schon wieder ein „starkes Comeback“. Die kleine Flaute von Ende 2011 sei „eindrucksvoll überwunden“ worden, heißt es, im ersten Quartal habe das Bruttoinlandsprodukt bereits wieder um 0,5 Prozent zulegen können. Die mit Blick auf die für das Überleben der Menschheit wichtige Rezession sei damit wieder einmal „vom Tisch“, schreibt Thomas Fricke nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamt beunruhigt.

Damit ist Deutschland deutlich schlechter ins neue Nachhaltigkeitsjahr gestartet als es Umweltpolitiker und Naturschützer gefordert hatten. Die Turbulenzen um die Euro-Staatsschuldenkrise hatten im zweiten Halbjahr 2011 auch hierzulande die Hoffnung geweckt, dass eine allmählich erlahmende Konjunktur das versiegen die Ölfelder zur Jahrtausendwende wenigstens nachträglich verhindern und die Explosion der Bevölkerungszahlen stoppen könne. Anderenfalls, warnte der Club of Rome, werde es „binnen 50 bis 100 Jahren zu einem katastrophalen Abfall in der Weltbevölkerung und dem Lebensstandard" kommen.

Mit der Aufnahme einer sogenannten Wachstumsbremse ins Grundgesetz hatte die Bundesregierung Ende 2011 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,2 Prozent erreicht. Möglich geworden war das durch einen neuen Rekord bei der Besteuerung der Bürger und durch Staatsausgaben, die höher waren als jemals zuvor in der Geschichte. Viele Experten hatten daraufhin auch für die ersten Monate 2012 mit einer Schrumpfung gerechnet und ihre Forderung erneuert, die Menschheit müsse sich selbst zwingen, "einen Gleichgewichtszustand anzustreben", der auf einer „grundsätzliche Änderung der Wert- und Zielvorstellungen des Einzelnen, der Völker und auf der Weltebene" beruhe. Das Wirtschaftswachstum müsse eingehegt und eine "zahlenmäßig beschränkte Weltbevölkerung" erreicht werden. Spezielle Institutionen müssten dann für eine "gleichmäßigere Verteilung von Wohlstand und Einkommen auf der ganzen Erde" sorgen.

Ein schöner Traum, der vom Versagen der hochgelobten Wachstumsbremse nun infragegestellt wird. Ungebremst gehe die Ressourcenverwendung weiter, kritisierten Grüne und Umweltverbände, Deutschland exportiere, obwohl alle Käufer pleite seien. Verglichen mit dem ersten Quartal 2011 lag das Bruttoinlandsprodukt um sagenhafte 1,2 Prozent höher, für das Gesamtjahr gesteht die Bundesregierung nun ein, dass ein Wachstum von 0,7 Prozent kaum zu vermeiden sein werde. 2013 soll es sich dann – Wachstumbremse hin oder her – sogar auf 1,6 Prozent verdoppeln.

„Doppeltes Wachstum heißt“, klagt Grünen-Sprecherin Gerlinde Säwel an, „dass unsere Bodenschätze nur halb so lange reichen.“ Gingen aber Erdöl, Stahl, Kupfer und Lithium aus, bedeute das steigende Arbeitslosigkeit und höhere Armut für nachfolgende Generationen. Die Grünen forderten, sich an der französischen Wirtschaft ein Beispiel zu nehmen, die seit Jahresanfang ohne jedes Wachstum ausgekommen sei. Auch Griechenland, Spanien und Italien machten vor, wie sich im Zeichen der Warnungen des Club of Rome wirtschaften lasse: „In allen drei EU-Partnerländern greift die Wachstumsbremse beispielhaft“, lobt Säwel.

Sonntag, 20. Mai 2012

Saison der Herzen: Ende gut, alles gut

Tore, Tänze, Feuer und Rauch, Punkte, Polizei und Derbysiege. Ein Jahr voller Emotionen ist beim Halleschen FC - abgesehen vom noch ausstehenden Landespokalfinale - beendet, beendet mit dem Aufstieg in die 3. Liga. Die schönsten Momente der Saison bis hin zu den Jubelfeiern zum Schluss gibt es im PPQ-Rückblick-Video, zu dem Mario Kasiske einmal mehr den Soundtrack beigesteuert hat.


Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Nach dem Aufstieg: Tage wie diese
Vor dem Aufstieg: (VdA) XV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XI
Vor dem Aufstieg: (VdA) X
Vor dem Aufstieg (VdA) IX
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Sätze für die Ewigkeit XIV

Zwei Männer an der Bushaltestelle, sich gegenseitig bedächtig mit dem Kopf zunickend:

Eines Tages wird es soweit sein und Griechenland bricht wirklich zusammen, dann gibt es kein intelligentes Leben mehr auf der Erde und die Herrschaft der Insekten beginnt.

