Die Menschen damals, sie hatten ja nichts anderes. Die angesagtesten Schuhe waren flach, häßlich und nirgendwo zu bekommen, die schönsten Sandalen zeichneten sich durch den Charme eiserner Unverwüstlichkeit bei völligem Verzicht auf Form oder gar Eleganz aus. Der Teil der DDR-Jugend, der sich selbst als außerhalb der Gesellschaft stehend empfand, trug mit Vorliebe solche Jesuslatschen, auch Römer genannt. Während im tiefen Winter zu "Trampern" gegriffen wurde, einer Art knöchelhohem Wanderschuhe mit papierdünner Sohle und einem Oberleder aus Nubuk-Fensterputztüchern.
Damals wurden die Latschen getragen, bis der Schuster durch die Löcher rief und die Größe sich durch beständiges Dehnen bei natürlicher Feuchtigkeit von innen und außen um zwei bis drei Nummern erhöht hatte. Nachschub gab es selten, Alternativen gab es nie - welch ein Unterschied zu heute, wo der Westverleger Hubert Burda, Erbe des 1938 während der „Arisierung“ durch die Nationalsozialisten zum Großkonzern avanciertern Burda-Konzerns, in einem neuen Ostalgie-Shop im Internet Ewiggestrige und nachgezüchtete Ostalgiker mit den "Kult Latschen der DDR" (Zitat) beschickt, zu deren Kulturgeschichte erläutert wird "Wer die nicht hatte, lebte nicht in der DDR!"
Aber nicht jeden, der zu spät kommt, bestraft das Leben! "Nun endlich sind sie wieder da unsere Ossilatschen, Jerusalemlatschen oder auch Römerlatschen", heißt es auf ost-arkaden.de, dem neuen Goldesel im Burdastall, in dem potentiellen Käufern zur Schicksalssandale der DDR-Jugend erklärt wird: "Inhalt: 1 Paar Römersandalen = 2 Schuhe". Das Pionierhalstuch gibt es sowohl in blau als auch in rot (für Fortgeschrittene), wird die Sehnsucht allzu groß, darf man ein "NVA-Reservistentuch" oder eine "original-NVA-Koppeltasche" ordern, das dann über dem Shirt "Ich bin stolz, ein Ossi zu sein!" getragen wird.
Inhalt einer darüber zu tragenden NVA-Jacke ist hingegen "echtes DDR-Feeling beim Joggen", obwohl das ja seinerzeit noch Dauerlauf hieß. Aber wer wird denn hier auf Details achten? Das Ampelmännchen gibt es hier als "Schlüsselanhänger grün", eine Tat, zu der selbst die komatöse DDR-Konsumgüterindustrie moralisch nicht fähig gewesen wäre, als Bücher locken "Alles Trabi, oder was?" und das "DDR Getränkebuch", das eine Entdeckungsreise durch ein Land verspricht, in dem "gern und häufig gefeiert" wurde und das "neben den vielen offiziellen Feiertagen wie dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution und dem Tag der Republik" auch zu "privaten Anlässen". Ganz neu im Laden ist das "Tshirt Helfer der Volkspolizei grün" und ein Modell des "Palastes der Republik", in dem das DDR-Parlament seine Politik für das Volk beschloss. In Ergänzung des erfolgreich angelaufenen Ostkult-Ladens soll vielleicht schon demnächst ein Internetportal mit Kultklamotten aus dem 3. Reich eröffnet werden. Unter der Adresse "Reichskult.de" werden dann Flakhelfer-Armbinden, Stiefelputzsets aus dem Reichsarbeitsdienst und Fahrtenmesser der HJ angeboten. Alle Teile seien nach Originalbauplänen von Albert Speer in Fernost nachgebaut worden, heißt es vorab.
Der Glaube ist noch da. Der Glaube an Götter, an alte Mythen. Glaubt man der Suchmaschine, dann haben die Suchenden jene überirdischen Dinge vor die Pleite gestellt. Weniger nachgefragt ist der griechische Urlaub oder auch Rezepte aus dem Pleiteland. Wer´s glaubt, wird selig.
Alle Arbeiter- und Bauern legten zusammen, um ihrer Führung wenigstens noch die Zeit zur Führung jenseits des ersten Einschlags von Atomraketen auf deutschem Boden zu verschaffen. 300 Millionen Mark und fünf Jahre Bauzeit investierte die DDR, um nahe Prenden in Brandenburg einen 65 mal 50 Meter großen Bunker in die Erde graben zu lassen. Die 85.000 Tonnen Beton, die hier verbuddelt sind, sieht man nicht - oberirdisch sieht das 1983 eingeweihte Geheimobjekt 5001 aus wie eine beliebige NVA-Kaserne.
Der Zugang zum Bunker erfolgt durch den Keller eines dreistöckigen Betonbaus aus dem Baupuzzle der DDR-Fertigteilarchitektur. Der Feind im Westen wusste trotzdem, womit er es hier zu tun hatte: Direkt hinter dem nur an ein paar Abluftschächten erkennbaren Bunkerbau reckt sich ein riesiger, inzwischen überwucherter Berg aus Beton in die Luft, der nach Aussagen von ehemaligen Beteiligten am Bunkerbau entstand, weil die Betonlieferungen oft zu Zeiten antrafen, an denen kein Beton benötigt wurde. Die Wehrpflichtigen, die mit dem Aufbau beschäftigt waren, kippten das Material, nach dem sich alle DDR-Häuslebauer die Finger geleckt hätten, deshalb notgedrungen auf dem Gelände ab.
Obwohl so früh dekonspiriert, gilt der Bunker als das technisch vollkommenste Schutzbauwerk auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Dabei ist er aus lauter notdürftig umgewidmeten Teilen zusammengeschraubt worden: Die Stromversorgung im geschlossenen Zustand sollten zweckentfremdete Schiffsdiesel aus Schönebeck sicherstellen, für den Schutz vor Erschütterungen war die gesamte Innenkapsel auf Federn gelagert, die sich die Erbauer aus der Fabrikationslinie des LKW W 50 entliehen hatten.
So konnte der Bunker von 1978 an in nur fünf Jahren Bauzeit fertiggestellt werden. Ab 1983 besetzte ihn die Ausweichführungsstelle des sogenannten Nationalen Verteidigungsrates (NVR) rund um die Uhr, Erich Honecker selbst, der oberste Vorsitzende des höchsten Staatsgremiums im Verteidigungsfalle, schaute sich seinen Bunker allerdings nie an.
Viel verpasst hat er nicht, zweimannshoch unter der Erde. Die Ausstattung ist zweckmäßig und ganz im Stil der DDR-Zweckbauten gehalten. Vorgesehen war die militärische Anlage für die Angehörigen des NVR der DDR und deren engste Mitarbeiter. Unter fünf Metern Erde und weiteren vier Metern doppelt ausgeführter Deckenkonstruktion hätten 400 Personen vierzehn Tage lang überleben sollen, der Zugang wäre im Ernstfall nur durch mehrere Schleusen möglich gewesen, die von einem Wachkommando geöffnet hätten werden müssen. Honecker selbst stand ein Arbeitsraum von der Größe einer Neubauküche zur Verfügung, der direkt an den zentralen Beratungsraum grenzte. In dem hingen Fernsehgeräte aus westdeutscher Produktion, es gab eine Kartenwand mit sorgsam ausgetüftelter Vorhangmechanik zum elektrischen Aufziehen verschiedener Kartenausschnitte und elektronische Pulte zur Kontaktaufnahme mit allerlei anderen Institutionen, die nach dem Ausbruch des Atomkriegs zumindest theoretisch in ähnlichen Erdverhauen gesessen hätten.
Nach dem Mauerfall ließ der neue Besitzer, das Land Berlin, den unter Denkmalschutz gestellten Schutzbau für Staatschef Erich Honecker zumauern, allerdings pickerten Andenkenjäger und Bunkerfans immer wieder Löcher in die Betonplombe. Pünktlich zum großen Jubiläumsjahr der "friedlichen Revolution" im vergangenen Jahr, vor dem auch der Abriss des Palast der Republik als erledigt gemeldet werden konnte, wurde der Bunker noch einmal offiziell für Besucher geöffnet. Die konnten dann einen einsamen Stuhl im Honecker-Zimmer bestaunen, sich fragen, ob die zweite Liege in dessen Schlafraum wohl für Margot gewesen wäre und im Speiseraum darüber nachdenken, ob es nicht doch besser gewesen wäre, gleich tot zu sein als wieder wie einst im Kindergarten Erbspüree mit Alugeschirr von Plastiktellern zu kratzen. Nach dem Abzug der letzten Touristen durch einen eigens gegrabenen Sondereingang hat das Land Berlin den Honeckerbunker dann endlich endgültig verschlossen. Neugierige können auf einen naturgetreuen Nachbau im Intenet zurückgreifen, Archäologen der Zukunft sich freuen: Abgesehen vom Schimmel, der schon zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall alle Weichteile im Untergrund angefressen hat, wird hier in 1000 Jahren noch alles so sein wie es damals war.
Seinerzeit wurde er verzweifelt gesucht, der Mann, der eine "neue Qualität rechtsradikaler Gewalt" (Bayerns Innenminister Hermann) nach Deutschland gebracht hatte. Alois Mannichl, aufrecht im Kampf gegen rechts stehender Polizeichef des Örtchens Passau, war eines Vorweihnachtsabends vor der Tür seines Hauses mit einem von ihm selbst zur Vefrügung gestellten Messer angegriffen worden - ein offensichtlich Rechtsradikaler bestellte ihm vor dem versuchten Todesstich noch "schöne grüße vom Nationalen Widerstand", ehe er verschwand.
