Dienstag, 13. Oktober 2009

Immer mehr Arme immer reicher

Krise? Welche Krise? Die Zahl der Superreichen ist zumindest in China trotz der angeblichen Wirtschaftskrise schneller gestiegen als je zuvor. Während die Zahl der Milliardäre in Deutschland, das nach Ansicht der Großen Koalition der Nationalen Front besonders gut durch die Krise gekommen ist, im letzten Jahr erstmals wieder unter die Grenze von 100 sank, leben in der Volksrepublik mittlerweile mindestens 130 Milliardäre, wie das Magazins "Hurun Report" gezählt haben will. Allerdings verfügen die nur über Dollar-Milliarden.

"Chinas Wohlstand wächst in einem halsbrecherischen Tempo", konstatiert Magazinchef Rupert Hoogewerf. Die tatsächliche Zahl der Milliardäre liege vermutlich sogar doppelt so hoch wie offiziell angegeben. "Es gibt immer noch eine große Zahl Milliardäre, die nicht auf unseren Radarschirmen auftauchen, die ihre Vermögen abseits des Rampenlichts machen."

Und das geht manchmal sehr schnell: Sieben der zehn reichsten Chinesen sind dieses Jahr neu an die Spitze der Liste gerückt, die von Autobatterie-König Wang Chuanfu mit 5,1 Milliarden Dollar angeführt wird. Chuangfu hat sein Vermögen mehr als verfünffacht und 102 Plätze gutgemacht. Der im vergangenen Jahr reichste Mann Chinas, der Gründer des Elektronikriesen Gome, Huang Guangyu, fiel dagegen 17 Plätze zurück.

Nach den Debatten


Die Aufregung um Thilo Sarrazin und seine Aussagen über Berlin, Türken und Kopftuchmädchen ist keine 14 Tage alt - und schon ist das inkriminierte Heft, in dem das bewusste Interview steht, im Handel erhältlich. Eine Meisterleistung, die nur noch von der Bundesbank getoppt wird. Diese entzog Sarrazin als Konsequenz "aus seinen umstrittenen Äußerungen zur Integration von Ausländern" die Verantwortung für "den zentralen Bereich Bargeld". Wir lernen: Wer Kopftuchmädchen sagt, der klaut auch silberne Messer.

Immer mehr Arme immer älter

Schlechte Nachrichten aus dem deutschen Osten. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR haben immer mehr ehemalige Staatsbürger des zweiten deutschen und ersten Arbeiter- und Bauern-Staates auf deutschem Boden die Spätfolgen der Vereinigung überstanden. Trotz Strafrente und Hartz4, hoher Mieten, dem fehlenden Gemeinschaftsgefühl aus den guten alten DDR-Zeiten und immer weiter anschwellender Armut entschließen sich immer mehr Ostdeutsche, länger am Leben zu bleiben. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen in Ost- und Westdeutschland angeglichen. Sowohl hier wie da werden Frauen im Durchschnitt etwa 82 Jahre alt. 1988 war die Lebenserwartung im Osten bei Männern noch 2,4 und bei Frauen 2,7 Jahre niedriger als in Westdeutschland. Die Männer im Osten sterben derzeit mit durchschnittlich 76 Jahren zwar immer noch 1,5 Jahre früher als Männer im Westen, doch schon seit Jahren gleiche sich das Sterbealter auch hier immer weiter an.

Ursache des Anstiegs ist nach Ansicht der Forscher die "Zwei-Klassen-Medizin" (Ulla Schmidt), die einen 60-jährigen Mann derzeit statistisch auf weitere 20,9, eine 60-jährige Frau sogar auf 24,7 Jahre weitere Lebensjahre hoffen lässt. Durch die seit Jahren immer weiter aufklaffende "Schere zwischen arm und reich" (Angela Merkel), die wachsende Armut besonders bei armen Familien und den Hunger, unter denen nach Angaben von Hilfsorganisationen "immer mehr" deutsche Kinder leiden, stieg auch die Lebenserwartung in ganz Deutschland weiter an. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts, die nicht bindend sind, weil das Statistische Bundesamt bis heute nicht einmal genau weiß, wieviel Menschen überhaupt in Deutschland leben, wird die Lebenserwartung eines 2009 geborenen Kindes im Vergleich zu den Geburtsjahrgängen 2005 bis 2007 bei Jungen um fünf Monate, bei Mädchen um einen Monat steigen

Der Himmel über Halle XIV

Es ist eben doch das Land der Frühaufsteher. Selbst die Sonne scheint hier ein bisschen früher aufzustehn als in anderen Regionen. Und so sah das dann am Dienstagmorgen aus, als der ICE nach Berlin an Halle vorbeirauschte. Ein weiteres Dokument der heimatkundlichen Sammlung Der Himmel über Halle.

Goldene Platte für den staubigsten Hit

So unterschiedlich sind die Schicksale. Die Bundesbank "demütigt" (dpa) ihren Vorständler Thilo Sarrazin wegen seiner "umstrittenen Aussagen" und nimmt ihm das Bargeld weg, unsere Leser hingegen schmöckern uns am gleichen Tag auf der von uns jüngst erst durch einen Leser-Tipp entdeckten Blog-Hitparade von Wikio man möchte fast schon sagen schlagartig auf Platz 18 bei den Polit-Blogs, zu denen wir uns ja nur in Ermangelung einer eigenen Kategorie für die Schnittmenge aus Kunst, Kultur, Rasensport, Arbeiterbewegung, Talkshowkritik und Völkerkunde zählen lassen müssen.

Wären wir tot, würde unsere Plattenfirma das vermutlich als Comeback des Jahres feiern, es gäbe lecker Schnittchen, Sektchen und eine Goldene Schallplatte für den staubigsten Hit. So aber können wir selbst noch Dankeschön sagen und einen großen deutschen Arbeiterführer zitieren, der sein Comeback auch noch vor sich hat: "Wir lieben Euch, wir lieben Euch doch alle!"

Drehrumbum mit Damenbart

Zum ersten Mal ist der Nobelpreis für Wirtschaft an eine Frau gegangen. US-Wissenschaftlerin Elinor Ostrom hatte herausgefunden, dass viele Köche nicht immer den Brei verderben und kollektives Eigentum nicht immer zum Schaden aller ausgebeutet wird wie seinerzeit in der DDR. Mit dutzenden Feldanalysen und Experimenten wie die 76-Jährige nach, dass auch Gemeinschaftsgüter oft effizient bewirtschaftet werden - sie widerlegte damit eine gängige Überzeugung, nach der das Streben nach maximalem Eigennutz bei gemeinschaftlichem Besitz zwangsläufig zur Zerstörung des gemeinschaftlichen Eigentums durch Übernutzung führen muss.

Das ehemalige Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" freute sich allerdings weniger über die Nachricht, dass es selbst - obwohl mehrheitlich im Besitz seiner Mitarbeiter - eine große Zukunft hat, sondern mehr über die Mitteilung "ja, es ist ein Mädchen!"

Die nicht am Konzern beteiligten Praktikanten suchten gleich ein Bild einer Frau mit Damenbart heraus, die ein wenig an den jungen SPD-Arbeiterführer Erhard Eppler erinnert. Dessen Vorliebe für Gemeinschaftseigentum ist seit seiner Mitarbeit am SED/SPD-Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" aktenkundig - und so schließt sich der Kreis formvollendet. Eine runde Sache, Spiegel!

Steinbrück im Schlafzimmerschrank


Peer Steinbrück wusste damals gleich, dass eine "amerikanische Krise" auf uns zurollte, die Europa gar nicht so sehr betreffen würde. Zwar steckte auch das Geld der öffentlich-rechtlichen Landesbanken, der Rundfunksender und Kommunen in maroden Zertifikaten auf amerikanische Immobilien und sogar die Bundesbank hatte den Lehman Brothers großzügig zehn Milliarden gegen null Sicherheit geliehen. Aber Steinbrück wusste: Mit der richtigen Ausrede hat man nie etwas falsch gemacht - selbst wer nackt im Schlafzimmer-Kleiderschrank einer verheirateten Frau erwischt wird, hat noch die Chance, mit einer guten Geschichte zu punkten.

Besser als der Finanzminister, der einst als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen alle Türen der West LB weit aufsperrte, um der Bank zu gestatten, in Steueroasen Tochterunternehmen zu gründen, hat kaum jemals jemand seine eigene Rolle öffentlich so erfolgreich umdefiniert. Steinbrück, gemeinsam mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen einer der Männer, die jahrelang für Verbriefungen und den Handel mit strukturierten Zertifikaten kämpften, steht am Ende seiner Amtszeit als Mahner und Warner da, in der Augen der Öffentlichkeit immer aufrecht geblieben im Kampf gegen Verbriefungen, den Handel mit strukturierten Zertifikaten und die Verlagerung von Tochterunternehmen großer Banken in Steueroasen.

Wie es wirklich war, wird der nächste Job des Arbeiterführers zeigen.

VEB Deutsche Bank

Die aus Parteien des antifaschistischen Blocks neugebildete Koalition der Nationalen Rettung strebt sie noch an, die Zerschlagung von privaten Großkonzernen, die letzte große deutsche Privatbank aber ist schon dabei, sich dem staatlichen Zugriff per Selbstvergesellschaftung zu entziehen. Die Deutsche Bank, einzig verbliebenes inländisches Geldinstitut, das sich nicht in direktem Staatsbewsitz befindet, verweist auf beeindruckende Zahlen zum Stand der eigenen Vergesellschaftung.

Zum Ende des Jahres 2008 gehörte die Bank insgesamt 581.938 einzelnen Aktionären, das waren 60 Prozent mehr als ein Jahr davor und gleichzeitig so viele wie nie in der Vergangenheit. Hinzugekommen zum Kreis der Besitzer der Deutschen Bank seien nahezu ausschließlich deutsche Privataktionäre, die vor allem im letzten Quartal des großen Krisenjahres 2008 Aktien kauften.

