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Dienstag, 14. Juli 2026

Aufstand in Erdölschuhen: Die Polyurethanjugend

Sie sind wohlgenährt bis leicht adipös, mit weichen Händen und übergroßen Modebrillen, oft ausgestattet mit Fensterglas. Sie haben die Vorteile des demokratischen Bildungssystems eines der reichsten Länder der Welt meist anderthalb oder sogar zwei Jahrzehnte lang in vollen Zügen genossen. Sie wissen seitdem, dass die Bundesrepublik so nicht bleiben kann wie sie ist.  

Der Wohlstand muss weg 

Der Wohlstand muss weg, die fossilen Fundamente gehören gesprengt. Statt Wachstum soll Nachhaltigkeit zählen, eine Idee, die schon der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz angesichts seiner aussichtslosen Bemühungen um einen Wumms vertreten hatte. 

Damals hatte es der letzte Sozialdemokrat, der noch eine Bundestagswahl hatte gewinnen können, gegen eine medial hofierte und euphorisch abgefeierte Jugendbewegung, die ihre Wurzeln in den Wohnvierteln des deutschen Bionadeadels hatte. Von "Fridays for Future" bis zur "Letzten Generation" und der Grünen Jugend versammelten sich die gutbürgerlich erzogenen Beamtenkinder zur organisierten Revolution gegen das System. 

Die Freizeitarmee der besorgten Teenager 

Einmal die Woche zog die Freizeitarmee der besorgten Teenager aus, um eines jener "Zeichen" zu setzen, für die Deutschland so berühmt ist. Nach Monaten, in denen das nicht zur erhofften Abschaltung  der Industrie und zum Verbot des Individualverkehres führte, eskalierte die Bewegung. Handwerker auf dem Weg zur Arbeit wurden blockiert. Elektrische Anlagen sabotiert. Teile der kritischen Infrastruktur gezielt angegriffen. 

Die weltweite Klimabewegung, die sich vor allem auf Deutschland konzentrierte, agierte nicht getrieben von Wut, sondern aus Überdruss. Zu bequem schien das Leben, zu gesichert die Zukunft, der Lebensweg fest abgesteckt in diesen letzten guten Jahren der Republik für lange Zeit. 

Die letzte Generation vor Corona 

Schuldgefühle, die fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die nimmermüden Erzieher des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erfolgreich vermittelt hatten, ließen einen kleinen, sehr lauten Teil der letzten Generation vor Corona zur Überzeugung kommen, sie sei berufen, der Geschichte Beine zu machen. Sie sei schließlich die Erste, die erkannt habe, dass hinter der Rettung des Klimas alle anderen Wünsche und Träume zurückstehen müssten. 

Es war kein romantischer No-Future-Gedanke wie beim Punk, der die Klimakinder antrieb, sondern eine bizarre Heilsidee der kindlichen Klimakaiserin Greta Thunberg: Lasset ab vom Öl, lasset ab vom Gas!, rief die, und sie forderte die Mächtigen der Welt auf, in Panik zu geraten. Thunberg, 16 Jahre alt, ohne Schulabschluss, war sicher, dass "das eigene Haus schon brennt". Und dass trotz aller Demokratie, aller Rücksicht auf Wirtschaft und Gesellschaft kein Weg um ein "sofortiges, radikales Handeln" herumführte. 

Die unschöne Skepsis Älterer 

Ältere waren skeptisch. Bisher hatte noch jede revolutionäre Bewegung, die versprach, alles Verrottete, Böse und Ungerechte im Handumdrehen hinwegzufegen, zu unendlich viel Leid, zu Millionen Toten und zu Gesellschaftsordnungen geführt, die noch ungerechter und innerlich noch verrotteter gewesen waren. Der revolutionäre Furor, der sich wahllos im Protest gegen dieses und jenes äußerte, erschien der Mitte der Gesellschaft überwiegend nicht angebracht. Bei allem, was es sicherlich zu verbessern gebe,  dürfe doch das Kind nicht alles mit dem Bade ausschütten.

Neubauer in Erdölschuhen. 

Stimmen, denen die großen Medien nicht allzu viel Raum ließen. In der großen politischen Blase, die mangels Kontakt nach draußen darauf angewiesen ist, auf die Rückkopplungsgeräusche der eigenen Äußerungen zu hören, setzte sich die Auffassung durch, dass das wohl alles wahr sein müsse. Es komme schließlich jeden Tag im Fernsehen und es stehe auch in allen Magazinen. Maßgebliche Teile der Gesellschaft schienen tatsächlich bereit zu sein, so schlussfolgerte das politische Berlin, im Namen von Klimagerechtigkeit, nachhaltiger Mobilität und einer Reihe weiterer, ebenso hübscher Schlagworte Verzicht zu üben.

Die moderne Priesterkaste 

Kein Einfamilienhaus mehr und kein Familienurlaub im Süden. Kein Fleisch auf dem Grill, kein Fett auf den Rippen. Obendrüber nur gebrauchte Pullover aus dem Second Hand-Shop und unterwegs ausschließlich im Elektroauto, die Bionadeflasche mit dem ökologisch erzeugten Fair-Kaffee in der Hand. Mit der betonfesten Konsequenz, zu der nur tief gläubige junge Menschen fähig sind, entsagten vor allem junge Frauen aus gutem Hause öffentlich allen Wohlstandsversprechen des Kapitalismus. 

Wie einst Lioba von Tauberbischofsheim (ca. 700–782), Hildegard von Bingen (1098–1179) und Katharina von Bora (1499–1552) zogen Luisa Neubauer, Carla Hinrichs, Ricarda Lang und Jette Nietzard in ein selbstgezimmertes ideologisches Zuhause. Eine moderne Priesterkaste verkündete von dort aus ihre Wahrheiten. 

Warm und gemütlich ist es in diesem Elfenbeinturm der Erweckten. Eine WG aus Gleichgesinnten regierte von hier aus zeitweise ein Fantasiereich, dessen Botschafter in jeder Talkshow saßen. Jakob Blasel, Katharina Stolla und Svenja Appuhn erarbeiteten sich einen gewissen Fernsehruhm. Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus waren Namen wie Donnerhall. Menschen, die die Anschläge vom 11. September 2001, mit denen der Steinzeit-Islam die wunderbar entspannten  90er Jahre beendet hatte, allenfalls im Kinderwagen erlebt hatten, predigten Umkehr und Entsagung.

Gegen alles, was anders ist 

Gemeinsam riefen sie zum Hass auf Alte, Wohlhabende, Vielfahrer, Pendler und Fernreisende, sie wetterten gegen Klimasünder, billigen Sprit und industrielles Wachstum. Es ging gegen alles, was anders ist und jeden, der anders leben möchte. "Kehrt um und denkt neu" (Markus 1,15) war ihr aus der Bibel entlehnter zentraler Aufruf. Nur eine radikale Neuausrichtung des Lebens, eine Umwertung aller Werte und die Abkehr von begangenen Sünden könne den Klimagott beschwichtigen und die Menschheit retten.

Ins Auge fiel immer, wie elegant die Größen der Bewegung den Spagat zwischen ihrem absoluten Anspruch auf Entsagung aller von den Freuden Lebens und ihrem eigenen Verhalten meisterten. Die Bigotterie der selbsternannten Klimapäpstin Luisa Neubauer war schon wenige Wochen nach der Gründung der Aufbauorganisation von Fridays for Future in Deutschland angeprangert worden.  Im gewöhnlichen politischen Geschäft, in dem die Anführer allein von ihrer Glaubwürdigkeit leben, ein Todesurteil. 

Die Anspruchshaltung der Bigotten 

"Langstrecken-Luisa" aber war keineswegs blamiert und für alle Zeiten desavouiert. Ganz im Gegenteil: Die mediale Fankurve warf sich wie ein Mann vor die von Kritikern unzulässig angegriffene Galionsfigur von Energieausstieg und Klimawende. Neubauer durfte über "Hate im Netz" klagen und die Kritik an ihrer bei Instagram selbstbewusst ausgestellten Doppelmoral als "Diskussion über meine Flugreisen" bezeichnen, die "ablenken soll von dem, um was es uns eigentlich geht". 

Großzügig stellte Neubauer klar: "Ich will ja niemandem verbieten, irgendwo hinzufliegen." Das Fliegen insgesamt müsse "deutlich teurer" gemacht werden. "Dann kann sich jeder entscheiden, ist mir diese Reise so viel Geld wert - oder nicht."

Die Armen sollen zu Hause bleiben 

Die Absicht war unverkennbar. Die Armen und weniger Begüterten sollten schön auf dem Boden bleiben. Urlaub im Kleingarten ist auch sehr schön. Die Klimaretter aber hatten Prokura, ihr Guthaben auf dem Miles & More-Konto aufzublasen. Der gute Zweck heiligt die Mittel. Kein Überseetrip in der Businessclass ist illegal, wenn der oder die Richtige in Reihe vier sitzt. Zum Ausgleich der Klimaschuld kann nach der Landung jederzeit ein Flughafen angegriffen werden, um den Luftverkehr anzuprangern.

Es war zweifellos ein "strategischer Fehler" (Ursula von der Leyen) der hochentwickelten westlichen Gesellschaften, den Anführern des Kinderkreuzzuges ein Übermaß an Aufmerksamkeit zu schenken. Wie wenig echte Konsequenz hinter der anmaßenden Ideologie der häufig kaum gebildeten Führungsriege der selbsternannten "Bewegung" stand, war von Anfang nicht zu übersehen. Denn ihre klimaschädlichen Konsumgewohnheiten trugen die Öko-Aktivisten offen zur Schau.

Keine Demo ohne Adidas 

Sie hätten Schuhe aus Bast oder Leinen an den Füßen haben müssen, am besten mit einer Sohle aus nachhaltigem Windbruchholz. Doch während sie sich lauthals für Klimagerechtigkeit, CO2-Reduktion und einen Ausstieg aus Öl und Gas schon nächste Woche einsetzten, trat kaum ein der Aktivist*innen ohne Markenschuhe aus Kunstleder auf. Keine Protestdemo ohne Sneakers von Nike oder Adidas, die in Billigfabriken hergestellt und auf Very Large Container Ships (VLCS) mit rußendem Dieselantrieb eingeschifft werden.

Im Kampf gegen die verhasste Polizei trägt der ernsthaft Engagierte Lützerath Fashion Style: Die traditionelle Guerilla-Uniform des fränkischen Protestausstatters Adidas, kombiniert mit einer Spyder-Revolutionshose. Auch im Talkshow-Nahkampf leistet Mikrofasern aus Nylon, Polypropylen und Elastan gute Dienste. Luisa Neubauer vertraut Turnschuhen Marke "Superstar Cloud White", ein Produkt aus Polyurethan, einem unter hohem Energieeinsatz mittels Polyadditionsreaktion von Polyisocyanaten mit mehrwertigen Polyolen produzierten Schaumstoff, der entsteht, wenn das Klimagift Kohlenstoffdioxid die Reaktionsmasse aufschäumt. 

Die Köpfe wechseln, die Bräuche nicht

Die Köpfe der Bewegung haben gewechselt, die Bräuche nicht. Wie ihre Vorgänger marschieren auch die aktuellen Anführer der Reste der Generation Erdölschuh auf Sohlen aus synthetischen Materialien über die untergehende Erde: Die Zwischensohle aus leichtem, dämpfendem Ethylen-Vinylacetat, darunter abriebfester Synthetikgummi für die Laufsohle und alles angereichert mit thermoplastischem Polyurethan. 

Der Energieaufwand für die Herstellung liegt bei mehr als 30 kWh pro Kilogramm, die Umweltwirkungen sind dafür aber langanhaltend: Ein Paar Turnschuhe kann als Schwemmmüll in den Weltmeeren heute schon mehrere tausend weggeworfene verbotene Plastiktrinkhalme ersetzen. 

Der Glaube an Kunstleder und Polyurethan 

Beim Modegeschmack allerdings eint der Glaube an Kunstleder und Polyurethanschaum aus chinesischen Billigfabriken die nachgewachsene Führungsriege. Henriette Held und Luis Bobga, die beiden neuen Bundessprecher/innen der Grünen Jugend, vertrauen ebenso auf Kleidung aus Erdöl und Plastikschuhe wie Philipp Türmer, der Salonrevolutionär an der Spitze der Jusos. 