Die größte Fahndung seit der nach der RAF aber blieb ergebnislos. Obwohl Mannichl den Täter bis auf dessen auffälliuge Hals-Tätowierungen genau beschrieben hatte, konnte weder ein Rechter noch sonst ein Tatverdächtiger gefunden werden. Auch zahlreiche, sechs Wochen nach der Tat in der Nähe des Wohnortes des Opfers sichergestellte Zigarettenkippen konnten im Labor des Bayerischen Landeskriminalamtes keinem Täter zugeordnet werden.
Erst jetzt wird klar, warum die Sonderkommission weder in Deutschland noch in den grenznahen Gebieten Österreichs Spuren des auffälligen Schlangennazis finden konnte. Forensische Fotovergleiche, die Privatfahnder im Auftrag des Fahndungsboards PPQ vorgenommen haben, zeigen, dass die Spur des mutmaßlichen Mannichl-Verdächtigen auf die britische Insel führt: Hier lebt der gebürtige Berliner Kevin-Prince B., der jüngst zu einigem Ruhm gelangte, als er den bis dato amtierenden Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in aller Öffentlichkeit und mit großem Anlauf niedertrat.
Danach standen - so PPQ-Informationen - die Notruf-Telefone bei den verbliebenen Fahndern der Sonderkommission Lebkuchenmesser in Passau nicht mehr still. Dutzende Anrufer hatten sich beim Betrachten von Kevin-Prince B.s ruchloser Tat an die Fahndungsbilder mit der Freihandzeichnung des Schlangenmannes erinnert, mit denen das gesamte deutsche Polizeiwesen an Heiligabend vor zwei Jahren nach dem rechtsradikalen Messerstecher gesucht hatte. Viele Anrufer wollten den immer noch abgängigen Täter nun im britischen Profifussballer aus Berlin wiedererkannt haben - einige Anrufer gaben sogar sofort ihre Kontonummern durch, um sich die seinerzeit ausgesetzte Belohnung von 20.000 Euro (plus Zinsen) überweisen zu lassen.
Fünf Minuten reichen völlig, zu verstehen, woher das kommt, was jeden Abend in der Aktuellen Kamera als "Krise" herumgereicht wird. Nein, abgefeimte Zockerspekulanten hätten es nie fertiggebracht, entwickelte Volkswirtschaften überall auf der Welt ins Wanken zu bringen. Dazu brauchten sie Hilfe und Unterstützung von Politikern und Regierungen, denen das Hemd der Machterhaltung bei der nächsten Wahl für die eigene Partei immer näher als als der Rock des Glücks zukünftiger Generationen. Auf Visu-Online hat das Institute for Structural Economics in einer Art Sendung-mit-der-Maus-Animation grob dargestellt, welche Mischung aus Sofortlösungssucht, billigem Geld und systemimmanenten Rückkopplungen den Schlamassel gebraut hat, von dem die ganze Welt nun so einen fürchterlichen Kater leidet. Wer sich bis zum letzten Bild durchklickt, bleibt allerdings mit der Frage zurück, wie ausgerechnet noch mehr von der Droge, die die Abhängigkeit verursacht hat, nun Heilung bringen soll.
Alles Mahnungen waren vergeblich. Schon vor zwei Jahren wies unser Antifa-Board PPQ darauf hin, dass in großen deutschen Supermärkten Kleidungsstücke der Marke Lonsdale, die "besonders von rechtsorientierten Jugendlichen" (dpa) gern getragen werden, für bitterkleine Preise verramscht werden. Eine neue empirische Untersuchung ergab jetzt, dass gerade das in Baumwolle engagierte Finanzkapital nicht nur die Welt mit Wetten auf leere Einkaufskörbe ins Unglück stürzen will. Nein, durch Rabatte auf Lonsdale-Shirts und Lonsdale-Unterhosen werden nach den ökonomischen auch die moralisch-ethischen Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft ins Visier genommen. Nur mit der wesenlich radikaleren Marke Thor Steinar haben die "Unverbesserlichen" (Charlotte Knobloch) nicht soviel Erfolg. Im Zuge des "Wehret den Anfängen" sollte trotzdem der Verein Miteinander das Shirt erwerben und rituell verbrennen. Sicher ist sicher.
Wiedermal gerettet! Diese Woche gelang es bereits am Freitagvormittag, die notwendigen Maßnahmen zu treffen, um den menschenverachtenden Angriff zynische Zockerspekulanten auf die Gemeinschaftswährung Euro durch eine kollektive Abstimmungsaktion in Bundesrat und Bundestag abzuwehren. „Die Märkte sind außer Kontrolle“, hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble vorher gewarnt, während der frühere Mister Dax, Dirk Müller, inzwischen zum Bild-Börsenexperten aufgestiegen, den Spekulanten bescheinigt, "inzwischen zur psychologischen Kriegsführung übergegangen" zu sein: „Sie verbreiten Horror-Szenarien!"
Nach Müllers Meinung könnte die Politik gegensteuern – wäre sie es nicht selbst, die die schlimmsten Szenarien ausdenkt und mit ständig neuem Alarmgeheul signalisiert, dass sie weder im Bilde darüber ist, was eigentlich vorgeht, noch auch nur den Schimmer einer Ahnung hat, wie man dagegen vorgehen könnte.
Stattdessen schwurbelt die eben noch als Klimakanzlerin um Liebe buhlende Kabinettsvorsitzende vom Angriff geheimnisvoller Mächte auf das "Projekt Europa" und drohte ein Verschwindes des gesamten Kontinent an, wenn dessen schuldenfreudige Regierungen nicht weitermachen könnten wie bisher gewohnt. Ihr waidwunder Finanzminister, durch Tätigkeiten als Kanzleramts- und Innenminister ein Finanz-Fachmann reinsten Wassers gewachsen, imaginiert flankierend "Märkte außer Kontrolle", als seien natürlich die Straßen schuld, wenn jemand zu schnell fährt.
Dabei haben ausgerechnet diese Märkte dafür gesorgt, eine für jeden Reisenden in die USA seit Jahren unübersehbare Überbewertung des Euro abzubauen, wie auch das das ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München in einer neuen Analyse belegt. In dem Papier kommt das Institut zu dem Schluss, dass entgegen anders lautender Behauptungen keine Systemkrise des Euro vorliege: Gemessen an der Kaufkraft sei der Euro im Gegenteil auch bei 1,25 Dollar pro Euro immer noch überbewertet. Dafür spricht auch der BigMac-Index, mit dem der britische The Economist seit einem Vierteljahrhundert Kaufkraftunterschiede weltweit misst. Bei einem Stand von 1,39 Dollar pro Euro kostet der McDonalds-Hamburger in Europa demnach 3,31 Euro oder 4,63 Dollar, in den USA aber nur 3,59 - um zu gleichen Preisen zu kommen, müsste der Euro weiterfallen bis auf 1,085 Dollar.
Ähnlich sieht es beim von PPQ exklusiv erstellen Apple-iPad-Index aus: 499 kostet die 16 GB-Ausgabe des Gerätes beiderseits des Atlantik - nur in den USA eben in Dollar, in Europa in Euro. Dadurch bezahlt jeder Amerikaner eigentlich nur 399 Euro, jeder Europäer aber umgekehrt 623 Dollar für ein iPad - um einen Ausgleich herzustellen, müsste der Euro bis auf einen Dollar fallen.
Nach Ansicht des Ifo-Instituts ist es nicht ganz so schlimm. Der faire Kurs läge den Experten zufolge bei etwas 1,14 Dollar, ein Kurs von 1,25 wie derzeit läge damit völlig im Rahmen des Rationalen. "Gefährdet war in der Krise nicht der Euro, sondern die Fähigkeit der europäischen Schuldensünder, sich weiterhin so günstig zu finanzieren wie Deutschland", glaubt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Bundestag und Bundesrat griffen dennoch zum Rettungsschirm und schoben Deutschland in die Verantwortung für die Rückzahlung der Schulden aller anderen Eurostaaten.
Die "Märkte außer Kontrolle" reagierten darauf schnell und kein bisschen irrational: Durch den Rettungsschirm ist das Risiko für den Euro insgesamt gestiegen, weil nun alle Länder in einem Boot sitzen und hinter dem Lender of Last Resort niemand mehr ist, der den nächsten Rettungsschirm spannen oder gar halten können wird. Der Kurs des gerade geretteten Euro fiel folglich mit der Ankündigung, dass er nicht mehr bedroht sei.
Das ist mal der ganz besondere Fall, in dem der Weltuntergang zur Wiedergeburt geführt hat. Das Tschernyschewsky-Haus in Halle, eine ausladende Ruine an einem Nebenarm der Saale, hatte der Universität jahrzehntelang als Hörsaalgebäude gedient, dann aber kam die "Loge zu den Weltkugeln" und begehrte die Rückübertragung ihres früheren Logengebäudes. Anschließend wurde das Haus mit einem großen Vorhängeschloss am Eingangstor saniert. Es verfiel hernach malerisch.
Zumindest bis zu dem Tag, an dem die Krise kam. Jetzt war dringender Bedarf an Ruinen, die sich mit Geld und guter Laune zur Arbeitsbeschaffung benutzen ließen. 16 Millionen Euro legte die Landesregierung für den Umbau des Tscherny-Hauses zum künftigen Sitz der Akademie Leopoldina auf den Tisch, ein Bauschild erschien am Eingang, noch ehe die künftige erste Wissenschaftsadresse der Stadt der klammen "Großen National-Mutterloge" überhaupt abgekauft war.