Zum Jahresende waren damit 99 Prozent der Deutsche-Bank-Aktionäre Privatpersonen, ihnen gehört mit etwa 29 Prozent der Aktien ein mehr als doppelt so großer Anteil an dem Institut als noch 2007 (damals 14%).

Die Aktien, die von den Privatleuten gekauft wurden, kamen von institutionellen Anlegern, die ihre Beteiligung in der Krise von 86 auf auf 71 Prozent reduzierten. Das gestiegene Interesse der Privataktionäre machte aus der Deutschen Bank auch wieder eine mehrheitlich deutsche Bank: 55 Prozent der Aktien liegen in den Händen von deutschen Staatsbürgern, weil Investoren aus der Schweiz, Großbritannien und den USA die Aktie aus ihren Depots warfen. keine gute Idee, denn seit Ende November 2008 legte der Aktienkurs von 20 auf 55 Euro zu.

Die Deutsche Bank-Aktie ist damit mehr denn je eine Volksaktie: Mehr als drei Prozent der Anteile gehören nur der französischen AXA-Versicherung und der Schweizer Credit Suisse Group.

Montag, 12. Oktober 2009

Ich konnte nicht anders!

Die Welt ist aus den Fugen ...

... und Ozzy Osbourne hüpft händepatschend über die Bühne, während sein Gitarrist den Free Jazz erfindet:

Deine Welt ist Bitterfeld

Die alleswissende Billardkugel Google hat nicht nur den größten Suchindex und den beliebtesten Kartendienst, sondern auch keine Ahnung, wo eigentlich was liegt. Geht es nach den Datenbanken des Unternehmens aus Mountain View, das nach Berechnungen von hier bei PPQ seit längerem immer wieder zitierten Experten bald untergehen wird, wurde eine Chemiefabrik aus dem nördlich von Halle liegenden Wolfen kürzlich auf das Gelände der vom früheren Führer und späteren n-tv-Moderator Adolf Hitler erbauten Buna-Chemiefabrik in der Nähe der mitteldeutschen Gemeinde Schkopau verlegt. Die Umsetzung über eine Strecke von 48 Kilometern erfolgte offenbar völlig
unbemerkt selbst von Dow-Mitarbeitern und Angestellten der in Wolfen tätigen Firmen.

In Schkopau befanden sich seit dem Verkauf der zu DDR-Zeiten erbauten Fabrikruinen des VEB Chemische Werke Buna an den US-Konzern Dow Chemical eigentlich Chemieanlagen von Dow und anderen Unternehmen. Die aber können natürlich nicht sein, wo der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen hinlevitierte - jetzt erinnert nur noch die "Bunastraße" direkt vor dem Chemiepark Wolfen-Bitterfeld an die Vergangenheit des Geländes als Standort der Dow-Fabrik. Deutsche Datenschützer sind inzwischen jedoch unterwegs, um die verschwundenen Dow-Anlagen mit Hilfe von Google Earth wiederzufinden. Google hat sich bereit erklärt, seine gefürchteten Street View-Fahrzeuge für die Suche zur Verfügung zu stellen.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Fetzengedanken



1. Sogar bei "Ohne Bass und ohne Haare" war der Westen dem Osten meilenweit voraus.
2. "Leiht euch Kohle, damit's uns besser geht" ist doch der Slogan des Tages, oder? Der Woche, des Monats?
3. Ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich so eine Art optischer Wiedergänger von Stephan Remmler?
4. Wow, das Publikum ist zu großen Teilen echt konsterniert.

Der Himmel über...


Eine hoch geschätzte und angesehene sowie häufig diskutierte Reihe ist die PPQ-Serie Der Himmel über Halle. Immer wieder gibt es ansehnliche oder erstaunliche, überraschende oder unglaubliche, wunderschöne oder phantastische Ansichten des Himmels über der Stadt im Land der Frühaufsteher. Begleitet wird die High-Quality-Reihe mit Bildern vom Himmel über Deutschland oder anderswo. Heute präsentieren wir einen Blick in die windige Himmelssphäre über der Autobahn A 2 bei Kloster Lehnin.

Wer hat es gesagt?

“Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen.”

Samstag, 10. Oktober 2009

Der Himmel über Moskau


Eigentlich ist die heimatgeschichtliche Serie "Der Himmel über Halle" ja den vielfältigen und stets schnell vergessenen Zeichnungen gewidmet, die das Firmament über Mitteldeutschland kennt. Ausnahmsweise aber himmeln wir heute Moskau an, denn was wir kürzlich über Halle entdeckt hatten, ist inzwischen offenbar nach Rußland weitergeflogen.

Kuscheln in der Kunstimitatsitzgruppe

Ein muffiger Geruch liegt über der Medien-Kunst, die das Festival "Move" in einem ehemaligen Möbelkaufhaus in Halle präsentiert. Die Wände hier schwitzen jahrelange Vernachlässigung aus, der Putz ist bröcklig, das Dach hat ein Loch, selbst die von einem untergegangenen Gesetzgeber vorgeschriebene "Brandschutzecke" ist nur noch zu erahnen. Wo seinerzeit junge sozialistische Familien ihre ersten Anbauwände erstanden, hängen jetzt Flachbildschirme, wo sich einst gemütliche Lederimitatsitzgruppen aus dem VEB Einrichtungsmöbel präsentierten, schwingen nun zwei weitamplitudige Schaukeln, die jeder Kunstsinnige benutzen darf.

Sie sind das bei weitem Bewegendste an dem 130.000 Euro-Spektakel, das hauptsächlich von staatlicher Lotto-Gesellschaft, die ja immer ran muss, Mitteldeutsche Medienförderung und der landeseigenen Investitions- und Marketinggesellschaft finanziert wird. In der nach 15 Jahren Leerstand von Regenwasser, Frost und Fäule zerfressenen Gemäuer in der Innenstadt flackern ansonsten Videoinstallationen, die anmuten wie beim Ausprobieren der neuen Digitalkamera entstanden: Junge Menschen werfen Wäsche in eine Pfütze, ältere Menschen sagen hundertmal "Ahh", andere zimmern eine Pappwand in den Wald oder treten in einem virtuellen Käfig immerzu gegen die Wände.

Das also ist Medienkunst. Leere Hallen, Ur-Krostitzer Bier, selbstverständlich veganes Buffett, allerdings schon komplett abgegessen. Und das alles unter dem weltmarktfähigen Titel "Move - New European Media Art", denn die Hersteller der Clips, deren Länge stets sekundengenau ausgewiesen wird, stammen aus Spanien, Polen, China, Deutschland und Großbritannien.

Unten im Keller, den die städtische Beschäftigungsgesellschaft wie das ganze riesige Haus eigens für die bis Ende Oktober dauernde Veranstaltung vom Schutt eines ganzen Jahrzehnts beräumt hat, läuft ein Boxkampf zwischen einem Mann mit Federstola und einem Zwerg im weißen Hemd. Das Werk heißt "Fake Action Truth" und endet mit einem fünfminütigen bewegungslosen Kuss der Boxer. Die Musik ist nicht übel, die Botschaft rätselhaft. Mehr Kopfschütteln war nie unter dieser tiefhängenden Decke. Ob das im Eingangsbereich an eine Säule gefettstiftete Graffito "Dummheit muss so schön sein" Teil der Installation ist, muss noch geklärt werden.

Freitag, 9. Oktober 2009

Göringgeschütze und Hitlerkanonen

Neun Monate hat es gedauert, nach der Amteinführung. Und was ist rausgekommen? Ein Friedensnobelpreis! Freude bei Mutti und Vati Obama, ganz große Sorge aber beim Zentralrat der Juden. Stephan Kramer, der Generalsekretär des Verbandes, hat fünf Tage angestrengt nachgedacht, nachdem er von den unverantwortlichen, ekelerregenden, betroffenmachenden und völligfalschen Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin gehört hatte. Was, so fragte sich Kramer, können wir jetzt noch draufsetzen auf das, was bisher an Empörung geheuchelt, an Verdammnis gewünscht und an monströsen Vergleichen an den Haaren herbeigezogen wurde? Selbst im Zentralrat glaubten viele nicht, dass es Kramer gelingen werde, aus der inzwischen schon ein wenig kalt riechenden Skandalasche um die Sarrazinschen Kopftuchmädel noch einmal Flämmchen zu blasen.

Aber siehe da, es war doch möglich, allen Unkenrufen zum Trotz. Kramer bläst nicht nur Flämmchen, er schlägt Flammen, er schießt nicht nur zielsicher auf Sarrazin, sondern auch mit dem größten vorstellbaren Geschütz von allen: Die Hitlerkanone ballert wieder! Und Göringgeschütze dazu! Flankiert von Goebbelsgewehren! Sarrazin, erweise "mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre", hat sich Kramer als provokativen Leadsatz seiner Äußerungen ausgedacht, denn "er steht in geistiger Reihe mit den Herren."

Soweit, die Analyse Sarrazins über Probleme der "Unterschichten" falsch zu nennen, geht Kramer dann aber nicht. Nein, sie sei bloß "perfide, infam und volksverhetzend" und erinnere an die Untermenschen-Terminologie der Nazis.

Leider springt diesmal nicht einmal die renommierte Zeitschrift "Die Zeit" freudig an auf die Vorlage. Lieber macht das Blatt unverantwortlicherweise gemeinsame Sache mit dem Mann, der sich nicht scheut, wie Hitler Bart zu tragen und wie Goebbels Anzüge: Der Zentralrat, der eine sehr ernste Einrichtung ist, mache sich "lächerlich" hetzt das Magazin aus Hamburg und wird dafür mit Sicherheit den "Applaus von der falschen Seite" (Claudia Roth) bekommen, auf den die Redaktion offensichtlich schielt. Stephan Kramer hat sich zurückgezogen, um entsprechende Maßnahmen gegen die Postille zu überdenken. Es könnte sein, dass er schon in der kommenden Woche nachweist, dass es sich bei den Formulierungen um verbalen Völkermord oder "Hamburger Holocaust" handelt. Damit dürfte die ehemals so angesehene Zeitung bereits jetzt als "perfide, infam und volksverhetzend" gelten. Zeit für ein "Zeit"-Abo.

