Ein feuchter Wald voller Mücken, und mittendrin ein Wolf. Ab 1940 baute die Organisation Todt in einen Wald bei Rastenburg im heutigen Polen ein Führer-Hauptquartier für den geplanten Russland-Feldzug, ab 1941 zog Adolf Hitler selbst in einen der sieben riesigen Stahlbetonbunker mit dem Tarnnamen „Chemische Werke Askania“, um näher an der Front zu sein.
In zwei ineinanderliegenden Zonen erbaut, war das von Hitler selbst mit dem Namen "Wolfsschanze" geschmückte neue Regierungszentrum des 3. Reiches ein Denkmal der Angst: Tarnnetze sollten es vor den Augen feindlicher Flieger verbergen, ein Tarnzement mit Algenanteilen versprach, die Bunker schnell bemoosen und bewachsen zu lassen. Ringsum lauerten Flakstellungen im Unterholz, um angreifende Flugzeuge auszuschalten. Absurd erscheinen die Bunkerbauten: Hinter einem bis zu 150 Meter breiten Minengürtel und einem 10 Kilometer langen Stacheldrahtzaun ragen Betonburgen mit sechs bis acht Meter dicken Wänden auf, in deren Inneren gerade noch Platz für ein paar kleine, muffige Kammern ist.
Die Wolfsschanze ist nie angegriffen worden, abgesehen vom Bombenattentat des Grafen Stauffenberg hatte es Hitler hier den ganzen Krieg lang wunderbar friedlich. Aus Bunker Nr. 13 im streng gesicherten inneren Sperrkreis regierte der selbsternannte "Wolf" das Reich per Funk und Telefon, gequält nur von schwarzen Mückenschwärmen, die das Oberkommando des Heeres im Zusammenspiel mit den Wutausbrüchen des Herrschers veranlassten, die eigenen Führungsbunker lieber 20 Kilometer entfernt bei Mauerwald in einen luftigen Wald am See zu bauen.
Im Januar 1945 wurden beide Anlagen aufgegeben, weil die Sowjetarmee vor den Toren stand. Nach Angaben in der Literatur wurden alle Objekte von der zurückweichenden Wehrmacht gesprengt, angeblich mit Hilfe von zwölf Tonnen Sprengstoff. Örtliche Führer hingegen behaupten, die Sowjetarmee habe nach der Eroberung versucht, Hitlers Hauptquartier dem Erdboden gleichzumachen.
Gelungen jedenfalls ist es nicht, wem auch immer. Die wie kaputte Hochhausfundamente aus dem Waldboden ragenden Reste der Bunkeranlage sind heute eine der Touristenattraktionen in den Masuren. Pro Jahr kommen Hunderttausende aus aller Welt auf Abriss-Exkursion, um zuzuschauen, wie Wasser, Moos und Sträucher Wolfs einstiges Revier langsam unterspülen und überwuchern.
Mittwoch, 18. November 2009
Dienstag, 17. November 2009
Die dritte bitte
"Deutschland, Deutschland über alles. .." habe Krawczyk geschmettert, bis er unterbrochen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Hoffmann von Fallersleben zwar drei herzblutend-nationale Strophen gedichtet, in zweien aber zumindest jüngerer Lehrmeinung zufolge über das Ziel hinausgeschossen habe. Ob Krawczyk dann weitersang und was, konnten die "Spiegel"-Praktikanten entweder nicht ermitteln oder nicht aufschreiben. Es reichte nur noch zum Hinweis dass die "ersten beiden Strophen zwar nicht verboten", seien, " aber - nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus - weitgehend tabuisiert".
Der einstige Staatssekretär und heutige Bundespräsident Horst Köhler selbst, seit seinem aus dem Jahr 1990 stammenden Hinweis, in der DDR-Industrie müsse "auch mal gestorben werden", bei Ostdeutschen und Bürgerrechtlern gleichermaßen kultisch verehrt, habe Krawczyk mit dem Satz "Die dritte Strophe, bitte", auf den rechten Pfad zurückgeleitet, berichtet die "Welt".
Die weitergehend aber auch die Hände hebt: "Ob Krawczyk den Fehlgriff als kleine satirische Einlage gedacht hatte oder ob er tatsächlich hymnenhistorischer Unkenntnis geschuldet war, ließ sich im Nachhinein freilich nicht mehr ermitteln". Vermutlich, weil Stephan Krawczyk schon wieder im Stasi-Knast Hohenschönhausen sitzt und von dort seinerzeit Bärbel Bohley direkt zu einem "Studienaufenthalt" nach Großbritannien ausgewiesen wird.
Knapp vorbei ist auch daneben
Als hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, wie weit weg die Illustrierte "Der Spiegel" inzwischen davon ist, ein "Nachrichtenmagazin" zu sein, lässt Linken-Chef Oskar Lafontaine gerade melden, dass er an Krebs erkrankt ist. Ein harter Schlag für den harten Hund aus dem Saarland, aber auch für die lüsternen Fantasten im Hamburger Spiegel-Hochhaus, die ihren Lesern gerade in eben noch nicht gerichtsverwertbaren Andeutungen bunt ausgemalt hatten, wie der kleine, dicke Zwerg Lafontaine sich seit Jahren über die große, ranke Luxemburg-Reinkarnation Sarah Wagenknecht hermacht.
Nur wegen seiner "Affäre" ("Der Spiegel") mit der Parteikollegin habe Lafointaine in den vergangenen Wochen mehrmals Änderungen an seiner politischen Karriereplanung vollzogen, ließ es das Blatt aus Hamburg nicht an Fantasie mangeln. Ehefrau Christa Müller habe dem Tunichtgut schließlich Beine gemacht und ihn zu häufigerer häuslicher Anwesenheit angehalten.
Dementiert wurde die schwiemelige "Spiegel"-Andeutung nicht. Sondern pulverisiert. Knapp vorbei ist auch daneben: Nein, es ist nicht Sex, sondern Krebs, Lafontaine hat keine Affäre, sondern eine angeschlagene Gesundheit, die eine "seit längerem geplante OP" erfordert. Die findet am Donnerstag statt, ab Anfang kommendes Jahres will der Arbeiterführer aus dem Saarland dann entscheiden, ob er noch einmal zurückkehrt auf die politische Bühne. Nach Berlin. Wo Sarah Wagenknecht sicher schon wartet - und vor ihrer Haustür im Gebüsch die Reporter aus Hamburg.
Nur wegen seiner "Affäre" ("Der Spiegel") mit der Parteikollegin habe Lafointaine in den vergangenen Wochen mehrmals Änderungen an seiner politischen Karriereplanung vollzogen, ließ es das Blatt aus Hamburg nicht an Fantasie mangeln. Ehefrau Christa Müller habe dem Tunichtgut schließlich Beine gemacht und ihn zu häufigerer häuslicher Anwesenheit angehalten.
Dementiert wurde die schwiemelige "Spiegel"-Andeutung nicht. Sondern pulverisiert. Knapp vorbei ist auch daneben: Nein, es ist nicht Sex, sondern Krebs, Lafontaine hat keine Affäre, sondern eine angeschlagene Gesundheit, die eine "seit längerem geplante OP" erfordert. Die findet am Donnerstag statt, ab Anfang kommendes Jahres will der Arbeiterführer aus dem Saarland dann entscheiden, ob er noch einmal zurückkehrt auf die politische Bühne. Nach Berlin. Wo Sarah Wagenknecht sicher schon wartet - und vor ihrer Haustür im Gebüsch die Reporter aus Hamburg.
Wiedergeboren als Lederrockerin
Da staunten die Fans beim alljährlichen "Ribfest" im Miami Dade County nicht schlecht. Die knackige Dame unter der gewagten Strähnchenfrisur, die da in viel zu engen Lederhosen auf die Büphne stiefelte und "I Love Rock´n`Roll" jodelte, war zwar vom Veranstalter als eine angebliche "Joan Jett" vorgestellt worden. Doch schnell hatte das Publikum herausgefunden, wer da wirklich rockte, einen schweren Bass umgehängt und den Hals mit Lederbändchen umwickelt: Die Deutsche Gabriele Susanne Kerner, weltweit besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Nena (Bild oben rechts), ist schließlich seit "99 Luftballons" auch den USA ein Star.Erst jetzt beim "Ripfest" das überraschende Outing. Erstmal schlüpfte Nena für die Promoflyer und -Plakate in kein Kostüm, erstmals behielt sie ihre weltbekannte Nena-Frisur auch als "Joan Jett" bei. Dem Erfolg bei den Fans tat das zumindest auf der großen Zusammenkunft der Fleischfans keinen Abbruch: Mit Joan-Jett-Hits wie "Do You Wanna Touch Me" rockte sich Nena in die Herzen der Rippchenesser, die am Ende vier Zugaben forderten - und natürlich auch "99 Luftballons" bekamen.
Montag, 16. November 2009
Abu Blabla warnt nicht mehr
Deutschland war im Ausnahmezustand, damals, kurz vor der Bundestagswahl. Stunde für Stunde entdeckten die hellwachen Nachrichtenagenturen auf Anregung des Bundesnachrichtendienstes neue, schreckliche Video-Drohungen im Internetportal Youtube. Al Talha und Abu Blabla, der "Deutsch-Afghane" Bin Blubbs und der Meppener "Konvertit" Mullah Murren kündigten den Deutschen grauenhafte Strafen an, sollten sie bei der Bundestagswahl nicht Oskar Lafontaine und den sofortigen Abzug aller deutschen Truppen aus Afghanistan wählen. Nach Angaben der Bundespolizei in Potsdam erreichten die Drohungen von El Kaida und anderen islamistischen Organisationen gegen Deutschland mit jedem neuen Video eine "neue Qualität" (dpa), Angst ging um im Lande, die Angst davor, das nächste Drohvideo zu verpassen, das nächste Bin-Laden-Tonband nicht rechtzeitig zu den "Tagesthemen" übersetzt zu bekommen. Die Angst war grenzenlos, wie von Die Anmerkung veröffentlichte offizielle Terrordrohstatistik für Deutschland grauenerregend deutlich zeigt.
Die Regierung reagierte schnell und angemessen. An Flughäfen und großen Bahnhöfen patrouillierten Bundespolizisten mit Maschinenpistolen. Prophylaktisch wurden auch einige "Gefährder" inhaftiert und Fahndungsplakate mit Bildern der Youtube-Droher gedruckt. Die Qualitätsmedien von "Spiegel" bis "SZ" nahmen sich des Themas an und wiesen nachdrücklich darauf hin, dass es Al Kaida vor Jahren in Spanien gelang, einen Wahlausgang durch terror zu beeinflussen.
