Donnerstag, 11. August 2016

Thementag beim Spiegel: Nichts außer Syrien

Es ist nicht irgendeine Unterrubrik, sondern wirklich die Startseite des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", die da oben abgebildet ist. Gleich zehnmal widmet sie sich in langen und kurzen, betrachtenden und berichteten Beiträgen dem Thema Syrien - ein einziges anderes Thema hat daneben noch Platz. Es ist eine Ankündigung der auch von der Spiegel-Redaktion favorisierten US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die beabsichtigt, die Welt um vieles besser zu machen.

Daneben ist nichts. Keine Innenpolitik. Keine Europa-Politik. Keine Außenpolitik. der "Spiegel", ehemals ein Nachrichtenmagazin, das seine eigene Agenda betrieb, die häufig genug gegen die der Regierenden stand, schließt sich mit allem, was er hat der laufenden Mobilisierungskampagne der Bundesregierung zur "Lösung des Flüchtlingsproblems in den Herkunftsländern" (Merkel) an. Dazu wird, wie es auch die "Tagesschau" praktiziert, das erst späte Eingreifen der Russen in den Konflikt zwischen Baschar Assad und einer Phalanx aus mehr oder weniger islamistischen Al-Kaida, IS- und sonstigen Aufständischen zur Ursache des Mordens erklärt. Wären die Russen nicht, wäre Assad schon weg, so argumentiert Carsten Kühntopp in der ARD. Syrien wäre dann fast sicher ein blühendes Gemeinwesen, aus dem sich keine endlosen Flüchtlingsströme mehr gen Norden wälzen würden.

Diesen Zustand herzustellen, wenigstens argumentativ, ist nun Ziel und Aufgabe aller Berichterstattung. Die "Welt" fordert "härtere" und "schärfere" Maßnahmen. Der "Spiegel" fantasiert sich "Strategien gegen den Bürgerkrieg" herbei, in denen "Obamas Nachfolger entschiedener in Syrien intervenieren", ohne dass gesagt wird, gegen wen genau. Der ARD-Mann fordert, dass "man", also wohl wir, also die Nato, Assad und Putin "die Stirn bieten, und zwar militärisch". Eine "großangelegte Besetzung des Landes" plant der Korreespondent aus Kairo noch nicht. Aber könnten nicht USA und/oder die NATO eine Flugverbotszone ausrufen, damit die Russen keine Bomben mehr auf die Islamisten werfen können? Und wenn sie es denn doch versuchen, die Russenflieger einfach abschießen?

Tigersprung nach Lissabon: Die EU zeigt ihr weiches Herz

Der altgediente EU-Kommissar Günther Oettinger hat noch einmal den Beruf gewechselt: Er dient jetzt als Bettvorleger.
Es war der Tigersprung nach Lissabon, die Höllenfahrt nach Madrid. Günther Oettinger, der berühmte deutsche Zuchtkommissar in den Reihen der EU, hatte ultimativ angekündigt, dass es in diesem Sommer eine unerwartete Rückkehr zum niedergeschriebenen deutschen Recht geben werde. Spanien und Portugal, zwei notorische Defizitsünder, würden um Strafmaßnahmen wegen Missachtung von EU-Etatregeln nicht mehr herumkommen, sagte der frühere Spitzenpolitiker. Sanktionen seien nach Jahren der Nichtachtung der europäischen Verträge unausweichlich. "Alles andere kann man den Menschen nicht erklären."

Oettinger landete dann vier Wochen später als Bettvorleger. Spanien und Portugal werden wegen ihres zu hohen Staatsdefizits von den EU-Mitgliedern nicht belangt, haben die Staatenlenker der Partnerländer beschlossen. Die beiden Länder hätten es doch ohnehin schon schwer genug, hieß es in der EU-Kommission, die die Empfehlung gegeben hatte, europäisches Recht weiter ausgesetzt zu lassen.

Spanien wies 2015 ein Defizit von 5,1 Prozent auf, Portugal verzeichnete eines von 4,4 Prozent. In den Jahren seit 2010 hatten beide Länder jeweils Haushaltsdefizite von zwischen 9,8 und 4,5 Prozent ausgewiesen. Erlaubt wären drei, aber nun ist auch egal.