Spekulieren mit Sachsen-Anhalt

Spekulieren mit Sachsen-Anhalt und dabei richtig Miese machen, nie war das einfacher als heute, prophezeite unser kleines Platin-Anleger-Board PPQ schon vor zwei Jahren. Damals hatte das finanziell marode Bundesland sich gemeinsam mit dem Hedge-Funds Carlyle eine angebliche “Bonus-Garant Anleihe” ausgedacht, mit der Normalbürger überredet werden sollten, den 20 Milliarden hohen Schuldenberg Sachsen-Anhalts weiter aus ihrer Privatschatulle aufzuschütten. Die vermeintliche "Anleihe", die in Wirklichkeit ein Zertifikat ist, wurde dazu auf ganz und gar undurchschaubare Weise an die “Wertentwicklung des Aktienindex DJ Euro Stoxx Select Dividend 30″ (Finanzministerium) gekoppelt und dann mit dem Versprechen verkauft, den Anleger erwarte eine “Rendite von bis zu 38 Prozent” in fünf Jahren nebst einer “garantierten Rückzahlung des investierten Betrages”.


“Das neue Produkt ist eine Anleihe des Landes” hieß es weiter wörtlich und absichtlich grundfalsch, damit möglichst viele arglose Kleinanleger ihre Spargroschen in das Papier steckten. Jens Bullerjahn, sozialdemokratischer Finanzminister und erklärter Freund des keinen Mannes, verlagert so ganze Risiko des Wertpapiers mit der Wertpapierkennnummer A0FAHH auf die Käufer: Die erhalten keinen Cent aus den Dividenden, die sie bei einem direkten Investment in einen Aktienfonds mit Anlageziel DJ Euro Stoxx Select Dividend 30 bekommen würden. Zudem überlässt der Anleger dem Land sein Geld gleich auf fünf Jahre, ohne zu wissen, ob er am Ende wirklich etwas herausbekommt, oder nur zurückerhält, was er hineingesteckt hat.

«Durch dieses Zertifikat ermöglicht das Land dem Privatanleger, von weiter ansteigenden Aktienkursen bis zu 38 Prozent zu profitieren, ohne einen Kapitalverlust bei Aktienkursrückgängen zu riskieren», fabulierte Finanzstaatssekretär Christian Sundermann dennoch fröhlich und verweist dabei auf eine “maximal mögliche Rendite von 6,65 Prozent pro Jahr”.

Zur Halbzeit des Papiers aber sieht es danach gar nicht aus: Die "Anleihe des Landes" hat statt 6,65 Prozent plus pro Jahr rund 50 Prozent minus gemacht. Damit liegt das Papier (im Chart blaue Linie) sogar noch 20 Prozent schlechter als der DAX (grüne Linie), auch der Eurostoxx 50 schnitt 20 Prozent besser ab.

Wenigstens greift am Ende der Laufzeit die Rückzahlungsgarantie - wenn, das wissen alle Anleger seit Lehman, der Emittent bis dahin noch da ist.

Atemschaukel im Angriff

Direkt nach dem unerwarteten Tod und der Wiedervereinigung der Beatles auf einer 77 Alben umfassenden Blue-Ray-Box ist der Literaturnobelpreis immer noch das beste Umsatz-Aphrodisiakum. Herta Müller, bis gestern vormittag eher weniger oft gelesene Beschreiberin der Zustände im bis gestern vormittag für deutsche Leser eher weniger interessanten Rumänien der bis gestern vormittag von Literaturfreunden weltweit eher als wenig spannend empfundenen Herrschaftszeit des Conducator Ceauscescu, setzte sofort nach ihrer Ernennung zur "poetischen Realistin" (Süddeutsche Zeitung) zum Sturm auf die Bestsellerlisten an.

Als hätten Zehntausende nur darauf gewertet, von den Müllerschen Werken zu erfahren, orderten sie die "Atemschaukel" der frischgebackenen Preisträgerin, dass schon am Nachmittag ein dritter Platz in der Bücherhitparade heraussprang. Vor Herta Müller nur noch die beiden Giganten des Seichten, Dan Brown und Frank Schätzing.

Eine Nacht später fruchten die 1500 Lobeshymnen in 1500 deutschen Zeitungen: Herta Müller ist jetzt sogar Spitzenreiter der Verkaufshitparaden - leider nicht mehr lange, denn der neue Friedensnobelpreisträger Barack Obama rollt das Feld mit seinem Buch "Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie" mit Sicherheit gleich von hinten auf. Im Moment ist er noch auf Platz 13.348. Aber Herta Müller war letztes Wochenende auch noch auf 21.200 notiert.

Angelausflug ins Internet


Verfluchte Cyberkriminelle! Um 300 Prozent seit 2004 und vierzig Millionen Prozent seit 1911 ist die Zahl der Online-Verbrechen nach Zählungen des Bundeskriminalamtes gestiegen - inzwischen wissen die Fahnder von 38.000 Fällen allein im letzten Jahr, mit denen es Online-Verbrecherbanden auf geheimnisvolle Weise gelungen ist, jeden zweiten der rund 50 Millionen deutschen Internetsurfer zum Opfer von Cyberkriminalität zu machen.

Und die Zahlen steigen weiter, warnen die Experten von Wolfgang "Stasi 2.0" Schäuble. Kein Wunder auch, denn sechs von zehn Nutzern seien immer noch bereit, Namen und Adressen in Web-Formularen einzutragen, um bei Anbietern Waren oder Dienstleistungen zu kaufen - etwa wenn es darum geht, den neuen Bestseller von Herta Müller zu kaufen. 38 Prozent der Surfer tippten dabei auch Bankverbindungen oder persönliche Daten zu Beruf oder Hobby in die Eingabefelder dubioser Online-Anbieter wie Amazon, Conrad oder T-Mobile ein.

Besonders gefährdet seien Menschen, die sogenanntes "Online-Banking" betrieben, warnen die Ermittler. Nachdem das ZDF jüngst über "Fisting-Attacken" gegen deutsche User berichtet, hat das renommierte Hamburger Hightech-Magazin "Die Zeit" eine neue Masche der gerissenen Gangster entdeckt: Von 2900 "Fishing-Fällen" berichtet die Zeitung und meint damit nicht Angelausflüge von Online-Gamern nach Norwegen und an die Ostsee, sondern "das Ausspähen von Bankdaten durch den Einsatz gefälschter Eingabemasken".

Der Schaden ist immens, er könnte sich, nach einer detaillierten Pi-mal-Daumen-Berechnung des Branchenverbandes Bitkom in diesem Jahr schon auf 11 Millionen Euro belaufen und damit genau so hoch sein wie der Schaden aus Parkplatzunfällen in München Nord und Bielefeld zusammengenommen.


Handeln tut da natürlich not, weshalb die Bundesregierung jetzt ihr Projekt eines staatlichen Mailversandes gestartet hat. Der Dienst "De-Mail" garantiert seinen Nutzern, dass jede verschickte Mail von Experten im Bundesinnenministerium auf Gesetzestreue und Rechtschreibung geprüft wird. Die Zustellung einer E-mail werde damit erstmals so sicher wie die Zustellung einer normalen Postsendung, verspricht das Innenministerium.

In ganz Deutschland verschwinden derzeit pro Jahr nur knapp über zwei Millionen Briefe und Päckchen, adäquat zum "Nachforschungsauftrag", den die Deutsche Post für echte Briefsendungen anbietet, will das BKA mit Ende der Testphase für "De-Mail" auch eine Nachforschungsstelle für verlorene Emails freischalten. Bürger, die eine De-Mail vermissen, sollen dann in ihrem örtlichen De-Mail-Büro vorsprechen und die Nachricht suchen lassen können.

Singen mit Sarrazin

"Sarrazin" ist ein Name, der auf seine Herkunft aus dem Jemen verweist, von dort aus wanderten die Angehörigen des Volkes der Königin von Sanaa Richtung Nordafrika, später eroberten sie Frankreich, wo ihnen der Name "Sarrazenen" gegeben wurde.

Viele Sarrazenen, auch "Mauren" genannt, wurden später von den wiedererstarkten Christen vertrieben, andere schlossen sich den Hugenotten an, auch, als diese Frankreich verlassen mussten. Im deutschen Exil aber erhielt sich der Name, im deutschen Exil aber stieg mancher Sarrazene wieder in die Eliteschichten auf, wurde Sozialdemokrat, Finanzsenator und Bundesbanker.

Der große kanadische Literat und Brummelchansonnier Leonard Cohen war schon als junger Mann von dieser Geschichte bewegt. Bei einem längeren Dichteraufenthalt auf der griechischen Insel Hydra begann er, eine Geschichte zu skizzieren, die später als "First we take Manhattan, then we take Berlin" für Wirbel in den politischen Feuilletons sorgen sollte: Mit scharfen Strichen entwarf Cohen das Selbstporträt eines Gotteskriegers, der versucht, "to change the system from within" und dafür verurteilt wird zu "twenty years of boredom".

Umerzogen ist er nicht, als er entlassen wird, der Mann, der sich fühlt wie "guided by a signal in the heavens" und der es wie Bundesbank-Vize Thilo Sarrazin nicht fortradieren kann, das "birthmark on my skin": Sarrazin bleibt Maure, Türke bleibt Türke, so will es das Staatsbürgerschaftsrecht in Deutschland, nach dem noch Menschen, die mit Katharina der Großen nach Rußland auswanderten, bis heute "deutsch" sind, selbst wenn sie sechs Generationen lang sowjetische, ukrainische oder russische Pässe hatten. Auch die Literaturnobelpreisträgerin aus Rumänien, unzweifelhaft ein halbes Leben lang rumänische Staatsbürgerin, ist am Ende doch wieder Deutsche.