Jetzt wird gebaut am in den 20er Jahren errichteten Gebäude mit der bewegten Geschichte. Mehr als 100 Jahre diente das weitläufige Ensemble, zwischen 1821 bis 1823 nach Plänen von Stadtbaumeister Johann Justus Peter Schulze auf Teilen der vorherigen Bebauung errichtet, als Logenhaus der Freimaurerloge „Zu den Drei Degen“. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die Loge 1934 verboten und enteignet, ab 1940 zog die NS-Gauleitung von Halle in die repräsentativen Räumlichkeiten hoch oberhalb des Moritzburgringes.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste so nur die Farbe der Türschilder gewechselt werden: Jetzt zog die russische Stadtkommandantur ein, die von hier aus die Demontage der mitteldeutschen Industriebetriebe und den Wiederaufbau Teildeutschlands als befreundetes Brudervolk organisierte. 1952 war alles in trockenen Tüchern, die Universität durfte das Haus als Bibliotheks- und Hörsaalgebäude übernehmen. Folgsam benannten die Verantwortlichen das Gebäude nun nach dem russischen Früh-Revolutionär Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski, der Lenin einst zu dessen Fundamentalwerk "Was tun?" inspiriert hatte.
Innen ist das Haus auch nach beinahe zehn Jahren Leerstand ein in Größe und Zuschnitt beeindruckender Stadtpalast. Hier und das finden sich noch freigekratzte Spuren der früheren Logen-Symbolik, da und dort faulen ein paar Dielen und ein paar Fenster sind zu Bruch gegangen. Angesichts der bewegten Geschichte des Gemäuers aber hat die Zeit verblüffend wenige Zeichen in den Stein geritzt. Was noch zu sehen ist, wird spätestens nach der Sanierung und dem Umbau als Hauptsitz der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina verschwunden sein.
Würde der Euro scheitern, scheiterte auch Europa, dabei konnte die Gemeinschaft mit Unterstützung der britischen Behörden eben erst das kreuzgefährliche Aschemonster bannen, das den Kontinent vor einem Monat kurzzeitig ins Flugverbotskoma geschickt hatte. Zwar schickt der isländische Vulkan Eyjafjöll weiterhin gewaltige Aschewolken in Richtung Europa, inzwischenkonnten aber die Grenzwerte für die Aschebelastung der Luft so geändert werden, das für Fluggäste keine Gefahr mehr besteht.
Die britische Luftfahrtbehörde hat jetzt den Grenzwert für Vulkanasche in den Flugkorridoren massiv angehoben. Er wurde verdoppelt, von 2000 auf 4000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Flughafen-Sperrungen wie Mitte April sind damit auf dem europäischen Kontinent künftig nicht mehr notwendig. Auch gefährlich Messflüge mitten in die Flugverbotszonen, um die dortige Aschekonzentration (Experimentalflugfilm unten) festzustellen, wie sie die Bundesregierung ins Spiel gebracht hatte, wären nicht mehr nötig, weil Flugkapitäne Vulkanstaub in so hohen Konzentrationen mit bloßem Auge erkennen können.
Michael Ballack hat sich geopfert, der "Capitano" (Jürgen Klinsmann) hat den Weg frei gemacht zu Deutschlands viertem Weltmeistertitel. Ein Opfer, das den Spieler selbst schmerzt, das aber notwendig war, um endlich wieder nicht nur Finals zu spielen, sondern sie auch zu gewinnen, wie früher, als noch keine Spieler aus der ehemaligen DDR in der deutschen Nationalmannschaft versuchten, bei großen Turnieren zu mitzusiegen. Und dabei regelmäßig scheiterten.
Dabei zeigte das Jahr 1990, wie souverän deutsche Fußballer die Weltspitze dominieren können. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg beendet, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war mit dem Selbstvertrauen der anstehenden Wiedervereinigung zur Weltmeisterschaft nach Italien gefahren. Dort holte sie prompt den Titel und Franz Beckenbauer, seinerzeit Trainer der Weltmeisterelf, drohte der Welt an, wie es weitergehen würde: "Deutschland wird durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR auf Jahre unschlagbar sein", kündigte er an.
Ostdeutsche, das lehrt die Fußballgeschichte seit 1954, sind einfach nicht für den ganz großen Erfolg gemacht. Beweise dafür sind Legion: Niemals wurde ein ostdeutscher Spieler Weltmeister, niemals gelang einer DDR-Nationalmannschaft bei einer Welt- oder Europameisterschaft auch nur die Annäherung an die Spitzenteams der Welt. Der 1974er Sieg gegen den Klassenfeind aus dem Westen blieb ein singulärer Ausrutscher, verursacht wohl allein durch die statistisch belegbare Tatsache, dass eine deutsche Elf kein wirklich wichtiges Spiel gewinnen kann, wenn ostdeutsche Spieler mit auf dem Rasen stehen.
Ost und West zusammen sind seitdem die Garantie dafür, keinen Titel zu gewinnen. Selbst 1996, als in Großbritannien der Sieg bei der Europameisterschaft gefeiert werden konnte, versuchte der einzige aufgelaufene Ostspieler Matthias Sammer mit einem Foul an Karel Poborský in der 59. Minute alle Weichen auf einen Sieg der Tschechen zu stellen.
Ungeachtet der Fakten ist der Ruf der Spieler aus der alten Spartakiade-Schule der DDR immer noch besser als ihre Erfolgsbilanz. "Von ihren Qualitäten her könnten viel mehr Spieler aus den neuen Bundesländern in der Nationalmannschaft spielen“, glaubt etwa Felix Magath, der sich aus Solidarität mit dem armen Teil Deutschlands schon vor Jahren ein Grundstück in Sachsen-Anhalt zugelegt hat. Viele Spieler aus dem Osten besäßen eine bessere Ausbildung sie seien konditionell, technisch und taktisch gut geschult, analysiert der Erfolgscoach, der aber auch die "Problematik" (Magath) der Ostler erkennt: Die liege „manchmal darin, diese Voraussetzungen umzusetzen“.
Klappt in Vorrundenspielen gut, in Finals aber nie. Je mehr Ostdeutsche in den Farben der Nationalelf aufliefen, umso stabiler schaffte es die Elf in die Nähe eines Titels. Und umso sicherer blieb er ihr am Ende doch versagt. Spielten 1994 noch zwei gebürtige Ostler im Nationaltrikot, waren es 1996 schon drei, 1998 gar fünf und 2000 wie auch 2002 sogar sieben. Danach ging es bergab, denn die Generation, die noch die strenge Zucht ordentlicher DDR-Sportschulen erlebt hatte, kam in die Jahre und nur wenig nach. 2004 standen nur noch drei Ossis im Kader, 2006 noch einmal vier und 2008 sogar fünf - doch die Zeiten, wo der Ostdeutschen-Anteil an der Gesellschaft auf dem Platz mit Sammer, Kisten, Freund, Heinrich, Jancker und Jeremies um 400 Prozent überboten wurde, waren vorüber.
Es sind Rückzugsgefechte zum Wohle des Fußballstandortes Deutschland, die die späte letzte Spartakiade-Generation der Ballack, Fritz, Enke, Adler, Borowski und Huth führt. Während sich Wolfgang Thierse, ostdeutscher Taliban und Straßenblockierer, noch besorgt fragt: "Was wäre die Nationalmannschaft zuletzt ohne die Spieler, die in der DDR ausgebildet worden sind, gewesen?", kommt die Antwort vom Platz "Vielleicht Weltmeister?" Nach dem gefühlvoll inszenierten Rückzug von Robert Enke, dem Verletzungs-Verzicht von Adler und dem leistungsbedingten Rückzieher von Huth hat Michael Ballack als einer von nur noch drei verbliebenen gebürtigen Ostdeutschen im Kader von Jogi Löw mit Hilfe von Kevin Prince Boateng konsequent die Konsequenzen aus der verheerenden Titelbilanz ostdeutscher Fußballer gezogen. Ballack, und das ist eine nationale Tat, hat den Weg frei gemacht für einen Neustart zum Titel.
Wenn Toni Kroos und Clemens Fritz in Südafrika nicht doch noch in die Anfangself berufen werden.
"Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als als fünf Deutsche", legte der große ostdeutsche Theatertheoretiker Heiner Müller seinerzeit fest, ohne auf die Konsequenzen einzugehen, die das zwangsläufig für ein Volk von 82 Millionen Menschen haben muss. Umso schonungsloser aber legt die jetzt eine Infratest-Umfrage im Auftrag der Fondsgesellschaft Axa Investment Managers offen.
Galt bisher das alte Poem von Hildegard Maria Rauchfuß "Einmal wissen, dieses bleibt für immer", so zeigen die Umfragergebnisse ein völlig konträres Bild: Je länger die Finanzkrise andauert und je mehr über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge berichtet wird, desto weniger wissen die Menschen darüber. Und noch schlimemr: Vieles, was sie bereits einmal wussten, geht ihnen wieder verloren.
Fachwissen finanzieller Art, bei Partys häufig Stoff für Kokettierereien Marke "Damit kenn' ich mich nun gar nicht aus", scheint doch "Rausch" zu sein, "der schon die Nacht verklagt", wie die Leipziger Dichterin Rauchfuß ohne jede Börsenerfahrung vermutete. Ging die Wissenschaft bisher davon aus, dass sich Wissen im Menschen ausschließlich anreichern könne, ein gesunder Mensch also schlechterdings gar nicht in der Lage sei, im Laufe seines Lebens dümmer zu werden, stellt sich jetzt das Gegenteil als richtig heraus: Beim Vergleich zu den Umfrageergebnissen der vergangenen Jahre konnten die Marktforscher feststellen, dass der Anteil der Mitbürger, die etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge wissen, geringer geworden ist.