Eine Strategie, die im Nachhinein goldrichtig genannt werden muss. Obwohl die Deutschen bei der Wahl mehrheitlich für eine weitere Verteidigung der Demokratie am Hindukusch votierten, hat Al Kaida bislang darauf verzichtet, Deutschland wie angekündigt dem Erdboden gleichzumachen. Weder gab es die für die Woche nach der Wahl terminierten "fürchterlichen Konsequenzen", noch weitere Drohvideos. Der Bundesnachrichtendienst hat sich dem Terrorboykott der Islamisten inzwischen angeschlossen: Schon seit mehreren Wochen wartet die Gemeinde der Terrorvideofans vergebens auf neue Videosichtungen.
Die Regierung reagierte schnell und angemessen. An Flughäfen und großen Bahnhöfen patrouillierten Bundespolizisten mit Maschinenpistolen. Prophylaktisch wurden auch einige "Gefährder" inhaftiert und Fahndungsplakate mit Bildern der Youtube-Droher gedruckt. Die Qualitätsmedien von "Spiegel" bis "SZ" nahmen sich des Themas an und wiesen nachdrücklich darauf hin, dass es Al Kaida vor Jahren in Spanien gelang, einen Wahlausgang durch terror zu beeinflussen.
Eine Strategie, die im Nachhinein goldrichtig genannt werden muss. Obwohl die Deutschen bei der Wahl mehrheitlich für eine weitere Verteidigung der Demokratie am Hindukusch votierten, hat Al Kaida bislang darauf verzichtet, Deutschland wie angekündigt dem Erdboden gleichzumachen. Weder gab es die für die Woche nach der Wahl terminierten "fürchterlichen Konsequenzen", noch weitere Drohvideos. Der Bundesnachrichtendienst hat sich dem Terrorboykott der Islamisten inzwischen angeschlossen: Schon seit mehreren Wochen wartet die Gemeinde der Terrorvideofans vergebens auf neue Videosichtungen.
Sonntag, 15. November 2009
Der Himmel über Halle XIX
Wie es unsere pummlige kleine Stadt immer wieder schafft, einen grandiosen Himmel über sich zu spannen, verdient größten Respekt. Unten verfranst sich die Kommunalpolitik im kleinlichsten Kleinklein aller Zeiten, öden sich Menschen an und stümpert sich der lokale Fußballklub gen Aufstieg in die 3. Liga. Aber oben, da thront ein Weltendach, dass einem ganz schummrig wird. Dieses Ceterum Censeo ostdeutscher Realität dokumentieren wir vom Wolkenschaf-Board PPQ aufs Neue und aufs Neue in der Serie "Der Himmel über Halle".
Fremde Federn
Wie hoch bemisst sich unser heutiger Schaden von beispielsweise den beiden großen „Mandränke“-Fluten von 1362 und 1634, die große fruchtbare Flächen dauerhaft in das verwandelt haben, was wir heute als norddeutsches Wattenmeer kennen – und unter Naturschutz gestellt haben? Welchen Preis hätten unsere Ahnen zahlen müssen, um das zu verhindern, wenn es möglich gewesen wäre?
Mehr zu Nicholas Stern und seinen Forderungen für den Klimagipfel in Kopenhagen findet sich hier.
Mehr zu Nicholas Stern und seinen Forderungen für den Klimagipfel in Kopenhagen findet sich hier.
Lebenshilfe im Lied
Gepasst hätte es ja, wenn der unvermeintliche Xavier Naidoo auf dem Gräberfeld von Hannover zum Mikrophon ge- und mit seinem Gesang die Trauergemeinde ergriffen hätte, die zahlenmäßig weit hinter dem zurückblieb, was Funktionäre und Medienkämpfer prophezeit hatten. Die Menschen im Land scheinen vernünftiger als die Organisatoren des schmierigen Spektakels: Statt der erwarteten 100.000 Trauergäste kamen nur 40.000, so konnten die Videowände vor dem Stadion, die aus der Trauerfeier eine Totenkirmes gemacht hätten, gespart werden.
Statt des öligen Naidoo gab es ein auf Akustikgitarren geschrotetes "You´ll never walk alone" und ein Lied namens "The Rose", zu dem sich Johannes B. Kerner vorher eine Übersetzung besorgt hatte. Bei Youtube steht unterdessen auch ein gräßlicher musikalischer Verehrungsversuch. Aber ab morgen gilt dann wieder das Wort des Fußball-Philosophn Dragoslav Stepanovic: „Läbbe geht weiter!" Auf Ebay gibt es inzwischen alle Jacken, Handschuhe und Turnhosen, die Robert Enke jemals getragen hat. Preise ab 200 Euro aufwärts. Dazu passt Lebenshilfe in einem richtigen Lied, aural einzunehmen:
And when you see a monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday
Don't be sad, you can't
You're on your own
Eat, get high
Now there's nothing wrong at all
So when you see that monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday
Statt des öligen Naidoo gab es ein auf Akustikgitarren geschrotetes "You´ll never walk alone" und ein Lied namens "The Rose", zu dem sich Johannes B. Kerner vorher eine Übersetzung besorgt hatte. Bei Youtube steht unterdessen auch ein gräßlicher musikalischer Verehrungsversuch. Aber ab morgen gilt dann wieder das Wort des Fußball-Philosophn Dragoslav Stepanovic: „Läbbe geht weiter!" Auf Ebay gibt es inzwischen alle Jacken, Handschuhe und Turnhosen, die Robert Enke jemals getragen hat. Preise ab 200 Euro aufwärts. Dazu passt Lebenshilfe in einem richtigen Lied, aural einzunehmen:
And when you see a monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday
Don't be sad, you can't
You're on your own
Eat, get high
Now there's nothing wrong at all
So when you see that monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday
Deutschland einig Trauerland
Die Feier in Berlin zum 20-Jährigen Mauerfall - ein Reinfall. Blödel-Gottschalks Moderation erinnerte mehr an eine Außenwette als an ein geschichtsträchtiges Jubiläum. So und ähnlich verlaufen fast alle deutschen Veranstaltungen, bei denen etwas gefeiert wird. Steif, stümperhaft organisiert, die falschen Leute eingeladen. Seit 1945 ist dieses Land des Feierns nicht mächtig, als ob die Alliierten den Deutschen jede Freude im Kollektiv ein für alle Mal verboten hätten. Mal abgesehen von ein paar Jahren 1.Mai und 7. Oktober-Feiern in der DDR. In Deutschland wird dafür getrauert. Denn das können wir so richtig. Wenn ein Schüler Amok läuft, kommen 100.000 mit Kerzen auf den Erfurter Domplatz. Wenn ein Torwart sich vor den Zug wirft, trauert die ganze Nation am Bildschirm mit. Wer keine Zeit und/oder kein Ticket fürs Stadion hat, der sitzt an diesem sonnigen Sonntagvormittag vor der Glotze und verfolgt live, wie die Fußballnation im Tränenmeer versinkt. Trauer, das ist eben unser Ding. Sogar die Trauerfeier letztes Jahr für Knut-Papa Thomas Dörflein waren zigfach besser, größer und einfallsreicher als der erste Geburtstag des Eisbären selbst. Hier ist sich Deutschland ausnahmsweise mal einig. Deutschland einig Trauerland.
Schamloses Spektakel
Eigentlich gilt hierzulande das ungeschriebene Gesetz, dass Medien über Selbstmorde nicht groß und breit und lang berichten, weil große, breite und lange Berichte über Selbstmorde Selbstmörder produzieren. Depressive neigen zur Nachahmung, allerdings nur, bis sich der Keeper von Hannover 96 letzte Woche vor einen Zug stellte. Seitdem ist Staatstrauer: Länderspiele werden abgesagt, Fußballarenen zu Trauerhallen umfunktioniert. Robert Enek wächst im Tod zu einer übermenschlichen Gestalt: Als habe er mindestens vier Grundschulkassen vor dem Erschießen durch gnadenlose Al Kaida-Terroristen gerettet und dabei selbstlos sein Leben gegeben.
"Mehr Spiele, mehr Tore, mehr Netto", verspricht Hauptsponsor AWD auf der Werbebande, während DFB-Präsident Theo Zwanziger Sätze voller schwergewichtiger Worte wie "Nachdenken" und "Werte" ins Mikrophon heuchelt. Vier Sender übertragen den "Volltreffer für ihre Finanzen" (Werbebande) live, die Kamera fährt immer wieder ganz nah ins Gesicht der Witwe. Die gesamte Nationalmannschaft ist zur größten deutschen Trauerfeier seit dem Tod von Joseph Stalin gekommen, angemessen betroffen tun auf der Tribüne neben Ex-Kanzler Gerhard Schröder Schweini und Poldi, die Mannschaftskameraden von 96, Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Steffi Jones, Präsidentin des WM-OK für die Frauen-WM 2011.
"Wir alle spüren in den letzten Tagen auch das unbändige Bedürfnis, innezuhalten", säuselt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ohne innezuhalten. Er schließe daraus, dass sich "in unserem Land etwas ändern muss". Ein Selbstmord als Reformanreiz, ein schamloses Trauerspektakel als Neuanfang für Moral und Anstand?
Robert Enke ist dem "Druck" der medialen Dauerbewachung entflohen, den ihn seine Krankheit nicht mehr ertragen ließ. Ersatzweise richten sich die Kameras nun auf den im Mittelkreis aufgebahrten Sarg. Auch der Tod ist kein Entkommen.
Samstag, 14. November 2009
Mutterschutz fürs Vaterland
Die SPD ist nun ganz "neu", wie Deutschlands einzige wahre Nachrichtenagentur dpa brühwarm aus Dresden berichtet. Aber alle Aufregung ist überflüssig, denn die Feindbilder der Genossen sind ebenso die alten geblieben wie das Personal. Gegen "neunmalkluge BWL-Yuppies" wetterte der frühere Pop-Beauftragte und nunmehrige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel. Viel zu lange habe man sich von fragwürdigen Figuren wie dem SPD-Finanzstaatssekretür Jörg Asmussen sagen lassen, wo die neoliberale Axt hänge, es Nicht-Fachleuten wie Hans Eichel überlassen, Staatseigentum ohne Rücksicht auf Verluste zu privatisieren und dem ohne Berufserfahrung in der Finanzwirtschaft als Minister dilletierenden Peer Steinbrück freie Hand beim Vorantreiben immer größerer Verbriefungsmöglichkeiten gegeben. Damit müsse jetzt Schluss sein, bastate Sigmar Gabriel. Statt des gewohnten Brioni-Anzug solle die SPD wieder Blaumann tragen, in die längst geschlossenen Stehkeipen der "Kumpel" gehen und sich so zum Interessenvertreter der Hausmeisterbranche stilisieren. Wo es "stinke" (Gabriel) müsse ein Genosse sein. Als starker Arm von Callcenter-Angestellten habe die deutsche Sozialdemokratie eine Zukunft, hören müsse sie jedoch wieder viel mehr auf den "einfachen Mann", dem Schwarz-Geld demnächst "das letzte Hemd ausziehen" werde.