Cohen aber singt den Sarrazin und er warnt: "First we take Manhattan, then we take Berlin", ein dunkler Unkenruf, den der Schotte Ray Wilson für PPQ in Musik übersetzt hat. Denn worum geht es am Ende? Um die Frau, nicht um das Kopftuch, wie Leonard Cohen, kanadischer Jude und buddhistischer Mönch zugleich, ahnt. Es auf das Untendrunter an, wie immer, sagt der Sänger: "I love your body and your spirit and your clothes".

Berlin muss sich so warm anziehen, denn der Winter wird kalt, trotz Klimaerwärmung. Was Cohen dereinst noch im Radio prophezeien durfte, ist nunmehr Anlass für aufgeregte Fernsehrunden. Der technische Fortschritt macht nicht halt und der Fortgang der Geschichte lässt sich von niemandem stoppen, auch nicht von der Geliebten, dem charmanten Kopftuchmädchen: "You know the way to stop me, but you don't have the discipline. How many nights I prayed for this, to let my work begin: First we take Manhattan, then we take Berlin".

Als Termin hat Leonard Cohen den anstehenden Vatertag vorhergesagt: "Well it's Father's Day and everybody's wounded" - inzwischen hat das Bundeskriminalamt nach dieser erneuten Drohung Ermittlungen aufgenommen.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Gold aus Genen

Seit Monaten eilt der Goldpreis von Hoch zu Hoch, getrieben von der Angst der Anleger vor dem amerikanischen Staatsbankrott. Da das Goldangebot endlich ist, die Goldnachfrage aber theoretisch unendlich, sprechen erste Stimmen von Goldpreisen bei 2000 Dollar, andere haben schon ein charttechnisches Ziel von 10400 Dollar ausgemacht.

Ihnen allen aber machen jetzt wohl Wissenschaftlker aus dem heute noch bettelarmen Sachsen-Anhalt einen Strich durch die Rechnung. Ein Team um den Professor Dietrich Nies vom Institut für Biologie der Martin-Luther-Universität steht kurz davor, das Wachstum von Gold als biochemischen Prozess zu erklären, berichtet das Halle-Forum.

Die Entstehung von Gold sei bislang für einen abiotischen Vorgang gehalten worden, neue Forschungsergebnisse einer internationalen Arbeitsgruppe aber zeigten, dass das Wachstum von Goldnuggets Ergebnis aktiver biochemischer Prozesse sein könne. Die Wissenschaftler eines Forschungsprojektes, das Frank Reith von der University of Adelaide (Australien) leitet, hätten inzwischen die Gene identifiziert, die möglicherweise an der Bio-Mineralisation von Gold beteiligt sind.

"Mineralien werden in der Natur ständig umgebaut, aus primären entstehen sekundäre - und aus sehr niedrig konzentrierten, aber toxischen Goldgemischen kann metallisches Gold werden", erklärt Nies Seine australischen Forscherkollegen hatten das metallresistente Bakterium "Cupriavidus metallidurans" auf Goldnuggets gefunden - an zwei Standorten, die 3500 Kilometer voneinander entfernt liegen, die Hallenser fanden dann die Gene, die die Gold-Bildung fördern. Die sogenannte Bio-Mineralisation von Gold könne nach Ansicht des Forschers "völlig neue Horizonte in der biotechnologischen Anwendung von Bakterien" eröffnen. "Vielleicht werden die jetzt gewonnenen Erkenntnisse es einmal erlauben, auch aus goldarmen Lösungen Gold zu gewinnen."

Technische Verfahren vorausgesetzt, würde das Goldangebot damit schlagartig unendlich viel größer werden als heute, die auf einem begrenzten Markt gebildeten Preise wären von einem Moment zum anderen unhaltbar, weil Gold nicht mehr als "sicherer Hafen" für Anleger taugen würde.

Kopftuchmädchen retten Bundesbank

Wäre man Verschwörungstheoretiker, stellte man sich folgende Szene vor:
Axel Weber, Chef der Deutschen Bundesbank, steht vor schweren Tagen. Er weiß, dass er gestehen muss, der amerikanischen Pleitebank Lehman 10,4 Milliarden Euro geborgt zu haben - bekommen hat er dafür zwar Sicherheiten, die aber sind, wie Weber inzwischen weiß, nichts wert. Der mächtige Banker sieht alles gefährdet, was eben noch so erreichbar schien: Die ungeliebte Konkurrenz von der Bundesanstalt für die Finanzaufsicht würde er ausbooten können, das hatten ihm die Politiker der neuen großen Koalition der Nationalen Front nach dem wahlsieg versprochen. Seine Bundesbank würde schlagartig zum einzig wahren Aufsichtsapparat über Banken, Börsen und Versicherungen werden und er, Axel Weber, der viel von der Macht früherer Bundesbanker an die Europäische Zantralbank hatte abgeben müssen, wieder viel viel mächtiger.

Und nun das. Vermutlich 10,4 Milliarden futsch - bei der KfW waren es nur ein paar Millionen und Köpfe rollten. Weber greift zum Telefon. Er lässt Thilo Sarrazin kommen, den neuen Bundesbank-Vize aus Berlin. "Thilo, wir müssen eine Lösung finden", sagt er. Sarrazin nickt. Ein Ablenkungsmanöver muss her, irgendwie müssen die Blicke der Öffentlichkeit fortgelenkt werden von der größten Pleite, die die Deutsche Bundesbank je einstecken musste.

Eine halbe Stunde später sind der Ex-Senator aus Berlin und der Bundesbank-Chef sich einig. Sarrazin wird ein Interview geben, das sich gewaschen hat, er wird darin Dinge sagen, die ihm schon lange auf der Seele brennen und mit Worten wie "Kopftuchmädchen" und "türkische Wärmestube" die mißglückte Integrationspolitik in Deutschland anprangern. Weber aber wird ganz laut “Haltet den Dieb” rufen in der Hoffnung, dass sich alle Medien Deutschlands reflexhaft auf die Äußerungen seines Vize stürzen werden.

Der Plan, so wissen wir heute, ist aufgegangen. Die 10,4 verschwundenen Bundesbank-Milliarden spielen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle: Ganze zwei deutsche Zeitungen bringen eine kurze Meldung irgendwo im Finanzteil, rechte Spalte ganz unten. Alle anderen 1000 beschäftigen sich - wie Netzwerk Recherche hier schön zusammenfasst, wie geplant mit Sarrazins Interview in einer französischen Kulturzeitschrift, die niemand gelesen hat.

Die Große Koalition der Nationalen Verantwortung beschließt, der Bundesbank wie vereinbart alle Kontrollvollmachten über Banken und Börsen zu geben. Axel Weber steht am Fenster, schaut übers Land und reibt sich die Hände.

Faustfick im Zweiten

Und das ohne jede Warnung! Um vor der wachsenden Gefahr zu warnen, dass Passwörter von hinterlistigen Kriminellen gestohlen werden, die die Zugangsdaten für E-Mail-Postfächer dann, so Deutschlands einzige wahre Nachrichtenagentur dpa, nutzen, um sich in fremde Bankkonten einzuloggen, hat die Redaktion der "heute"-Nachrichten im ZDF einen fürwahr aufrüttelnden Bericht verfasst. Darin, so enthüllt Die Anmerkung, prangert das öffentlich-rechtliche Unterhaltungsmagazin die Gefährdung von Internetnutzern durch sogenanntes "Fisting" an, eine Sexualpraktik, die Liebhabern handfester Unterhaltung auch als "Faustfick" bekannt ist, deren Nutzung zur Penetration von Email-Accounts aber bislang völlig unbekannt war.

Entsetzen bei vielen arglosen Internet-Nutzern, Erstaunen bei externen Experten, die die Gefahr durch heimtückisch eingeführte Fäuste bisher offenbar völlig unterschätzt hatten. Zum Glück ist Deutschland nun gewarnt und die Bankkonten sind wieder sicher.

Mit Rendite, ohne Komma

Piraten im Bunker

Sie nennen es "Tauschbörse", obwohl es sich eigentlich um eine ganz normale Suchmaschine handelt, allerdings eben für nicht ganz normale Inhalte. Google leistet etwa dasselbe wie Pirate Bay, sitzt aber ungestört auf riesigen Serverfarmen in Kalifornien. Die Schweden hingegen, die sich darauf spezialisiert haben, Bittorrents zu finden, wurden erst verurteilt und dann auch noch aufgefordert, aus Schweden zu verschwinden.

Asyl haben die Piraten gefunden: Beim niederländischen Unternehmen Cyberbunker, das nicht nur so heißt, sondern auch in einem ehemaligen Nato-Bunker sitzt. Der steht in Kloetinge im Süden der Niederlande, hat dickere Wände als der Führerbunker des ehemaligen Reichskanzlers und heutigen n-tv-Moderators Adolf Hitler und würde sogar dem elektromagnetischen Impuls nach einem Atombombenabwurf widerstehen.

BREIN, die niederländische Organisation für die Rechte der Musik- und Filmindustrie, hat inzwischen schon angekündigt, gegen jeden Provider vorgehen zu wollen, der Pirate Bay dazu verhilft, Verbindung ins Internet zu bekommen. CB3ROB, der Provider von Cyberbunker, beruft sich hingegen auf die Netzneutralität: So wenig eine Telefongesellschaft Gespräche unterbinden müsse, mit denen sich Menschen zum Bankraub, zum Versicherungsbetrug oder zum Ladendiebstahl verabreden, so wenig werde man sich in das einmischen, was die Cyberbunker-Kunden auf ihren Seiten anböten.