Noch mehr Sätze für die Ewigkeit

Samstag, 19. Mai 2012

Nach dem Aufstieg: Tage wie diese

Die letzten Augenblicke sind die schlimmsten. Neun Monate gewartet, neun Monate gehofft und gebangt, gekämpft und gebibbert. Sieben davon in Lauerstellung, die Spitze im Blick, aber zugleich in unerreichbarer Ferne. Dann dieser 17. März 2012, der Tag, an dem sich alles ändert. Der Hallesche FC besiegt zu Hause im früheren Kurt-Wabbel-Stadion die Reserve des Hamburger SV. Ein 2:0 ohne Glanz und doch der Wendepunkt einer Saison, in die die Elf von Trainer Sven Köhler mit dem Ziel gestartet ist, möglichst lange in Sichtweite der Favoriten RB Leipzig und Holstein Kiel zu bleiben.

Nach dem Sieg gegen Hamburg ist mehr möglich, viel mehr. PPQ startet die Echtzeit-Doku "Vor dem Aufstieg". Denn klar, hier ist nicht nur was drin, was keiner ahnte. Vielmehr ist die Saison "nach der Papierform so gut wie gelaufen", heißt es im ersten Teil hochanalytisch.

"So gut wie" muss an diesem letzten Spieltag in einem Finalmatch gegen die Brausefußballer aus Leipzig nur noch ausgespielt werden. Ein Sieg, und der HFC, der vor 20 Jahren sein letzten Bundesligaspiel absolvierte, wäre zurück in einer Profiliga. Aber was heißt nur. Eine Stunde vor dem Anpfiff ist die Nervosität im seit Wochen ausverkauften Wabbel, das nach einem Totalumbau "Erdgas-Arena" heißt, mit Händen zu greifen. Früh wie nie sind die Traversen gefüllt, rot-weiß wie nie ist das Fanvolk angerückt, die wiederentdeckte alte Liebe nach vorn zu peitschen. Vergeblich versuchen die aus Sachsen angereisten 1500 Leipziger in ihrer Gästeecke, sich Gehör zu verschaffen: Kaum heben sie die Stimme, tost von den Tribünen ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert oder ein "Scheiß-Red-Bull". Helfen kann nur die Stadion-Tontechnik, die die Lautsprecherregler hochschiebt.

Helfen kann aber auch die Truppe von Sven Köhler, der seiner Stammformation vertraut, Kapitän Kanitz allerdings auf die Bank gesetzt hat, um mit Stamm-Innenverteidiger Steven Ruprecht einen kopfballstarken Mann mehr hinten stehen zu haben. Die Rot-Weißen starten wie die Feuerwehr, keiner im Erdgas-Sportpark denkt noch daran, Kraft daran zu verschwenden, gegen das österreichische Fußballprojekt anzusingen. Kaum sind die an jeden Zuschauer verteilten "Kämpfen und Siegen"-Plakate unter den Sitzen verschwunden, tönt es nur noch "Chemie Halle - Chemie Halle".

Aber RB findet auch auf dem Platz nicht statt. Nach einer schönen Stafette über Eismann und Texeira kann Lindenhahn schon in der 3. Minute das 1:0 machen, allerdings schießt er drüber. Besser zielt Eismann selbst, der zwei Minuten später mit einer langen Flanke die Querlatte trifft. Hartmann ist der nächste, sein Kopfball geht aber auch bloß über das Tor.

Die Rasenballer, die angekündigt hatten, Halle den Aufstieg vermasseln zu wollen, tun nicht mehr als nötig ist, um nicht ausgelacht zu werden. Rockenbach setzt links immer mal zu einem Flankenlauf an, wird aber von Eismann und Mouaya regelmäßig abgekocht. Sonst fällt nur noch Daniel Frahn auf, der erkennen lässt, dass es ihn immer noch wurmt, an einem Gegner gescheitert zu sein, dem er einst höchstselbst bescheinigt hatte, dass er machen könne, was er wolle: "Aufsteigen werden wir".

In der achten Minute geht der HFC in Führung. Nicht hier in Halle, aber in Wolfsburg, wo Aufstiegskonkurrent Kiel gegen die VfL-Reserve in Rückstand gerät. Wie ein Lauffeuer ist die Nachricht im Stadion herum. Stand jetzt spielt da unten ein Aufsteiger - und er trägt Rot-weiß. Und wie das so ist, an Tagen wie diesem, wird es noch besser. Der HFC erhöht den Vorsprung auf Kiel: In Wolfsburg fällt das 2:0.