Dem ist das härene Büßergewand der Unterschicht zu kratzig, er trägt im Kampf gegen den Kapitalismus einen Pullover von Scotch & Soda, EVP 130 Euro. Die Firma war mehrfach insolvent, mehrfach wurde sie von amerikanischem Private-Equity-Firmen gerettet. Von "Heuschrecken", wie der frühere SPD-Chef Franz Müntefering sagen würde.

Freitag, 1. Mai 2026

Drei Damen vom Klimagrill: Es sind immer die Frauen

Die neue Generation der Kronzeuginnen für unumgängliche Einschnitte ist älter als es die kindlichen Klimakriegerinnen waren. Doch auch die Titaninnen der neuen Belehrungsphase sind unerbittlich in ihren Forderungen an alle anderen.

Sie waren die Billy-Regale der entwickelten Demokratie der Nachpandemie, sie standen überall, in jeder Zeitung, sie saßen in allen Talkshows und meldeten sich schrill und nachdrücklich zu jedem Thema zu Wort. Junge, oft hysterisch wirkende junge Frauen mit halber Bildung und voll entwickeltem Selbstbewusstsein prägten die Ära der Jahre von "Wir haben Platz" bis "Wir haben nur eine Erde".

Sie hießen Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Carla Reemtsma, Ricarda Lang und - in der finalen Phase - Jette Nietzard. Niemals wusste jemand, wie sie dorthin geraten waren, von wo sie mit vor Eifer glänzenden Wangen Verzicht predigten und Ablass verkauften. Niemand wagte sich zu fragen, wer die Püppchengeneration des Populismus gewählt oder berufen hat. 

Modebewusste Predigerinnen 

Die jungen Mädchen, modebewusst und sichtlich gebauchpinselt von der Rolle, die ihnen Päpste, Präsidenten, Kanzler und Medienschaffende zubilligten, waren das Antlitz einer außer Rand und Band geratenen Gesellschaft. Wo früher Professoren, Ingenieure, Militärs oder in Jahrzehnten politischer Diadochenkämpfe gestählte Machtmenschen über die Richtung bestimmt hatten, in die sich das Land entwickeln sollte, waren es jetzt fröhliche Schulmädchen. Die beschäftigten sich jugendtypisch an einem Tag mit dem Weltklima, am anderen mit der Herbeischaffung globaler Gerechtigkeit. Dazwischen passten die eine oder andere Modestrecke für ein großes Magazin.

Das war alles andere als seriös, so weiß man heute. Vieles wurde falsch gemacht, alles andere nicht richtig. Viel Schaden ist entstanden, den die zentralen Planungsbehörden in Brüssel und die ausführende Regierung in Berlin nun mit großer Anstrengung unter sogenannten Reformbemühungen verstecken müssen. Die Preise sind zu hoch, die Grenzen doch zu offen, die Mitmenschlichkeit ging zu weit und das Klima ist doch gar nicht wichtig. 

Glaubwürdige Kurswechsel 

Um die Glaubwürdigkeit des Kurswechsels hin zu einem "klaren Kompass" zu stärken, hat nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ein Stabwechsel auf der Begründungsbühne für die notwendigen Maßnahmen stattgefunden. Statt der über Jahre als Kronzeugen für die Notwendigkeit für Deindustrialisierung, Degrowth, Nachhaltigkeit und regionales Gemüse auftretenden jungen Aktivistinnen haben Frauen in den besten Jahren übernommen. 

Die neuen Stars im Kronzeugenstand für alternativlose und irreversible Richtungsänderungen traten jetzt Wissenschaftlerinnen wie Claudia Kemfert und Monika Schnitzer auf. Auch die Philosophin Eva von Redecker ist dabei, die in ihrem  "Bleibefreiheit" schon einmal "eine neue Sichtweise auf den Freiheitsbegriff entwickelt" (Deutschlandfunk) hatte, taucht auf, begleitet von weiteren Forscher*innen wie Isabella Weber und Isabel Schnabel. 

Auf in "die andere Klimazukunft" 

Sie alle sind Wirtschaftsweise, gehören einem "Ethikrat" an oder haben wegweisende Entdeckungen vorzuweisen. Schnitzer etwa wurde schon 2005 mit dem Bundesverdienstorden am Bande ausgezeichnet. Kemfert empfahl schon 2008 in einem Buch "Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression", sie wollte in einem weiteren 2009 "Jetzt die Krise nutzen", begründete 2017 "Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen" und hat in ihrem jüngsten Werk "Kurzschluss" aufgezeigt "Wie wir unsere Energiezukunft verspielen".

Die Damen vom Klimagrill sind die neuen Titaninnen der Zeitenwende. Was für die Vorgängergeneration der Aktivistinnen ein Spiel mit selbstausgedachten Projektionen war, die zum Erstaunen der Aktivistinnen auf breite mediale Zustimmung trafen, ist für die neue Beraterelite der Berliner Republik ein ernsthaftes Geschäft, in dem es um die persönliche Reputation, den Absatz von Büchern und die Nähe zur Macht geht. 

Eine goldene Verheißung 

Sie schaffen es, die brutalen Klassenkampf-Parolen der Taz-Redakteurin Ulrike Herrmann wie eine goldene Verheißung klingen zu lassen. Weniger für alle, davon aber mehr, das ist keine Drohung mehr, mit der die Elite die hart arbeitende Mitte verunsichert, sondern wissenschaftlich bewiesene Notwendigkeit.

Es mag sein, dass es dem Weisenrat von Schnitzer in den vergangenen 20 Jahren nie gelungen ist, die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik korrekt vorherzusagen. Doch wer seine Lektion aus dem Scheitern des Kinderkreuzzuges für das Klima gelernt hat, weiß das kein Beinbruch ist. Vorhersagen lassen sich im Nachhinein begradigen, bis es passt. Greta Thunberg, als grüne Nostradamus der Klimabewegung über Jahre hinweg unumstrittene Instanz beim Spüren von CO2 und Wasserdampf, hatte ihre fehlgeschlagenen Vorhersagen letztlich einfach gelöscht, als sie sich als falsch erwiesen.

Richtig ist immer jetzt 

Das ist heute nicht einmal das mehr nötig. Die Gesellschaft steht unter dem Dauerstress tagtäglich neu eintreffender Hiobsbotschaften. Was gestern, vorgestern oder gar im vergangenen Jahr richtig war, wird auch heute nicht falsch, weil sich niemand mehr daran erinnert. 

Natürlich war eines nicht allzu fern in der Vergangenheit liegenden Tages die Rede davon, dass alle nach Deutschland geflüchteten Syrer nach Hause zurückkehren würden, sobald der Bürgerkrieg daheim vorüber ist. Aber natürlich ist der Bürgerkrieg jetzt vorbei und die Wissenschaft hat bewiesen, dass die 113.000 Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit ohne die Geflüchteten kaum auskommen können.

Kapazitäten mit Kalendersprüchen

Als Zeugen für die Wahrheit des Moments treten drei Frauen hervor, die den Takt der Zukunft in einer Welt zwischen Klimakollaps und ökonomischem Umbruch vorgeben. Sie haben Kalendersprüche dabei wie "Handeln ist billiger als Nichthandeln" und "Regulierung erzeugt Innovation. Ihre Welt ist des "Heizungshammers" und der "Energiewende", sie lehnen ab, was von "Verbotskultur" und "Dunkelflaute" raunt.

Aus ihrer Sicht ist Zukunft planbar. Vielleicht nicht auf der individuellen Ebene, denn nicht jedes Eigenheim wird eigen blieben könne. Aber ganz allgemein schon, für das ganze Kollektiv auf jeden Fall: Jedes Ereignis irgendwo auf der Welt spricht für ein Tempolimit.  Jeder Ressourcenkrieg ist ein Argument für das 1,5-Grad-Ziel. Selbst die kaum mehr tragbaren Kosten für die große Transformation bestätigen nur, dass ein kein zurück gibt.

Claudia Kemfert hat zuletzt aufgedeckt, dass viele Behauptungen über Deutschlands und ganz Europas Rückfall bei der Wettbewerbsfähigkeit zwar richtig sind, aber falsch verstanden werden. Ein schneller Gasausstieg würde Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer machen. Das Klima würde die Wirtschaft mitreißen, hin zu dem schon von Olaf Scholz vorhergesagten grünen Wirtschaftswunder.

Die Kapelle der Deutschland-"Titanic"

Neben Kemfert ist auch Eva von Redecker ist einer der Dirigentinnen des Orchesters, das die Bühne auf der Deutschland-"Titanic" bespielt. Von Redecker stammt aus Kiel, sie wuchs auf einem Biobauernhof auf, studierte in Kiel, Tübingen, Cambridge und Potsdam Philosophie, Germanistik, Geschichte, Medizin und Lehramt und brachte der Welt später ein neues Revolutionsverständnis bei. Radikaler Wandel, so bewies sie, "vollzieht sich prozessual über die sukzessive Übertragung von abseitiger Praxis zu neuen Paradigmen".

Die Frau in der Schnittstelle 

Das ist Klartext. Das ist das intellektuelle Pendant zu Walter-Steinmeier-Reden und des Kanzlers braven Bittbriefen nach Brüssel. Auf die Frage der Wochenschrift "Die Zeit", worüber sie gerade nachdenke, hat Eva von Redecker eine überraschende Antwort geliefert. "Ich denke gerade über Energie nach",m sagte sie, "denn mir scheint, dass wir immer noch unterschätzen, wie wichtig das Thema ist." 

Hellwach. In Gedanken weit vor allen anderen. Von Redecker füllt die Schnittstelle zwischen kritischer Theorie, feministischer Philosophie und Gebrauchsanweisungen für Machtpolitiker aus. Sie erzählt Dinge, die niemand verstehen muss, sie schreibt nicht für den kleinen Mann, sondern für die, die den kleinen Mann handhaben müssen. 

In der Pandemiezeit gelang es ihr, die regierungsamtlich verfügten Lockdowns mit einer kühnen Volte zu einer neuen Ausprägung von Selbstbestimmung zu erklären: Von Redeckers neuer Freiheitsbegriff setzt an die Stelle der bislang als Freiheit wahrgenommenen Möglichkeit, jederzeit gehen zu können, das Konzept der "Bleibefreiheit".  Dabei handele es sich um die Möglichkeit, auf staatliche Weisung an einem Ort verweilen zu dürfen, ohne reisen zu müssen. 

Urteil aus überlegener Ortskenntnis 

Solche Mahnerinnen mit solchen Ideen braucht das Land, das auf der Suche nach einer resilienten Form der Demokratie ist, die der drohenden Diktatur einer Mehrheit nur dann nachgibt, wenn die politische Klasse auf Basis ihrer überlegenen Ortskenntnis zum Schluss kommt, dass das hilfreich sein wird. Womöglich müssen alle alles verlieren, um alles zu gewinnen. Denn "die autoritäre Versuchung beginnt beim Eigentum", hat von Redecker gerade erst auf "die Zumutungen des Alltagskapitalismus, die Faszination rechter Erzählungen und den neuen Faschismus" geantwortet. 

Ein logischer Schluss: Wer nichts hat, der wird nichts rechts. Der bleibt als Mündel der Linken angewiesen auf Solidarität, die gebende Hand des Staates und dessen Almosen. Selbst Monika Schnitzer, die Frau, die den Vorsitz im Rat der Weisen, der zweimal jährlich Prognosen zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verkündet und sie später jeweils scharf korrigiert, kann mit die der philosophischen Wucht von Redeckers Rätselreden kaum mithalten. 

In diesen trüben Tagen des Untergangs

Geboren 1961 in Mannheim, Tochter eines kaufmännischen Angestellten und später Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, ist Schnitzer in diesen trüben Tagen des Untergangs des Abendlandes der Superstar der Gürtelenger-Politik. Eben erst saß sie in einem Fernsehstudio, Zuschauer entdecken Sneakers für 430 Euro an ihren Füßen, doch Schnitzer sagte es trotzdem, wie es ist: An den paar Euro, die Benzin jetzt mehr kostet, geht doch kaum jemand pleite! Man müsse nur einige Pullover weniger kaufen und vielleicht auch mal 25 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit fahren. Ist doch so.

Man könnte das abkürzen: Wenn, darauf hat Boris Pistorius die Bürgerinnen und Bürger bereits eingestimmt, 2029 der Russe einmarschiert, samt der Soldaten, Panzer und der Munition, die Kreml-Diktator Wladimir Putin nun schon seit drei Jahren ausgehen, werden Benzin- und Pulloverpreise das kleinste aller deutschen Probleme sein. 