Soviel Vertrauen kann Pirate Bay dringend brauchen: Durch technische Schwierigkeiten nach dem zwischenzeitlichen Umzug in die Ukraine sind in den vergangenen Monaten Raubkopierer massenhaft zu anderen Bittorrent-Suchmaschinen gewechselt, über die nie etwas in der Zeitung steht.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Weil heute Dein Geburtstag ist

Auf den Tag genau 60 Jahre alt und so präsent wie selbst zu Lebzeiten nicht. Die Geburtstagstorte der DDR ist zur Feier des Tages mit sechzig wonnigwarm scheinenden Energiesparbirnen geschmückt, denn es gibt Grund zum Feiern. Nach einigen Jahren Pause steht wieder eine FDJlerin steht an der Spitze des Staates. Die beiden zerstrittenen Flügel der Arbeiterbewegung nähern sich endlich wieder an. Die deutschen Banken sind - abgesehen von der Deutschen und einigen kleinen Privatklitschen - genossenschaftlich, kommunal oder verstaatlicht. Das DDR-Fernsehen schiebt als "MDR" unschlagbare Klassiker wie Helga Hannemann, Herricht&Preis oder Achim Mentzel über die Rampe. Die "Aktuelle Kamera" befleißigt sich ausführlicher Berichterstattung über die Erfolge der klugen Strategie der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik der Bundesregierung, die vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben hilft, aus der Krise zu finden. Es war nicht alles irgendwie, damals in der DDR. Grund zum Feiern gibt es auch, weil manches erhalten geblieben ist.

Kommunen vergraben Milliarden

Dass Axel Weber, Chef der Deutschen Bundesbank, mit Forderungen von 10,4 Milliarden Euro ganz vorn in der Reihe der Lehman-Gläubiger steht, durfte unser kleines Goldanleger-Board bereits verschiedentlich vermelden, immer ein wenig erstaunt darüber, dass sich außer uns niemand dafür interessiert. Nun jedoch vermerkt das Handelsblatt den Milliardenverlust der deutschen Staatsbank immerhin in einem Satz, gewürzt mit der Mitteilung über die übrigen Großgläubiger der US-Pleitebank.

Mansfelder Rentner? Uckermärker Bauersfrauen? Lehrer aus Bochum, Ingenieure aus Wattenscheid? Keineswegs. Der größte Posten der Forderungen aus Deutschland falle nicht auf Kleinanleger, die sich mit Lehman-Zertifikaten verzockt haben. Sondern auf "institutionelle Investoren" - mit anderen Worten: Kommunen oder kommunale Versorger. Während die übrigen deutschen Banken über ihren Verband nur drei Millionen Euro Schaden angemeldet hätten, versuchen Kommunen und kommunale Unternehmen, rund 25,7 Milliarden US-Dollar aus der Insolvenzmasse zurückzubekommen.

Die unter direkter Kontrolle gewählter Politiker stehenden öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen legten damit offenbar fleißiger in "undurchschaubare Finanzkonstruktionen" (Peer Steinbrück) an als alle Privatbanken und Privatanleger zusammen. Die Deutsche Bank meldete mittlerweile, sie habe aus Geschäften mit Lehman keine Verluste hinnehmen müssen, selbst die Commerzbank verlor mit 4,9 Milliarden nur halb so viel wie die Bundesbank. Die wird künftig die Aufsicht über alle deutschen Banken führen, um eine Wiederholung der Finanzkrise zu verhindern. Willkommen im Garten, Herr Bock!

Dienstag, 6. Oktober 2009

Neue Klienten für Hillary


Kein Wunder, dass Hannibal Lecter meistens diesen unbequemen Mundschutz trägt. Der Spezialist für Leber in Rotweinsoße muss darauf achten, in seiner zweiten Karriere als deutscher Schauspieler Jürgen Vogel nicht zu großes Aufsehen zu erregen. Vergleiche würden dem einen wie dem anderen - wobei der andere ja der eine und umgekehrt ist - nur schaden. Sätze wie "Hannibal, ist es mit solch schlechten Zähnen eigentlich schwer, als Kannibale zu arbeiten?" oder "Jürgen, hat's geschmeckt?" dürften sich kontraproduktiv auswirken.

Gesänge fremder Völkerschaften: Die Locken rocken

Er ist der Shane McGowan Nordpolens, der Bill Kaulitz der Generation Solidarnosc, ein Rock-Vulkan der Extraklasse und außerhalb der eigenen Vojevodschaft dennoch völlig unbekannt. Dabei schafft Wojtek "Kędzior" Andruszkiewicz mit seiner Band The Kedziors (zu deutsch "Die Locken") große Folkrockhymnen mit verzerrten Mundwinkeln, intensiv wie keiner seit Joe Cocker grummelt der Mann in der Tarnhose rätselhafte Mitteilungen, die auch den Nicht-Muttersprachler ein Maß an Tragödie ahnen lassen, das wahrscheinlich kaum zu ertragen wäre, verstünde man ein Wort.

Die Koteletten scharf wie die von Cem "Elvis" Özdemir, die Zähne krumm, als habe er nie von Hillary Clintons Bemühungen um die Zahngesundheit in Europa gehört, ist Andruszkiewicz ein Solitär des soliden Handwerker-Rock, ein Beserker in allen Bühnenschlachten, ein Bandleader, der selbst das fürchterliche Quengeln der Orgel seines Kapellenkollegen Samołyk Firlej mit stoischem Gleichmut hinnimmt. Im Rahmen unserer ebenso vielfach preisgekrönten wie völkerkundlichen Serie "Gesänge fremde Völkerschaften" stellen wir "Zachód słońca w połysku variabla", das Kedziors-Opus, das Eingeweihten und Die-Hard-Fans als polnische Antwort auf Dylans "Knocking On Heavens Door" "gilt" (Der Spiegel), exklusiv und in Farbe vor.

Das Video ist die offizieller Bestandteil des Deutschland-Planes von Walter Steinmeier und darf nicht außerhalb der EU ausgedruckt oder mitgesungen werden.

Wiedergeboren als Zahnbürstenmodell

Da macht sich eine kleine, große Frau klammheimlich stark für kerngesunde deutsche Zähne - und trotz frisch getöntem Tarn-Haar und lustiger Vokuhila-Extensions sind ihr die hellwachen PPQ-Leser doch auf die Schliche gekommen! Natürlich ist es Hillary Clinton , die ehemals von Bill so schmählich mit der Zigarre betrogene Präsidentengattin und heutige US-Außenministerin(im Bild oben links), die im knappen weißen Sprechstundenhelferinnenkittel (oben rechts) für die neue Kampagne "Gesunder Mund für Deutschland" gemeinsam mit einem Zahnpastahersteller und einer Boulevard-Zeitung für regelmäßiges Zähneputzen wirbt.

Wie die mit dem Frieden in Nahost, dem Krieg in Afghanistan und dem Erhalt des Weltklimas vielbeschäftige Amerikanerin die Doppelbelastung als Politikerin und gefragtes Alltagsmodell lächelnd wegsteckt, nötigt auch politischen Gegnern und Kennern anderer Prominenter mit ausschweifendem Doppelleben Respekt ab. Natürlich seien Clintons Zähne nicht echt, hieß es auf PPQ-Anfrage in Washingtoner Dentistenkreisen, doch das Bemühen der 62-Jährigen, Menschen in dentistisch gesehen rückständigen Ländern wie Deutschland über die richtige Bürstenhaltung aufzuklären, den ehemaligen Kriegsgegner vor Karies und Parodontose zu bewahren und so für "null Probleme in der Mundgesundheit" (Zitat) zu sorgen, nötigt auch Kritikern Achtung ab.

Seit dem Tod des beliebten Dr. Best, der eine biegsame und geschmeidige Zahnbürste erfunden und jahrelang in einem witzigen Kostüm als durchgeknallter Wissenschaftler in Fernsehspots angepriesen hatte, sei keine Werbefigur mehr so überzeugend gewesen, loben Reklamefürsten wie Kai Krausell, Macher des bekannten Weinbergschnecken-Spots für die Modemarke Messie. Das Weiße Haus wollte zur Nebenbeschäftigung der Außenministerin keine Auskunft geben. Hier handele es sich um eine Angelegenheit der Nationalen Sicherheit, hieß es.

Milliardäre mit Herz

So lange der Mensch denken kann, klaffte sie weiter auseinander, die "Schere zwischen Arm und Reich" (Merkel), die ein Drittel oder mehr Kinder im reichen Deutschland hungern, dursten und teilweise monatelang auf die neue Wii-Konsole warten lässt. Doch jetzt zeigen die zuletzt vielkritisierten Manager, Millionäre und Milliardäre Herz und ein Maß an Empathie, das ihnen viele zurecht kritische Kommentatoren vier Jahrzehnte nach Ludwig Ehrhard nicht mehr zugetraut hatten: Die Reichen verarmen in einer Geschwindigkeit, die Großes verspricht für den nächsten Armutsbericht der Bundesregeirung. Ein Jahr nach Ausbruch der großenVermögensvernichtungskrise verfügen nach einem Bericht der Selbsthilfe-Postille Manager Magazin schon nur noch 99 Einzelpersonen oder Familien über ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Euro. Das sind 23 weniger als noch beim letzten Zählappell im Herbst 2008, den unser kleines Millionärs-Board PPQ seinerzeit schon mit "Reiche immer ärmer" überschrieb.

Besonders solidarisch habe sich die Porsche-Familie gezeigt, hieß es. Ihr Vermögen sei wegen der gescheiterten Übernahme der Volkswagen AG um elf Milliarden Euro oder 71 Prozent geschrumpft - das ist sogar noch ein größerer Verlust als ihn die Deutsche Bundesbank mit ihrem Engagement in wertlose Lehman-Papiere erreichen konnte. Auch die Selfmade-Frau Maria-Elisabeth Schaeffler hat ihren Teil beigetragen, die "Schere zwischen Arm und Reich" (Müntefering) zu schließen und Deutschland zu einem besseren Ort zu machen. Im Zuge ihrer versuchten Übernahme der Continental AG gab sie 92,4 Prozent ihres Vermögens ab und schaffte es so auf Platz 260 in der Liste der reichsten Deutschen. Zuvor war Schaeffler für ihren Platz 15 immer wieder angegriffen worden.