Grauhaarige Männer haben Tränen in den Augen, ewige Pessimisten reiben sie sich. Was passiert hier? Unten dominiert der HFC auf dieselbe Art, wie er in Cottbus und Meuselwitz dominiert hatte. Bis zum Strafraum hochklassig, stellenweise brillant, aggressiv, mit einem Forechecking auf Höhe gegnerischer Elfmeterpunkt. Nur vorn wird dünn, weil sich Texeira, Hauk und Lindenhahn dauernd auf den Füßen stehe. Weil die Ecken nicht punktgenau kommen. Und weil sowohl Hartmann als auch Wagefeld immer den Moment verstreichen lassen, in dem es möglich wäre, den nicht eben fangsicheren RB-Schlussmann Pascal Borell mit einem Fernschuss zu prüfen.

Halle hat die Chancen, Wolfsburg schießt die Tore. Wieder geht ein Raunen durchs Rund, wieder liegen sich Wildfremde in den Armen. 3:0 in Niedersachsen. Kiel müsste jetzt vier Tore schießen, um Halle noch abzufangen.

Spürbar ist bei HFC jetzt ein Bruch im Spiel. Auf der Bank rechnen sie die Chancen auf einen eigenen Treffer gegen die Chancen von Kiel auf deren vier gegen. Nie war der Satz "nach der Papierform ist die Saison gelaufen" wahrer als jetzt.

Es sind jetzt die Rasenkasper in royal bleu, die die Pace machen. Halle schwimmt gelegentlich, bis auf einen Abseitstreffer von Frahn und einen Kopfball, der die hallesche Torlinie geometrisch korrekt einmal von links bis rüber nach rechts entlangkullert, wird der zweitbeste Sturm der Liga nie richtig gefährlich.

An Tagen wie diesen ist das so. Denn kaum wird der beste Sturm der Liga in Wolfsburg aktiv, indem er zum 1:3 verkürzt, steigen schon wieder Triumphgesänge zum Stadiondach empor: Wolfsburg hat zurückgeschlagen und eine Viertelstunde vor Schluss das 4:1 gemacht.

Das muss es sein und das ist es auch. Dass zwei HFC-Treffer wegen abseits nicht gegeben werden, wird später Wissen sein, das niemand mehr weiß. Ohne Hast, aber mit der laut Reichsbahn-Vorschrift "dem Bahnbetrieb innewohnenden Raschheit" absolviert der HFC die letzte Viertelstunde in der Regionalliga. Vier lange Jahre gehen mit dem Pfiff von Schiedsrichter Felix Zwayer zuende, vier Jahre, in denen der Klub aus der Saalestadt nach Platz 2 im ersten Aufstiegsjahr Platz und Platz 5 belegte, ehe er der klaren Tendenz zum Trotz das Kunststück schaffte, als Zwerg mit Mini-Kader und Arme-Leute-Etat unter den Riesen Kiel und Leipzig hindurchzugehen und am letzten Spieltag ganz oben zu stehen. Grauhaarige Männer haben Tränen in den Augen, ewige Pessimisten reiben sie sich. Die Spieler reißen die Arme hoch, das Stadion ist ein einziges "Jaaaaaaaaaaaahhhhhhh!!!!!!"

Die üblichen Bierduschen, der übliche Platzsturm, den ein halbes hundert Schwachsinniger rituell durchziehen muss, um nur ja nicht den Spielern, die das alles möglich gemacht haben, die Bühne für die Viertelstunde ihres größten Triumphes allein zu überlassen. Sie stehlen auch Trainer Sven Köhler seine einsame Beckenbauer-Ehrenrunde über das Grün. Und bemerken es nicht einmal in ihrer unendlichen Arroganz.

HFC-Torwart Darko Horvat, der - an Tagen wie diesen ist das so - heute auch noch Geburtsag hat, flieht den Trubel. Oben auf die Tribüne liegt der Mann, der in den letzten neun Monaten weniger Tore kassierte als sonst irgendein deutscher Berufskeeper, seiner Frau Sandra in den Armen. Sie reden nicht. Sie schauen sich nur an.

Die letzten Augenblicke dieser nervenaufreibenden neun Monate sind die stillsten. Und die schönsten sind sie auch.

Ostfussball.com gratuliert: Es hat geholfen

Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Vor dem Aufstieg: (VdA) XV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XI
Vor dem Aufstieg: (VdA) X
Vor dem Aufstieg (VdA) IX
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I