Radikale Dauerpräsenz 

Schnitzer fühlt das heute schon. Mit ihrer radikalen Dauerpräsenz auf allen Kanälen wirbt sie nahezu ohne Ruhepause für den Erhalt der Stabilität des Gesamtsystems auf Kosten derer, die sich am wenigstens wehren können. Sie liefert den metaphysischen Überbau für den Wandel innerhalb der  Leitplanken einer modernen Planwirtschaft. 

Die Politik hat sie auserwählt, der Politik Ratschläge zu erteilen sollen. Ihre Zwischenrufe bestätigen die Legitimität des politischen Handelns. Wie ihre Kolleginnen trägt sie schwer an der Last, einer Nation gut zuzureden, die zwischen Tradition und Transformation zerrieben wird. Schnitzer scheut sich nicht, auch unpopuläre Positionen zu vertreten, sobald sie spürt, dass sie sagbar werden. 

Reiner Wein für alle 

Als Friedrich Merz den Deutschen jetzt brutal offen reinen Wein über jahrzehntelang aufrechterhaltene Rentenlüge einschenkte, fand er Monika Schnitzer schnell an seiner Seite. Bei der Altersvorsorge seien "in den vergangenen Jahrzehnten durch ineffiziente Instrumente wie die Riester-Rente viel Zeit und Rendite verloren gegangen", klagte sie. 

Die Riester-Rente war 2002 eingeführt worden. Schon 2023 hatte sich Schnitzer erstmals kritisch zu diesem speziellen Vorsorgesystem geäußert. Die Gebühren seien viel zu hoch, sie könnten viel niedriger sein, gäbe es nicht nur private Anbieter, sondern auch einen staatlichen Fonds.

Dienstag, 23. Dezember 2025

Das Jahr ohne Sommer: Mai der Sehnsucht

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In diesem Mai blüht Deutschland auf. Bis zum Sommer, verspricht der neue Kanzler, werde ein Stimmungsumschwung das Land wie neu machen.

You've got troubles on your own, no need to face them all alone
We can all swing together, my oh my
 
James Lea und Neville Holder, 1983

Es war ein Jahr zum Vergessen und vielen gelang das außerordentlich gut. Der neue Kanzler wusste schon nach Wochen nicht mehr, was er versprochen hatte. Seine Hilfstruppen von der SPD hatten verdrängt, dass sie wiedermal eine Wahl verloren hatten. In der Welt draußen wendete sich einiges zum Besseren. Deutschland aber blieb mit klarem Kompass auf Kurs. 

Der Rückblick auf 2025 zeigt zwölf Monate, die es in sich hatten. Nie mehr wird es so sein wie vorher.

Der Wonnemonat. Das erste Aufblühen. Die Befreiung nach zwei dumpfen Jahrzehnten Bräsigkeit und Kleinmut. Kaum ist der sechste Monat nach dem Zerbrechen der Ampelkoalition angebrochen, stellt sich Deutschland völlig neu auf. Mit Friedrich Merz und Lars Klingbeil schwören zwei Macher den Amtseid, die sich als Retter sehen. Wie hat alles nur so weit kommen können? Wer ist verantwortlich dafür, dass ein ehemals blühendes Land verluderte und vergammelte?

Frische Männer braucht das Land 

Auch die beiden frischen Männer in Kanzleramt und Finanzministerium wissen es nicht zu sagen. Es ist auch vergossene Milch. Merz und Klingbeil, Wadephul, Pistorius und Bas, sie alle sind angetreten, es endlich besser zu machen. Alles bleibt, wie es war. Niemandem wird es schlechter gehen, vielen aber wieder besser. Bei den traditionellen Maikundgebungen in Berlin, zu denen der DGB wie gewohnt die Reste der revolutionären Arbeiterbewegung karrt, offenbart SPD-Chef Lars Klingbeil seine Vision für die hart arbeitende Mitte. 

Keine Beitragserhöhungen, keine Kürzungen, einfach ein Land, das funktioniert. Der "Hüne mit Rocksänger-Vergangenheit", wie ihn eine Illustrierte nennt, distanziert sich vom Kurs seiner Partei und auch er verspricht Reformen, diesmal welche, die selbst die Mathematik überlisten werden.

Begehrlichkeiten durch frische Billionen


Immer mehr rein in die Steuerkasse, aber immer noch mehr raus. Wie jeder Familienvater, der die Begehrlichkeiten seiner Schutzbefohlenen im Zaum zu halten hat, muss auch die neue Koalition bremsen. Die gewaltigen Sondervermögen, Geld ohne Aggregatzustand, geborgt von Generationen, die noch nicht einmal auf der Welt sind, wecken Begehrlichkeiten. Und sie bremsen jeden Reformeifer. 

Mit dem Handelsstreit, den US-Präsident Donald Trump losgetreten hat, findet sich ein neues Argument, warum vieles gerade jetzt nicht geht. Die Lage ist gespannt, einmal mehr steckt Deutschland in der schwierigsten Situation seit dem Mauerbau. Deren Abriss war nur vorübergehend. An die Stelle des Ulbricht-Bauwerks ist eine sinnbildliche Mentalmauer getreten. Hinter der steckt ein Viertel der Bevölkerung fest, Ewiggestrige, die eben noch gegen die Impfpflicht waren und nun die russische Gefahr verharmlosen. 

Verrat der Jugend 

Ausgerechnet die Jugend und ausgerechnet die weibliche enttäuschen ihre Eltern, lehrer und die Macher von KiKa und Maus. In Sachsen explodiert der "Ostmulle"-Trend auf TikTok. Im Fahrwasser der linken Influencerin Heidi Reichinnek lypsincen junge ostdeutsche Frauen zu Hardtekk und Rechtsrock, umrahmt von Pegida-Flaggen und Lorbeer-Tattoos. Es fallen alle Schamgrenzen. Große Medienhäuser  wie "Die Zeit" feiern den Aufstand der in der Genderdebatte Vergessenen als den von "tribalen Underdogs", die einzig von der Sehnsucht beseelt seien, gesehen zu werden.

So macht das die moderne Rechte. So unterläuft die gefürchtete AfD-Propaganda die Demokratiefilter der großen Rundfunkanstalten. Es mangelt aber auch auf der anderen Seite des Spektrums an Respekt vor den Institutionen des demokratischen Rechtsstaates. Jette Nietzard, eine erst seit kurzem amtierende  Vorsitzende des grünen Nachwuchsverbandes, löst mit einem Pullover, der zum Hass auf die Polizei auffordert, eine Medienhysterie aus, die der um die Syltsänger ein Jahr zuvor kaum nachsteht.

Eine Feier der ostdeutschen Ignoranz der westdeutsch dominierten Meinungslandschaft. "Zeit"-Reporter reisen ins tiefste Hinterland der ostdeutschen Ödnis und notieren Beobachtungen über Nasenringe und Bionade. Winfried Kretschmann, der große, stille alte Mann der Grünen, warnt mit Blick auf die Affäre Schmidt: "Der Rechtsruck bedroht uns."

Staatsbegräbnis für das Klimageld 

Merz macht es den erklärten Feinden der in der Verfassung festgeschriebenen vertrauenwürdigen Parteien der Mitte aber auch leicht. Das Klimageld, die über Jahre immer wieder vorgezeigte Wurst für alle, die fleißig CO₂ sparen, muss zugunsten anderer wichtiger staatlicher Investitionen gestrichen werden. 18,5 Milliarden Euro aus dem Verkauf von sogenannten Emissionsrechten an die Bürgerinnen und Bürger, sollen nun Brücken sanieren und Wohnungen bauen. Lisa Badum, auch sie eine junge, engagierte Grüne wie Nietzard, lobt: "Der Staat investiert besser als der Bürger – aber für Krieg?" dahitler steht natürlich die Befürchtung, dass Putin kommt, wenn alles fertig ist. 

Trump tweetet: "EU pays for green dreams!". Wieder lügt der Präsident. Denn es sind die EU-Bürger, die bezahlen. Merz ist zu Besuch bei den hochgerüsteten Nordeuropäern, die so kleine Armeen haben, dass die Hamburger Bereitschaftspolizei Putin mehr Angst einjagt. Anlassangepasst spricht der neue Kanzler in Vilnius über seinen "Traum vom Frieden", der wahrt werden könne, weil er "uneingeschränkte Taurus-Lieferungen an die Ukraine, ohne Reichweitenbeschränkung" erlauben werde, um Russland zu brechen. 

Der Außenkanzler läuft sich warm 

Mit dem Koalitionsvertrag und dem Amtseid sind die Dinge daheim fürs Erste geordnet. Friedrich Merz macht sich auf, seine eigentliche Rolle zu füllen. Der Mann aus dem Münsterland ist ein Außenstürmer, er jettet um die Welt, sucht den Schulterschluss mit Macron, Tusk und Starmer; Meloni und Frederiksen. Migrationskontrolle ruft er aus und sein Innenminister Alexander Dobrindt macht Ernst. Die vorübergehenden Grenzkontrollen, die seit 2015 durchgeführt werden, verwandelt er in permante. Die Hauptfahrbahn der Autobahn nach Polen wird gesperrt. Autofahrer müssen abfahren, vorbei an drei Bundespolizisten mit schweren Waffen der leichten Bauart. Blick ins Fahrzeug. Kalte Schweißausbrüche im Fahrerraum. "Danke, Sie können weiterfahren." 

Ein freies Land, das abschiebt, wie es Olaf Scholz angedroht hatte. Dem Ex-Kanzler, der seine Partei nahezu halbiert hat, spendiert ein Parteigericht in Hamburg einen Freispruch. Ein Steuerschlupfloch zu verteidigen, das die linksliberale "Zeit" als "Alternative Altersvorsorge" und "breite Spielwiese für Anleger" angepriesen hat, kann doch keine Sünde sein! Und eine Volkspartei herunterzuwirtschaften erst recht nicht. Oder ist die SPD nicht wieder in der Regierung? Und dort fast mächtiger als in der letzten? 

Weniger gut kommt Altkanzler Helmut Schmidt weg. Dessen Positionen ordnet ein Geheimgutachten von Forschenden aus Frankfurt an der Oder ganz am Rand an: Gemessen an den Kriterien des Verfassungsschutz-Gutachtens, das die AfD als "gesichert rechtsextremistisch" einstuft, habe es sich beim fünften Bundeskanzler der Republik um einen nachweislich "weit rechts im rechtsextremistischen Spektrum" stehenden Politiker, heißt es in dem Schriftsatz.

Der stellt Schmidts Aussage  "Es war sicher ein Fehler, so viele Ausländer ins Land zu lassen" auf eine Stufe mit Parolen, die beim "Flügel" der AfD oder der Identitären Bewegung gängig sind. Wie die AfD aber kann auch Schmidt nicht mehr verboten werden: Bei den Rechtsextremisten liegt es am Fehlen des Bemühens, "planvoll das Funktionieren der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu beseitigen" und das auf "aktiv-kämpferische, aggressive Weise" zu tun. Bei Schmidt an seinem Tod zehn Jahre zuvor.

Grober Keil im Pullover 

Es bewegt sich etwas, überall, wo es um nichts geht. Jette Nietzard legt unter den groben Keil ihres Pullovers einen groben Klotz. Die "freie Radikale" fordert, die reichen aufzuessen. "Krawallgurke" nennt sie die Süddeutsche und der "Spiegel" analysiert ihr "Geschäftsmodell Provokation"als "Gefährdung der Wahlkampfstrategie der Partei im Südwesten". Hoffnung bringt Christine Lagarde aus Straßburg: Es ist beschlossene Sache, dass der Euro die neuen Weltleitwährung wird.   Es seit Zeit für ein "global euro moment", wie es die gelernte Juristin nennt. 

Ein "tieferer, liquiderer Kapitalmarkt", die "größere militärische Stärke" und die Sicherheit einer Region, die ihre Sicherheit "mit harter Macht bewahren" kann, würden Anleger aus aller Herren Länder in die Gemeinschaftswährung locken. Jetzt schon, erklärt die vorbestrafte Französin, sei die "Rolle des Dollar" so rückläufig, dass der Greenback mittlerweile "nur noch 58 Prozent der internationalen Reserven" ausmache. Der niedrigste Stand seit Jahrzehnten, aber der Anteil des Euro liege schon bei 20 Prozent - nach mehr als 25 Prozent vor 15 Jahren.