Von wegen "Einmal fassen, tief im Blute fühlen"! Wissen wird immer dünner, Dummheit immer dümmer. Großes Glück für die ehemalige Klimakanzlerin Angela Merkel und ihren beinahe wegen Parteispenden vorbestraften Finanzminister Wolfgang Schäuble, einen der Väter der verunglückten Euro-Konstruktion. Erstmals gehörten zur Gruppe derjenigen, die zugaben, nichts über Geldanlage und Wirtschaft zu wissen, mehr als die Hälfte der Befragten. In den Jahren 2006 und 2007 waren das lediglich 38 Prozent gewesen. Gleichzeitig schrumpfte der Anteil der Menschen, die sich selbst als finanztechnisch kundig einschätzen und denen man daher nicht bedingunslos mit selbsterfundenen Verschwörungstheorien von bösen Spekulanten und verrückt gewordenen Märkten kommen kann, auf gerade noch fünf Prozent. Während die griechische Zentralbank längst der größte Leerverkäufer griechischer Staatsanleihen ist, hat der Anteil der Wähler, die das nicht nur wissen wollen, sondern auch verstehen können, damit den niedrigsten Anteil seit der ersten Umfrage vor vier Jahren erreicht.
Stadt und Land, Hand in Hand! Berlin und Caracas haben gemeinsam eine konzertierte Aktiuon gegen gesinnungslose Zocker und abgefeimte Spekulanten gestartet, um die Sparvermögen ihrer Bürger, die Sabilität der Währungen, den Weltfrieden und das Glück der Völker zu schützen. Entschlossen untersagte die Bundesregierung in Deutschland "hochriskante Finanzwetten", um den Euro zu stützen, in Venezuela hingegen unterzeichnete Hugo Chavéz ein Gesetz, das sich direkt gegen die "Spekulation mit den Dollars"es
Die Achse Berlin - Caracas funktioniert wie geschmiert: Während der frühere Klimakanzlerin Angele Merkel sich vor dem Bundestag in Berlin entschlossen zeigte, Finanzspekulanten an die Leine zu nehmen und die Finanzrisiken für den Euro durch Verbote zu begrenzen, kündigte auch ihr Kollege Chavez in seiner wöchentlichen TV-Sendung "mehr Regulierung für die Bourgeoisie" an. Auf dem Schwarzmarkt für Devisen, so der Präsident, werde für einen Dollar deutlich mehr als der offiziell festgelegte Umtauschkurs geboten. Wenn aber jemand statt des offiziellen Umtauschkurses von 4,3 für einen Dollar zehn Bolívar bezahle, handele es siczh um "Raub".
Eine Ansicht, die Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung nachdrücklich unterstrich. Die Währungsunion sei eine "Schicksalsgemeinschaft", zitierte Merkel einen Ausspruch des früheren Führers und Reichskanzlers und heutigen n-tv-Moderators Adolf Hitler. Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung der europäischen Idee. Scheitere der Euro, dann scheitere Europa.
Das glaubt auch Hugo Chavéz, der seine Regierung ebenso wie Merkel im Visier dunkler Mächte sieht, die him zwingen wollten, das System des festen Wechselkurses aufzugeben. Er wolle hart dafür arbeiten, die Spekulation zu bekämpfen. Man könne diejenigen nicht gewähren lassen, die auf eine Abwertung des Bolívar wetten würden, der seit Januar zu gleich zwei festen Wechselkurs zum Dollar gehandelt wird: 4,3 Bolívar gilt allgemein, für Lebensmittel, Arzneimittel und Investitionsgüter aber sind 2,60 festgeschrieben. Die Maßnahme wurde mit der Bekämpfung von Spekulation und Inflation begründet.
Chavéz fordert die Bürger auf, Spekulanten zu melden, eine Maßnahme, vor der Berlin noch zurückschreckt. Bislang sei es durch jede neue Rettungsaktion der Regierung gelungen, den Euro noch ein wenig weiter in den Boden zu rammen, nörgeln Kritiker. Eine allgemeine Meldepflicht für Zocker, Spekulanten und FDP-Wähler werde vermutlich nur noch mehr Kapital aus dem Land treiben. Angela Merkel jedoch, zu ihrer fünften historischen Rede in vier Wochen angetreten in einem Kostüm der Farbe lila, der traditionell magische Kraft beim letzten Versuch zugesprochen wird, hat die Logik auf ihrer Seite: "Wenden wir die Gefahr nicht ab", sagte sie, "dann sind die Folgen für Europa unabwendbar".
Kaum vom Krankenbett auferstanden, hat Finanzminister Wolfgang Schäuble im Handstreich für die Beseitigung aller Schuldenprobleme Europas gesorgt. Nach einer ad hoc-Entscheidung der Bundesfinanzaufsicht werden ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen aus Euro-Ländern ab 24 Uhr in der Nacht zu Mittwoch untersagt, damit soll es "Spekulanten und Zockern" (Sigmar Gabriel) in der Europäischen Union unmöglich gemacht werden, auf fallende Kurse zu setzen, wenn sie meinen, dass die Zukunftsaussichten von Unternehmen und Staaten zu positiv gesehen werden.
Schäuble, der sich den Zaubertrick zur Problembeseitigung beim Freiburger Ophthalmologie-Professor Michael Bach abgeschaut hat, will Marktteilnehmer damit zwingen, grundsätzlich nur auf immer weiter steigende Kurse für Aktien, Indizes und Staatsanleihen zu setzen. Auf diese Art könne schnell eine neue Vermögensblase aufgepustet werden, hieß es aus dem Bundesfinanzministerium. Europa werde seine Schuldenberge dann möglicherweise schon am kommenden Donnerstag zur Börseneröffnung endgültig losgeworden sein, wie auch der Eurokurs zeige, der seit der Verkündigung des neuen Geschäftsverbotes in den Tiefflug übergegangen sei. Damit zeigten die Märkte, dass das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung sprunghaft wachse und das Ziel der Bundesregierung, das Geld aller Bürger zu schützen, soweit es nicht in verbrecherischen Hedgefonds angelegt sei, demnächst erreicht werde.
Das Prinzip der optischen Schuldenbeseitigung, mit dem bereits DDR und Sowjetunion ihre Währungen bärenstark machten, funktioniert dabei folgendermaßen: Schuldner und Gläubiger müssen im Film oben nur wenige Sekunden starr auf den grünen Hoffnungspunkt in der Bildschirmmitte starren. Die durch drei in Dreieckform angeordnete gelbe Punkte rings um den grünen Punkt dargestellten "überbordenden Staatsschulden" (Volker Kauder) verschwinden bereits nach wenigen Sekunden vollständig und rückstandslos. Zur Zeit führe ein durch temporäres Zwinkern verursachte Rückkehr in die Realität noch zum spontanen Wiederauftauchen der Probleme. An der Behebung dieser "Lösungslücke" (Schäuble) werde aber gearbeitet. Womöglich müsse kurzfristig noch ein Verbot von privaten Goldkäufen, ein Bargeldbesitzverbot oder ein Verbot der Veräußerung von in privaten Fonds gehaltenen Aktien, Staatsanleihen und Fonds nachgeschoben werden. Spätestens dann aber würden die Märkte wieder so funktionieren wie sie sollen.
"Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht stets ihr Opfer."
Wer nicht ganz unschuldig ist, muss bestraft werden, sagt Jean-Claude Juncker und meint damit nicht die Politiker, die Sachsen-Anhalts im Zocken mit islamischen Anleihen bei gleichzeitiger Steuervermeidung im Ausland nicht ganz unerfahrener Finanzminister Jens Bullerjahn gerade noch für die große Finanzkrise verantwortlich gemacht hatte. Nein, hier wird einmal mehr das Lied von den Zockern gesungen, die gewissenlos Griechenland in Grund und Boden spekuliert und den Euro vernichtet haben, dafür aber, wenn sie Deutsche sind, außer 25 Prozent Zinsabschlagsteuer auf realisierte Gewinne nicht einmal bezahlen müssen.
Das wurmt den Arbeiterführer Sigmar Gabriel nicht unbedingt, denn es gibt im Gelegenheit, einen öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen ein Phantom zu führen wie seinerzeit, als er angetreten war, den deutschen Pop zu einem anständigen Sozialdemokraten zu machen. Eine europaweite Transaktionssteuer auf jeden Kauf und Verkauf von Aktien, Devisen, Rohstoffen, Fondsanteilen und Derivaten soll her, um die finanziellen Folgen des Beinahe-Zusammenbruchs der Finanzmärkte durch die jahrelang betriebene Politik der hochtourig laufenden Billiggeld-Maschine zu begleichen. "Weltweit", so hat die Wirtschaftswoche ausgerechnet, könnten so "200 Mrd. Dollar im Jahr eingespielt" werden, heißt es im lässigen Zockerjargon.
Das Rätsel des Konzepts steckt in seiner gleich dreifachen Wirksamkeit: Einerseits spielt die neue Kauf- und Verkaufsgebühr Milliarden ein. Andererseits ist sie mit einem Euro pro 10.000 bewegten Euro so niedrig, dass sie niemandem weh tut. Und gleichzeitig verhindert sie trotzdem, dass Spekulanten kurzfristige Geschäfte machen, weil sie auf satte Gewinne hoffen.
Künftig werden viele Zocker wegen der Gebühren auf Spekulationen verzichten, das wiederum wird die Staatskassen füllen, ohne dass jemandem am Ende Geld fehlt: Ein Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Die Wirtschaftswoche hat in der Volkswirtschaftsgrundschule nicht aufgepasst und kann deshalb erklären: "Mit einer Transaktionssteuer würden Finanzgeschäfte zudem steuerlich gleich gestellt mit der Realwirtschaft". In der sei es nämlich gang und gäbe, dass "zum Beispiel Industriefirmen schon beim Kauf von Rohstoffen und Vorprodukten über die Mehrwertsteuer vom Staat zur Kasse gebeten" werden. Während Spekulationen an den Börsen bislang nicht besteuert würden - abgesehen natürlich von der Steuer, die auf angefallene Gewinne zu entrichten ist.