Durch die mögliche Strafzahlung von zwei Milliarden Euro, wie sie nach den vereinbarten Regeln des alten Europa fällig gewesen wäre, hätte sich das Defizit nur noch erhöht. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die Entscheidung für eine weitere Lockerung der Gemeinschaftsregeln als großen Spaß an. Sie freut sich mit den Partnerländern: "Ich kann darin kein Ende der Anwendung des Stabilitätspaktes sehen."

Während Günther Oettinger nun als Bettvorleger auf Sommertournee geht, um den Menschen die jüngste Weiterentwicklung der bindenden europäischen Regelungen zum Stabilitätspakt zu erklären, regt sich bei der SPD Protest. Statt Spanien und Portugal straflos davonkommen zu lassen, nur weil sie sämtliche europäischen Vereinbarungen mit der Begründung brechen, das sei alternativlos, könne führenden Politikern der beiden Partnerstaaten doch wenigstens der Führer- oder Tauchschein entzogen werden, empfahl Parteichef Sigmar Gabriel.

Mittwoch, 10. August 2016

Wir brauchen gute Berufsverbote

Überall lassen sich kleine Hitlers entdecken.
Einst ein Hort widerständischen Denkens, ein Ort, an dem die Verhältnisse infragegestellt wurden, ist die Berliner "Tageszeitung" in der Ära der Denk- und Meinungsverbote endgültig auf die Seite der Einschränker, Untersager und Verbieter gewechselt: In der Diskussion um "rechte Professoren" an deutschen Unis lässt Taz-Autor Ralf Pauli jedenfalls keinen Zweifel daran, dass es Position seines Blattes ist, im Fall von von links als rechts identifizierten Meinungsäußerungen keine lange Diskussion zuzulassen. Vielmehr stelle sich hier "die Frage nach dem Berufsverbot neu – aber für rechte Beamte".

Nicht rechtsextreme. Nicht rechtsradikale. Nicht mal rechtspopulistische. Sondern "rechte". Artikel 5 des Grundgesetzes, der das Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert, so lange es nicht strafbare Äußerungen verbreitet werden, zählt nicht mehr. So sieht es Pauli. Dass die von ihm angeprangerten Twitter-Einträge eines Leipziger Professors nicht nur nach dessen Ansicht, sondern auch nach Beurteilung der Hochschulleitung ben nicht aus diesen grundgesetzliche garantierten Rahmen fallen, hält den Taz-Mann nicht davon ab, zu fragen: "Darf ein verbeamteter Hochschullehrer so etwas twittern?"

Natürlich darf er, denn gerade darin liegt ja nun das Wesen der Meinungsfreiheit - das das Grundgesetz auch Meinungen schützt, die anderen nicht gefallen. Spricht sich jemand "gegen die Gleich­behandlung von Religionen aus", ist es egal, ob er Feuerwehrmann, Taz-Mitarbeiter oder Professor in Bayreuth ist. Er darf das. Lässt ein Diplom-Mathematiker seine Studenten "berechnen, welcher statistische Zusammenhang zwischen der Anzahl von Terroranschlägen und dem Anteil der muslimischen Bevölkerung besteht", kann er zwar gekündigt werden. Doch im Lichte der aktuellen Meinungsfreiheitskampagne des Bundesverfassungsgerichtes wird seine Entlassung vielleicht nicht das ewige Leben haben.

Ralf Pauli gefällt das nicht. Für ihn reicht "der Schutz der freien Meinungsäußerung" zu weit, wenn er nicht strafbare Ansichten zulässt, die er, Pauli, höchstrichertlich als "Hetze" qualifiziert. Gut, schreibt er, dass in dieser unerträglichen Situation des erlaubten Andersdenkens wenigstens ein paar engagierte Studenten die Hetze der Professoren auffliegen lassen.