Auf dem Verschiebebahnhof der Verantwortung 

Die Koalition als Kabarett, in dem sich die Verantwortung wie auf einem computergesteuerten Verschiebebahnhof hin- und herbewegt. Es gibt auch im Inland keine Reichweitenbegrenzung mehr für  politische Symbolhandlungen. Als Deutschland den "Tag des Herrenmenschen" feiert, sind die langen Linien zu sehen, die das Land über Jahrzehnte zu einem Musterbeispiel für ein gut organisiertes Gemeinwesen gemacht hatten. Die Leitkultur wurzelt in christlicher Mythologie, der Erzählung von Jesu' Himmelfahrt und dem Fleiß der Einwanderer, die das Wirtschaftswunder möglich machten. Ohne Zweistaatenlösung im Nahen Osten aber, auch hier setzt die neue Koalition die kluge Politik der alten fort, sind diese Errungenschaften gefährdet. 

Kaum gewonnen, schon zerronnen. Der kluge Politiker*in sorgt für den Fall aller Fälle immer vor. Er notiert seine Versprechungen auch in kein privates Tagebuch und lässt, um den Steuerzahlenden Mehrbelastungen zu ersparen, seinen Handyspeicher regelmäßig automatisiert löschen. Ursula von der Leyen lebt in Brüssel vor, wie rückstandsfrei regiert wird. Am Ende einer langen Jagd auf die verlorengegangenen Inhalte ist die größte Staatengemeinschaft der Weltgeschichte dem Kern der Dinge etwas nähergekommen: Es sei erwiesen, dass es Nachrichten gegeben habe. Es stehe fest, dass sie niemals hätten gelöscht werden dürfen. Der Rechtsstaat siegt nach drei langen Jahren aufwendiger Ermittlungen gegen seine mächtige Verächterin.

Ursula von der Leyens Strafe, festgeschrieben unter Aktenzeichen T-36/23: Keine.

Kurz vor knapp wird alles abgesagt: 





Donnerstag, 20. November 2025

Blutzeuge Böhmermann: Entweder oder ohne mich

Jan "Böhmi" Böhmermann ist einer der wichtigsten Wahlkampfhelfer der AfD. Wenn sie an die Macht kommt, will er Deutschland verlassen. Seine Mission wäre dann auch erfüllt.

Sie lieben ihn, sie lassen sich von ihm unterhalten, bespaßen und informieren. Sie glauben, was er sagt, weil er es sagt. Wenn er ruft, dann sind sie zur Stelle. Und wenn er fordert, dann möchten sie, dass ihm sein Wunsch erfüllt wird. Jan Böhmermann betrachtet die Welt aus der Perspektive eines Bohemien. Die Leiden, die Lasten und die Ängste der einfachen Leute sind ihm Material für Schenkelklatscher auf Kosten von Minderheiten. Wo immer unzulässig vereinfacht werden kann, da tut er es. Wo sich eine Schuldfrage stellt, schiebt der Selfmade-Millionär aus Bremen die Reichen vors Loch.

Gift und Galle 

Der Possenreißer für  weiße Männer ist über Jahre zu einer Institution von Unseredemokratie geworden. Böhmermann spritzt Gift und Galle in die richtige Richtung. Böhmermann sät Hass und er erntet Zweifel, aber im Dienst der richtigen Sache. Das frühere SPD-Mitglied steht stellvertretend für eine Generation, die Ungleichheit nicht für eine Antriebskraft, sondern für einen Verbotstatbestand hält. Er jüngst deckte Böhmermann auf, dass es in Deutschland unterschiedliche Gewerbesteuerhebesätze gibt und sich viele Firmen absichtlich dort ansiedeln, wo sie niedrig ausfallen.

In seinem "ZDF Magazin Royal" prangerte der 44-Jährige diese "Steueroasen" an;: Gemeinden, deren Hebesatz niedriger ist als der durchschnittliche Hebesatz in Deutschland, so die Botschaft, dürfe es nicht geben, weil dadurch Milliarden an möglichen Steuereinnahmen wegfielen. Mehr Steuern aber sind gut, weniger Steuern schlecht.

Die gute alte DDR 

Jan Böhmermann verwies auf die gute alte DDR, die eine einheitliche Substanzsteuer auf das Vermögen von natürlichen und juristischen Personen als Gewerbekapitalsteuer und eine Gewerbeertragsteuer auf die definierte Ertragskraft eines Gewerbebetriebes erhob. Im Gegensatz zur ungerechten und spalterischen Regelung im neuen Deutschland stand das Aufkommen nicht den miteinander um die Einnahmen konkurrierenden Gemeinden zu, sondern dem Finanzminister. Dementsprechend lag der Hebesatz einheitlich bei 400 Prozent ab einer großzügigen Freigrenze von 3.000 Ost-Mark.

Warum, nicht wieder so? Warum nicht alles über einen Kamm scheren, alles in eine zentrale Kasse packen, ARD und ZDF zusammenlegen und auch mich, so sprach Jan Böhmermann, nur noch so bezahlen wie andere Bundeskanzler, Minister und Bundespräsidenten? Als einer der immer noch Jungen im Gemeinsinnfunk ist Böhmermann eine Säule des Wiederaufbaus, vor dem ARD und ZDF stehen, nachdem auch Brandenburg die radikalen Neuordnungspläne der beiden neuen Medienstaatsverträge zugestimmt hatte.

Doch im Unterschied zu Louis Klamroth, dem umstrittenen ARD-Quotenkönig am Montagabend, dessen neuer Vertrag ihn zum Sebastian Lege des Ersten machen wird, hat Böhmermann noch nicht entschieden, wie es mit ihm weitergehen soll.

Sein Vertrag läuft aus 

Ende des Jahres läuft der Vertrag des multitalentierten TV-Künstlers, Musikers und Ansagers aus. Ob das Interesse den studierten Historiker, Soziologen,  Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler ohne Abschluss weiter verpflichten will, ist unklar. Böhmermann selbst, in den vergangenen Jahren ein großer und besonders wichtiger Wahlkampfhelfer der Rechtspopulisten und Faschisten in Deutschland, hat seine Vertragsverhandlungen jetzt mit einem "offenen Gespräch" in der "Süddeutschen Zeitung" eröffnet, das er nutzt, um Alexander Gorkow und Nils Minkmar seinen Mut, seine Unerschrockenheit und seine ungebrochene Schaffenskraft zu beschreiben.

Als einer der ersten Kulturschaffenden in Deutschland, die die rechte Strategie des Versteckens spalterischer Botschaften hinter einer vermeintlich humorigen Fassade in einem großen Sender nutzen durfte, der selbst den Bundespräsidenten zu seinen freien Mitarbeitern zählt, sieht sich Böhmermann nach Ablauf seines letzten Drei-Jahres-Vertrages noch lange nicht am Ziel. Er ist ein "Mann unter Strom", getrieben von Allmachtsfantasien, dem "alles immer wichtig" ist, wie die beiden SZ-Autoren schreiben. Vor allem er selbst.

Reizfigur Nummer 1 

Seit Böhmermann den Boden des Anstandes mit dem Vortrag seines sogenannten Schmähgedichts auf Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2016 verlassen hat, gefällt der Teilzeitmusiker, Sänger und Kurator als antisemitisch kritisierter Kunstschauen sich als Deutschlands Reizfigur Nummer eins. Nichtbeachtung ist die Höchststrafe. Selbst den Schaden, den seine Bemühungen, die Deutschen für eine von oben nach unten klar geordnete Gesellschaft zu begeistern, wie er sie gern hätte, nimmt der von seinen Anhängern "Böhmi" genannte Moderator hin, wenn ihm dafür Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Er ist wie Jette Nietzard, wie Ruprecht Polenz, wie Markus Söder und Luisa Neubauer. Auch Böhmermann lebt nur, wenn er gesehen wird, gehört und angegriffen. Seine Person besteht aus dem, was er selbst "die öffentliche Projektionsfläche und öffentliche Figur Jan Böhmermann" nennt, ein Kunstwerk, auf das "verhetzte Rentner" (Böhmermann) mit Wut reagieren, die sich aus der Ohnmacht speist, sich Woche für Woche von einem wie Böhmermann die Welt erklären lassen zu müssen, ohne auch nur einmal sagen zu dürfen: Das stimmt doch alles gar nicht.

Helöd seiner eigenen Sage 

In der SZ berichtet der Held der großen Böhmermann-Saga selbst von seiner Erkenntnis, gewonnen auf einer Rollerreise von Köln nach Chemnitz, mitten hinein ins dunkle Herz Deutschlands, wo sie Menschen anderen Aussehens jagen und abends in Nazi-Uniformen um braune Brauchtumsfeuer stehen, Heino-Lieder singend. "Es ist alles in der Realität nicht 20 Prozent so schlimm, wie uns das Internet glauben machen will", hat Böhmermann bemerkt. Unterwegs habe er sich - er spricht im Interview von sich als "Wir", denn natürlich war die Reise ein Teamevent - in kleine Pensionen gewagt, "auf dem Land, manchmal ohne Reservierung". In Chemnitz angekommen, sei er dann "erleichtert über die große Diskrepanz zwischen dem digitalen Zerrbild und der optimistischeren deutschen Wirklichkeit". 

Die Menschen da draußen, sie sind gar nicht so schlimm, wie es immer im Fernsehen kommt, auf das Böhmermann als Fernsehschaffender allerdings nicht kommen lassen darf - die Vertragsverhandlungen stehen bevor. "Das Problem ist nicht nur der Journalismus, das Problem sind zuerst die digitalen sozialen Medien", sagt er deshalb und er beschreibt offenherzig seine übliche Arbeitsmethode: Ein bisschen Fakt, viel Meinung, gewürzt mit einer kräftigen Prise Zynismus, umgerührt mit dem Löffel der totalitären Ideologie, der Millionen bis heute zutrauen, Menschen eines Tages doch noch zu ihrem Glück zwingen zu können. Und fertig ist ein Stück, das "schön klickt" (Böhmermann).

Ein Medienphysiker 

Die digitale Welt habe ihre vollkommen eigene Physik, erklärt der Mann, der es wissen muss. "Sie erzeugt Wut – aus dem einzigen Grund, dass sie genau davon lebt." Aus seiner Arbeit beim ZDF wisse er, dass "klassische Medien das im schlimmsten Fall blind übernehmen, aus Angst sonst nicht mehr up to date zu sein." Daraus werde eine Journalismus-Simulation, die wie im jüngsten "ZDF Magazin Royale" aus dem Umstand, dass der Gesetzgeber den Kommunen die Möglichkeit gibt, über ihre Gewerbsteuerhebesätze selbst zu bestimmen, einen Skandal um vermeintliche Steueroasen zimmert.

Dass die Methode im Netz analysiert und kritisiert wird, gefällt Jan Böhmermann gar nicht. Der erklärte Feind der freien Meinungsäußerung, wie sie viele missgeleitete Menschen verstehen, hat sich früh gegen soziale Netzwerke positioniert, auf denen jeder sagen und schreiben kann, was er will. Elon Musk solle "sich ficken gehen" übertrat Böhmermann bewusst eine Grenze des Sagbaren, die in Deutschland vom Jugendschutz gezogen wird. 

Vergeblich. Musk blieb. Jetzt fordert sein mächtiger Gegenspieler aus Mainz deshalb eine zwingende und harte Regulierung aller Plattformen, "die gewerbsmäßig Inhalte verbreiten". Und er ruft "Politiker, Abgeordnete und Minister, Behörden, alle staatlich finanzierten Institutionen" auf, sich dort umgehend abzumelden. 

Böhmermann, der TikTok-Star 

"Warum hängen Staatssekretäre und Bürgermeisterinnen auf Twitter herum? Warum sind Abgeordnete auf Tiktok?" Warum bespielt das ZDF Youtube? Warum unterhalten deutsche Gebührensender Accounts beim chinesischen  Überwachungsportal TikTok? Warum treibt sich selbst Jan Böhmermann dort herum? Was macht er auf Instagram, einer Tochter des berüchtigten Facebook-Konzerns, dessen Chef Mark Zuckerberg sich zuletzt demonstrativ abgewandt hatte von der deutschen Definition der Meinungsfreiheit?

Im Interview spricht Böhmermann nicht darüber. Er beschreibt lieber X, das "braune Loch", aus dem eine "Todesspirale" wird, wenn Medien skrupel- oder kenntnislos ungeprüft weiterverbreiten, was dort geschrieben steht. 