Dass das nicht wie von Ex-Fastkanzler Walter Steinmeier vorhergesagt direkt nach der Wahl geschehen ist, hatte für viel Enttäuschung bei den Enttäuschten gesorgt. Wieder habe die SPD ein Wahlverprechen gebrochen, hieß es bei Benachteiligten. Statt die kalte neoliberale Klinge auszupacken, um harte soziale Einschnitte vorzunehmen, hatte das neue Kabinett Merkel unter dem Namen "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" Steuersätze gesenkt und das Kindergeld erhöht. Steinmeier aber macht keinen Rückzieher, sondern nutzt seine fulminante Rede in Dresden, um das gegebene Wahlversprechen zu erneuern: Spätestens im Mai 2010 werde es soweit sein, rief er den Delegierten zu. Bis dahin habe sich die neue Koalition in Berlin entschlossen, eine völlig verantwortungslose Politik nach dem Vorbild der abgewählten Großen Koalition zu machen. Wie bei SPD-Finanzminister Peer Steinbrück, der Milliardenschulden machte, um Autokäufern bei der Neuwagenfinanzierung zu helfen, verschulde die Regierung das Land langfristig, um kurzfristige Steuergeschenke machen zu können. Das sei natürlich ungeheuerlich, sagt auch der neue Parteichef Sigmar Gabriel, der sich für ein bisschen Promotion schon mal von einem Parteigenossen wünscht, dass der ihn bei McDonalds erwischt und das Foto davon als Bild-Leserreporter veröffentlicht (Repro oben).
Mit einer verantwortlich handelnden Sozialdemokratie in Regierungsverantwortung wäre das nie passiert, sondern ganz genauso. Aber das sagt hier niemand. "Wir sind die alte Garde" singt der Parteitag, der mit der früheren Managermatratze Andrea Nahles, dem Berliner Partylöwen Klaus Wowereit, dem Popmusikexperten Gabriel und dem alten Gerhard-Schröder-Getreuen Olaf Scholz alles an die Spitze wählt, was aus den großen Tagen der Schröder-Fischer-Regierung noch nicht im Rentenalter ist. Gemeinsam will die ehemalige zweite Reihe der ehemaligen Volkspartei nun die "Deutungshoheit" (Gabriel) für die Interpretation der Weltläufte zurückerobern. Es gibt keine Inhalte, keine Visionen, keine Botschaften. Außer der, wie wichtig es sei, darüber zu sprechen, welche man denn am besten haben sollte, um möglichst schnell zurückzukehren in "Verantwortung" (Gabriel), wie der hier gebräuchliche Code für Macht und Posten heißt.
Eine Selbsthilfegruppe, die nach der Macht strebt, um sie zu haben, nicht um sie zur Erreichung irgendwelcher Ziele zu nutzen. Denn Ziele hat die SPD derzeit keine außer dem, welche zu finden, die konsensfähig genug sind, sie zurückzubringen an die Fleischtröge der Kabinettstische. Doch die Gesellschaft, von der aus die alte neue SPD in Dresden auf die Suche nach einer Gestaltungsperspektive geht, ist eine rein virtuelle. Menschen im Deutschland des Jahres 2009 tragen in der Gedankenwelt des Walter Steinmeier ernsthaft ein "letztes Hemd", denn sie sind seiner Ansicht nach ja "einfache Leute" und sie lechzen deshalb natürlich nach immer nur noch mehr Verteilungsgerechtigkeit.
Mutterschutz fürs Vaterland, dass ist die Glücksvorstellung der Sozialdemokratie in ihrem 142. Jahr. Das ganze Leben soll betreutes Wohnen sein, statt Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen zu wagen, sieht die "neue" SPD sich ganz im Stil der alten lieber als Kindergärtner für die Gesamtbevölkerung. Diese Vorstellung allein hält die auseinanderfliegenden Flügel der Sozialdemokratie noch zusammen - dass Verkäuferinnen ein Vollkaskoleben wollen, Bauarbeiter Rundumbetreuung brauchen wie Werbegrafiker ein warmes sozialdemokratisches Kuschelsofa, dass sich ein ganzes Land mit Mindestlohn und Pornosperre, mit Alcopopbann und Feinstaubfilter, mit Verboten und Regulierungen in allen Lebensbereichen spielen lässt wie eine große willenlose Marionette.
Rocker im Rettungswagen
Remmidemmi am Samstagnachmittag, Blaulichtgeheul in der Altstadt, Großalarm im Burgviertel. Über dem Naherholungsgebiet Peißnitzinsel steigt dunkler Rauch auf, eine Kolonne von 21 Fahrzeugen von Rotem Kreuz und THW rast mit Höchstgeschwindigkeit durch die Stadt, unterwegs zum Saaleufer, um Leben zu retten. Kinder, die in den Fluss gefallen sind? Ein sinkendes Schiff der Weißen Flotte? Schweres Ölleck an der Pioniereisenbahn?Passanten stehen, Spaziergänger staunen, auf Twitter kreist die Frage, was da los ist. Die Spezialeinsatztechnik der Katastrophenhelfer kommt schließlich am Rive-Ufer zum Halten, kernige Kerle in Einsatzkleidung entspringen den Rettungwagen, Sanitäter parken ihre Transporter, alle zusammen eilen Richtung Ufer. Hier an der Imbißbude qualmt er schon, der Würstchengrill, an dem die Lebensretterinnen und Lebensretter, die Katastrophenhelfer und Katastrophenhelferinnen nun ihre kleine, ein bisschen vorgezogene Weihnachtsfeier abhalten.
Freitag, 13. November 2009
Wahl ohne Qual
Früher wurde bei Wahlen gewählt. Ehe es nicht zu Ende war, wusste niemand, wer gewonnen hatte: Konnte sein, der Favorit, konnte sein, der Herausforderer. Demokratische Wahlen unterschieden sich von Wahlen zum Freundschaftspionierrat auch dadurch, dass nicht im Block abgestimmt wurde - jeder, der antrat, musste ganz allein druchs Feuer hinüber in seinen neuen Posten, es gab manchmal Gegenkandidaten, die das verhindern wollten, manchmal gelang denen sogar eine Überraschung und sie setzten sich durch.Das aber ist lange her und längst nicht mehr gängige Praxis in den Parteien, die sich demokratisch nennen, im Zweifelsfall aber eine einheitliche Außenwirkung für wichtiger halten als jede Binnendemokratie. Nicht nur bei der in Blockabstimmungen traditionell starken SED-PDS-Linke fehlt es bei "Wahlen" zu Parteiämtern gewohnheitsmäßig an Wettbewerbern für die hinter verschlossenen Türen gekürten Kandidaten. Auch bei der CDU, der FDP und der SPD sieht es nicht anders aus: "Wahlen" sind so sehr Wahlen wie die Stimmensammlungen zur DDR-Volkskammer "Wahlen" waren - wer gewinnt, steht stets vorher fest, spannend ist einzig und allein, mit wieviel Stimmen der zu Wähelnde am Ende durchs Ziel geht.
Bei Sigmar Gabriel entscheiden sich diesmal 472 von 501 Delegierten für den Vorschlag des Politbüros: Mit 94,2 Prozent der Stimmen wird der dicke Dampfplauderer Parteivorsitzender. Angela Merkel war letztes Jahr in ihrer Partei mit 95,9 Prozent nicht viel besser, aber auch Egon Krenz hat in seinem letzten Job als DDR-Wahlleiter nur 97,62 Prozent Ja-Stimmen für die Kandidaten der Nationalen Front organisieren können. Sigmar Gabriel will nun dorthin gehen, wo es stinkt, weil dort das Leben brodele. Die SPD, in der bis zur vollzogegen Kürung des neuen 1. Sekretärs alles ganz wunderbar klar war, schwebt nun im Ungewissen. Woher wird sich Gabriel das nächste Mal melden: Reeperbahn? Indische Slums? Schanghai? Die Favelas von Rio?
Abschied auf der Videowand
T-Shirts mit dem Sarg im Mittelkreis wird es nicht geben, doch das ist auch das einzige Zugeständnis an empfindliche Gemüter, die bislang meinten, Sterben sei eher doch Privatsache und beerdigt werden verlange vorzugsweise nach Stille und Andacht.Die Beisetzung des Torwarts Robert Enke belehrt trotzige Traditionalisten eines viel Besseren: Vor der eigentlichen Trauerfeier im Familienkreis wird der Sarg des prominenten Toten nach dem Vorbild der kommenziell so erfolgreichen Abschiedsparty von Michael Jackson in der AWD-Arena in Hannover im Mittelkreis aufgebahrt. Die Veranstalter erwarten 100 000 Fans, doch nur 45 000 finden im Stadion Platz. Deshalb würden rund um das Stadion Videowände aufgestellt, auf denen die Live-Übertragung der ARD laufen wird. Noch geheim ist, welche Stars dem Nationalkeeper zum Abschied ein Lied singen, fest steht aber schon, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger mit tränenerstickter Stimme eine Rede halten wird.
Teilnehmen werde nach Angaben des DFB auch die komplette Fußball-Nationalmannschaft um Bundestrainer Joachim Löw, die anschließend nach Düsseldorf fliegt, um sich innehaltend und ohne Tabus auf das Länderspiel gegen die Elfenbeinküste vorzubereiten. Die DVD von der Trauerzeremonie mit den Tränen aller Stars wird Gerüchten zufolge noch pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Handel kommen, auch ein Hörbuch ist geplant. Bei fliegenden Händlern bereits zu haben sind derzeit T-Shirts mit dem Aufdruck "Enke '09 - Ich war dabei".
Flunderflache Fliespullover
Mit seiner bedeutsamen "Mutter Courage"-Serie rüttelt der sozial engagierte Solitär bereits seit Monaten nachdrücklich auf, immer wieder klebt er neue, an Brecht-Gedichte erinnernde monochromatische Fliesen gegen die Krise, wie auch das einzige offizielle Kachelverzeichnis zeigt, das von freiwilligen Fliesenforschern mit Unterstützung des Internetriesen Google im Netz gepflegt wird. Eine neue Sichtung meldeten Suchtrupps jetzt aus der Nähe des vielbefahrenen Reilecks: Der Kachelmann hat hier eine fürwahr düstere Vision einer Welt nach der Schweinegrippe geklebt, die wir ale einzige offizielle Online-Galerie des begnadeten Keramikers stolz sind, als flunderflachen Fliespullover für die kalte Jahreszeit präsentieren zu dürfen.
Eigene Funde können wie stets direkt an
politplatschquatsch@gmail.com
geschickt werden. Jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.