Olympia: Gold aus dem Reagenzglas

In ihren besten Tagen war die DDR das Sportland der Welt. Vor allem Schwimmen konnten sie im heutigen Dunkeldeutschland wie nirgendwo sonst: In der ewigen Medaillenbilanz der Olympischen Spiele steht das 17-Millionen-Volk mit 92 Medaillen auf Platz 3 hinter den USA, die 520 Mal auf einem der drei vorderen Plätze lagen, und Australien, das auf 175 Medaillen kommt. Westdeutsche Schwimmer brachten es in derselben Zeit nur auf 22 Medaillen.

Eine Bilanz, die inzwischen gesamtdeutsch Schule macht. Seitdem es die DDR nicht mehr gibt, geht es langsam bergab mit der deutschen Herrlichkeit im Wasser - während etwa australische Schwimmer ihr Niveau bis heute halten, ist das ihrer deutschen Konkurrenten kaum noch endlauffähig. Die Zeitreihe ist unbestechlich: 1960 holten deutsche Schwimmer zwei Medaillen, 1964 sind es sieben, 1968 14, 1972 15, 1976 19, 1980 - ohne westliche Beteiligung - 34, 1984 - ohne östliche Beteiligung - 12, 1988 schon 35. Doch die gemeinsame Bilanz ab 1992 sieht zunehmend düsterer aus: Elf Medaillen gab es 1992, zwölf waren es 1996, gerade noch drei im Jahr 2000, fünf im Jahr 2004 in Athen, drei 2008 in Peking und genau null 2012 in London.

Damals war von einem "Abwärtstrend seit 2004" die Rede, der jedoch in Wirklichkeit schon Anfang der 2000er eingesetzt hatte. Das trifft sich genau mit dem Karriereende der letzte DDR-Spartakiade-Generation. Und korrespondiert auffällig mit dem gerade in Deutschland offensiv geführten Kampf gegen Doping.

Nicht nur beim Schwimmen ist das so, sondern auch die Medaillenbilanz der übrigen Olympiasportler zeigt dieselbe Kurve. Aus 142 deutschen Medaillen bei den Olympischen Spielen des Jahres 1988 wurden ganze 44 bei den Wettbewerben des Jahres 2012 - im Winter etwa sank die Ausbeute von 33 auf 19, obwohl die Zahl der Wettbewerbe gleichzeitig von 46 auf 98 anstieg.

Wo liegt die Ursache für diesen Abstieg einer der größten Sportnationen, der sich gerade im früher deutsch dominierten und besonders dopingverseuchten Schwimmsport besonders deutlich zeigt? Ist es die Nachwuchsarbeit? Oder doch der Abschied von der Arbeit mit unterstützenden Mitteln? Das Erstaunliche daran: Andere große Schwimmnationen leiden weder unter dem einen noch dem anderen. Und noch erstaunlicher: Nirgendwo wird die Frage danach gestellt.

Obwohl die Bundesregierung sich die Schwimmamateure über Bundeswehr und Polizei genauso hält wie seinerzeit die DDR ihre Staatsamateure, springt hinten immer weniger raus. haben also deutsche verlernt, wie sich jungen Leuten das Schnellschwimmen beibringen lässt? Oder haben junge Leute im Unterschied zu ihren australischen Altersgenossen die Fähigkeit verloren, Spitzensport auf Spitzenniveau zu treiben? Oder fehlt da einfach doch die Unterstützung aus dem Reagenzglas, die frühere Erfolge möglich machte und - ausweislich etwa der überaus stabilen australischen Bilanz - anderswo noch immer Teil des Konzeptes sind?

Antworten sind nicht zu bekommen, nich von van Almsik und nicht von Kristin Otto, die früher direkt im System steckten und heute wissen, wovon sie als Fernseh-Kommentatorinnen schweigen. Und nicht von den Medien. Bei denen ist "wieder keine Medaille! Historischer Fehlstart perfekt" alles, was an Analyse zu haben ist.

Und wo man sich nicht über eigene gewonnene Medaillen freuen kann, freut man sich dann eben über die, die andere nicht gewinnen.

Dienstag, 9. August 2016

Hetze gegen Einzeltäter

Wenn es so weitergeht mit den Einzeltätern, die kleinteilige Defensivwaffen made in Solingen mit sich führen, hat das Wort "Einzeltäter" gute Chancen, zum "Wort des Jahres" gekürt zu werden.

Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache könnte bei dieser Gelegenheit auch klären, wo "Verdrängung" anfängt und wo sie aufhört.

Henryk M. Broder in der "Welt" zum Stand der Dinge

Führerscheinentzug: Maas plant Einführung von Sonderstrafrecht

Millionäre mit Chauffeur bleiben beim neuen Maas-Recht außen vor.
Gleichbehandlung vor dem Gesetz ist eines der Grundprinzipien westlicher Zivilisationen. Egal, ob Bauer oder Bettelmann, Millionär oder Minister - der Rechtsstaat kennt keine Privilegien. selbst wenn es manchmal so aussieht. Er straft, wen er strafen muss. Und um es gerecht zu tun, sieht er bei Geldstrafen zum Beispiel davon ab, sie pauschal festzulegen. Stattdessen gelten sogenannte Tagessätze, so dass der veruteilte Hartz-4-Empfänger nur 1000 Euro zahlen muss, wo der reiche Mittelständler 10.000 zu zahlen hat.

Bundesjustizminister Heiko Maas will dieses Grundprinzip nun abschaffen. Der Sozialdemokrat plant ein Sonderstrafrecht für Führerscheinbesitzer, denen im Falle einer Verurteilung künftig nicht nur Bewährungs-, Geld- oder Haftstrafe droht, sondern auch der Entzug des Führerscheins. Maas begründet das damit, dass manche Straftäter "so wohlhabend sind, dass ihnen eine Geldstrafe nicht wehtut". Allerdings sind die Betroffenen wohl auch nicht so wohlhabend, dass sie sich einen Fahrer oder ein Taxi leisten können.

Es geht Maas darum, die Axt unter dem Beifall der großen deutschen Rechtsgelehrten an die Wurzeln des Gleichbehandlungsgrundsatzes zu legen. Bislang etwa konnten Radfahrer, die im Besitz eines Führerscheins sind und alkoholisiert auf einem Drahtesel erwischt werden, mit Führerscheinentzug bestraft werden - während betrunkene Radfahrer, die keinen Führerschein haben, auch keinen entzogen bekommen konnten. Begründet wurde diese Ungleichbehandlung mit einem Trick: Wer einen Führerschein habe, trotzdem aber betrunken Rad fahre, sei psychisch nicht geeignet, motorisiert am Verkehr teilzunehmen.

Eine Argumentation aus dem Ordnungsrecht, die nicht gerecht, aber akzeptiert war. Maas nun dehnt sie ins Strafrecht aus: Nach seinem Gesetzentwurf werden Straftaten abhängig vom Täter künftig mit zweierlei Strafrecht gemessen. Es gibt das traditionelle, das Täter ohne Führerschein mit Bewährungs-, Geld- oder Haftstrafe aburteilt. Und es gibt das Maas-Recht, das Führerscheinbesitzer alternativ oder zusätzlich mit dem Entzug der Fahrerlaubnis bedroht.

Der Bundesjustizumbauminister macht in der alten Schule seines Genossen Franz Müntefering Gebrauch von Unsympathen, um die Abschaffung der Gleichbehandlung vor Gericht "noch in diesem Jahr" durchzudrücken. Ziel seiner Bemühungen sei es ja nur, "Täter, die im großen Stil Steuern hinterzogen haben", also "sehr wohlhabende Straftäter, bei denen eine Geldstrafe keine Wirkung erzielt", abzustrafen.

Für Millionäre, Wirtschaftsbosse und Politiker mit Chauffeur gilt ein Schonparagraph: Sie werden weiter behandelt wie Hartz-4-Empfänger.

Montag, 8. August 2016

Beitritt der Türkei: Mutprobe im Raumloch

Sigmar Gabriel trägt einen Raumanzug zur Probe, bekommt ihn hinten aber noch nicht zu.
Zuletzt hat sich nun auch Sigmar Gabriel für die kommenden Jahrzehnte festgelegt und seinen möglichen Nachfolgern eine klare Richtschnur vorgegeben: „Ich glaube nicht, dass die Türkei in absehbarer Zeit – und jetzt rede ich von 10, 20 Jahren – die Chance hat, der EU beizutreten“, sagte der Vizekanzler, der seit Monaten verzweifelt auf der Suche nach einem Wahlkampfthema ist, mit dem er sich von der sozialdemokratisierten Union abheben, gleichzeitig aber an seiner christdemokratisierten Linkspolitik festhalten kann.