Da die Realwirtschaft sich die entrichtete Mehrwertsteuer, außerhalb der marxistisch geschulten Redaktionsstuben der Qualitätspresse eher als Umsatzsteuer bekannt, auf dem Wege des sogenannten Vorsteuerabzuges zurückerstatten lassen kann, ist bei der Transaktionssteuer offenbar mit einer ähnlichen Regelung zu rechnen. Die SPD plant zur Einführung der für die künftige Überwachung von Transaktionssteuereinzug und nachfolgender Erstattung notwendigen Behörde bereits ein erstes machtvolles EU-weites Volksbegehren. Dabei soll darüber abgestimmt werden, wer dafür ist, dass das neue Bundestransaktionskontrollamt seinen Sitz im vorpommerschen Anklam nimmt, wo eine ehemalige NVA-Kaserne seit 17 Jahren nach einem neuen Mieter sucht.
Damit setze die deutsche Sozialdemokratie einen alten Traum der Arbeiterbewegung um, den SPD-Kanzler Gerd Schröder bereits im Jahre 2005 öffentlich gemacht hatte. Ein Jahr zuvor erst hatte die damalige Regierungspartei SPD internationalen Hedgefonds die Tür zum deutschen Markt geöffnet, ein Jahr später schon waren Bundeskanzler Gerhard Schröder und die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel einig, dass die weitgehend unregulierten Fonds "stärker an die Kandare" (Spiegel) genommen werden müssten.
Nachdem der deutsche Anteil am gigantischen Rettungspaket für den Euro bei den Menschen, an den Märkten und in Griechenland so gut angekommen ist, haben Bundesregierung und Parlament in einer streng geheimen Sondersitzung eine weitere Rettungs-Gesetzesvorlage beschlossen. Nach der Stabilisierung der Euro-Zone, die Deutschland mit rund 123 Milliarden Euro sichergestellt hat, wobei die Summe aber auch höher ausfallen könnte, steht jetzt die Rettung des Halle-Neustädter Fußballstadions auf der Agenda.
Wie ein über Nacht aufgestelltes Schild an der Arena (Foto) verrät, ist der Fußballplatz, der früher als Austragungsstätte von Kinder- und Jugendspartakiaden sowie Puhdys-Konzerten diente, in Berlin Chefsache. Zuletzt hatte der Sportplatz dem Neuntligisten FC Halle-Neustadt als Heimstätte gedient, demnächst aber soll der Viertligist Hallescher FC hier seine Heimspiele austragen. Grund genug für Bundeskabinett und Bundestag, die Rettung in die Wege zu leiten: Galt bisher als ausgemacht, dass die Landesregierung in Magdeburg den notwendigen Umbau des seinerzeit von Bauarbeitern improvisierten Stadions mit sechs Millionen Euro bezuschusst und die seit anderthalb Jahrzehnten bankrotte Stadt Halle die zur Finanzierung fehlenden 11,5 Millionen selbst übernimmt, indem sie unverkäufliche Immobilien überteuert losschlägt, ist nun klar, dass das Kabinett selbst in die Bresche springt.
Die bekennende Fußballfännin Angela Merkel, die sich zuletzt sowohl als glühende Anhängerin der deutschen Nationalmannschaft als auch von Energie Cottbus zeigte, setzt damit ein deutliches Zeichen zur Stabilisierung der Fußballszene im Osten, die mit dem Ausfall von Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack ihren letzten Vertreter in der Stammelf von Nationaltrainer Jogi Löw verloren hat. Zwei Jahrzehnte nach Franz Beckenbauers wegweisender Vision, dass Deutschland "durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR auf Jahre unschlagbar sein" werde, markiert Südafrika den Tiefpunkt deutsch-deutschen Sportzusammenwachsens: Nach dem Abschied der im DDR-Sportfördersystem gezüchteten Bernd Schneider, Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Michael Ballack steht mit Toni Kroos aus Greifswald steht noch ein einziger in der DDR geborener Spieler im Kader.
Während sich alle von PPQ befragten Bundestagsfraktionen nicht an eine Abstimmung über die Neustädter Stadionfrage erinnern wollten, hat die Physikerin Angela Merkel den Niedergang der Nachwuchsarbeit im Fußballosten offensichtlich scharfsichtig analysiert und wie üblich entschlossen Gegenmaßnahmen eingeleitet. Mit dem Umbau des für einen normalen Spielbetrieb in der Stadtliga völlig überdimensionierten Neustädter Stadions will Berlin ein Zeichen für einen Neuanfang im Fußballosten setzen: Zwei Millionen werden mit Einverständnis von Kabinett und Parlament in den Sand gesetzt, damit der Hallesche FC ein Jahr lang den Teil seiner Heimspiele hier durchführen kann, zu dem nicht mehr als 2500 Zuschauer erwartet werden. Nach dem Pokalsieg in Sangerhausen erwartet der Verein bereits im August einen ersten Fußballhöhepunkt - im DFB-Pokal ist dann vielleicht ein wirklicher Zuschauermagnet zu Gast. Allerdings in Leipzig, wo die Spiele stattfinden werden, für die die gerettete Stadion-Infrastruktur im idyllischen Halle-Neustadt nicht ausreicht.
Kaum ist Ursula von der Leyen aus dem Familienministerium ins Arbeitslosenministerium umgezogen, bricht die Zahl der Neugeborenen in Deutschland zusammen. Obwohl die siebenfache Mutter zuletzt noch mehrmals angekündigt hatte, dass die Geburtenzahl aufgrund der klugen Familienpolitik der Bundesregierung nach vielen Jahren erstmals wieder steige, berichtet das Statistische Bundesamt über 30.000 Babys weniger, die im vergangenen Jahr hierzulande zur Welt kamen. Auch das Elterngeld, das von der Leyen mit großem Nachdruck immer wieder für das von ihr imaginierte Ansteigen der Zahlen verantwortlich gemacht hatte, habe das Absinken nicht stoppen können.
Kristina Schröder, die die Nachfolge von Ursula von der Leyen als Familienministerin angetreten hatte, begründete den Geburtenrückgang mit der überraschenden Entdeckung, dass es in Deutschland weniger Frauen im gebärfähigen Alter gebe als ihre Amtsvorgängerin angenommen habe. Allein in den vergangenen vier Jahren sei die Zahl der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren in Deutschland um mehr als eine halbe Million gesunken. Die gute Nachricht sei, dass die Zahl der Kinder pro gebärfähiger Frau, die nach Ansicht von Ursula von der Leyen zuletzt nachhaltig gestiegen war, weitgehend stabil bleibe. Ursula von der Leyen wollte die neuen Zahlen nicht kommentieren, Beobachter im politischen Berlin gehen aber davon aus, dass es der früherer Internet- und Kinderpornoaktivistin auch in ihrer neuen Dienststellung gelingt, eine ähnlich nachhaltig erfolgreiche Stabilisierung zu erzielen.
Schaut man in unser Land, kann man sich vorstellen, dass der nächste Jude bereits am Horizont erschienen und der nächste Hitler ein Finanznationaler sein wird. Und der nächste Nationalsozialismus koennte dann "Finanzsozialismus" heissen. Er wird allerdings vergleichsweise glimpflich ablaufen, denn heute vernichtet man keine Menschen mehr, sondern nur Vermögen.
Neue Enthüllungen über fragwürdige Geschäftspraktiken des Internetkonzerns Google bringen etwas Entlastung für die Bundesregierung und ihr störrisches Euro-Problem. Wie der Konzern auf Betreiben von Datenschützern zugeben musste, hat er über Jahre hinweg persönliche Daten von Internetsurfern gespeichert. Neben Nutzerdaten aus drahtlosen Computernetzen, die alternativ auch von rund zwei Dutzend anderen Firmen im Netz gesammelt und zur Durchsicht angeboten werden, hat Google danach bei Patrouillenfahrten für seinen in Deutschland ganz exklusiv umstrittenen Dienst Street View auch persönliche Daten wie Bruchstücke von angesurften Internetadressen und Emails gespeichert. Üblicherweise speichert Google sonst nur vollständige Internetadressen, die von Nutzern eingegeben werden, und den kompletten Email-Verkehr seiner Kunden.
Die neue Lage hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner nach zweiwöchiger Google-Pause sofort wieder auf den Plan gerufen. Mit ihrer Initiative eines Street-View-Boykotts von unten hatte die Hobby-Karnevalistin im Landwirtschaftsministerium bisher nur einige tausend Anhänger finden können, selbst Bundesbehörden weigerten sich, Google die Aufnahme ihrer Liegenschaften in Street View zu verweigern. Nun reagierte Aigner nach Angaben der "Welt" hocherfreut natürlich "verärgert" auf das Eingeständnis des Konzerns, beim Aufbau der interaktiven Straßenkarte jahrelang Dinge aufgezeichnet zu haben, die Google in seinem Kerngeschäft bereits seit Jahren aufzeichnet. Aigner, als gelernte Rundfunkmechanikerin die Internet-Expertin der Bunderegierung, forderte die Offenlegung aller dort gesammelten Daten für jedermann sowie deren Löschung. Sie verzichtete jedoch auf einen Hinweis, wer genau die in vier langen Jahren gesammelten 600 Gigabit anschauen soll und wie sich eine Offenlegung mit dem Datenschutz vertrüge.
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar schloss sich spontan an und forderte eine "detaillierte" Überprüfung des Umgangs von Google mit personenbezogenen Daten durch unabhängige Behörden. Er selbst, so dass Parteimitglied von Bündnis 90/Die Grünen, sei bereit, Googles Datenbestände "einer entsprechenden Begutachtung" zu unterwerfen, als gelernter Volkswirtschaftler bringe er auch die entsprechende Qualifikation mit, um zu verhindern, dass Deutschland wie der Rest Westeuropas unter der Street-View-Knute stöhnen müsse (Foto oben). Bis an den vom ehemaligen Führer und Reichskanzler und heutigen n-tv-Moderator Adolf Hitler erbauten Westwall sind die datenschutzrechtlich so bedenklichen Straßenbilder (Karte oben) bereits herangerückt, auch im Rest der Welt bildet Google skrupellos Fassaden, Wiesen, Wälder und Parks ab. Hinter der Siegfried-Linie aber ist die Welt noch in Ordnung, sind Daten noch sicher.