Donnerstag, 12. November 2009
Generation Klimahype
Brotschi wettert in seinem Blog aus der Schweiz und gerade als wir dabei waren, zu überprüfen, wie sich nun eigentlich die Sommervorhersage des deutschen Wetterdienstes im Vergleich zum richtigen wetter geschlagen hat, fällt sein Text "Generation Klimahype" mit der Tür ins Haus. "Je voller die Medien – desto leerer die Köpfe", schreibt Brotschi, der an Wetter und Klima allgemein einen Narren gefressen hat. Da stößt man logischerweise irgendwann auf die "knallharte mediale Ausschlachtung des Themas".In der Folge beschreibt der Freund von Kurven und Statistiken dann, was wir alle miterlebt haben, die unter Schmidt erwachsen, unter Kohl Komasäufer und unter Schröder und Merkel Buddhist geworden sind:
Ich habe die letzten 45 Jahren verschiedene Hype-Zeiten überstanden. So den Rinderwahn, das Börsenfieber, die Vogelgrippe und sogar das Waldsterben. Ich lebe noch – welch ein Wunder! Denn eigentlich hätte ich im völlig waldlosen Europa längst das Zeitliche segnen sollen. Wir alle – wäre es nach den Forschern und Wissenschaftern gegangen – würden nicht mehr exisiteren. Europa waldlos, trostlos, eine Einöde. Fakt ist jedoch: der Wald wächst und stösst sogar vor. So viel zu wissenschaftlichen Prognose und deren Güte.
Hinsichtlich der derzeitigen Klimalage gibt es allerdings keine grossen Zweifel mehr: Es herrscht eine alarmierende steigende hysterische Hypetendenz. Den Rest gibt es hier.
Fahrtwind im Frontbart
Sie waren uns lieb, sie kamen uns teuer, all die knorrigen großen Gestalten, die ein Jahrzehnt lang bei Christiansen und Will saßen, sich auf Phoenix und im Bundestag in der Nase bohrten, die zu bestimmten Terminen bestimmte passende Mienen dabei hatten und an anderen Tagen auch mal so richtig sie selbst sein konnten.
Ja, mit Franz Müntefering haben wir seine Frau begraben und uns danach über den Erfolg seines Buches gefreut, das er darüber und über die führende Rolle der deutschen Sozialdemokratie schreiben konnte. Mit Struck durchlitten wir Herzanfälle, Pfeifenjieper und wir genossen den Fahrtwind im wilden Frontbart, mit Peer Steinbrück haben wir erst die Banken gerettet und dann einen Krieg mit der Schweiz gewonnen, mit Ulla Schmidt die Sorge geteilt, ob diese näselnde, stets wund klingende Stimme, die da aus der Gesundheitsministerin quackerte, wohl Symptom einer schlimmen Krankheit sein könnte.
Wo sind all die Charakterköpfe hin, wo sind sie geblieben? So lange die Macht in den Händen von wuchtigen Figuren wie Kurt "Mecki" Beck, Walter Steinmeier und Hubertus Heil lag, konnten wir ruhig schlafen. Deutschland war ein sicherer Ort, sozial befriedet durch einen Umverteilungsbagger, an dessen Steuerhebeln Menschen wie wir saßen: Heidemarie Wieczorek-Zeul, Sebastian Edathy und Dieter Wiefelspütz, Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und Ute Voigt.
Nun ist eine Ära beendet, die mit Gerhard Schröder begann. Die SPD, seit Ede und Unku nicht wegzudenken aus der öffentlichen Wahrnehmung, findet nur noch statt, wenn Sigmar Gabriel erkältet ist oder der sachsen-anhaltinische Motörhead-Fan Jens Bullerjahn neue Horrorzahlen zu seinem nicht ganz planmäßig doch noch nicht ganz schuldenfreien Haushalt verkündet.
Ein Trauerspiel, das ahnen lässt, was die kommenden Jahre bringen werden. Keine Stehgreifauftritte mehr von geschliffenen Rhetorikern wie Kurt Beck, keine einfühlsames offenes Ohr für abweichende Meinungen wie bei Franz Müntefering, kein Verteidigungsminister-Azubi in der Lederjacke, wie Peter Struck einer war. Lauter neue Gesichter werden die alten Ansichten vertreten und wenn Oskar Lafontaine und Gregor Gysi so unsichtbar bleiben, wie sie seit dem Wahltag sind, wird es schwer und schwerer werden, überhaupt noch vorher zu wissen, wer gleich was sagen wird.
Ja, mit Franz Müntefering haben wir seine Frau begraben und uns danach über den Erfolg seines Buches gefreut, das er darüber und über die führende Rolle der deutschen Sozialdemokratie schreiben konnte. Mit Struck durchlitten wir Herzanfälle, Pfeifenjieper und wir genossen den Fahrtwind im wilden Frontbart, mit Peer Steinbrück haben wir erst die Banken gerettet und dann einen Krieg mit der Schweiz gewonnen, mit Ulla Schmidt die Sorge geteilt, ob diese näselnde, stets wund klingende Stimme, die da aus der Gesundheitsministerin quackerte, wohl Symptom einer schlimmen Krankheit sein könnte.
Wo sind all die Charakterköpfe hin, wo sind sie geblieben? So lange die Macht in den Händen von wuchtigen Figuren wie Kurt "Mecki" Beck, Walter Steinmeier und Hubertus Heil lag, konnten wir ruhig schlafen. Deutschland war ein sicherer Ort, sozial befriedet durch einen Umverteilungsbagger, an dessen Steuerhebeln Menschen wie wir saßen: Heidemarie Wieczorek-Zeul, Sebastian Edathy und Dieter Wiefelspütz, Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und Ute Voigt.
Nun ist eine Ära beendet, die mit Gerhard Schröder begann. Die SPD, seit Ede und Unku nicht wegzudenken aus der öffentlichen Wahrnehmung, findet nur noch statt, wenn Sigmar Gabriel erkältet ist oder der sachsen-anhaltinische Motörhead-Fan Jens Bullerjahn neue Horrorzahlen zu seinem nicht ganz planmäßig doch noch nicht ganz schuldenfreien Haushalt verkündet.
Ein Trauerspiel, das ahnen lässt, was die kommenden Jahre bringen werden. Keine Stehgreifauftritte mehr von geschliffenen Rhetorikern wie Kurt Beck, keine einfühlsames offenes Ohr für abweichende Meinungen wie bei Franz Müntefering, kein Verteidigungsminister-Azubi in der Lederjacke, wie Peter Struck einer war. Lauter neue Gesichter werden die alten Ansichten vertreten und wenn Oskar Lafontaine und Gregor Gysi so unsichtbar bleiben, wie sie seit dem Wahltag sind, wird es schwer und schwerer werden, überhaupt noch vorher zu wissen, wer gleich was sagen wird.
Wer hat es gesagt?
Ein Gentleman ist jemand, der Akkordeon spielen kann – es aber nicht tut.
Kurzer Prozess mit schwierigem Prozess
Einiges wäre zu sagen zum Urteil gegen den "Rußland-Deutschen" Alexander W., der die Ägypterin Marwa El-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal erstach und dafür lebenslang ins Gefängnis kommt. 1980 im sibirischen Perm geboren und später nach Deutschland spätausgesiedelt, kam der Täter nie in Deutschland an: Für seine neuen Nachbarn blieb er ein Russe, so sehr er sich selbst auch danach sehnte, Deutscher sein zu können.
Viel Stoff zur Kommentierung, gerade auch vor dem Hintergrund der Tragödie um den Torsteher Robert Enke, der eine große Anpassungsleistung vollbrachte, und daran zerbrach, wie allerlei Sondersendungen berichten. Enke bestrafte sich selbst für seine Angst, Alex W. richtete seinen Hass auf die, die noch fremder in der neuen Heimat waren als er: Von Marwa El Sherbini fühlte der 28-Jährige sich zweimal provoziert, beim zweiten Mal wehrte er sich auf die einzige Weise, die ihm vorstellbar schien.
Ein Mord als Aufschrei, eine Verzweiflungstat, die sich gegen das Opfer genauso richtet wie gegen den Täter. Nicht jeder, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist, heißt Wladimir Kaminer und versteht es, sich charmant anzupassen, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen. Und nicht jeder, der Ausländer ersticht, ist ein deutscher Rechtsradikaler, denn die Welt ist komplizierter als sie die Schwarzweiß-Schablonen, durch die jede Kurznachrichten sich pressen lassen muss.
Die "Tagesthemen" der ARD machen deshalb kurzen Prozess mit dem schwierigen Prozess, der aus dem Ausland argwöhnisch verfolgt, im Inland von Protesten und ungeheuerlichen Forderungen an das Gericht begleitet und von der Politik mit klaren Vorgaben versehen worden war. Alex W. wird im Kommentar von Esther Schapira kurzerhand zum ganz gewöhnlichen deutschen Rechtsradikalen, zum NPD-Wähler und Moslemhasser, der getan hat, was alle die Leute tun: Morden für eine verquere, ausländerfeindliche Ideologie.
Kein Wort zur Lebensgeschichte, kein Wort zur Angst des Gerichtes, mit einer geringeren als der verhängten Höchststrafe vielleicht selbst ins Visier des militanten Islam zu geraten, keine Differenzierung, keine Einordnung, stattdessen nur platte Parolen und tiefe Befriedigung darüber, dass das Gericht ein Urteil gefunden hat, dass es der muslimischen Welt möglich macht, Deutschland nicht den Krieg zu erklären. Vom Strafrechtsziel Resozialisierung, das sonst gleich nach oder sogar gleichauf mit dem Strafrechtsziel Sühne kommt, ist nach 22.30 Uhr im ersten deutschen Fernsehen sowenig die Rede wie von der Angst der Fernsehmacher, für einen falschen Zungenschlag selbst auf die Strafbank gesetzt zu werden.
Viel Stoff zur Kommentierung, gerade auch vor dem Hintergrund der Tragödie um den Torsteher Robert Enke, der eine große Anpassungsleistung vollbrachte, und daran zerbrach, wie allerlei Sondersendungen berichten. Enke bestrafte sich selbst für seine Angst, Alex W. richtete seinen Hass auf die, die noch fremder in der neuen Heimat waren als er: Von Marwa El Sherbini fühlte der 28-Jährige sich zweimal provoziert, beim zweiten Mal wehrte er sich auf die einzige Weise, die ihm vorstellbar schien.
Ein Mord als Aufschrei, eine Verzweiflungstat, die sich gegen das Opfer genauso richtet wie gegen den Täter. Nicht jeder, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist, heißt Wladimir Kaminer und versteht es, sich charmant anzupassen, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen. Und nicht jeder, der Ausländer ersticht, ist ein deutscher Rechtsradikaler, denn die Welt ist komplizierter als sie die Schwarzweiß-Schablonen, durch die jede Kurznachrichten sich pressen lassen muss.