Er würde das alles unter scharfe Kontrolle stellen, die Macht der Netzwerke abschalten, den "zerstörerischen Algorithmus" in die Hände des Volkes legen, vielleicht vertreten durch die Rundfunkkommission, den Fernsehrat oder die EU. So lange jeder die Chance habe, für ein paar Minuten groß rauszukommen, über "diese Guerillamedien", dann, sagt Jan Böhmermann, "schadet das der politischen Kultur massiv!" Jeder Klick, den jemand anderes bekommt, ist einer weniger bei ihm.

Die Zeit wird knapp 

Das muss jetzt, die Zeit wird knapp. Selbst in seiner Blase aus festgefügten Vorstellungen spürt Jan Böhmermann, wie der Wind sich dreht. Schon länger als ein Jahrzehnt sendet er gegen den Rechtsruck an, mal klagend, mal jammernd, mal möblierend. Und was hat es gebracht? Heute gilt Jan Böhmermann als einer der wirkungsmächtigsten Wahlhelfer der in zeitweise als in Gänze gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD. 

Und seine Verzweiflung darüber ist so groß, dass er jede Taktik beiseite schiebt und nach dem Start eines Verbotsverfahren ruft, ganz egal, wie dessen Erfolgsaussichten stehen. "Wir sind doch keine Weicheier! Wir sollten das dringend erforderliche Verbotsverfahren nicht nur unter dem Angsthasen-Blickwinkel betrachten: Klappt das oder nicht? Wir sollten den Rücken durchdrücken und sagen: Wir, die wehrhaften, mutigen Demokraten, werden das natürlich schaffen."

Aufruf zur Wahl der AfD

Geht es an der Urne schief und auch in Karlsruhe, käme für ihn nur noch Plan B infrage. Bei einem Wahlerfolg der AfD werde er Konsequenzen ziehen, wie "viele Menschen" (ZDF), die "derzeit schon  überlegen, im Fall einer Regierungsübernahme durch die AfD das Land zu verlassen" (SZ). Böhmermann sieht sich heute schon als Blutzeuge des politischen Bebens: "Wir öffentliche Menschen, wir laufen voran mit unseren Visagen – und wir bekommen es dann auch ab", sagt er, ohne das Land, in das er auswandern wird, schon zu verraten.

Die Lage ist ja vielerorts im Fluss, mancher Staat, der eben noch lockte, stürzt im nächsten Moment ab in eine Diktatur, fest in den Händen von Nazis und Faschisten. Sein Angebot an viele, die ihn nicht mehr sehen können, steht: Vertragsverhandlungen hin oder her, der neue Vertrag ab Januar mit Laufzeit wie auch immer - wählt die AfD, dann seid ihr mich los.

Sonntag, 16. November 2025

Ruprecht Polenz: Der Poltergeist

Ruprecht Polent Kümram Poltergeist
Das Gesicht des Grünen Flügels in der CDU: Ruprecht Polenz. Abb: Kümram, Bleistiftskizze, koloriert

Es ist ein Bild, das viel über die deutschen Verhältnisse erzählt. Der Mann darauf ist alt, er ist seiner politischen Verantwortung längst ledig, er hat keine Zukunft mehr in seiner Partei, im Land, in Europa. Obgleich erst 79, ein Alter, in dem andere noch große Taten vollbringen, hat sich Ruprecht Polenz eingerichtet in der Rolle der Jette Nietzard der CDU. Er ist mittendrin, aber nie dabei. Und trotzdem der lauteste Quengler auf dem Platz, ein menschlicher Daueralarmton, der durch die sozialen Netzwerke schallt wie Donnerhall.

Grünwerdung und Sozialdemokratisierung 

Polenz ist das Gesicht der CDU in den Jahren ihrer Grünwerdung und Sozialdemokratisierung. Für alle die Christdemokraten, die vor 20, 15 und zehn Jahren dachten, die Zukunft werde ein Ort der fortwährenden Freudenfeiern, bei denen Wolf und Lamm fröhlich miteinander singen, spricht der Mann  aus Denkwitz bei Großpostwitz, der seine sächsische Herkunft stets sorgsam verborgen hat. 

Ruprecht Polenz ist heute seine eigene Partei. Mit seiner Plattform "Compass Merkel" aber hat er deutlich gemacht, dass es dabei nicht blieben soll. Angesichts der hilflosen Versuche seines Parteigenossen und Bundeskanzlers Friedrich Merz, den alten Dampfer CDU zurück aus den Untiefen der Merkel-Jahre zu rudern, hat Polenz seine Nische im Netz verlassen. Und wie einst Sahra Wagenknecht mit ihrer "Aufstehn"-Kampagne begonnen, Gleichgesinnte und gleichermaßen Unzufriedene um sich zu scharen. Polenz, nach der Flucht seiner Familie aus der DDR heimisch geworden in der großbürgerlichen Krimihauptstadt Münster, will eine andere CDU, noch linker, noch freiheitsskeptischer und staatsgläubiger. 

Der Staatsgläubige 

Selbst Angela Merkel, die den Katholiken Anfang 2000 zu ihrem Generalsekretär gemacht hatte, schreckte letztlich vor dem Ausmaß der Naivität des studierten Juristen zurück, der als  einer von nur einer Handvoll Menschen in der EU dafür warb, die Türkei lieber heute als morgen in die Gemeinschaft aufzunehmen.

Das Verblüffende an Polenz allerdings ist, dass der Leutnant der Reserve tief drinnen in seinem Herzen einem zutiefst rassistischen Menschenbild anhängt, wie seine aktuellen Einträge im Netz verraten. Für Ruprecht Polenz ist jeder Mensch ein Deutscher, wenn er einen deutschen Pass hat. Er verliert dann das Recht, etwa als Fußballer achtungsvoll "Deutsch-Kameruner" genannt zu werden, ein deutsch-libanesischer Wissenschaftler zu sein oder ein deutsch-ghanaischer Sprinter. 

Bei Polenz ist Deutsch  deutsch und nur deutsch. Würde der greise Anführer der Opposition gegen Merz  beispielsweise nach Nigeria auswandern und dort die Staatsbürgerschaft annehmen, wäre er sofort kein Deutsch-Nigerianer  und kein Nigeria-Deutscher, sondern einer von 230 bis 239 Millionen Nigerianer. Genau weiß es niemand.

Es zählt nur der Pass 

Deutsche oder Deutscher ist, wer einen deutschen Pass hat, Punkt. Es seien nur Rechtsextreme, die "völkisch-nationalistisch in Blut-und-Boden-Kategorien" dächten, hat Ruprecht Polenz seine fortschrittliche Position verteidigt. Der CDU-Mann verweist dabei auf das vor 25 Jahren mit dem Gesetz zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zusätzlich zum bis dahin allein geltenden Abstammungsprinzip (ius sanguinis) eingeführte Geburtsortprinzip (ius soli).

Seitdem kann Deutscher werden, wer keine deutschen Eltern hat, wenn er auf deutschem Boden geboren wurde. Allerdings war als Bedingung vorgesehen, dass der Bewerber sich mit seinem 18. Lebensjahr entscheiden müsse, welcher Staatsbürger er blieben wolle - ein deutscher oder der der Nation, dessen Staatsbürgerschaft ihm ein oder beide Elternteile vererbt hatten.

Erniedrigter Staat 

Das war kompliziert. Erniedrigend für den Staat, dem viele Betroffene erklärten, das Land von Mutter und Vater gestattete ihnen gar nicht, ihre angeborene Staatsbürgerschaft abzulegen. Andere wollten sie behalten, doppelt hält besser. Die Ampel schließlich machte kurzen Prozess mit komplizierten Fragen, die sich aus den "nicht einheitlichen Regelungen in den einzelnen Staaten" ergaben. Das Prinzip, dass bei der Vergaben der deutschen Staatsbürgerschaft eine Mehrstaatigkeit vermieden werden soll, wurde aufgegeben. Heute ist es möglich, sich zwei, drei oder auch sieben Staatsbürgerschaften zuzulegen.

Für den unbedachten Betrachter wirft das neue Fragen auf. Wenn ein Däne Deutscher wird, ist er nach Lesart der Polenz-Schule kein Däne mehr. Nach Lesart der Polenz-Schule ist er jedoch gleichzeitig, wenn er seine dänische Staatsbürgerschaft behalten hat, weiterhin Däne. Zugleich aber wären Deutsche, deren sogenannte Volkszugehörigkeit im bis heute geltenden Bundesvertriebenengesetz  (BVFG) danach bestimmt wird, dass sie "sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat" und "dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird", keine Deutschen im Polenzschen Sinne. 

Weg vom Blut, hin zum Boden 

Wenn allein der Pass über die Zugehörigkeit entscheidet, kann Möchtegern-Deutscher in Russland, Kasachstan oder Polen echt sein wie ein. Ein Gesetz, das eine Volkszugehörigkeit durch "Bekenntnis, Abstammung, Sprache, Erziehung und Kultur" behauptet, wäre rassistisch, grundgesetzwidrig und auch mit Europarecht nicht in Einklang zu bringen.

Polenz Fortschritt weg vom Blut, hin zum Boden, teilt die Deutschen in zwei Gruppen unterschiedlicher Qualität. Hier sind die Doppelstaatler der Vergangenheit, die das neue Deutschland bunt und vielfältig gemacht haben, jetzt aber falsche Zeichen setzen. Dieser neue Staat, an dem Ruprecht Polenz mitgebaut hat, will nicht mehr "Bekenntnis, Abstammung, Sprache, Erziehung und Kultur", sondern bestenfalls Nützlichkeit. Er verlangt auch keine ungeteilte Loyalität mehr - mehr mag, dar in fremden Heeren dienen, wer möchte, seine Steuern auswärts zahlen. 

Wer kann, darf, muss aber nicht 

Deutsch-syrische Ärzte können dorthin zurückkehren, wo sie einst zu Hause waren. Sie können damit aber getrost warten, bis es in Deutschland wegen der hohen Klimabetroffenheit und des permanenten Rechtsrucks schlechter läuft als dort. Deutsch-namibische Kicker dürfen aussuchen, welche Nationalmannschaft die besseren Titelchancen hat. Griffe Russland an, dürften die Doppelstaatler sich entscheiden, ob sie hier mitkämpfen, dort oder gar nicht. Die deutsch-chinesischen Erfinder, deren Mühen Deutschland immer noch auf einem der vorderen Plätze im Wettbewerb um Patente halten, wären keine mehr.

Die Logik der Welt des Ruprecht Polenz ist vielgestaltig und von der Tagesaufgabe abhängig. Wichtig ist dem greisen Vordenker der innerparteilichen Opposition in der Union, dass etwas los ist, wo immer er auftaucht. Heute sind es Deutsche, die keine mehr sein sollen. Morgen Mitbürger, die alle "nicht als Demokratin oder als Demokrat geboren" wurden und deshalb Nachbeschulung von Polenz brauchen. Übermorgen verhöhnt der erfolgreichste Lautsprecher der Union in den sozialen Netzwerken Merz als "Der Konservative" und den Außenminister Johann Wadephul als einen "Liberaler", der der "CDU guttut".

Spiel über Bande 

Polenz' Methode ist perfide. Mit seinem Aufruf zu mehr gesellschaftlicher Geschlossenheit – ja, zur faktischen Homogenisierung verbalisierter Zustände – demonstriert er vermeintlich großzügige deutsche Weltbürgerschaft. Gemeint aber ist kleinliche Aneignung. der deutsch-chinesische Forscher darf keine Wurzeln mehr haben, der deutsch-polnische Speerwerfer keine Zuneigung mehr zum Herkunftsort seiner Familie spüren. Mit dem Versuch, jedermann mit deutschem Pass als Deutschen einzugemeinden, der sich in nichts von anderen unterscheidet, deren Urahnen seit Jahrhunderten in Sachsen; Hessen oder dem Münsterland leben, erregt Ruprecht Polenz das gewünschte Aufsehen, auf das jede antirassistische Inszenierung hoffen kann. Praktisch aber zerstört er die Grundlage, auf der Menschen friedlich miteinander leben können. 