Das Festbankett eine Würstelbude, die Sektkelche aus der Zeltplatzgeschirrabteilung, die Ehrentribüne aus Kistenbrettern genagelt und das Finalstadion ein Dorfbolzplatz: Wenn der Fußballverband Sachsen-Anhalt alljährlich zum Endspiel um dem Landespokal ruft, ist Zuschauervermeidung seit Jahren schöne Tradition. Der Vorverkauf für den selbstgemachten Höhepunkt des Fußballjahres im westlichsten der östlichen Bundesländer wird in der Regel frühestens am Vorabend des Spieles gestartet, als Austragungsort wählt man in enger Zusammenarbeit mit den staatlichen Schutz- und Sicherheitsorganen entweder das Heimstadion des stets gesetzten Veranstaltungsteilnehmers aus Magdeburg. Ist der aber nicht mehr im Wettbewerb vertreten und lässt sich die verhasste Begegnung trotzdem nicht absagen, schweift der Blick der Funktionäre weit übers Land. Und bleibt, zumindest in diesem stolzen 20. Jubiläumsjahrgang des Pokals, am Fuße der Abraumhalden bei Sangerhausen hängen: Hier steht mit dem "Friesenstadion" ein Veranstaltungsgelände mit dem Prunk des nie gebauten nepalesischen Nationalstadions. Fünfstufige Tribünen und begrünte Erdwälle um das Spielfeld künden von begeisterter Provinzialität, zur Feier des Tages aufgestellte Drahtverhaue und Polizeihundertschaften von sorgfältigster staatlicher Planung und Leitung.
Drei Einlasspforten führen in die ehrwürdige Heimstätte des VfB Sangerhausen, alle drei sind schon eine Stunde vor Beginn des Endspiels zwischen dem durch fehlerhafte Absprachen bis hier geratenen Fünftligisten Germania Halberstadt und dem Stammfinalisten Hallescher FC dicht umlagert. Obwohl der Verband versucht hatte, den Austragungsort des Finales diesmal bis zum Anpfiff ganz geheim zu halten, muss mit nahezu 3500 Zuschauern gerechnet werden - hierzulande absolut ausreichend, um die Fußballinfrastruktur in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Lautsprecheranlage etwa kämpft mit acht oder neun Dezibel Schalldruck vergebens gegen das Knattern der mitgebrachten Fanfähnchen an. Selbst die mit einem großen Sinn für Absurdes vor Anpfiff gespielte Nationalhymne geht im Stiefeltrappeln der pünktlichen einmarschierenden Polizeikohorten unter.
Sportlich macht der Favorit aus Halle, der sich mühevoll hierher spielen musste, nach fünf Minuten alles klar. Nach einem langen Diagonalball des A-Junioren Benjamin Knaack auf Stürmer Thomas Neubert spekuliert die Halberstädter Verteidigung einen Moment lang auf Abseits. Neubert, sonst kein Mann für einfache Tore, schießt den Ball ins Netz.
Halberstadt würde danach gern antworten, findet aber keine Worte. Halles Spieler hingegen scheinen verabredet zu haben, dass sowohl Torwart Darko Horvat als auch die beiden Innenverteidiger Adli Lachheb und Patrick Moyaya den Ball berühren müssen, ehe er die eigene Hälfte verlassen darf. Meist gehen alle drei auf Nummer sicher und berühren ihn gleich mehrmals.
Das gibt dann ein Spiel, das sich den äußeren Umständen idealtypisch anpasst. Die Sonne scheint, das Ergebnis stimmt, doch das Vergnügen hält sich in den engen Grenzen der Baustellenzäune, die ein Ambiente zaubern, gegen das ein Gefängnishof ekstatische Allianz-Arena-Atmosphäre verströmt.
Wenigstens ist dann gleich Pause und nach Wiederanpfiff versucht der HFC, allen möglichen Kümmernissen aus dem Weg zu gehen. Jan Benes erobert den Ball an der Mittellinie, läuft bis auf Strafraumhöhe durch, passt nach innen und dort steht Nico Kanitz, der die dritte richtige Chance der passend im traurigem Auswärtsschwarz aufgelaufenen Rot-Weißen zum zweiten Tor verwandelt.
Die winzige Tribüne, errichtet noch mit zweckentfremdeten Staatsplanmitteln zum Modernisierung des Kupferbergbaus der DDR, trommelt und qualmt jetzt wie das Giuseppe-Meazza-Stadion. Der Bauzaun wankt und wackelt, HFC-Präsident und Co-Trainer eilen herbei, um auch vom Anhang Ruhe und Disziplin einzufordern.
Die sind auf dem Platz allerdings dahin, auch weil wohl niemand Jan Mutschler gesagt hat, dass selbst der FCM-Fanklub in der Verbandschefetage damit rechnet, dass der HFC gewinnt. Der Rotschopf spielt auf den linken Halberstädter Seite, als wirkten die peinlichen äußeren Umstände auf ihn motivierend wie eine knallvolle Schalke-Arena. Nach dem 2:0 bleibt Halle zwar aktiver als in der ersten Halbzeit, Neubert, Lachheb und Finke haben sogar Chancen, die Führung auzubauen. Aber das Tor macht der Zählkandidat aus dem Vorharz: Langer Einwurf, der wird zu kurz abgewehrt, der Ball fliegt an den langen Pfosten, der beste Halberstädter zieht trocken ab. Anschlusstreffer.
Plötzlich wackelt der Favorit wie die Zäune vor der Fantribüne, die nur noch stehen, weil sie der HFC-Präsident inzwischen mit Blicken festnagelt. Den Aufstieg hat der HFC zuletzt vor allem in den schwachen letzten drei, vier Spielminuten versiebt, wenn knappe Führungen wie programmiert verloren gingen. Das ist hier auch wieder so: Der aus dem Pleistozän des Digitaluhrenbaus stammende Stadionwecker zeigt die 89. Minute, als Halberstadts Eggert den gar nicht mal mehr unverdienten Ausgleich markiert.
Verlängerung? Elfmeterschießen? Nicht, wenn es nach Halberstadt geht. Die Harzer stürmen weiter, zum Glück für die eben noch mit betretenen Gesichtern zum Mittelkreis stiefelnden Hallenser. Phillip Schubert, mal wieder im Mittelfeld aufgeboten, tankt sich bis in den Strafraum durch, mehr vom Willen getragen als von den eigenen Beinen. Im Stürzen schiebt er den Ball in Richtung Elfmeterpunkt, dort steht Toni Lindenhahn, eingewechselt für den Vielflieger Angelo Hauk. Und der 19-Jährige, neben Stark und Knaak der dritte Hallenser im halleschen Team, schießt den Ball durch die Beine von Halberstadts Keeper Kischel ins Tor.
Rote Karte noch für Saalbach, dann flüchten die Ordner wie auf geheimen Befehl, der Zaun kippt und aus der pyrotechnischen Rauchwolke stürmt das Fanvolk den Platz. "Wir wollten die Siegerehrung eigentlich auf dem Rasen durchführen", flüstert die Stimme eines vermutlich führenden Fußballfunktionärs leicht beleidigt durch die Leissprechanlage, "aber das geht ja nun nicht mehr."
Plan B ist offenbar keine Zeremonie im Stil der Pokalvergabe beim Finale in Berlin. Die Provinz kommt - auch zum Erstaunen der Halberstädter - ohne Konfettiregen, Feuerwerk, Feierlichtkeit und Würde aus. Die Aushändigung von Medaillen und Pott wird schnell im Kabinengang abgewickelt. So ist die Zeremonie sicher vor neugierigen Blicken. Ab und an reckt sich danach ein Spielerarm aus dem Gewühl nach oben, in der Hand einen echten Pokal, abgeschirmt durch Einsatzkräfte im Demo-Vollschutz. Markus Müller kräht trotzdem ein "Uffta", die Mannschaft tanzt, der Präsident grinst zufrieden. Im August droht Sachsen-Anhalts Sicherheitsorganen nun vielleicht ein Pokal-Gastspiel von Bayern, Dortmund oder Schalke. Mit anderen Worten: Fußball mit Zuschauern. Wird aber schön diesmal, denn Halle hat ab kommendem Wochenende kein Stadion mehr. Gespielt werden muss also in Leipzig. Innenminister und Fußballverband werden sich ein Sektchen darauf gönnen können.
Ein feuchter Kinotraum mit fescher Symbolik, der alle Weltverschwörungstheorien zu einem absurden Eintopf aus nordischer Sagenwelt, Steampunk-Raumschiffen und deutscher Luftwaffenhelferinnen-Erotik verrührt. Mittendrin wird mit Julia Dietze ein echter Star agieren, auch Udo Kier ist wohl mit von der bizarren Partie, die die Rückkehr der nach dem 2. Weltkrieg auf den Mond geflüchteten Nazis auf die Erde beschreibt. Die streng gescheitelte Truppe von Elite-Ufofliegern, erdacht von ein paar lustigen Finnen, stellt sich jetzt in einem zweiten Trailer vor - nicht ganz so wuchtig wie der erste, aber allemal machtvoller als sämtliche Starwars-Teile zusammen. Der Blick zurück aus dem Space-Stuka zeigt eine Raumstation in Hakenkreuzform - ein Blick zurück nach vorn.
Es ist der Tag, an dem die Säge sägen muss und die Flasche fallen. Inmitten der sorgfältig durchgenderten Gesellschaft, die Netzwerkrecherche hier herzergreifend gefühlvoll porträtiert, ist der Vatertag ein brusttrommelndes Rudiment des 19. Jahrhunderts: Der echte Kerl zieht noch einmal aus mit dem Bollerwagen und findet ein kurzes Glück bei Kurze kippen und rituellem Gruppenkotzen. Jüngere werden eingeweiht in die Sitten der Väter, Ältere tragen noch einmal Spazierstock und Hut als Ausweis längst abhanden gekommener „Männlichkeit“.