Die "Tagesthemen" der ARD machen deshalb kurzen Prozess mit dem schwierigen Prozess, der aus dem Ausland argwöhnisch verfolgt, im Inland von Protesten und ungeheuerlichen Forderungen an das Gericht begleitet und von der Politik mit klaren Vorgaben versehen worden war. Alex W. wird im Kommentar von Esther Schapira kurzerhand zum ganz gewöhnlichen deutschen Rechtsradikalen, zum NPD-Wähler und Moslemhasser, der getan hat, was alle die Leute tun: Morden für eine verquere, ausländerfeindliche Ideologie.
Kein Wort zur Lebensgeschichte, kein Wort zur Angst des Gerichtes, mit einer geringeren als der verhängten Höchststrafe vielleicht selbst ins Visier des militanten Islam zu geraten, keine Differenzierung, keine Einordnung, stattdessen nur platte Parolen und tiefe Befriedigung darüber, dass das Gericht ein Urteil gefunden hat, dass es der muslimischen Welt möglich macht, Deutschland nicht den Krieg zu erklären. Vom Strafrechtsziel Resozialisierung, das sonst gleich nach oder sogar gleichauf mit dem Strafrechtsziel Sühne kommt, ist nach 22.30 Uhr im ersten deutschen Fernsehen sowenig die Rede wie von der Angst der Fernsehmacher, für einen falschen Zungenschlag selbst auf die Strafbank gesetzt zu werden.
Der Himmel über Halle XVIII
Wenn das nicht Lebensqualität ist! In Deutschlands Himmelshauptstadt Halle werden tagtäglich neue interessante Strukturbilder ans Firmament gemalt, um die seit Jahrzehnte schrumpfende Einwohnerzahl bei der Stange zu halten. Unser kleines heimatkundliches Board PPQ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die gelungensten Himmelsinstallationen dauerhaft zu archivieren, um im Sinne der vom IPCC geforderten Nachhaltigkeit auch künftigen Generationen Gelegenheit zu geben, teilzuhaben an den bunten Spektakeln, die auf Veranlassung des Stadtmarketingbüros von einer Firma aus Nempitz organisiert werden. Schade wäre es doch, wenn die wunderschönen, zum Teil auch aufmunternd kitschigen Gemälde, die mit viel Steuergeld finanziert werden, nach dem Verblassen dem Vergessen anheim fallen würden. Für nachfolgende, weil eben erst nachwachsende Generationen. Denn wie sagt schon der große deutsche Regisseur Leander Haussmann: "Wer nie beim Ostzahnarzt war, kann nicht mitreden".
Leiden ohne Lachmuskeln
Und siehe da, Deutschland redet über Depression. Ganz Deutschland?
Jap. Ganz Deutschland. Wirklich. Alle reden mit: Lanz, Zapp, Bild, Ard Spezial, Tagesthemen, Exklusiv. Alle haben blitzschnell umgeschaltet von Mauerfall-Gänsehaut auf Depressionsgruseln bei Fußballspielern. Dieser Druck! Diese Ängste.
Gottohgott. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe auch Depressionen. Manchmal leide ich sogar daran, da ist das Wort leiden wahrlich nicht übertrieben. Aber ich stelle
fest, dass alle Depressiven in TV, Print und Radio im Unterschied zu mir bierernst sind und immer ein bisschen, nun, bedröppelt daherreden.
Sind wir wirklich so? Dunkel-Depressive ohne Lachmuskeln? Hierzu stelle ich fest: Ich zumindest kann auch heiter sein. Ehrlich. Manchmal bin ich sogar fast
lustig, an guten Tagen.
Nur das Medienbouquet deprimiert mich. Da müssen einen ja die Depressionen eindunkeln. Ich fordere: Schützt die Depressiven! Sendet Tierfilme! Baut Tunnel statt Brücken! Fliegt Ryanair statt Deutsche Bahn!
Mittwoch, 11. November 2009
Alle Tage wieder
Google, Yahoo, Ebay und Co. wurden hier im kleinen Nerd-Board schon vor Jahren von ausgewiesenen Experten in allen Ehren bestattet. Viel zu kompliziert ist das ganze Internet, viel zu unsicher sind Online-Käufe, viel zu teuer ist der Email-Versand, viel zu kostenlos sind die zahllosen Neuigkeiten, mit denen arglose Leser durch Nachrichtenvampire behelligt werden, die ungerührt, aber auch nicht geschüttelt aus dem Füllhorn der Premiumnews der großen Verlagshäuser saugen, was nicht das ihre ist, um es gewinnbringend an Kreti und Pleti zu verhökern.Seinerzeit, als noch feststand, dass Google schon demnächst ausgehungert werden wird, war noch nicht die Rede von Twitter. Dieses neueste Gespenst, das durch die virtuellen Weiten irrt, darf so tagtäglich ohne jede Vorwarnung beweisen, dass es keinen wirklichen Nutzwert hat. Und wenn man dann doch mal gucken will, was die eigenen Tweets so machen, die keine alten Mänter, sondern frisches Premiumblut sind, steht garantiert da "Twitter is over capacity". Nein, das Zeug muss Dieter Wiefelspütz gar nicht verbieten. Da reicht ein toter Torwart und es geht auch so nicht mehr.
Mannichl: In Luft aufgelöst
Der Fall Mannichl, der dann später nach Ansicht der Qualitätszeitung "Die Welt" "immer dubioser" wurde, brachte 1500 Hinweise, zwei Verhaftungen und 2000 Befragungen, Spuren führten nach Österreich und Ermittlungsführer wurden abgelöst, der riesige Schlangentattoo-Nazi, der Mannichl mit dessen eigenem Lebkuchenmesser niedergestochen hatten, tauchte jedoch nirgendwo auf. Traurig zog ein Teil der Sonderkommission Lebkuchenmesser, die vier Wochen nach der Tat begonnen hatte, im Schneematsch Zigarettenkippen des mutmaßlichen Täters zu sammeln, zurück an ihre normale Arbeit. Alois Mannichl wurde schnell wegbefördert aus der Polizeidirektion, in der er mannhaft den "Kampf gegen rechts" organisiert hatte. Und im Sommer dann, aber das notierte schon niemand mehr, löste sich der Rest der Sonderkomission Lebkuchenmesser auf.
Die letzten 20 Mann der ehemals 50 Ermittler umfassenden Sonderkommission gingen zurück in ihre Dienststellen beim Münchner Polizeipräsidium und im Bayerischen Landeskriminalamt. Letztes Fazit: Es werde eine geplante Tat einer politischen Organisation ausgeschlossen, ebenso wie eine Beziehungstat. Eventuell, so hieß es, sei der Täter Österreicher gewesen, deshalb habe man ihn nicht finden können. Möglich wäre es auch, er hat sich nach der Tat sofort in Luft aufgelöst.
Eine Verurteilung im Zusammenhang mit dem Attentat gab es aber immerhin doch noch: Manuel H., „Führungskader“ der „Freien Nationalisten München“, war von einer Mannichl-Nachbarin am Tattag in Passau gesehen worden und wurde deshalb in Haft genommen. Bei der Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei zwar kein Lebkuchen-, aber ein verbotenes Butterfly-Messer und dazu „kinderpornographische Darstellungen“ und „tierpornographische Abbildungen“. Manuel H. wurde nicht wie von den Freien Nationalisten ("Todesstrafe für Kinderschänder") gefordert hingerichtet, sondern zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt.
Wer hat es gesagt?
Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.
Dienstag, 10. November 2009
Auf zum letzten Gefecht
Erich Honecker ist längst fort, der neue Partei- und Staatschef Egon Krenz hat die "Wende" ausgerufen, um seine Haut und das wackelnde Land zu retten. Da ruft im Chemiebezirk Parteizuchtmeister Achim Böhme zum „Problemgespräch”, um sich gleich wieder an die Spitze der Bewegung zu stellen. Auf den Stufen des Rathauses steht ein Mikrophon, davor drängen sich 7.000 Einwohner, zum Teil empört, zum Teil staunend, wie der Chef der SED im Bezirk in aller Gelenkigkeit doch prinzipienfest zu bleibt.
Wie stinksauer und wütend das Volk war, dem sich der seit 1981 amtierende SED-Führer zu stellen versuchte, machen die einmaligen Tonaufnahmen deutlich, die PPQ einem glücklichen Dachbodenfund verdankt. Bürger konfrontierten die Parteiführung mit teilweise absurden Fragen und seltsamen Forderungen, eine junge Frau forderte ihren FDJ-Beitrag zurück, ein junger Mann beklagte, er sei ein Jahr zuvor von der Polizei verprügelt worden - "völlig grundlos", wie er beteuert. Andere verlangten höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Versorgung in den staatlichen Geschäften.
Hans-Joachim Böhme, der wenige Tage später erneut ins Politbüro seiner wegdämmernden Partei gewählt und einen weiteren Tag später wieder hinausgeworfen werden wird, kann nichts davon bieten. In seiner letzten ZK-Sitzung ein paar Tage später wird der Mann mit der mächtigen Hornbrille versichern, dass es "in diesen Stunden nicht um das Schicksal des einzelnen, sondern um das Schicksal der Partei" gehe. Auch hier auf den Rathaustreppen entschuldigt er sich für nichts, allenfalls räumt er Verantwortung ein. Er werde nicht knieweich, wird er seinen Genossen später versichern, als Gerüchte schon ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauchs aufgenommen sehen. Hans-Joachim Böhme wird 14 Jahre später nach DDR-Recht zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt - wegen der Beihilfe zum Mord an drei Mauerflüchtlingen.
Böhme habe als langjähriges Mitglied des höchsten DDR-Machtgremiums "pflichtwidrig nicht darauf hingewirkt haben, dass der menschenverachtende Schießbefehl an der so genannten Berliner Mauer aufgehoben, abgemildert oder nicht mehr vollzogen" wurde, heißt es im Urteil. Damit habe er seine Schutzpflichten für DDR-Bürger, die ihnen die DDR-Verfassung auferlegt habe, massiv verletzt und "Beihilfe zum Mord durch Unterlassen" in Form von Totschlag in mittelbarer Täterschaft begangen - zwei Sachverhalte, zwischen denen das DDR-Recht, nach dem geurteilt wird, nicht unterscheidet.
Nach Untersuchungen einer Schiedskontrollkommission der da schon SED-PDS heißenden SED wurde Achim Böhme schon am 20. Januar 1990 aus der Partei ausgeschlossen. Gemeinsam übrigens mit Egon Krenz.
Wie stinksauer und wütend das Volk war, dem sich der seit 1981 amtierende SED-Führer zu stellen versuchte, machen die einmaligen Tonaufnahmen deutlich, die PPQ einem glücklichen Dachbodenfund verdankt. Bürger konfrontierten die Parteiführung mit teilweise absurden Fragen und seltsamen Forderungen, eine junge Frau forderte ihren FDJ-Beitrag zurück, ein junger Mann beklagte, er sei ein Jahr zuvor von der Polizei verprügelt worden - "völlig grundlos", wie er beteuert. Andere verlangten höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Versorgung in den staatlichen Geschäften.