Es ist das übliche Spiel über Bande, mit dem Populisten aller Colour Unsicherheit schüren wollen. wenn nichts mehr gewiss ist,wenn eine Regel der andreen widerspricht und der gesunde Menschenverstand noch etwas ganz anderes sagt, dann haben Populisten wie Polenz ihr Ziel erreicht. Mit der Gründung der Oppositionsbewegung "Compass Merkel" mitten in der CDU - der Name spielt direkt auf Friedrich Merz’ Vorliebe für die Formulierung vom "klaren Kompass" an - hat Ruprecht Polenz jetzt gezeigt, dass er mehr will als von der Seitenlinie schlechte Ratschläge geben. 

Keine Mehrheit mit den Falschen 

Er will spalten, vereinzeln und Grüppchen bilden, um die CDU von einer Expedition hinter die Brandmauer abzuhalten. Keine Mehrheit mit den Falschen, lieber soll niemand regieren als jemand, der mit dem Feind der Mitte paktiert. Polenz' Kalkül ist nicht uneigennützig, denn trotz seines hohen Alters sieht sich der geschickte Stratege löngst nicht im Ruhestand. Polenz weiß genau: Je stärker die Union nach links rückt, umso näher kommt der Tag eines Kurswechsels. Die Mitte verliert die Mehrheit, sie wird in Gönze in die Opposition gezwungen. Dann, so glaubt er, könne sein Zukunftstraum einer neuen Union wahr werden: Die CDU als Mischung aus grüner Volksdemokratie, sozialdemorkatisch lackiert und überzuckert mit ein paar christlichen Plattitüden.

Dass Polenz selbst, inzwischen 79, noch eine große Rolle beim Neuaufbau dieser neuen Mitte-Partei spielen wird, ist fast ausgeschlossen. Doch als Spiritus Rector im Hintergrund könnte er Fäden ziehen, um die Partei mit seinen Vorstellungen zu besetzen. Es wäre der späte Triumph eines ewig unterschätzten Mannes, den ein grausames Schicksal schon als jungen Mann in eine Partei verschlagen hatte, mit der er nie etwas anfangen konnte. Trotzdem blieb er die treue Seele – in der Hoffnung, eines Tages dafür sorgen zu können, sie neu zu erschaffen. Trotz aller Rückschläge auf seinem langen Weg hat der Mann aus Münster niemals aufgegeben. Hartnäckig blieb er dran. Außerhalb der Partei baute er sich eine treue Gefolgschaft auf.

Ein Ego geht spazieren 

Die schaut ihm fasziniert zu, wie er Tag für Tag sein beträchtliches Ego spazieren führt. Polenz Haupteinträge entbehren zwar meist einer faktischen Basis, sie sind aber meist fehler- und beleidigungsfrei formuliert. Erst die Gesamtschau aller Polenz-Kommentare lässt das Bild eines älteren weißen Mannes entstehen, der viel meint, wenig weiß und selbst dort noch belehrt, wo er lernen könnte.

In seiner Doppelgesichtigkeit erinnert der frühere CDU-Generalsekretär an den bekannten Wettermann Jörg Kachelmann: Bei Auftritten im öffentlichen Rundfunk ist der ein durchaus zivilisierter Gastgeber, dem niemand einen gewissen allumarmenden Charme absprechen würde. Die dunkle Seite des in Baden-Würrtemberg geborenen Schweizers offenbart sich jedoch im Internet. Dort pöbelt und schimpft Kachelmann auf Holzofenbesitzer, Ostdeutsche, einfache Leute - sie alle sind für ihn Nazis, unbesehen der Person. Er muss sie nicht kennen, um sie mit aller Inbrunst zu hassen. 

Die rigorose Ablehnung anderer Ansichten teilen beide. Und die Wut auf Verhältnisse, die sie daran hindern, ihre Vorstellungen von einer Gesellschaft, wie sie sein sollte, per Dekret durchzusetzen.

Montag, 13. Oktober 2025

Grüne Jugend: Scharflinks zur Klassenfrage

Grüne Jugend: Scharflinks zur Klassenfrage
Henriette Held und Luis Bobga: Das Powerduo wird die Grüne Jugend im Tandem in die Zukunft führen.  


 "Höre, Rübezahl, laß dir sagen, Volk und Heimat sind nimmermehr frei. Schwing die Keule wie in alten Tagen, Schlage Hader und Zwietracht entzwei." 

"Hohe Tannen weisen die Sterne", Lied der Grünen Jugend, 1923 anonym in der Zeitschrift "Jugendland" der deutschen Ringpfadfinder veröffentlicht.

 

Sie sind die Neuen, zwei Newcomer für den Neustart der Grünen Jugend, einem Jugendverband, dem es in den zurückliegenden Jahren gelungen war, die Nachwuchsorganisationen der anderen Parteien in der Öffentlichkeitswirkung deutlich zu übertreffen. Viele Mitglieder hat der Verband nicht. Viele aktive schon gar nicht. Doch interne Machtkämpfe, demonstrative Austritte einer ganzen Vorstandsmannschaft und die folgende Neubesetzung mit einer menschgewordenen Lautsprecherin und einem linkischen Robin-Hood-Darsteller aus Kiel machten aus der Grünen Jugend ein gesamtgesellschaftlichen Unterhaltungsangebot, das immer gern genommen wurde.

Machtmissbrauch und Mobbing 

Bis zum letzten Tag  lieferte vor allem die scheidende Jette Nietzard frischen Stoff für Verschwörungstheoretiker. Machtmissbrauch, Mobbing und politischer Kampf im Gossenjargon waren das Markenzeichen der 26-Jährigen, die Journalisten im Bundestag empfing, als habe sie nicht nur bei der Bundestagswahl kandidiert, sondern ein Mandat errungen. In die Blöcke diktierte die TikTok-Prinzessin der Grünen den Reportern am liebsten Klassenkampfparolen. Als gefühlte "freie Radikale" galten für sie keine Regeln. Nietzard lebte ihren Traum und sie wusste: Je schräger die Ideen und je kruder die Thesen, desto größer die öffentliche Beachtung und je lauter der Applaus aus der eigenen Fankurve.

Ihr Sprecherkollege Blasel versuchte vergebens, mit eigenen schrillen Forderungen mitzuhalten. Der junge Mann aus Kiel, ohne Beruf, ohne Abschluss und auch mit 24 noch ohne Erwerbsbiografie, schlug vor, deutsche Kommunen zu enteignen, Haustiere zu verbieten und das Waffenhandwerk zu einer linken Herzenssache zu machen. Ihm blieb trotzdem nur der Platz im schwarzen Schlagschatten Nietzards. Ohne den er aber auch nicht leben wollte: Nachdem die ein Jahr ältere Sprecherin sich dem Druck der grünen Parteiführung gebeugt und eine erneute Kandidatur als Nachwuchschefin ausgeschlossen hatte, erklärte auch der Student aus Kiel seinen Verzicht auf die Fortsetzung einer Sprecherlaufbahn.

Ostdeutsch und scharflinks 

Wenigstens aber mangelt es der Pionierorganisation der Grünen nicht an Anwärtern für die zum dritten Mal in zwei Jahren vakanten Führungspositionen. Mit Henriette Held fand sich eine verbürgerlichte Version Nietzards, ostdeutsch, aber links. Und mit Luis Bobga ein Blasel-Ersatz, der dem Vorurteil, der grünen Jugend mangele es schlimmer noch als anderen an Vielfalt und Diversität, schon optisch wirksam entgegentritt. Die beiden Nachrücker entstammen derselben Generation wie ihre Vorgänger. Sind aber genauso fest verhaftet in einem aktivistischen Milieu, das weiter nicht weg sein könnte vom normalen Leben der Menschen, für die sie sich einsetzen wollen.

Auch die beiden Neuen haben den Schuss selbstverständlich nicht gehört. Unzufrieden damit, dass die aktuelle Parteiführung die Grünen in die Mitte zu rücken versucht, um die Hälfte ihrer früheren Wähler wiederzugewinnen, die sie im Zuge ihrer konsequenten Klimapolitik verloren haben, wollen Held und Bobga die verlorenen Prozente lieber bei der Linkspartei holen. Held bekam 93,6 Prozent der abgegebenen Stimmen, Bobga, von vielen Delegierten abgelehnt, weil er als Nietzard-Mann gilt, 76,2 Prozent.

Schulter an Schulter gegen Unterdrückung 

Beide stehen Schulter an Schulter für die Rückkehr zum Klassismus, eine Fokussierung auf die Einteilung von Menschen in Gruppen, die unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ökonomischen Position erleben. Doch egal, was es ist, stets ähnelt es Rassismus und Sexismus und immer brauchen die Leute jemanden, der ausgerechnet ihre soziale Klassen entschlossen gegen Vorurteile, Stereotypen und Ausgrenzung verteidigt. 

Held und Bogba sind zwei Experten dafür. Die beiden Neuen an der Spitze der grünen Jugend erkennen  Menschen aus sogenannten niedrigeren Schichten, zu denen etwa Arbeiterfamilien und Armutsbetroffene gezählt werden, schon auf den ersten Blick. Umgehend werden sie sich dann für die Benachteiligen in die Bresche. Und sie sorgen für ihre Teilhabe an Bildung, Beruf und Kultur, während sie zugleich alles tun, um Privilegierten ihre Vorteile zu nehmen.

Marx statt Marktwirtschaft 

Klassenkampf statt Realpolitik, Marx statt Marktwirtschaft und Klimarettung statt Wohlstandsbewahrung - die beiden Anführer der 16.000 eingetragenen Mitglieder des grünen Nachwuchses haben ihre Politisierung in den Reihen der kurzzeitig medienwirksamen Klimabewegung "Fridays for Future" erlebt. Diese Lehrjahre im Gefühl, Schulkinder seien berufen, die Welt zu verändern, prägen. Aus der Enttäuschung, sich von den Medien etwas vormachen lassen zu haben, als die jeden Tag schrieben, Klima sei die Schicksalsfrage der Menschheit, ist der Glaube erwachsen, die Dinge noch viel grundsätzlicher verändern zu müssen.

Fliegen, Heizen, Essen, Tempolimit - was gestern noch bedeutsam schien, ist für Held, in Berlin geboren und zum Studium in den Osten gezogen, nicht mehr ausreichend radikal.  "Kriege, Inflation, Faschismus und soziale Spaltung - wir dürfen nicht vergessen, dass all diese Krisen miteinander verknüpft sind", hat die 24-Jährige in ihrer Bewerbungsrede ausgerufen, ohne das Klima überhaupt zu erwähnen. Alle diese Probleme seien Ausdruck eines Systems, das Menschen und Ressourcen ausbeute. "Die Klimakrise ist kein Naturereignis, sondern eine Klassenfrage und eine Frage sozialer Gerechtigkeit.

Malen nach Zahlen 

Vulgärmarxismus, nach Zahlen als Ausmalfarbe gepinselt in ein mechanistischen Gesellschaftsbild, in dem Menschen wie Schachfiguren funktionieren.  Held studiert Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Umwelt- und Klimarecht und wie die Dinge laufen, könnte sie ihren Abschluss in der Tasche haben, wenn der Gesetzgeber das Prinzip des "Bau-Turbo" auch in allen anderen Bereiche anwendet. Weil es zu viele Vorschriften gibt, die sich nicht ändern lassen, werden Vorschriften beschlossen, nach denen die Vorschriften nicht gelten.

Henriette Held stand beim Bundeskongress der Grünen Jugend hinter dem Rednerpult und sie schon bei ihrem ersten Auftritt auf der großen Bühne gebärdete wie eine Alte. Die berühmte Fingerfigur des sogenannten "Fliegers" wurde gezeigt, auch die der "Brandmauer", es folgt wie immer der "Goldene Reiter". anschließend der Doppelaufrüttler und schließlich die unerlässliche "Arbeiterfaust" samt der "Grünen Glucke". Inhaltlich legte Held sich fest: "Wir brauchen eine Grüne Jugend, die kämpft, die sich organisiert und niemanden zurücklässt", rief sie den Delegiert*innen zu, "eine Jugend, die für unsere Zukunft streitet: für eine Zukunft, vor der wir keine Angst haben müssen, sondern auf die wir uns freuen können."

In ihrer eigenen Welt 

Wer jenes Wir ist, wer sie weiß, was es braucht, und wieso sie sicher ist, es beschaffen zu können, verriet Henriette Held nicht. Dafür aber gestattete sie einen tiefen Einblick in ihre eigene kleine Welt und den schweren Weg, den sie gegangen ist, "weil ich einen Ort gesucht habe, an dem sich zwischen all dem Weltschmerz wieder Hoffnung finden lässt". Die Grüne Jugend war dieser Ort. Und "ich will, dass noch viele weitere Menschen hier einen solchen Ort finden."