Vergessen sind die von Netzwerkrecherche zitierten Erkenntnisse des eigentümlich-frei-Herausgebers André F. Lichtschlag, nirgendwo ist mehr etwas zu sehen von einer „bedrohlich totalitär“ werdenden „Eine-Welt-Zivilreligion mit Göttern wie Obama, Teufeln wie dem ,ewigen Braunauer’, Ablasshandel gegen Klimaerwärmung, Opfern mit Glühbirnenverzicht, immer neuen Steuern und Totalüberwachung, Ritualen wie Dosenpfand und Schuldkult und so weiter“. Die Damen sind im Kino, die Herren im Koma, das Fernsehen sendet ein um Inhalte aller Art bereinigtes Feiertagsprogramm.
Regression ist machbar, Herr Nachbar, seit die Abschaffung des Herrentages als Feiertag durch die DDR im Jahre 1966 infolge des Mauerfalls wieder abgeschafft wurde. Statt sich "durchgendern und transdisziplinieren" zu lassen, wie Netzwerkrecherche gruselnd empfiehlt, besteigt der Primat seine Kremserkutsche und bricht auf zur Vatertagskante, ins letzte Reservat der Machos mit Klingelmütze, Opafrack und Kotzresten am Revers.
Ein Mann geht seinen Weg, unbeirrt und zielsicher. Rüdiger Erben, 42-jähriger Bergbautechnologe aus Bad Salzungen, weiß, was er will. Und er setzt es durch: Seit der ehemalige Leiter des Ordnungsamtes im Landratsamt Weißenfels als SPD-Staatssekretär in die Landesregierung Sachsen-Anhalts rückte, verfolgt der vom diktatorischen DDR-Regime wohnortnah bei der NVA in Weißenfels ausgebildete Verwaltungexperte ein klares Ziel: Wenigstens einmal im Monat soll in Sachsen-Anhalt ein neues Verbot in Kraft treten, gelingt das nicht, gilt es als Minimalaufgabe, wenigstens von einem oder zwei neuen Verboten zu reden.
Als legitimer Erbe der Verbotskultur der DDR machte Rüdiger Erben (Foto unten: Feuerwehr Osterburg) nie einen Ponyhof aus seiner Vision einer nur Gesellschaft mit allen Freiheiten eines Gefängnisgartens. Kaum war er aus dem Landratsamt Weißenfels nach Magdeburg umgezogen, machte er auch schon "Ernst im Kampf gegen Gewalt", wie seinerzeit wissen ließ. “Spiele mit Tötungssimulation”, so Erbens Rechtsauffassung, seien in seinem Bundesland “definitiv verboten”. Deshalb verstießen etwa das Spiel Paintball, auch als “Gotcha” bekannt, ebenso "gegen das Grundgesetz" (Erben) wie eine Vielzahl von Computerspielen. nach Ansicht der Landesregierung.
Der mediale Erfolg seiner Rechtsauslegung im Schamanenstil gab Erben Kraft und Mut für mehr. In schneller Folge (Google Timeline oben) produzierte seine auf Verbote fixierte Fantasie jetzt Verbotsvorschläge: Der Alkoholkonsums in den Abendstunden auf bestimmten Plätzen, das Abbrennen von Feuerwerk in der Nähe von Fachwerkhäusern, die Einschränkung der Demonstrationsfreiheit an bestimmten Tagen und das Komasaufen in Kneipen - zuweilen verbot Rüdiger Erben Dinge, die es nicht einmal gab.
Genug aber ist nicht genug und zuviel ist noch zu wenig. Dass die NPD verboten werden müsse, schlug der Freund einer gesellschaftlichen Ordnung mit einem klaren Kasernenhofreglement jeden Sommer vor, wenn sonst nichts anlag. Um schonmal klar zu machen, wie das auszusehen hat, erteilte er einem für die NPD in einem Lokalparlament sitzenden Schornsteinfeger Berufsverbot. Und um sicherzzugehen, dass da kein Nachwuchs nachrutscht, gab es gleich auch noch die Ankündigung einer landesweit geltenden Regelung zur Untersagung der Benutzung von Musikinstrumenten durch Rechte, egal ob extrem oder radikal: "Rechte Musik funktioniert häufig als Einstiegsdroge, um über den engeren Kreis von Neonazis hinaus Anhänger zu finden", legte Rüdiger Erben fest.
Eine Strategie, die zumindest medial riesigen Erfolg hat. Bei jeder Ankündigung steht Rüdiger Erben im hellen scheinwerferlicht, kippen Gerichte die von ihm verhängten Verbote, ist er längst zum nächsten weitergeeilt. Niederlagen kratzen keineswegs am Selbstbewusstsein von Deutschlands führendem Verbotspolitiker: Das von ihm erdachte Alkoholverbot auf dem Magdeburger Hasselbachplatz, das Erben eigentlich "auf andere Orte in Sachsen-Anhalt übertragen" wollte, schlugen ihm Landesrichter ebenso um die Ohren wie das Berufsverbot für den rechtsextremen Feger. Doch der kleine Innenstaatssekretär mit den großen Ambitionen eilt einfach weiter, zum nächsten Schauplatz, zum nächsten Scheinwerfer, zur nächsten Kamera.
Zuletzt untersagte er den Vergleich von NS-Verbrechen und SED-Diktatur, ja, von Diktaturen überhaupt, konnte das Verbot dann zwar nicht durchsetzen, hielt sich aber mit seinem Vorschlag wochenlang in den Schlagzeilen. So kann es immer weitergehen: Eben erst kündigte Rüdiger Erben ein Verbot von "Rockerbanden" an, ohne zu erläutern, woran eine solche zu erkennen vorab zu erkennen wäre, kurz danach ließ er wissen, dass er ein Verbot des Konsums von Alkohol in Straßenbahnen und Bussen plane. Stoppen kann sich Rüdiger Erben, der Ambitionen hat, einst Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt zu werden, im Grunde nur noch selbst: Wenn erst alles verboten ist, bleibt selbst ihm nichts zu verbieten übrig.
Wer sich immer noch fragt, warum da eigentlich vor wem und weswegen seit Wochen eine Währung gerettet werden muss, obwohl doch weder in Läden noch am Bankschalter eine Gfeahr zu drohen scheint, bekommt bei Egon Kreutzer eine allgemein verständliche Antwort. "Europhrenie" beschreibt sehr alltagstauglich, mit welch abenteuerlichen semantischen Figuren die Politik versucht, ihre "hilflos sich im Kreise drehende Ratlosigkeit" (Kreutzer) angesichts der Tatsache zu verschleiern, dass elf Jahre nach Einführung des Euro die Rechnung auf dem Tisch liegt: Die Leute, die den Anpassungsdruck unterschätzen wollten, dem ein Weichwährungsland ausgesetzt wird, wenn man ihm eine harte Währung überstülpt, krähen nun, sie hätten von nichts wissen, nichts ahnen und überhaupt nichts tun können, obwohl sie alle seit dem Beitritt Ostdeutschlands zum D-Mark-Gebiet wussten, wie sich eine Währungsunion auswirkt, wenn sie nicht durch einen Solidarausgleich abgefedert wird.
Den Euro retten, wie er jetzt gerettet werden soll, heißt, die früheren weichwährungsländer per Finanzausgleich solange alimentieren konnte, bis sie allein gehen können. Dass die Alt-BRD die Ex-DDR zwei Jahrzehnte füttern konnte, ohne das Ziel zu erreichen, heißt nicht, dass es die wohlhabenden Euro-Länder schaffen, den ehemaligen Weichwährungsstaaten so lange Blut zu spenden.
Ganz da unten im Bild, rechts, wo bei einer Postkarte von einem Bach das Wasser begänne, das ist das Stück Schwänzchen, das Angela Merkel und ihre europäischen Führer für 750 Milliarden gekauft haben, um den Euro und die von gewissenlosen Spekulanten ohne Namen und Anschriften bedrohten Sparguthaben der Deutschen "stabil" (Merkel) zu halten. Da brach kein Zacken aus der Krone und wer nicht ganz schnell war, bekam nicht einmal mit, wie der "riesige Rettungsschirm" (dpa) die "Gemeinschaftswährung" (Sigmar Gabriel) noch "vor Öffnung der Börsen in Fernost" (Tagesschau) vor dem Untergang rettete: In nur 120 Stunden schaffte der Euro den langen, langen Weg von 1,26 US-Dollar bis hoch auf 1,31 $ - und wieder zurück auf 1,26 Dollar.
Vor aller Augen zelebriert die große Politik die kürzeste Rettung der Welt: Am Mittwoch danach ist schon wieder alles wie am Freitag zuvor, nur dass ein Euro für 1,26 Dollar am Freitag den Weltuntergang bedeutete und am Mittwoch stabile Sparguthaben heißt. Bangen müssen nun nur noch iPad-Käufer, Ford-Mustang-Fahrer und Florida-Urlauber, das Volk als solches aber kann sich zurücklehnen und Euklid, den griechischen Rechenmeister, einen guten Mann sein lassen. Eins plus eins ist zwei? Natürlich nicht! 1 + 1 ist Elf! «Wir tun, was wir tun, nicht für die Banken, sondern für die Menschen», hat Angela Merkel versprochen.
Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier (oben links) hat nach seiner Niederlage bei der Bundestagswahl seine Forderung nach einer Transaktionssteuer bekräftigt. Er werde nach seinem Abschied vom großen Lebenstraum, einmal selbst als Kanzler im Fernsehen auftreten zu dürfen, nicht auch noch den von neuen Steuern begraben, sagte Steinmeier der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nicht zuletzt gebe ihm Kraft, dass die CSU, die sonst immer falsch liege, in diesem Fall auch dafür sei. Damit stehe ganz eindeutig fest, dass die Position der SPD die richtige sei, sagte Steinmeier am Rande von Dreharbeiten zum Sequel zu seinem erfolgreichen ersten Kinofilm "Up", der im Februar einen Annie-Award gewonnen hatte.