Hans-Joachim Böhme, der wenige Tage später erneut ins Politbüro seiner wegdämmernden Partei gewählt und einen weiteren Tag später wieder hinausgeworfen werden wird, kann nichts davon bieten. In seiner letzten ZK-Sitzung ein paar Tage später wird der Mann mit der mächtigen Hornbrille versichern, dass es "in diesen Stunden nicht um das Schicksal des einzelnen, sondern um das Schicksal der Partei" gehe. Auch hier auf den Rathaustreppen entschuldigt er sich für nichts, allenfalls räumt er Verantwortung ein. Er werde nicht knieweich, wird er seinen Genossen später versichern, als Gerüchte schon ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauchs aufgenommen sehen. Hans-Joachim Böhme wird 14 Jahre später nach DDR-Recht zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt - wegen der Beihilfe zum Mord an drei Mauerflüchtlingen.
Böhme habe als langjähriges Mitglied des höchsten DDR-Machtgremiums "pflichtwidrig nicht darauf hingewirkt haben, dass der menschenverachtende Schießbefehl an der so genannten Berliner Mauer aufgehoben, abgemildert oder nicht mehr vollzogen" wurde, heißt es im Urteil. Damit habe er seine Schutzpflichten für DDR-Bürger, die ihnen die DDR-Verfassung auferlegt habe, massiv verletzt und "Beihilfe zum Mord durch Unterlassen" in Form von Totschlag in mittelbarer Täterschaft begangen - zwei Sachverhalte, zwischen denen das DDR-Recht, nach dem geurteilt wird, nicht unterscheidet.
Nach Untersuchungen einer Schiedskontrollkommission der da schon SED-PDS heißenden SED wurde Achim Böhme schon am 20. Januar 1990 aus der Partei ausgeschlossen. Gemeinsam übrigens mit Egon Krenz.
Horst ist nicht Hitler
Und das nicht einmal zurecht, wie das LG München I nun befand, das den Verbotsantrag des Freistaates Bayern gegen den englischen Verleger der Zeitschrift „Zeitzeugen“ weitgehend zurückgewies. Der Nachdrucke der Zeitungen „Angriff“, dessen Herausgeber Joseph Goebbels war, und des „Völkischen Beobachters“ unter dem Herausgeber Adolf Hitler könne vom Freistaat Bayern nicht mit der Argumentation unterbunden werden, dass er als Rechtsnachfolger des NS-Verlages Eher Inhaber aller Urheber- und Verlagsrechte der Verlagsprodukte „Der Angriff“ und „Völkischer Beobachter” sowie der Urheberrechte von Adolf Hitler sei.
Vielmehr habe der Freistaat Bayern keine urheberrechtlichen Ansprüche, mit denen er den Neudruck und die Verbreitung der Zeitungen „Völkischer Beobachter“ und „Der Angriff“ aus den Jahren 1933 – 1938 verbieten kann, weil den „Herausgebern“ Hitler und Goebbels mangels eigener schöpferischer Leistung gar kein Urheberrecht zukommt. Soweit dem Eher-Verlag aber selbst nach damaligem Recht Urheberrechte zukamen, seien diese 70 Jahre nach Erstveröffentlichung der jeweiligen Zeitungen und damit für die Jahrgänge 1933 – 1938 abgelaufen.
Montag, 9. November 2009
Scheitern als Karrieresprungbrett
Nicht vergessen hat das junge zusammengewachsene Deutschland, das 20. Jubiläum seines faktischen Gründungstages nach Kräften als Gelegenheit zu nutzen, um den Beweis dafür anzutreten. Ja, da passt alles zusammen bei der großen Feier in Berlin: Wo einst die Sonne schien, regnet es jetzt Strippen wie der Hauptstädter sagt. Statt der seinerzeit aktiven Kohl, Bush, Thatcher, Mitterand, Krack und Momper schieben sich Gestalten wie Klaus Wowereit und Nicolas Sarkozy ins Bild, dazu der unvermeidliche Thomas Gottschalk und die unausweichliche Maybrit Illner, musikalisch flankiert von Bon Jovi, der wohl den verhinderten Mauereinreißer David Hasselhoff vertritt, dessen "Looking for Freedom" aber nicht annähernd so rockig hinzuzaubern weiß.
Eine A Capella-Truppe, die auch nicht die echten "Prinzen" sind, singt dazu "Freiheit" von Westernhagen, der wohl selbst keine Zeit hatte, als sei ihnen ein Stück Mauer auf die Lackschuhe gefallen. Umringt ist das Ganze von Kindern, die aufgestellt sind wie früher bei Sendungen des DDR-Kinderfernsehens der Kinderchor Omnibus. Wer einmal Claqueure gesehen hat, erkennt sie leider immer wieder.
Dann aber wird Gorbatschow aus der Kulisse geschoben, der Mann, den die Balkon-Genscher-Legende "einen Freund" nennt. Gorbatschow, mit 21 in die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) eingetreten und bis in die Mitte seiner 40er ein ruhig funktionierender Apparatschik im heimatlichen Stawropol, hat es geschafft, aus seiner größten Niederlage seinen größten Sieg zu destillieren. Während Egon Krenz den Maueröffnungs-Zettel schrieb, den SED-Politbüro-Sprecher Günter Schabowski am 9.11. 1989 vorlas, wusste Gorbatschow noch nicht einmal, dass es einen solchen Zettel gab. Dennoch steht der von KGB-Chef Juri Andropow an die Spitze der komatösen Sowjetunion beförderte Landwirtschaftsexperte heute im Ruf, ein Maueröffner und Reformer gewesen zu sein, was ihm Einladungen und Orden einträgt. Während sein DDR-Pedant als betonköpfiger Schwerverbrecher bereits hinter Gittern saß.
Dabei war sein Versuch der Einführung von Glasnost und Perestroika nach dem 27. Parteitages der KPdSU im Februar 1986 keineswegs dazu gedacht, den Sozialismus zu zerstören, Deutschland wiederzuvereinigen und die UdSSR aufzuspalten. Ganz im Gegenteil: Mit Alkoholverbot und wirtschaftlichen Reformen, Abrüstung und geistiger Öffnung wollte Gorbatschow die sieche Kommandowirtschaft wiederbeleben und
damit neue Dynamik in das erschlaffte kommunistische Weltsystem bringen.
Es ist ihm nicht gelungen. Ganz so wie es DDR-Chef Erich Honecker befürchtet hatte, war der Sozialismus nur gefangen, gebunden und geknebelt überlebensfähig, gestützt auf Gewehre, aufrecht gehalten vom Eisernen Vorhang, belebt von Menschen in Angst. Oder er war tot, weil es in ihm zu lebendig wurde.
Gut für Gorbatschow, der 20 Jahre lang einer der mächtigsten Männer der Sowjetunion war und nur fünf Jahre lang "Reformer". Sein Heldenstatus ist heute unumstritten, trotz der Vertuschung des Atomkraftwerkunfalls von Tschernobyl, trotz des von ihm vier Jahre fortgeführten Afghanistankrieges, trotz seines Widerstandes, abtrünnigen Sowjetrepubliken die Freiheit zu geben, die später tauende Tote forderte.
Dass der gescheiterte Sozialismusretter als Maueröffner gefeiert wird, passt aber genau. Eben plumpsen Styropor-Mauerstücke, die für Dreijährige, Südsudanesen und Blinde täuschend echt aussehen müssen, wie Domino-Steine ein. Huch, ist das ein Spaß! Hui, klappert das schön. Und wie die Lichter blinken! Marx hatte eben doch Recht, wie nunmehr auch die Süddeutsche Zeitung in anderem Zusammenhang feststellt.
Wir sind die Fans vom neuen Mensch
Nach den Untersuchungen der BBC waren nur elf Prozent der Befragten in 27 Ländern der Ansicht, dass der menschliche Körper in seiner derzeitigen Form gut funktioniert. Lediglich in den USA (25 Prozent) und Pakistan (21 Prozent) ist mehr als jeder Fünfte mit der aktuell üblicherwiese benutzten Körperform zufrieden. Unter dem Eindruck der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren glauben hingegen 51 Prozent der Befragten, dass die physischen Fähigkeiten des Menschen stärker sein müssten, auch höhere Geisteskräfte seien wünschenswert. Im Schnitt 23 Prozent meinten sogar, dass für künftige Generationen vollkommen neue Körper geschaffen werden sollten, in denen sich besser leben lasse.
„Es scheint, dass der Fall der Berliner Mauer, der ja von Menschen in herkömmlichen Körpern erreicht wurde, nicht der überwältigende Sieg für die bekannte Körperform gewesen ist, für den er damals gehalten wurde“, sagte Doug Miller, Chef der Umfrageinstituts GlobeScan, das gemeinsam mit der Universität von Maryland rund 29.000 Menschen befragte. Der früher propagierte ,Neue Mensch´, der stark und gerecht ist, in immer gleichem Wohlstands bei stets demselben Klima lebe, spreche viele Leute auf der Welt weiter an, sagte Steven Kull von der Universität von Maryland.
Den Zusammenbruch der Idee vom "Neuen Menschen" begrüßten in der Rückschau zwar doch 54 Prozent der Befragten in allen Ländern. Dennoch halten im Schnitt 22 Prozent den Untergang der Vorstellung, menschlicher Körper und menschlicher Geist könnten durch kollektive Anstrengungen, den Bau von Mauern, durch Verbote, Zensur und das Ducken in Nischen verbessert werden, für eine schlechte Sache.
Lecker Hot Bird: Papagei im Federmantel
Es ist eine der großen unerzählten Geschichten des neuen, wiedervereinigten Deutschland, die an diesem Abend beim Festempfang des deutschen Botschafters im kolumbianischen Bogota ihre Klimax findet. Der Saal der alten Patrizier-Villa ist strahlend hell erleuchtet, die Anzüge sind festlich, die Damen schön. Und mittendrin strahlt Reinhold Herger, um die Hals die Kette des Bundesverdienstkreuzes am Bande, das er eben aus den Händen von Botschaftsrat Walter Radebutz erhalten hat – von dem Diplomaten im Auftrag von Bundespräsident Horst Köhler geehrt als einer jener jungen, quicken Innovatoren, die das Bild der gesundenden Nation im Ausland neu prägen.