Montag, 5. Oktober 2009

Fesche Fahndung

Wenn Menschen in Not sind, kann sich PPQ bekanntermaßen nicht verschließen und bietet Hilfe an, die weit über das herkömmliche Schalten von Betroffenheits-Anzeigen hinausgeht. So auch hier: Im aktuellen Newsletter der Plattenfirma Noisedeluxe bzw. des nahe verwandten Klubs "Drushba" wird ein Fall solch barbarischer Brutalität beschrieben, dass wir nicht eher ruhen und rasten konnten, bis wir die Erlaubnis erhielten, an der Fahndung nach dem Täter teilzunehmen. Um aber nicht in den Geruch des Denunziantentums zu geraten, verwenden wir das originale Phantombild, anhand dessen der Drushba-Schubser definitiv nicht erkannt werden wird.

"Hallo Leute, Eure Mithilfe ist gefragt!
Ich bin auf der Suche nach einem jungen Mann, der mich am 18.09.2009 ca. um 3.30 Uhr beim tanzen im Tanzklub Drushba mutwillig von der Bühne (Podest) runter gestoßen hat. Ich bin daraufhin gestürzt und habe mir das linke Sprunggelenk gebrochen.

zum genauen Hergang, Beschreibung:

Ich war in der Nacht vom 18. zum 19. September 2009 im Tanzklub Drushba. Es war die Premierenfeier und Disco nach der Premiere des Stückes "Ultras" am Thalia Theater Halle.
Der Mann den ich suche, ist ca. 25 bis 30 Jahre alt, ca.1,85 m groß, schlank, hat halblange gewellte Haare (blond bis hellbraun). Auffällig war sein langärmliges weiß-blau-gestreiftes Matrosen-Shirt. Er hat eine ganze Weile recht auffällig mit erhobenen Armen ganz vorn auf dem Podest (Bühne) getanzt. Ich habe kurze Zeit neben ihm vorn auf dem Podest getanzt und ihn ein bisschen angemacht. Dann hat er mich plötzlich am Arm gepackt und vom Podest gestoßen. Ich bin dann unten der Länge nach aufgeschlagen. Der Typ hat das offenbar nicht mitbekommen oder ignoriert, denn er hat munter weiter getanzt. Ich war sehr geschockt, da ich sofort gemerkt habe, dass mein Bein gebrochen ist und ich nicht mehr laufen kann. Er hat mich nach einiger Zeit auf dem Sofa rechts neben dem Podest sitzen sehen. Ich habe versucht den Notruf anzurufen. Er hat sich ohne eine Regung kurz neben mich gesetzt und ist dann wortlos gegangen. Ich war aufgrund meiner Verletzung zu geschockt, um zu reagieren.

Nun meine Fragen:

Wer hat diesen Mann gesehen, bzw. wer kennt diesen Mann?"

Fett schwimmt oben

Die Deutsche Presseagentur, Deutschlands einzig wahre Nachrichtenquelle, bringt es wie immer auf den Punkt: "SPD-Spitze billigt neues Personalkonzept", schreiben die Protokollanten des alltäglichen Irrsinns.

Aus dem Chinesischen übersetzt heißt das, die SPD-Spitze ist damit einverstanden, die SPD-Spitze zu sein oder zu werden, nur das Stimmvieh muss Ende November nochmal kurz ran und die Pfoten heben. Dagegen ist in China Demokratie.

SPD lüftet Wahlkampfgeheimnis

Es war das Erfolgsgeheimnis des ehemaligen künftigen deutschen Bundeskanzlers Walter Steinmeier und seiner SPD im Wahlkampf: Auf allen Plakaten, Flyern und im erstmals mit großer Volksbeteiligung genutzten Web 2.0 diente ein knallrotes Überraschungpaket als Erkennungsmerkmal. Auf dem Päckchen stand nur knapp "SPD", über den Inhalt wollte die Führungsspitze der Sozialdemokratie den Wählern dann nach dem Urnengang und der Regierungsbildung Rechenschaft ablegen.

Dass es sich dabei um eine Mischung aus Steuererhöhungen, schärferer Internet-Überwachung und der Verstaatlichung aller Presseorgane gehandelt hätte, wie selbst unter SPD-Stammwählern vermutet, ist aber nunmehr vom Tisch. Franz Müntefering, einmal mehr der Vater des Wahlerfolgs der SPD, überraschte die Wähler in Ost und West jetzt zum Abschied von der politischen Bühne mit der Enthülung des vermutlich hübschesten Geheimnisses, das das Willy-Brandt-Haus je hatte: Im Überraschungskarton steckte die ganze Zeit eine sehenswerte junge Frau, die jedem SPD-Wähler sofort nach Inthronisierung einer SPD-Regierung eine Flatrate für einen deutschlandweit beliebten Pornokanal vorbeigebracht hätte. Tja, Pech gehabt!

Verbot der Woche: Milchglas für Kameras

Mehr Freiheit wagen, fordert die FDP und kündigt über ihren "rechtspolitischen Sprecher" im Düsseldorfer Landtag an, ein Verbot von Googles Kartendienst Street View über den Bundesrat anregen werde. In Großbritannien und Frankreich seien die Aufnahmen von Street View teilweise so scharf, dass "die Sorte der Blumen auf den Wohnzimmertischen der fotografierten Häuser zu erkennen" seien, teilte Orth mit. Dieser Umstand verletzte das Recht des privaten Blumengeheimnisses und führe dazu, dass jedermann selbst vom anderen Ende der Welt sehen könne, welche Bepflanzungen Menschen vor zwei, drei oder sogar vier Jahren auf Balkonen und in Vorgärten angelegt gehabt hätten. Orth regte eine breite gesellschaftliche Debatte darüber an, Googles Straßenfotos in die PPQ-Kampagne "Verbot der Woche" einzubeziehen. Überlegt werden könne in diesem Zusammenhang auch das FDP-Projekt, Hersteller von Digitalkameras zum Einbau eines sogenannten "Milchglasfilters" zu verpflichten. In der Vergangenheit sie es immer wieder vorgekommen, dass Hobbyfotografen beim Knipsen ihrer Liebsten unabsichtlich Balkone, Hauseinfahrten oder private Pkw mit aufs Bild gebannt hätten. damit werde jeweils das Recht auf ein privates Balkon-, Hauseinfahrten- und Privat-Pkw-Geheimnis eklatant verletzt. "Eine Milchglasfilterpflicht könnte dieses Problem dauerhaft lösen", hieß es bei der FDP in Düsseldorf.

Sonntag, 4. Oktober 2009

Der Himmel über Halle XIII

Schon wieder ein Ufo über Halle? Oder Cumulonimbus? Nimbostratus? Fibratus pileus? Oder einfach nur ne wunderschöne Wolke über Halle, die gut in die heimatgeschichtliche ppq-Serie der Himmel über Halle passt.

Fremde Federn: Sinnieren über Sarrazin


Kann man Unwillkommenes aussprechen, ohne zu verletzen? Und sei es den inneren Frieden, die Gewohnheiten, die Gewissheiten derer, die vor allem nicht gestört werden wollen? Kann man über Verdrängtes sprechen, ohne zu verletzen? Kann man Missstände benennen, die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen?, fragt die FAZ in einem bemerkenswerten Text, der die geheuchelte Aufregung um die Kopftuchmädchen-"Äußerungen" (Der Spiegel) des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin zum Anlass nimmt, ein bisschen grundlegender über die Frage nachzudenken, wohin dieses Land in den letzten zwei Jahrzehnten geraten ist.

Mag sein, dass man das kann, antwortet sich Volker Zastrow selbst. Aber man müsse ja gar nicht. Allerdings schwebe "unserer Gesellschaft inzwischen etwas vorzuschweben wie ein moderierter Diskurs, in dem jeder Inhalt sich der Etikette zu beugen hat. Wobei Etikette längst in Wahrheit nicht wirklich meint, wie etwas gesagt wird, sondern was. Das erkennt man daran, dass denen, die dagegen verstoßen, sofort mit dem Berufsverbot gedroht wird, dem Strafrecht gar, dass ihnen nicht widersprochen wird, sondern dass sie nicht mehr sprechen sollen. Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte. Der Zusammenhang zwischen Redefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie: den meisten scheint er gar nicht mehr bekannt. Aber auch der zwischen offenem Wort, offenem Denken, Einsicht oder gar Umkehr.

Jahre nach der großen Kulturrevolution der sechziger Jahre ist an die Stelle der geschleiften Autoritäten ein anonymer, konturenloser Schleim getreten, die verallgemeinerte Autorität, aus dem je nach Bedarf wie Formwandler Gestalten springen und Verdikte verkünden, gegen die keine Berufung eingelegt werden kann. So wird aber auch die Gedankenfreiheit untergraben, das unabhängige Urteil entmutigt.

Maß und Mitte, sagt der niedersächsische Arbeitsminister Philipp Rösler von der FDP, lasse Sarrazin vermissen, und allein durch seine Äußerungen (die Rösler im Zusammenhang mutmaßlich nicht einmal gelesen hat) habe der Exsenator „alle Integrationsbemühungen der letzten fünf Jahre“ kaputtgemacht. Wirklich nur alle? Nicht vielleicht doch ein paar mehr? Und wirklich nur der letzten fünf Jahre, nicht eher fünftausend?

„Äußerungen gewinnen immer dann ihre Dynamik, wenn sie den Kontext verlassen“, hat Sarrazin selbst einmal gesagt. „Aber ich kann doch nicht jedes Mal, bevor ich irgendetwas sage, darüber nachdenken, wie es wo ankommen könnte.“ Das aber wird verlangt. Es gilt als „politikfähig“. Politikfähigkeit durchströmt die hohltemperierte Gesellschaft wie lauwarmes Wasser, angefangen mit den Politikern selbst, sind alle politikfähig im Übermaß; wer aus der Reihe denkt, löst umgehend Alarm aus und wird ruhiggestellt.