Das Angebot steht und so schlecht die Zahlen der Grünen im Moment auch sind, Held und Bobga werden deshalb nicht einknicken und beginnen, nun auch noch Politik für die hart arbeitende Mitte anzukündigen. Ihnen geht es um die eigene Blase, die Bubble, die in den Bionadevierteln der universitären Großstädte lebt und es gern sehen würde, dass  die Restgesellschaft ihre Bedürfnisse für wichtiger hält als alles andere. Im Mittelpunkt des "Wir", von dem Henriette Held predigt, steht das Ich einer selbstverliebten Generation, die ein Übermaß an Selbstsicherheit aus der Überzeugung zieht, dass das ganze Leben eine Fortschreibung ihrer behüteten Kindheit als Helikopterkind sein wird.

Eine Welt ohne Probleme 

Held kommt aus dieser Welt, die eine ernsthaften Probleme kennt. In ihrer Bewerbungsrede hat sie weder über Wirtschaft noch über Industrie, nicht über Steuern, Abgaben oder innere und äußere Sicherheit gesprochen. Eines ihrer Themen war der "Kulturpass", eine Ampel-Erfindung, die Corona-geschädigten Jugendlichen dazu bringen sollte, Konzerte, Theatervorstellungen und Museen zu besuchen. Genutzt hat die Zielgruppe die gute Gabe der früheren Kulturministerin Claudia Roth nie. Immer blieben Millionen übrig. 

Ideen, den Rohrkrepierer auf Steuerzahlerkosten abzuschaffen, erteilte Henriette Held eine Abfuhr: "Kultur ist kein Luxus und kein bloßes Nice to have – sie ist ein Fundament unserer Gesellschaft." Alte weiße Männer sollten "uns" (Held) nicht vorschreiben, "was Kultur ist und was nicht." Wenn Jugendliche das Angebot nutzen, um Comics zu kaufen und ins Kino zu gehen, dann sei das ihr gutes Recht. Denn "gehört zu werden, ist ebenfalls Teilhabe. Unsere Generation muss immer Teil der Debatte sein, und wir können nicht über einen Wehrdienst sprechen, ohne diejenigen einzubeziehen, die ihn am Ende leisten sollen."

Hoffnung organisieren 

Sollten die, "die den Wehrdienst am Ende leisten sollen", sich am Ende gegen seine Einführung entscheiden, dann wäre das eben so. Zusammengenommen ergibt das alles irgendeinen Sinn. "Im vergangenen Jahr hat die Grüne Jugend dafür gekämpft, ein lauter, linker Verband und politisches Zuhause zu bleiben", hat Henriette Held von der Leipziger Bühne gerufen. Jetzt seien "die Grünen in der Opposition – das eröffnet neue Spielräume." Mit der ganzen Erfahrung ihrer Jahre in der Politik wies sie dann darauf hin, dass "wir niemals vergessen dürfen, für wen wir Politik machen sollten." Sie  kandidiere deshalb, "weil ich Hoffnung organisieren will". 

Donnerstag, 18. September 2025

Besser lebt man ohne ihr: Die Selbstverliebten

Die Generation der Selbstverliebten empfindet jedes Widerwort als Beleidigung. 

Die eine spricht kaum Englisch, traut sich aber zu, die UN-Generalversammlung zu leiten. Der andere kann auf eine endlose Latte von teilweise bizarren Fehlprognosen verweisen, gilt aber als Starökonom. Der dritte hat Politikwissenschaften studiert, hob aber den Finger, als die Frage stand, wer denn nun künftig die Verantwortung für die Haushaltsplanung der größten Volkswirtschaft Europas übernimmt. Kein Problem. Alle Erfahrungen des letzten Wirtschaftsministers mit seinem Ressort verdankten sich Besuchen in Wirtshäusern während eines Philosophiestudiums.

Sie können das alle, einfach, weil sie es tun, und so lange sie es tun, niemand beweisen kann, dass es anders besser gegangen wäre. Angetrieben wird die Generation der neuen Hauptmänner von Köpenick allein von einem unfassbaren Selbstbewusstsein.
 

Sie selbst finden sich gut 

 
In dieser seltsamen Generation der Überselbstbewussten gibt es Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich beklagen, weil sie große Literaturpreise nicht bekommen haben. Dabei hätten sie doch nach eigener Auffassung das beste Buch geschrieben. Neben ihnen  stehen Fußballer, die sich für Weltklasse halten, ohne je etwas Bedeutsames gewonnen zu haben. Flankiert werden sie von Sängern und Musikern, die die Anzahl ihrer TikTok-Follower für einen Ausweis von künstlerischer Bedeutung halten. 
 
Nicht zu vergessensind die Fernsehansager. Reihenweise sind die der Meinung, dass ihnen Gehör gebürt, weil sie lange Jahre schon vorm Morgengrauen Interviewfragen  von einem Teleprompter abgelesen haben. Infolgedessen sei die Menschheit begierig, sich von ihnen Ratschläge geben zu lassen, wie der Einzelne leben solle, was er am besten denken dürfe und wie weit er seinen Unmut über dieses und jenes pflegen könne, ohne sich selbst aus der Gemeinschaft der Demokraten auszuschließen.
 

Weiter kommt man ohne ihr 


Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Das ist der Leitspruch der Gesichter einer Mediengesellschaft, für die Figuren wie die grüne Ex-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die Nachwuchsgrüne Jette Nietzard, der Ökonom Marcel Fratzscher, SPD-Chef Lars Klingbeil und eine Unzahl an anderen mehr oder weniger bekannten Namen stehen. 
 
Sie alle kommen ohne Leidens- und Lebensgeschichte daher, ohne Erfahrungen und ohne mehr als angelerntes Kathederwissen. Ihr Biotop ist das der anderen Überselbstbewussten, gegenseitig haut man sich die Taschen voll darüber, wie wichtig und bedeutsam man ist, wie schwer das eigene Unwissen wiegt und wie entscheidend die eigene Meinung ist. Sie alle ziehen aus all dem, was sie nicht besitzen, nicht wissen und nie gelernt haben, eine Selbstsicherheit, die es ihnen gestattet, sich jede Aufgabe zuzutrauen, solange sie nur im grellen Licht der Öffentlichkeit erledigt werden kann.
 

Früher schamlos 


Was früher als schamlos gegolten hätte, ist selbstverständlich geworden. Berufs- und Lebenserfahrung sind nur noch hinderlich, weil sie einen frühen Karrierestart nicht zulassen. Nur wer früh genug begonnen hat, sein Heil in den Hinterzimmern der Parteizentralen zu suchen, hat eine Chance, sein  ganzes Leben mit Vorstandssitzungen, auf Delegiertenparteitagen, mit Wahlkampfvorbereitungen, in Plenarsälen und an Kabinettstischen zu verbringen. Die fehlende Lebenserfahrung lässt sich durch Anmutung und Anmaßung leicht ersetzen. 
 
Zwei Fähigkeiten, an denen die aktuelle Generation der Selbstbewussten keinen Mangel leidet. Aufgewachsen in Familien, Schulen und Freundeskreisen, die ihnen das Gefühl gegeben haben, sie seien etwas Außerordentliches, verfügen sie über ein Übermaß an Vermögen, sich selbst wertschätzen zu können. Sie halten sich nicht nur für etwas Besonderes, sondern leben auch in der Vorstellung, es stehe ihnen zu, ständig im Mittelpunkt zu stehen und gehört zu werden. 
 

Das Salz der Erde 

 
Ein Wesenszug, der wissenschaftlichen  Untersuchungen zufolge zu etwa 50 Prozent erblich ist. Genetisch bedingt kommt er in jeder Alterskohorte gleich häufig vor. Äußere Einflussfaktoren wie die Schule, die Eltern, Medien, Freunde und Liebesbeziehungen prägen allerdings wohl stärker als bislang gedacht. Kinder, die in ihren frühen Jahren dauerhaft das Gefühl vermittelt bekommen, sie seien das Salz der Erde und zu Höherem bestimmt, sind nicht nur weniger häufig bereit, als Fabrikarbeiter, Installateur oder Chemiker einem unspektakulären Leben im Schlagschatten der Öffentlichkeit nachzugehen. Sie sehnen sich spiegelbildlich vielmehr geradezu danach, wahrgenommen zu werden - womit und weswegen auch immer.

Für Heranwachsende und junge Erwachsene ist das kein ungewöhnliches Phänomen. Jüngere sind seit jeher tendenziell eher narzisstischer veranlagt als Ältere. Bei der Suche nach einem Platz im Leben, nach einer Aufgabe, einem Sinn und Menschen, die einen vielleicht über Jahrzehnte begleiten, hilft es, in einer Phase der Unsicherheit gesehen zu werden und sich an seiner Umgebung zu reiben. Fast jede Jugendbewegung verdankt sich diesem Spiel mit Auflehnung, Ablehnung und dem Versuch, eigene Werte zu definieren. 
 

Die laute Minderheit 

 
Narzissmus wurzelt in jedem Menschen, doch wenn die Selbstliebe zum grundlegenden Persönlichkeitsmuster wird, erwächst aus dem eigentlich positiven Gefühl das Bedürfnis, andere abzuwerten und sich selbst zu verherrlichen. Die Folge wird in der extremen Ausprägung als Größenwahn beschrieben – eine Diagnose, die nach wie vor nur für etwa 0,4 bis 1,3 Prozent der deutschen Bevölkerung gestellt wird. Doch diese krankhaft Selbstverliebten sind eben nicht nur lauter als andere, sondern in einer Aufmerksamkeitsökonomie auch dauerpräsent. Dadurch erscheint es so als dominierten sie ihre Altersgruppe.
 
Der Unterschied zu früheren Jahrgängen  von selbstbewussten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die demonstrative Anspruchshaltung der aktuellen Generation. Immer schon forderten die Nachwachsenden, die Älteren und Alten  sollten aus dem Weg treten. Doch nie zuvor reagierten Jüngere mit vergleichbarer Empörung auf die - natürlich auf dem Fuße folgende - Verweigerung der Umsetzung ihrer Forderung. 
 

Die Alten sollen abtreten 

 
Die Narzissten von heute sind nicht nur größer an Zahl, sie sind auch unverschämter in ihrem Anspruch, sofort übernehmen zu dürfen, als hätten die Generationen, die ihnen das Bett bereitet haben, damit ihre Schuldigkeit getan. Was allein noch zählen soll, sind die Erwartungen, die die Selbstbewussten aus einem kurzen Leben ableiten, in denen ihnen harte Arbeit, große Anstrengungen und Entbehrungen zumeist vollkommen erspart geblieben sind. Im Mittelpunkt ihrer Vorträge stehen sie selbst, ihre Zukunft, ihr Erfolg. Für andere interessieren sie sich nur, wenn es ihren eigenen Zwecken dient. Ihr Ruf nach Gemeinsamkeit und Miteinander hat einen einzigen Zweck: Die Erfüllung ihre eigenen Wünsche.
 
Widerspruch verträgt das selbstverliebte Milieu gar nicht. Sobald Kritik aufkommt und sei sie nur gefühlt, reagieren die Selbstverliebten gereizt, beleidigt oder eingeschnappt. Männer schalten auf Angriff, Frauen ziehen sich eher demonstrativ zurück. Schuld haben immer die anderen, weil der Selbstverliebte jeden Widerstand als Brüskierung empfindet.  Er ist es schließlich, der alles weiß und alles besser. Ihm heißt es aus dem Weg zu gehen, den nur er kennt. Wer nicht auf ihn hört, muss fühlen - und sei es, wie sich der Selbstverliebte aus Protest selbst verletzt.
 
Am liebten so, dass es anderen wehtut. 

Mittwoch, 30. Juli 2025

Abgang aus der Politpuppenstube: Rente mit 26

Jette Nietzard geht schon  mit 26 in die verdiente Politrente. Abb: Kümram, Buntstift auf Zigarettenpapier

"Es waren immer die Frauen, und vor allem die jungen, welche die fanatischsten Anhänger der Partei waren, die Parolen nachplapperten, die Amateurspione und Aufspürer von Unorthodoxien waren." George Orwell, 1984 

Sie war kaum da, unverhofft aufgestiegen aus der vierten Reihe, als die erste sich im Zorn verabschiedete. Schnell zeigte sich ihr großes Talent, sich einen Namen zu machen. Jette Nietzard gelang es wie von Zauberhand, sich im Wolfsgehege der politischen Puppenstube einen zu machen, der wie Donnerhall durch die Gazetten klang.  