Es war Herger nicht in die Geburtsurkunde gestempelt, dass er einst ausziehen würde, die Welt zu erobern. Geboren als Sohn eines Grenztruppenoffiziers der DDR und einer heute wohl als „Consultant“ annähernd exakt zu bezeichnenden Sachbearbeiterin, wuchs der der kleine Reinhold im ostdeutschen Örtchen Hüttenrode auf. „Eine glückliche Kindheit“, beschreibt er heute, und er denkt dabei an lange Spielnachmittage in dunklen Wäldern, Wanderungen durchs Sperrgebiet und das Sammeln von Kaugummibildern. Als die Mauer fällt, platzen Hergers Träume von einer Karriere wie der des Vaters, den er verehrt und liebt. Enttäuscht von der politischen Entwicklung wendet sich der Teenager konzentriert dem Alkohol zu. Seine schulischen Leistungen lassen nach, er hört viel Rockmusik und bricht eine Ausbildung zum Hexentanzplatzführer ebenso ab wie später ein Studium als Glasblaskultur-Katalogisierer.
Reinhold Herger zieht hinaus in die Welt. Ziellos bereist er alle fünf oder sechs Kontinente, je nachdem, wie gezählt wird. In Asien hängt er mit heterosexuellen Dragqueens ab, in Neuseeland arbeitet er auf einer Schaffarm, in Südamerika lebt er inmitten eines unentdeckten Indianerstammes, der noch auf die althergebrachte Art mit Vogelbeeren jagt.
In langen Gesprächen, so berichtet Herger, habe er mit den Alten des Stammes über die Welt draußen und seinen Ort darin geredet, immer wieder. So sei ihm klar geworden, dass er nicht ewig im Dschungel würde bleiben können. Andererseits habe er erkannt, dass der Weg zurück umso weiter werden würde, je weniger konkret er seine Ziele umreiße.
Einmal mehr war es der Zufall, der dem Mann mit den sympathischen Lachfältchen um die Augen weiterhalf. Lange schon vor seiner Flucht in den Urwald war ihm aufgefallen, wie zahlreich und eintönig zugleich die Fastfood-Kost des westlichen Zivilisation war. „Immer nur Burger, immer nur Sandwiches, immer nur Pizza“, beschreibt Herger, der bei den Indios zahllose Rezepte zur Zubereitung von frischgefangenen Singvögeln kennengelernt hatte.
Es galt nun nur noch, zwei und zwei zusammenzurechnen, und das fiel Reinhold Herger nicht schwer. Eine Genehmigung der Provinzregierung von St. Augustin vor der Küste Kolumbiens, für die Herger seiner Erinnerung nach 300 US-Dollar zahlen musste, gestattete ihm nicht-geschützte Vögel, aber auch sogenannten „unerwünschten Beifang“ - also Exemplare geschützter Arten, die irrtümlich in eigens aufgestellte Netze gegangen waren - in seinem kleinen Restaurant an der Flaniermeile der bei Touristen beliebten Stadt anzubieten.
„Hot Bird“, wie Herger seine „gemütliche kleine Brutzelbude“ (Herger) nannte, brummte dank exotische Gerichte wie Spatz am Spieß, geröstetem Ibis oder gesottenem Papagei im eigenen Federmantel. Von Touristen bis zu Fernfahrern, über Familien bis zu Geschäftspartnern gönnten sich unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen ein paar gegrillte Kolibris zwischendurch oder einen sauer eingelegten Graureiher. Das Motto "No Frying, No Fat. No Oil" sprach sich herum, Leckerbissen wie saurer Sittich oder Drossel-Döner fanden immer mehr Freunde. Schnell öffnete der Harzer ein zweites Restaurant, ein drittes folgte. Mit der Eröffnung von zwei Filialen im Nachbarland Venezuela ließ Herger auch öffentlich erkennen, dass er einem Kampf mit den Platzhirschen McDonalds, Starbucks und Wendys nicht aus dem Weg gehen wollte.
Seinen Namen hatte er da schon geändert: Aus Reinhold Herger war „Bird Reynolds“ geworden, so hatten ihn die indianischen Freunde stets genannt. Reynolds schuf sich mit der Hot Birds Inc. Ein Investmentvehikel, das die weitere Expansion der Kette vorantreiben sollte, mit Angelo Traviri holte er einen erfahrenen Singvogelkoch aus Italien, um die indianischen Rezepte zu ergänzen und für den Großküchenbedarf zu optimieren.
Der Erfolg gab ihm recht. Mit 33 feierte Reynolds die Eröffnung des 333. Hot Bird-Restaurants. Auf der Party in Sarasota im US-Bundessaat Delaware, wohin er den Firmensitz auf Anraten der Kreditanstalt für Wiederaufbau verlegt hatte, ließ er das Dresdner Gewandhausorchester die „Vogelhochzeit“ spielen, ehe die für diesen einen Tag reformierten „Byrds“ bekennende Singvogel-Fans wie Angelina Jolie, Walter Momper, Billy Joel und Sasha Grey mit ihren größten Hits zum Tanz baten.
„Ich hatte alles erreicht“, denkt Bird Reynolds an diese Zeit zurück. Der US-Konkurrent Burger King hatte ihm ein Angebot unterbreitet, Hot Bird komplett zu übernehmen. McDonalds begann, Singdrossel-Wochen einzuführen. „Wendys“ kopierte mit dem „Kolibri-Grillspieß“ das erfolgreichste Hot-Bird-Gericht. „Aber natürlich ohne dass die Vögel wirklich so zart waren, dass man sie wie unsere komplett im Mund zerknuspern lassen konnte“, lächelt Reynolds, der 20 Jahre nach dem Mauerfall ganz anders über das Ereignis denkt, das ihm und seiner Singvogelküche erst die Tür zum Gaumen der Welt öffnete. "Heute bin ich dankbar dafür, dass das damals passiert ist", sagt er, "aber ich glaube, jeder der bei uns schonmal eingelegten Reiher oder panierten Leierschwanz gegessen hat, ist das auch."
Sonntag, 8. November 2009
Wiedergeboren als männliche Queen
Nach und nach fliegen sie alle auf, die Doppel- und Wiedergänger aus Kunst, Kultur und Politik. Gerade erst konnten wir nachweisen, dass es sich bei dem angeblichen "Billie Joe Armstrong", der als Anführer der US-Combo Green Day gilt, in Wirklichkeit um den jetzt von Bundeszensurministerin Ursula Leyen verbotenen Sex-Gitarristen Richard Kruspe von der notorischen Schmuddel-Gruppe Rammstein handelt. Jetzt tauchen neue Indizien auf, die vermuten lassen, dass der Sumpf auch im Popgeschäft noch viel tiefer ist. Wie zahllose andere Prominente hat offenbar auch der bekannte Rocksänger Freddie Mercury parallel zu seiner Karriere als Frontmann der Formation Queen insgeheim als Schauspieler Meriten erworben. Auch wenn Mercury, der eigentlich nicht wie in seiner Biografie angegeben Farak Bulsara, sondern Oszter Sándor hieß, mit Queen erfolgreicher war, trat er doch zuerst auf der Leinwand nachhaltig in Erscheinung. Als "Sándor Rózsa" (oben links) spielte Mercury (oben rechts) ab 1971 eine peitscheschwingende Robin-Hood-Figur aus der ungarischen Geschichte, an der besonders auffiel, dass sie an jedem Puszta-Brunnen eine andere holde Maid zu warten hatte.
Mercury, der es im wahren Leben eher weniger mit Frauen hielt, verkörpert den glutäugigen Recken glaubhaft und mit viel Pistolenfeuer, wie bei Youtube schön zu sehen ist. Ganz allein gelingt es ihm so, die in Damenstrumpfhosen und Flatterjäckchen gekleideten Schergen der Habsburg-Dynastie so zu piesacken, dass die ungarische Revolution von 1848 beinahe erfolgreich gewesen wäre. War sie aber weder in Wirklichkeit noch im Film "Sándor Rózsa - Rebell der Puszta".
Mercury quittierte den Dienst, schloß sich der Band Smile an, der er den Namen Queen gab und nach Veröffentlichung des Debütalbums "Queen I" spielte er zwar häufig weiter in Filmen mit, um seine Tarnung als sansibarischer Inder nicht zu gefährden. Doch er nahm nie wieder eine so populäre Rolle an wie die des Räuberhauptmannes mit dem Schlag bei Damen.
Verbot der Woche: Stacheldraht im Harnkanal
Jetzt aber bekommt Rammstein Rückenwind aus dem Bundesfamilienministerium. Bundeszensurministerin Ursula van der Leyen hat beschlossen, das Album im Rahmen der erfolgreichen PPQ-Serie Verbot der Woches auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu setzen. Ein Ritterschlag für die Comedy-Kapelle: Wie echter Nazi-Rock, scharfe Waffen, Hardcore-Pornos und etwa 5.300 andere Bücher, Filme und Videospiele wird das Großwerk künftig nur noch gegen Vorlage der Personalpapiere erhältlich sein.
Besonders verderblich für die jugendliche Moral seien der Titel "Ich Tu Dir Weh" und ein schockierendes Artwork-Foto, das einen Musiker mit einer auf seinen Knien liegenden Frau zeigt. Auf den Knien von Männern liegende Frauen seien eine jugendgefährdete Darstellung von S/M-Praktiken. Außerdem befanden die Medienwächter, dass der Titel "Pussy" mit den Zeilen "Steck´ Bockwurst in Dein Sauerkraut" zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr animiere und ungesunde, fettreiche Ernährung propagiere. Bereits in Minderjährigen-Haushalten ungeschützt vorhandene Rammstein-Tonträger sollen in den nächsten Wochen freiwillig bei Sammelstellen des Bundesinnenministeriums abgegeben werden können. Ab Anfang Dezember werden Polizei und Ordnungsämter dann bei bundesweiten Haussuchungen stichprobenartig überprüfen, wer noch unregistrierte Kopien bei sich versteckt.
Freitag, 6. November 2009
Der Himmel über Halle XVII
In unserer beliebten Feierabend-Serie "Der Himmel über Halle" bieten wir diesmal eine Straßenlaterne, die sich als Mond getarnt hat. Der Rest ist finsterstes Schweigen.
Donnerstag, 5. November 2009
Der Wald vor lauter Bäumen
Der in Brüssel vorgelegte Jahresbericht der EU-Drogenbehörde hat der ehemals alten Sitte, zum Bier einen Korn zu trinken oder zum Kaffee eine Zigarette zu rauchen, mit dem gentechnisch erzeugten Namen «polyvalenter Drogenkonsum» neue Chancen auf eine breite und beunruhigte Öffentlichkeit verschafft. «Polyvalenter Drogenkonsum» sei besonders gefährlich, weil er die Reaktion des Körpers auf die Giftstoffe noch verstärke, bestätigte Behördenleiter Wolfgang Götz Gerüchte, die Biertrinker zum Schnapsglas, Raucher zum Weißbierhumpen und Tortenesser zum Sahnelöffel greifen lassen. Umfangreiche Tests der Behörde, die 27 Bedröhnungsarten und 32 gebräuchliche Einnahmemöglichkeiten getestet hat, geben jetzt Klarheit über wirksame und beliebte Wege zu Rausch, Fettbauch, schwachem Herz und grauer Haut. Die EU empfiehlt dabei den gleichzeitigen Genuss mehrerer Drogen wie Alkohol, Fett, Nikotin, Koffein oder Marihuana. Das erhöhe das Risiko chronischer Gesundheitsprobleme, spare aber Zeit und bringe natürlich auch ungleich mehr Spaß.