Merkwürdig: Der Konformitäts-, Leistungs-, Anpassungsdruck in unserer aller äußeren Autorität entkleideten Gesellschaft scheint nicht schwächer, sondern stärker geworden zu sein. Das beginnt schon in der Schule, im Kindergarten, im Mutterleib, in der Petrischale, wo nur die Tauglichsten überleben dürfen. Und niemand ist verantwortlich; Instanzen, gegen die sich ein Aufstand richten könnte, gibt es nicht mehr, sie haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Wehe, wenn da einer stört.

Viel von dem, was Sarrazin gesagt hat, stimmt. Er hat es hart gesagt, grob, holzschnittartig, mitunter grausam, aber vieles davon stimmt. Man kann es auch rundweg für falsch halten; schließlich hat jeder das Recht, zu glauben, dass Berlin im Grunde keine oder nur sehr überschaubare Probleme mit seiner türkischen und arabischen Bevölkerung hat, oder falls sie doch größer sein sollten als vermutet, kann man ja auch am Starnberger See wohnen statt in Neukölln. Aber in Wahrheit werden die Zonen des Unsagbaren immer weiter ausgedehnt, wird die Redefreiheit von der Redeform abhängig gemacht, die Meinungsfreiheit konfektioniert. Ach ja, die Bundesbank. Furchtbar. Wehe. Fehlt nur noch ein Merkelwort.

Gespräche im Zwischendeck: So rettete sich die SPD

Wie war das mit der Nahles, fragt sich die Nation. Wie wurde der Pop-Beauftragte Sigmar Gabriel zum Retter der deutschen Sozialdemokratie? Und wer berief die schmucke Mecklenburgerin Manuela Schwesig in den Kreis der neuen Vorständler? In der beliebten PPQ-Serie "Gespräche im Zwischendeck" veröffentlichen wir exklusiv ein aktuelles Abhörprotokoll, mitgeschnitten bei einem Telefongespräch zwischen Berlin und Schwerin:

a: "ja hallo, willy brandt-haus hier, glueck auf genossen, glueck auf."

b: "moin moin, was gibts?"

a: "ooch, wir montieren grad die neue vize-riege zusammen und wollten
mal von euch wissen..."

b: "...wen unser landesverband vorschlaegt?"

a: "hahaha, nee nee, wirklich, aber bei aller liebe, ihr mecklenburger
koennt da nix vorschlagen. sorry mien jung. allerdings... wir suchen
noch was passendes in der u-40 kategorie."

b: "genosse oder genossin?"

a: "genossin, genossin, jaja, unbedingt. genauer gesagt lautet das
profil: weiblich, jung, fickbar."

b: "fickbar?"

a: "jaja, jaja, muss ja. wir haben den scholzomat fuer otto normal
unverbleit, die kraft aus nrw fuer ottos frau, und wowi fuer die
randgruppen. fehlt noch was junges, frisches. wie soll ich sagen...
konsensmaessig fickbar eben."

b: "konsensmaessig fickbar... hm, ich weis nich... oder warte mal:
geht denn blond?"

a: "aber selbstverstaendlich geht blond. was fuer ne frage. blond geht
immer. blond is gut. sehr gut sogar. wie jung?"

b: " aehm... so mitte dreissig muesste die jetzt sein. so vierund-,
fuenfunddreissig. nich viel aelter."

a: "und die is wirklich fickbar? ich meine sex sells, oder, ahahahaar?
und die nahles muessen wir einfach kompensieren."

b: "ja, also unsere, denke ich, is da definitiv heiss genug. da kannst
du hier bei den jusos nachfragen, die haben ein wahlposter von der in
ihrem klubraum."

a: "name?"

b: "aehm, manuela. schwesig. manuela schwesig heisst die."

a: "notier ich gleich: ma-nu-el-a-schwe-sig. gut, gut, ich kuck sie
mir mal an, die kleine. kann die auch reden?"

b: "jaaaa, na klar. die hat studiert."

a: "studiert, aha, aha. du, das klingt erstmal super. wenn sie auf der
praesidiumssitzung wirklich als fickbar durchgeht... dann seh ich da
gute chancen."

b: "ehrlich?"

a: "jaja, jaja, na klar. so viele haben wir ja nich mehr von der
sorte, hahaha, nich wahr?. naja, ma schaun, wir werden das kind schon
schaukeln, verstehste, hahaha, schaukeln, was? ich bedanke mich fuer
den moment, genosse. glueck auf!"

Samstag, 3. Oktober 2009

Gott sei Dank, Bundesbank!

Axel Weber ist einer der erfolgreichsten Investoren Deutschlands. Als Chef der Bundesbank gelang es dem obersten Finanzaufseher der Republik, der deutschen Tochter der maroden Lehman-Bank einen Kredit in Höhe von 10,4 Milliarden Euro zu gewähren, als Sicherheit akzeptierte der Bundesbank-Chef Verbriefungen und Zertifikate, die sich im Nachhinein als "nicht werthaltig" herausstellten.

Aufsehen hat die Mitteilung, die Bundesbank habe mindestens fünf der investierten 10 Milliarden verloren, allerdings nicht erregt. Ganz im Gegensatz zur Mitteilung von Webers Vorstandskollegen Thilo Sarrazin, Berlin werde von "türkischen Wärmestuben" beherrscht, die Unterschicht in der Hauptstadt habe höhere Geburtsraten als die intelligenten Berliner und zahlreiche Einwanderer seien auch in der dritten Generation noch nicht willens, die Sprache ihrer neuen Heimat zu sprechen.

Kann es Schöneres für Axel Weber geben? 835 Artikel widmen deutsche Zeitungen heute dem "Skandal" um den ehemaligen Berliner Finanzsenator Sarrazin, ganze zwei finden da noch Platz für die Mitteilung von Webers Milliardenverlust. Gegen Sarrazin, der neu ist bei der Bundesbank und die Milliardenverluste nicht mitzuverantworten hat, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Axel Weber hingegen hat sich auf seine Weise zu Wort gemeldet: "Wir stehen bereit, mehr Verantwortung bei der Bankenaufsicht zu übernehmen", sagte Weber, durch dessen kluge Anlagepolitik jeder einzelne deutsche Staatsbürger zwischen 60 und 120 Euro Verlust gemacht hat. Die Bundesbank habe auch schon "Ideen, wie Bankenaufsicht und Unabhängigkeit der Geldpolitik vereinbar" seien, verriet Weber.

PPQ-Wunschbriefkasten: Lasst uns in Frieden Krieg führen

Es ist ja immer das alte Lied, zu dem die freie Presse tanzen soll. "Saaleboy1" etwa, Vertreter der eher bildungsfernen Schichten im Land, hat dem PPQ-Kollektiv einen "Hinweis" gesendet, der mit einem freundlichen "hallo" beginnt, als hätten wir alle zusammen schon so manche alte Oma überfallen und so manchen Bereitschaftspolizisten mit frisch ausgetrunkenen Bierflaschen beworfen. Ohne lange Vorrede kommt der Saaleboy dann aber zur Sache: "ich wollte Sie bitten das video das auf diesen link zusehen ist rauszunehmen weil auf diesen video sind einig Leute zusehen wo nicht die zustimmung haben das on line zustellen" (Original-Zitat).

Nach mehreren Anläufen ist es der PPQ-Enigma gelungen, die geheime Botschaft zu entschlüsseln, die sich im Buchstabengewirr verbirgt: Die Leute, die die Genehmigung hatten, die Staatsmacht mit Raketen zu beschießen, Kinder mit Steinen zu bewerfen und Pfefferspray auf alte Frauen zu sprühen, möchten nicht ins Fernsehen, sie möchten nicht zu Youtube, sie möchten eigentlich überhaupt nur in Frieden weiter Krieg gegen alle anderen führen. Und, sagt Saaleboy, der wohl ehrenamtlich bei der Fürsorge-Sektion der Krawallchaoten arbeitet: "wenn sie dieser Forderung nicht nach kommen können die die sie gefilmt haben Sie anzeigen oder noch schlimmer Sie im warsten Sinne des Wortes "Die Hölle auf Erden" besorgen".

Wir stellen uns jetzt vor, wie das wohl konkret ablaufen wird: Zehn mit perfekten Halbhirnen ausgestattete Vermummte betreten ihr örtliches Polizeirevier. "Ja, juten Morgn, Herr Wachtmeester", sagt der große Vorsitzende mit dem schwärzesten Gangstertuch vor dem größten Mund, "mir wolln äma Anzeiche erstattn jegen diese Internet-PPQ, weil die ham da ´n Film, da sieht mer jenau, wie wir jrade zwanzisch Bulln voll total geil kloppen, mit Stein´n, Pfefferspray und allem so, kennste ja. Wo müssmer uns da jetzte jenau hinwenden?"

Freitag, 2. Oktober 2009

So schön zum Schluss

In einem in vielen Facetten glänzenden Text zum deutschen Einheitsjubiläum hat die "Welt" einige wirklich bewegende Szenen versteckt. Die hier etwa, die Autor Torsten Krauel entweder mit viel Herzblut beobachtet oder aber mit meisterhaftem Gespür für Effekt ausgedacht hat. Wäre auch egal, denn so schön ist das:

10. November 1989, 7.35 Uhr. Ein junger Schüler radelt von Osten durch den Grenzübergang. Sein Blick ist auf den Asphalt gerichtet, als suche er etwas. Er wird langsamer. Dann findet er, was er finden wollte. Fast zärtlich langsam überquert er den weißen Grenzstrich. Er wendet, den Blick unverwandt auf den Strich gerichtet; überquert ihn noch langsamer in Richtung Osten, reckt die Hand zum Victoryzeichen und radelt davon. Die Schule beginnt um acht.

Neue Steuern, neue Jobs!