In "Up", für das deutsche Publikum als "Oben" in den Kinos gelaufen, schlüpft Walter Steinmeier, ein ausgewiesener Experte für heiße Luft, in die Rolle des detailverliebt animierten ehemaligen Luftballonverkäufers Carl Fredricksen (oben rechts), der seiner Abschiebung ins Altersheim entflieht, indem er sein Haus mit hunderten Heliumballons zum Fliegen bringt.
Eine Paraderolle für die ehemalige Schneeeule der deutschen Arbeiterbewegung, die auf der Leinwand erstmals in 3D und mit einer computeranimierten Buddy-Holly-Brille zu sehen ist. Im Film fliegt Walter Steinmeier in seinem Flughaus zu den Paradiesfällen in Südamerika, um sich dort Anregungen zu holen, wie Argentinien seinerzeit die große Schuldenkrise überstand.
Mehr ernste und krasse Wiedergeburten in der definitiven PPQ-Datenbank
Er erhob schon vor zehn Jahren ab und zu sein gräuliches Haupt - legte es aber vorerst immer wieder in den Schoß von Wolf Schneider. Doch die Konjunkturzyklen wurden länger, und 2003 beschloss der "Wirbel um", den Qualitätsjournalisten fürderhin treu zu dienen. Ausweislich der unbestechlichen Timeline von Google nimmt seit dem Jahr 2000 die Zahl der Null-Ereignisse, die sich des Floskel-Wirbels bedienen müssen, signifikant zu. Auffällig dabei ist, das justament die damals ausbrechende Print-Krise bis heute parallel zum Aufstieg des "Wirbels um" verläuft: Je weniger Zeitungen verkauft werden, um so wirbliger stellt sich das Weltgeschehen dar. Welche Erkenntnis im Umkehrschluss nichts anderes bedeutet, als dass hiermit der "Wirbel um den Wirbel um" ausgerufen und verkündet sei.
Das ist er wieder, der Vulkan auf Island, und er spuckt endlich wieder Asche aus. Pünktlich zum Ende der Aufregung um die große Griechenland-Krise regt sich im fernen Nordmeer wieder das, was vor der großen Griechenland-Krise als "Aschemonster" für die niveauvolle Unterhaltung der Massen zuständig war. In Südspanien, auf den Kanaren und in Portugal mussten Flughäfen zeitweise geschlossen werden, um nach dem erfolgreichen Bruch der EU-Verträge ein neues Thema zu implementieren. "Auch der deutsche Luftraum ist wieder gefährdet", vermerkt die einzig wahre deutsche Nachrichtenagentur dpa mit einem gespannten Zittern.
Jetzt zeigt sich, wer vorgesorgt hat, jetzt zeigt sich, wo die Menschen noch sicher leben können, ohne Angst haben zu müssen vor geplatzten Inhaberschuldverschreibungen und verschobenen Interkontinental-Starts. Während der "Vulkan unter dem Eyjafjalla-Gletscher" (Stern) dunkle Monsterwolken ausstößt, lässt die agile Stadtverwaltung der mitteldeutschen Reinluft-Metropole Halle das Firmament in Königsblau glänzen und Sandro Wolf, ehemals NVA-Flieger und seit einigen Monaten Chefpilot der von PPQ weltweit präsentierten Veranstaltungsreihe "Der Himmel über Halle" schießt in seinem blankgewienerten Airbus A380 von Süd nach Nord. Da oben muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Hier unten ist es einfach nur schön anzusehen. "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!", scheint der Düsenvogel zu sagen, der dort unerreichbar nah über den Köpfen der Geplagten und Gepeinigten, der Steuerzahler und betrogenen Kleinsparer schwebt, "schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist."
Das Ende vom Anfang des Endes kam am 11. Mai 330. Vor 1680 Jahren, länger als jedes Rettungspaket trägt, wurde aus der griechischen Weltstadt Byzanz die Ost-Metropole Konstantinopel, der letzte Versuch der Lateiner, Weltgeltung zu behaupten und dem westlich gelegenen Rom etwas Größeres, Prächtigeres und Mächtigeres entgegenzusetzen.
Die Geschichte der Stadt hatte schon in der griechischen Antike, um 600 vor Christus. Der Aufstieg in die erste Liga geschah allerdings erst in römischer Zeit und er endete mit dem Versuch, einen Gegenkaiser gegen den von Rom bestimmten Kaiser Septimius Severus zu unterstützen. Da der dem römischen Original unterlag, plante Septimius eigentlich, die Stadt zu zerstören, nur sein Sohn Caracalla hielt ihn davon ab.
Byzanz wurde zur vordersten Feste des zivilisierten Westens gegen die Barbaren, die in der Zeit der Völkerwanderung immer wieder einzubrechen drohten. Da die Osthälfte des römischen Reiches immer mehr an Bedeutung gewann, zog Kaiser Konstantin I. hinüber - am 11. Mai 330 wurde die Stadt als neue Residenz eingeweiht, sie trug nun den Namen Konstantinopel.
Beinahe ein Jahrtausend lang wurden Eroberungsversuche anderer Völker abgewehrt, Konstantinopel überstand Stadtbrände und Epidemien und behauptete sich als eine der wichtigsten Weltstädte. Zugleich aber schrumpfte die ehemalige griechische Vorzeigegründung, das Osmanische Reich schwappte immer näher an die Stadtmauern, die byzantinischen Kaiser mussten mehr und mehr Fläche ihres Reiches gegen Ruhe und Frieden eintauschen. Im 15. Jahrhundert bestand Konstantinopel nur noch aus dem eigentlichen Stadtgebiet und ein paar umliegenden Dörfern, die Einwohnerzahl sank auf etwa 40.000, der Kaiser war nur noch ein Mann ohne Macht, angewiesen auf Hilfe der christlichen Glaubensbrüder aus Venedig, die knauserig waren mit Rettungsgeldern und sich gern mit Pfandrechten auf byzantinische Besitzungen bezahlen ließen.
Am 29. Mai 1453 traten die Truppen des Osmanen Mehmed II. zum letzten Sturm an, die Verteidiger aber hielten einmal mehr stand. Allerdings hatte ein Soldat beim nächtlichen Reparaturgang vor die Mauer vergessen, eine kleine Pforte zu schließen. Durch diese strömten die Angreifer in die Stadt, in den Rücken der Verteidiger. Konstantinopel fiel, das Abendland wurde ein Stück kleiner. Etwa hundert Jahre später avancierte Konstantinopel zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches, das von Ungarn über Belgrad bis und Bagdad bis weit nach Nordafrika reichte. Im März 1930 änderte sich der Name noch einmal: Aus Konstantinopel wurde Instanbul. Die ehemals griechische Stadt, die ein Weltreich hatte sein wollen, aber existierte nicht mehr.
Hoijoijoi, das war wieder eine Rettung, die Angela Merkel und der Rest der EU da hingelegt haben. Alle Achtung, denkbar knapp wie die Münchner Meisterschaft damals gegen Schalke, dann aber doch beruhigend sicher und ballgewandt. In letzter Sekunde, "bevor die Märkte in Fernost öffnen" (Tagesschau) und das "Wolfsrudel" (dpa) der Spekulanten wieder losprescht, um den Euro zu zerfleischen, gelang es dem Krisenstab, das seit Monaten lodernde Papiergeldfeuer mit einer dicken Decke aus neugedruckten Scheinen zu ersticken. Die Europäische Zentralbank, die ihre Unabhängigkeit dadurch nachwies, dass sie zum exakt selben Zeitpunkt wie die europäischen Regierungschefs tagte und exakt dasselbe beschloß, besorgt die Kohle, indem sie beginnt, wacklige Anleihen aus kippligen Euroländern aufzukaufen.
Um zu verhindern, dass jemand merkt, wie auf diesem Wege eine zusätzliche transnationale Schuldenkasse außerhalb der Verantwortung der gewählten Regierungen geschaffen wird, haben die Finanzminister sich für die Lösung entschieden, mit der früher bereits Erfolgsbanken wie die Hypo Real Estate, die Sachsen LB und die West LB Furore machten: Nicht die EU-Kommission wird ihren Mitgliedsländern Geld leihen, sondern eine eigens gegründete Zweckgesellschaft. Noch scheint nicht bekannt, ob die in einer Steueroase angesiedelt wird, um Steuergeld zu sparen. Sie werde aber in jedem Fall Eurobonds auflegen, das so von gierigen Spekulanten auf der Jagd nach sicherer Rendite eingeworbene Geld steht dann für die Rettung bedrohter Euro-Länder zur Verfügung.
Geschickt umgehen die Regierungen damit augenzwinkernd die kleinliche No-bail-out Klausel der EU-Verfassung, perspektivisch dürften nun die diversen Schattenhaushalte der öffentlichen Hand von Pensionskassen über KfW-Kredite bis zu den Rettungsschirm-Bürgschaften der Sofin gute Chancen haben, die sichtbaren öffentlichen Schulden um ein Vielfaches zu übertreffen. Der einst angestrebte "Stabilitätspakt", dessen einziges Machtinstrument das Verschicken von "Blauen Briefen" blieb, endet als Transferunion ohne unabhängige Zentralbank, Europa wird endlich eins, ein Volk, ein Währungsreich und mit Sarkozy und Merkel nur zwei Führer. Und die nächste Rettung kommt bestimmt, mit noch mehr Geld und noch mehr beruhigenden Sprüchen in den Abendnachrichten: Ja, so gerettet werden ist fast wie sterben.