Wo die studierte Erzieherin aus Leverkusen auftauchte, war roch es streng nach Skandal. Obgleich erst 26  und nur mit der entsprechend geringen Lebenserfahrung ausgestattet, strahlte sie neben den übrigen Neueinstellungen der Berliner Soap wie eine Talgkerze neben kaputten Temu-Leuchten.

Ein Jahr in der Selbstdarstellerliga 

Und nun, nach nicht einmal einem Jahr in der ersten Selbstdarstellerliga, kündigt die Frau mit der übergroßen Brille und dem übergroßen Sendungsbewusstsein an, bei den anstehenden Vorstandswahlen  bei der Grünen Jugend nicht noch einmal antreten zu wollen. Nietzard, formell ohne richtiges Amt bei den Grünen, in der grünen Fraktion oder im Parlament, gibt Privilegien auf. Reporter der Leitmedien, die wissen wollten, "wie die tickt", empfing sie im Bundestag. 

Als Chefin der angeblich 18.000 grünen Jugendlichen sprach sie im Namen aller, die unter 30 sind. Jette Nietzard ließ ihrem Hass auf die, die "den Staat am laufen halten" (Lars Klingbeil) bei jeder Gelegenheit freien Lauf. Cops waren Bastards, Reiche nur gut dazu, besteuert zu werden bis es quietscht.

Während ihr Vorstandkollege Jakob Blasel den besonnenen gab, spielte sie die Abteilung Attacke einer Vereinigung, die längst aus dem Jugendalter heraus ist. Die Grüne Jugend, 1994 gegründet als eine Art Stachel im Fleisch der sich langsam etablierenden Partei,  sind heute eine Nachwuchszuchtanstalt. Aus der Reihen der Jungen, die den linken linken Flügel der Linkspartei mit dem Sonnenblumenlogo bilden, kommen traditionell sämtliche Führungskader der Grünen. 

Schleichend an die Macht 

So "Schleichend an die Macht", wie Vize-Fraktionschef Andreas Audretsch mal ein Buch genannt hat, haben sich die Langs, Banaszaks, Marquardts und Dzienus in die Positionen manövriert, die ihnen Sitz und Stimme in allen Talkshows sichert. Selbst ohne herausragendes Amt über sie noch Einfluss aus. Der Marschallstab bliebt immer im Tornister, denn jede Blamage ist kurzfristig peinlich. Langfristig aber dient sie der eigenen influence.

Nietzard hatte das von Anfang an verstanden wie sonst vielleicht nur ihr sozialdemokratischer Kollege  Philipp Türmer, der mit ähnlichem Aplomb auftritt. Immer ganz oben, immer voll drauf, weinerlich und kampfbereit zur gleichen Zeit und von faktenbasierter Weltbetrachtung so weit weh wie Ursula von der Leyen von der Chance, mit Donald Trump auf Augenhöhe zu verhandeln.

Verhältnisse beim Tanzen 

Jette Nietzard ist nicht nur eine der, sondern sie ist die Infantile, die für eine ganze Generation an Jungpolitikern steht, die glauben, dass Wünschen die Welt verändert. Der Mühen der Arbeit sind sie abhold, der Kenntnisse weitgehend frei, mit welcher Melodie sie die Verhältnisse zum Tanze bringen können, spüren sie allerdings instinktiv. 

Ihre Sache ist nicht der Zwischenton, sich verabscheuen das lange, leise Denken. Wo Nietzard auftaucht, plautzt allenfalls ein Halbgedanke heraus. Sie zieht es zum Schrillen hin, zur Grenze des Vernünftigen, dorthin, wo das Zuhören und Hinschauen wehtut. "Ich spalte gerne die Gesellschaft", hat die grüne Hoffnungsträgerin in einer romantischen Nachstellung früheren Rebellentums geschrieben, als ihre still nach rechts schleichende Eckkneipen-Partei gerade gar nicht wollte, dass das jemand Krawall macht.

Etwas anderes aber kann die Expertin für die Professionalisierung in der frühkindlichen Bildung aus einer kapitalismuskritischen Perspektive nicht. "Der Spalt geht nur nicht zwischen Geflüchteten und Deutschen, sondern zwischen Milliardären und allen anderen."

Jette Nietzard wird von denen geliebt, denen Spektakel als Politikersatz ausreicht. Und sie störte die Kreise derjenigen, die dorthin wollen, wo die Steuerräder stehen. Jetzt ist die Skandalnudel der Grünen ihre eigene Rolle leid. Sie werde im Oktober nicht noch einmal antreten bei der Vorstandswahl, hat Nietzard in der Gewissheit verkündet, dass die Spitze der Grünen ohnehin alles getan hätte, um ihre Wiederwahl vorbeugend zu verhindern. 

Die linke Stimme der Linken 

Sie habe versucht, eine linke Hoffnung und eine linke Stimme in den Grünen zu sein, entschuldigte sie sich einem Video bei der Meta-Tochter Instagram, gekleidet in ein T-Shirt mit dem versöhnlichen Aufdruck "Mehr Liebe" . Dass aus dem Versuch, "Aufmerksamkeit auf linke Themen und auf Ungerechtigkeiten zu lenken", eigener Ruhm wurde, war nicht beabsichtigt. Voller Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit quengelt sie noch zum Ende hin: "Bei den Grünen sind meine Gedanken nicht immer auf Gegenliebe gestoßen". Mal sei sie "in Fraktionssitzungen ausgebuht, mal von Realo-Spitzenpersonal angeschrien oder von Ministerpräsidenten oder solchen, die es werden wollen, ihr Rücktritt gefordert" worden. 

Ungeheuerlich. Statt sie bedingungslos zu lieben, die junge Frau ohne Bildungshintergrund, haben sie sie gemobbt. Gemobbt in einer Partei, die überraschenderweise "Realo-Spitzenpersonal" hat und, ja, Nietzards böser Abschiedsgruß liest sich so, in internen Diskussionen auftritt wie eine misogyne Hooligantruppe auf Auswärtsadrenalin.  Was genau Jette Nietzard in Fraktionssitzungen getan hat, welcher Rang, welches Amt oder welche Funktion ihr die Anwesenheit in einer Runde gewählter Volksvertreter erlaubte, verrät sie nicht. Ein Funktionsgeheimnis der Grünen. Der Jugend Vertrauen und Verantwortung.

Eine bedrückende Botschaft 

Die bedrückende Botschaft hinter dem Erfolgszug der ausweislich ihrer Interneteinträge relativ wenig gebildeten jungen Vrau ohne formellen Bildungsabschluss: Ihr Pöbeln und Selbstentblößen fasziniert die Medien der Klickökonomie wie ein Autobahnunfall. Diese graue, von der Last der Verantwortung, die die Älteren tragen, früh niedergedrückte Frau ohne Berufsabschluss glaubt an "verbotene Strophen" der Nationalhymne, daran, dass die Grünen dem "Sondervermögen "zur Sicherung der kommenden SchuKo-Jahre nicht zustimmen werden, und an die unwiderstehliche Magie von Punkte-Plänen.

Darüber hinaus aber auch an die ungebrochene Kraft der großen Medienadressen, Menschen zu erreichen, die auf die richtige Botschaft warten. Nach dem Vorbild von Carla Reemtsma und Luisa Neubauer hat jetzt auch die Sprecherin der grünen Jugend sich teuer beleuchtet als role model für die neue Generation der Klima-Feministinnen ablichten lassen. Nietzard, ungeschminkt stets deutlich älter wirkend als es ihr Geburtsjahr vermuten lassen würde, zeigt sich cool und lässig und betont ängstlich beim Gedanken, "ob sie noch alles im Griff hat, was sie da auslöst" (Stern). 
Die Mehrheitsgesellschaft provozieren

Provozieren der Mehrheitsgesellschaft


Diese ständigen Versuche, die Mehrheitsgesellschaft zu provozieren. Die gezielten Spitzen gegen Andersdenkende, von denen sie trotz ihrer Vorliebe für ausgefallene Kleidungsstücke "in der Bahn nach ihrer Nummer gefragt" wird.

"Vielleicht ist es so, dass ich am Ende zur Spaltung der Gesellschaft beitrage", sagt sie dem Magazin "Stern", das ihr eine hochglanzpolierte Bilderstrecke widmete. Nietzard folgte mit ihrer Bereitschaft, sich der Illustrierten hinzugeben, der alten Strategie aller Populisten, regelmäßig selbst Sorge darüber zu äußern, was wohl passieren würde, erfüllten sich die eigenen Träume. Jette Nietzards größter wäre, dass der Kapitalismus stirbt, damit das Klima leben kann. Wenn die große Fotostrecke im "Stern" dazu beiträgt, dann soll es so sein.

Hand in Hand mit den Erben der Faschisten


Das Magazin, 1948 von einem früheren Kriegsberichterstatter in der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers nach dem vom NSDAP-Mitglied Kurt Zentner 1938 konzipierten Glanz- und Glamourblatt "Der Stern" gegründet, steht für geschmackvolle Unterhaltung, hier ist noch Platz für große Bilder und das "bisschen mehr knallen" (Nietzard), nach dem sich gerade viele junge Menschen in diesen Vorkriegszeiten so sehnen.

Passiert ist passiert. Niemand kann etwas dafür. Als George Orwell, nach seiner Rückkehr aus dem Spanischen Bürgerkrieg immer noch ein Ultralinker, sich unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes  zur Mitte bewegte, fielen ihm Gestalten wie Nietzard erstmals ins Auge. Diese "Intelligenzija", Orwell benutzte den in Russland gebräuchlichen Begriff, habe sich von der gemeinsamen Kultur der Nation getrennt. "Sie nehmen ihre Küche aus Paris und ihre Ansichten aus Moskau. In dem allgemeinen Patriotismus des Landes bilden sie eine Art von Insel abweichenden Denkens", schrieb er in "The Lion and the Unicorn" über "Intellektuelle, die sich ihrer Nationalität schämen". 

Die Scham der Intelligenzija 

Sein Testat, das man "in Linkskreisen glaubt, dass es ein wenig schandbar ist, Engländer zu sein, und dass es eine Pflicht ist, sich über jede englische Institution lustig zu machen, vom Pferderennen bis zum Nierenpudding", lässt sich umstandslos auf die Nietzards übertragen: "Es ist eine merkwürdige Sache, aber es ist zweifellos wahr, dass fast jeder englische Intellektuelle sich mehr schämen würde, bei , God Save the King'aufzustehen, als etwas aus der Armenkollekte zu stehlen." 

Mit seinem Satz über "gerade dieses Mädchen", das ihm den Eindruck vermittelte, "noch gefährlicher zu sein als die meisten", könnte Jette Nietzard gemeint sein, die eine "Atmosphäre von Hockeyfeldern und kalten Bädern und Gemeinschaftswanderungen und allgemeiner Sauberkeit" mit sich "herumzutragen wusste".

Ideologie ersetzt Denken 

Ideologie ersetzt eigenes Denken, immer diese "fanatischsten Anhänger der Partei, die Parolen nachplapperten", in Orwells Nähe kamen, spürte er "ein mit Angst als auch Feindseligkeit gemischtes seltsames Unbehagen in sich". Eine Aura, die Nietzard selbst in der Fernwirkung umgibt, gemischt aus Selbstgerechtigkeit, Halbbildung und dem Bemühen, um jeden Preis aufzufallen. Verachtung für Andersdenkende ist inklusive.

Bis zuletzt hat Jette Nietzard festgehalten an dieser schrillen Strategie, die Demokratie als etwas zu verstehen, das ihr allein gehört, anderen aber nicht. Gefangen in einer Blase aus Fehlwahrnehmungen ist sie in großer Sorge darüber, dass Demokratie auch dann noch als funktionierend verstanden werden könnte, wenn ihr das Ergebnis einer Wahl nicht gefällt. "Wie vorbereitet ist unsere Zivilgesellschaft, wie vorbereitet sind unsere Parteien darauf, dass 2029 eine gesichert rechtsextreme Partei in Deutschland regieren könnte?", hat sie zum Abschied in einem Audio-Podcast der ARD gesagt. "Wir" müssten doch heute schon darüber nachdenken, wie Widerstand in so einem Fall aussehen kann: "Wäre der nur intellektuell? Oder müssten wir auch zu den Waffen greifen?"