Ein Hauch von Reform liegt in der Luft, die als frischer Wind aus Brüssel weht. Um den Untergang der Erde abzubremsen, erwägt die Europäische Kommission zum letzten Mittel zu greifen: Eine funkelnagelneue Steuer auf den Ausstoß von Kohlendioxid soll ökologisch korrektes Verhalten fördern, Umweltvernichtung durch Autofahren, Essen, Fliegen, Trinken oder Sport aber bestrafen. Auf jedes Produkt soll nach den Plänen der EU-Führer eine Steuer erhoben werden, deren Höhe sich danach richtet, wieviel Energie bei Herstellung oder Gebrauch benötigt wird und wieviel Klimagas dabei entsteht.

Betroffen sind vor allem Heizöl, Benzin und andere Energieprodukte, aber auch Kleidung, Kuchen, Bücher, Haarpflegemittel, Topfpflanzen oder Motorboot- und Fahrradausflüge. Die Europäische Kommission werde in ihrem Vorschlag einen Mindeststeuersatz vorschlagen, der von den Mitgliedsländern jedoch noch beliebig erhöht werden könne, hieß es. Ziel der Steuer sei es, den Ausstoß von Kohlendioxid zu verringern. Der Zeitplan der Kommission ist ehrgeizig. Ab sofort sammelt die Brüsseler Behörde die Vorschläge der einzelnen Länder ein. Ende des Jahres sollen die Länder den politischen Beschluss zur Einführung der Steuer fassen, wenn alle zustimmen, könnte die Steuer bereits Anfang 2011 beginnen, das Weltklima zu retten.

Bis dahin wird eine neu aufzubauende EU-Klimasteuerbewertungsbehörde mit Sitz in Nizza ein CO2-Kataster für sämtlich in der EU gehandelten Waren und Dienstleistungen erstellen. Für die neue Behörde, die 27-sprachig und mit etwa drei Dutzend Außenstellen arbeiten soll, sucht die EU-Kommission vorerst 370.000 neue Mitarbeiter. "Hier zeigt sich schon", sagte der zuständige Steuerkommissar Laszlo Kovacs, "wie Umweltschutz mitten in der Krise hilft, Arbeitsplätze zu sichern und unentwegt neue zu schaffen".

Verbot der Woche: Stoppschild für Süßes


Schlechte Nachrichten für Schleckermäuler: Nachdem eine Studie vonWissenschaftlern der Cardiff University einen Zusammenhang zwischen frühkindlichem Süßigkeitenkonsum und späterem Hang zur Gewalttätigkeit nachgewiesen hat, werden Stimmen laut, die schnelles Handeln der neuen Großen Koalition der Nationalen Rettung fordern. Berlin müsse reagieren, hieß es etwa bei der Gewerkschaft der Polizei. Schokolade müsse im Rahmen der PPQ-Initiative "Verbot der Woche" umgehend verboten und Stoppschilder vor Knabberregalen müssten Pflicht werden, um Ausschreitungen wie kürzlich nach einem Fußballspiel in Halle langfristig zu verhindern. Die britischen Wissenschaftler hatten bei der Auswertung der Daten von 17.500 Personen festgestellt, dass Zehnjährige, die 1970 täglich Süßigkeiten gegessen hatten, heute deutlich öfter wegen Gewaltdelikten verurteilt werden als diejenigen, die weniger genascht haben.

Nach der Studie waren mehr als zwei Drittel der heute gewalttätigen Erwachsenen als Kinder ausgesprochene Naschkatzen. Sie hatten damals angegeben, fast jeden Tag Süßigkeiten oder Schokolade zu essen. Bei den nicht wegen Gewalt Aufgefallenen hatten dies nur 42 Prozent gemacht. Die Verbindung zwischen Gewaltneigung und Süßigkeitenkonsum sei signifikant, auch unter Berücksichtung anderer Faktoren wie dem Verhalten der Eltern, der Wohngegend oder der Ausbildung, sagen die Wissenschaftler.

Die Erklärung der Experten für den auffälligen Zusammenhang deutet darauf hin, dass Kinder, die regelmäßig Süßigkeiten naschen, nicht lernen, auf die Erfüllung von Wünschen zu warten. Wer aber nicht auf Belohnung warten könne, beschreibt der Psychologe Simon Moore, neige später zu einem impulsiveren Verhalten, das zu Delinquenz führe. Statt Videospiele zu verbieten sei es deshalb naheliegend, den Genuss von Schokolade, Bonbons und Zuckerstangen durch Kinder ähnlich wie das Rauchen unter Strafe zu stellen. Diese Maßnahme werde die Gewaltneigung langfristig verringern.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Wer hat es gesagt?

„Mein ganzes Leben ist ein Memento für all diejenigen, die an dem allgemeinen Übel der Menschheit kranken, von dem, so weit ich sehe, die Hälfte alles ihres Unglücks kommt; ich meine das Übel, dass sie nicht mit dem Lebenszustand zufrieden sind, in den sie Gott und die Natur versetzt haben.“

PPQ rettet SPD: Schwesig wird Vize

Da lagen die PPQ-Experten doch wieder goldrichtig! Kaum 48 Stunden nach unserem solidarischen Hinweis an das Willy-Brandt-oder-wie-es-auch-sonst-gerade-heißen-mag-Haus, man solle sich zur Besetzung der freigewordenen Chefposten sofort auf die Suche nach dieser "hübschen mecklenburgische Sozialmininisterin" machen,die Anfang des Jahres mal kurzzeitig als Hoffnungsträgerin der SPD herumgereicht wurde, ist es schon passiert. Der Internet-Flügel der New-SPD hat mit Hilfe des Suchriesen Google herausgefunden, wie die Dame hieß und ihr, wie von PPQ vorgeschlagen, ein Plätzchen im erneuerten SPD-Vorstand angetragen. Da kann man nicht nein sagen, ruft die einzig amtliche deutsche Nachrichtenagentur gerade: "Eil+++ Manuela Schwesig wird SPD-Vize". Ach, so hieß die also.

Abriss-Exkursionen: Im Kulturhaus der Bunawerker

Als Stalin noch regierte, sollte das Geburtsklinik für den neuen Menschen werden: Das "Klubhaus der Werktätigen" vor den Toren der Kohlechemiefabrik Buna, wurde im IG-Farben-Code X50 genannt, entstammt aber einer Zeit, als der Sozialismus sich aufmachte, den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn zuvor eingeholt zu haben. Arbeit und Kultur, so stellte sich das die Sozialistische Einheitspartei vor, sollten am Arbeitsplatz stattfinden, der Mensch sich definieren als Wesen, das nicht Arbeitszeit und Freizeit unterscheidet, sondern 24 Stunden am Tag an der Zukunft baut.

Ein Konzept, das dem Mauerfall nicht überstand. Plötzlich befand sich das gewaltige Haus, dessen Silhouette an mehrere übereinandergestapelte Großgaragen erinnert, am völlig falschen Ort. Wer mit dem Auto zur Schicht kommt, statt mit dem "Schichterzug", der zischt auch keine zehn Bier mehr nach Arbeitsschluss.

Über anderthalb Jahrzehnte verfiel der Riesenbau, ehe sich ein irrwitziger Investor mit dem Plan meldete, ein "multikulturelles Veranstaltungszentrum" in die Ruine im Niemandsland zwischen Halle und Leipzig zu bauen. Mehr als 20 Millionen Euro sollten investiert werden - eine Idee, die der Landesregierung in Magdeburg imponierte. Aus dem Töpfchen für die touristische Infrastruktur kamen 9,5 Millionen Euro Fördermittel, schließlich, so hatte der ostdeutsche Disko-König versprochen, würde der neue Kulturtempel Konzertgänger und Diskobesucher noch aus Chemnitz, Erfurt und Berlin anlocken. Und allzu genau wollte es niemand nehmen, denn nachdem die Magdeburger Landesregierung zwischen 1994 und 1999 fröhlich 400 Millionen Euro Fördermittel mangels Anlagemöglichkeit unverbraucht an den Bund zurückgegeben hatte, kam es nur darauf an, irgendetwas zu finden, wo sich Steuergelder verbauen ließen.

Allerdings war der Bauablaufplan dann doch erst etwa bis zur Hälfte abgearbeitet, als sich eine neue Regierung alles anders überlegte. Der genehmigte Fördermittelbescheid wurde zurückgezogen, der Investor wegen Fördermittelmißbrauch angeklagt. Niemand wollte mehr gewusst haben, dass sich im "multifunktionellen Veranstaltungszentrum X50" von Anfang an auch eine Disko befinden sollte.

Es wurde ein langer kurzer Prozess. Nach sieben Monaten in Untersuchungshaft wurde der inzwischen insolvente Investor zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er 421.000 Euro Fördermittel zweckentfremdet verwendet habe. Das Land stellte auch für den Rest der bereits ausgezahlten Fördersumme von 4,8 Millionen Rückforderungen. Wenigstens muss man ja so tun als ob. Handwerker zogen los und bauten das Material aus dem Gebäude aus, für das sie nicht bezahlt worden waren. Andere deckten das Dach ab und entfernten Rohrleitungen. Geblieben von den großen Plänen ist vier Jahre später nur die architektonische Ahnung eines großen Wurfes, die vor allem im großen Saal zu spüren ist. Weit schwingende Traversen ziehen sich bis über die beim Umbau auf die andere Seite verlegte Bühne hin. Ja, diese Halle hätte reichen können, 2000 bis 3000 Menschen zu empfangen.

Dazu wird es nicht kommen. Sechs Jahre nach dem Start des ehrgeizigen Umbauprojektes ist X50 nun endlich ein würdiger Kandidat fürdie PPQ-Reihe Abriss-Exkursionen: Das Land hat seine 4,8 Millionen natürlich bis heute nicht wiedergesehen, dafür aber immerhin eine Ruine errichtet, die sich nicht vorwerfen lassen muss, die touristische oxdr sonst irgendeine Infrastruktur zu stärken. Multikulturell sind im feuchten Inneren des Baudenkmals nur die Kritzeleien bildungsferner Wandmaler: Kürzlich wurde hier das "Königreich Hohenweiden" ausgerufen. In dem wohnen sie wohl jetzt, die neuen Menschen.