Ganz legal, das konnten die EU-Wissenschaftler nach jahrelangen Studien belegen, ist die häufigste Kombination: Kaffee mit Zucker. Dicht dahinter liegen Zigaretten mit Alkohol, gefolgt von Süßspeisen, zu denen süße Kekse gegessen werden, die von gewissenlosen Händlern zum Teil auf offener Straße angeboten werden (Bild oben). Beliebt sind auch Kombinationen aus überzuckerten so genannten Erfrischungsgetränken, mit denen fette Pizzen, schmandiges Dönerfleisch oder gar ein Mix aus weißem Weizenbrötchen und schwarzverbranntem Schweinehack heruntergespült würden. Weit abgeschlagen folgen danach der kombinierte Konsum von Cannabis und Alkohol und die von den Forschern «Giftcocktail» genannte Einnahme eines bedröhnenden Trimarans aus Alkohol, Cannabis und einer «harten Droge» wie Ecstasy, LSD, Kokain oder Heroin.
Bedenklich sei zudem nach wie vor der europaweite Konsum von fetten Chips, süßen Knabberriegeln und Gegrilltem. Gerade zu letzterem werde - davon zeigten sich zahlreiche Beobachter äußerst überrascht - in vielen deutschen Haushalten häufig Alkohol genossen.
Um die wissenschaftliche Durchdringung des komplexen Themas "polyvalenter Drogenkosum" zu verstärken, will die EU-Drogenbeobachtungsstelle ihre Studien in den kommenden Jahren weiterführen. Vierhundert Feldforschungsexpeditionen ständen zunächst bereit, in die Wälder der Gemeinschaft auszuschwärmen. Man erhoffe sich davon Erkenntnisse darüber, ob die bislang nur vorformulierte Arbeitsthese zutreffe, dass Nadelbäume häufig in so genannten Nadelwäldern vorkommen, während Laubbäume oft in Laubwäldern heimisch sind. Anschließend soll die Datenbasis durch Untersuchungen in von Menschen bewohnten Milieus weiter verbreitert werden. Expeditionen werden sich dann in die Musikwelt, die Modebranche, in die Mikromilieus der Kohlenträger, Bauarbeiter und Verkäuferinnen begeben. Ziel sei es, herauszufinden, welche Drogen wo polyvalent Verwändung fänden, denn dazu lägen den EU-Experten bisher kaum Daten vor.
Häh?
Eine Meinung über Tatsachen kann aber durchaus eine Tatsachenbehauptung enthalten. Das Dilemma besteht darin, dass Meinungsäußerungen sinnvollerweise immer Tatsachenanteile beinhalten, die bewertet werden. Umgekehrt liegt bereits jeder Tatsachenbehauptung eine Wertentscheidung zur Äußerung derselben zugrunde, sowie die Wahl des Kontextes, in dem sie platziert wird. Man muss also in jedem Einzelfall präzise analysieren, ob man es wirklich mit Tatsachenbehauptung oder mit Meinungsäußerungen, meinungsgeprägten Tatsachenäußerungen oder tatsachenkolportierenden Meinungsäußerungen, mehrdeutigen Ungenauigkeiten, zutreffenden, jedoch irreführend unvollständigen Tatsachenbehauptungen, gar wertneutralen Falschbehauptungen oder Meinungskundgabe einer schwerwiegenden Anschuldigung ohne Präsentation einer Gegenmeinung zu tun hat.
Mittwoch, 4. November 2009
Yoga-Überflieger
Der Weltgeist meint es wirklich gut mit uns. Angela Merkel ist immer noch wieder Kanzlerin, in China fällt säckeweise der Reis um - und Thomas G. Hornauer ist auch wieder da. Der vollkommen durchgeknallte Esoteriker aus dem Königreich der Klemmfürze, bei dem Glauben und Geld schon immer Hand in Hand gingen, hat sich selbst erfolgreich dem Nirwana entrissen. Eben noch schien der Urschrei-Vorturner von der Fernsehbildfläche, die ihm einziger Lebensgrund war, verschwunden zu sein. Doch kurz vor dem glücklichen Vergessen ruft sich der tantrische Selbstdarsteller jetzt wieder ins Gedächtnis. Und das ist gut so. Denn ohne Hornauer wären wir Talk-Show-Fans ganz allein mit KernerBeckmannJauch. Was wiederum gruseliger wäre als Hornauer nackt im Urwald zu begegnen. Oder so ähnlich.
Dienstag, 3. November 2009
Glücksspielsucht macht gar nicht süchtig
Seit Jahren bereits warnen Politiker, Krankenschwestern und unser kleines Prohibitions-Blog PPQ wie aus einem Munde vor den unbeherrschbaren Gefahren der Online-Glücksspielsucht. Häufig ausgelöst durch das Anschauen von Fußballtrikots mit bwin-Werbung, führt das Wetten auf den Ausgang von Fußball-, Eishockey und Baseballspielen automatisch dazu, dass treusorgende Familienväter Haus, Hof und Kompaktwagen verspielen. Die bedauernswerten Angehörigen können nur zuschauen, wie die Opfer langsam vom Fleisch fallen, ihre Kinder zu dubiosen Zwecken im Internet anbieten und all ihre Gedanken nur noch auf den nächsten auszuspielenden Lotto-Jackpot richten.Zum Glück hat die Politik hier bereits vor einiger Zeit einen Riegel vorgeschoben. Online-Glücksspiel wurde verboten, erlaubt ist Tippen und Wetten nur noch denen, die bereit sind, aus dem Haus zu gehen und ihre Spielscheine händisch bei einer staatlichen Abzock-Annahmestelle abzugeben. Alle Einnahmen aus den Einsätzen stehen den Landesregierungen anschließend zur Verfügung, Gelder für um wohltätige Zwecke ausreichen zu können, wenn Parteifreunde Wahlhilfe brauchen oder Steuergelder nicht ausreichen.
Dennoch scheut die international organisierte Glücksspielmafia keine Mühe, die Gefahren von Online-Glücksspielen zu verharmlosen. Obwohl eine Zulassung von privaten Anbietern der Politik ein wichtiges Feld zur Unterbringung von alten Parteigenossen rauben und die Steuereinnahmen nach oben schrauben würde, kommt eine Untersuchung der Division on Addictions (DOA) der Harvard Medical School jetzt zum Ergebnis, dass die Suchtgefahren von Glücksspiel allgemein überschätzt würden. "Rund 95 Prozent der Online-Spieler weisen kein problematisches Spielverhalten auf", ließ DOA-Direktor Howard J. Shaffer in Wien wissen - zufällig die Hauptstadt eines Landes, das private Sportwetten im Widerspruch zum deutschen Recht legalisiert hat.
Internet-Glücksspiel sei bei weitem nicht so gefährlich wie bislang von interessierten Kreisen angenommen. "Keine wissenschaftlich fundierte empirische Studie kann die risikoverstärkende Wirkung von Online-Gaming beweisen", stellt Shaffer fest. Die überwiegende Mehrheit betreibe ihre Leidenschaft in einer sehr moderaten Art und Weise. So habe die Analyse von über 40.000 Online-Spielern ergeben, dass diese im Schnitt nur 2,5 Sportwetten mit jeweils vier Euro Einsatz an jedem vierten Tag nutzen.
Das reiche nicht, Haus und Hof zu verspielen, auch endlose Spielnächte mit Millionenverlusten könnten so nicht realisiert werden. Erschwerend bei der Untersuchung sei gewesen, dass keine allgemein anerkannte Definition von Onlinesucht vorliegt. "Online-Glücksspiel ist ein hochkomplexes Phänomen, über das wir bislang noch sehr wenig wissen", erläutert Michael Musalek, Vorstand und ärztlicher Direktor des Anton-Proksch-Instituts. Bis heute wisse niemand, ob eine Wette auf einen Sieg Bayern München in der Champions League oder das Setzen von fünf Euro auf einen Durchmarsch der SPD bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als echte Suchterkrankung oder als bloße Impulskontrollstörung zu sehen sei.
Um weitere Daten zu gewinnen, soll es ARD und ZDF weiter gestattet bleiben, Fußballspiele mit Mannschaften zu übertragen, deren Trikotsponsoren nach dem bekanntermaßen weltweit geltenden deutschen Recht illegale Geschäfte betreiben. In Absprache mit der Bundesregierung haben sich die Länderchefs darauf geeinigt, hier auch in Zukunft konsequent wegzuschauen. Eigene Wetten auf Fußballspiele, aber auch auf das Ende des staatlichen Glücksspielmonopols können Suchtkranke rechtswidrig hier abgeben.
Montag, 2. November 2009
Ach nee
"In Deutschland existiert eine wachsende und sich verfestigende Unterschicht, die es so vor 20 Jahren noch nicht gab. Die Hauptschuld daran trägt der Sozialstaat."
Himmel über Halle XVI

Sonne ohne Mond und Sterne - unsere Serie "Himmel über Halle" ist immer wieder für Überraschungen gut. Diesmal: Es ist alles noch viel wundertoller, als eh von uns behauptet.
Sonntag, 1. November 2009
Originale aus Ostfliesland
Neue Sichtungen in der Hauptstadt von Ostfliesland: Deutschlands Kachelmann, der enigmatische Künstler, der seit Jahren versucht, die gesamte Innenstadt von Halle an der Saale neu zu verfliesen, ist nach Berichten von Kacheleologen augenblicklich dabei, die Große Ulrichstraße komplett mit formschönen und symbolstarken Fliesen neu zu kacheln. Entlang der bei den Einwohnern wenig beliebten Einkaufsstraße hat der von immer mehr Kunstfans fanatisch verehrte Kachel Gott zahlreiche Neuinstallationen vorgenommen.Dabei zitiert sich der fliesende Feingeist unter anderem auch selbst: In einer über Kopf geklebten Fliese erinnert er an die heute bereits legendäre "Fäuste"-Reihe, mit der sein großes Werk einst anhub, den öffentlichen Raum zu erobern. Passend zum einbrechenden Winter hat Kachelmann, der bei Tageslicht Gerüchten aus Frankfurt am Main zufolge ein bekannter "Burg"-Dozent sein soll, eine "Fäuste"-Fliese geklebt, die die Formsprache der zum Teil bereits von Sammler entwendeten oder von
Fliesenfeinden ausradierten Originale aufnimmt, sie aber in einer Andy-Warhol-artigen Farbigkeit neu interpretiert, um an den bilderstürmerischen Abriß des berühmten Baudenkmals aus sozialistischen Tagen zu erinnern.
Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com
geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.
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