Und siehe, das Gute liegt so nah: Seit die Türkei Russland als liebstes Manöverfeld deutscher Innenpolitik abgelöst hat und eine ganze Abgeordnetengeneration begonnen hat, ihre Wurzeln verbal zu gießen, bietet sich die energische Beteiligung an einer Phantomdiskussion um einen EU-Beitritt der Osmanen an. Risikolos lassen sich hier Grundwerte herausstellen, da eine akute Gefahr eines Beitrittes nicht besteht, können vermeintliche Bedingungen in den Raum gestellt und Mahnungen Richtung Ankara ausgesprochen werden.

Die Diskussion um den "Beitritt" der Türkei, den es - das weiß außerhalb Brüssels jeder Europäer - zumindest zu Lebzeiten der heutigen EU-Bürger nicht geben wird, gleicht der von Stanislaw Lem in seinen "Sterntagebüchern" beschriebene Debatte um die Reparatur eines Antimaterieantriebs. Lems Held Ion Tichy steht hier vor der Frage, wie er ein naheliegendes Raumloch zur Vervielfältigung seiner Person durch ein Zeitparadoxon nutzen kann, um Schäden am Antrieb mit Hilfe eines Schwerkraftschraubenschlüssel zu reparieren. Tickys Problem: Er hat nur einen Raumanzug, der Schwerkraftschraubenschlüssel aber muss von zwei Leuten gehalten werden.

Während sich das Raumschiff durch die zahlreichen Flüge in das Raumloch fortwährend mit neuen Tichys füllt - zum Original kommt der Tichy von Gestern, der von Morgen, von Übermorgen, von Vormittag, Nachmittag und der vom nächsten Jahr - wird immer eifrigen diskutiert. Während die Frage naturgemäß offenbleibt, wie zwei Leute gleichzeitig in einen Skaphander kriechen können.

Können sie nicht, können sie so wenig wie in eine wie in Zeitlupe implodierende EU noch weitere instabile Staaten aufgenommen werden können. Alle wissen das, selbst die größten Prediger des "Mehr Europa" sind verstummt und die noch vor einem halben Jahrzehnt mit beängstigender Geschwindigkeit betriebene Erweiterung ist völlig zum Erliegen gekommen.

Gabriel weiß das. Er vermutet aber, dass es beim Wähler gut ankommt, Allerweltsweisheiten wie revolutionäre Thesen zu verkünden. Der Populist aus Goslar, angeschossen und ungeliebt, tritt also unverdrossen an zur Mutprobe im Raumloch, er löst Probleme, die es nicht gibt, er stellt Bedingungen, die niemanden interessieren, und trifft Festlegungen, von denen seine Nachfolger nicht einmal wissen werden.

Bei Lems Weltallflieger Ion Tichy waren es dann übrigens zwei raumlochgenerierte, zeitparadoxe Kinder-Tichys, die den Antrieb reparierten. Keine Hoffnung für die SPD. Sigmar Gabriel passt nicht einmal allein in den Raumanzug.


Staatsversagen: Das Glück ist kein Deutscher

Es war der erste Bereich, in dem der Staat hilflos die Hände hob, lange bevor sich die Grenzen auflösten, Regelungen aus den europäischen Verträgen stillschweigend für ungültig erklärt wurden und die Europäische Zentralbank das offizielle Mandat bekam, mit dem Ankauf alter Socken und benutzter Kondome zu beginnen, um die Wirtschaft Europas zu stabilisieren. Bis die Bundesregierung im Verein mit den Ländern durchgriff. Der Versuch, den Ausgang von Fußballspielen vorherzusagen, wurde untersagt, Werbung für Wettanbieter aus Malta, Gibraltar und Österreich war nur noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zulässig. Fußballmannschaften, die Werbeverträge mit Wettanbietern geschlossen hatten, mussten sich dagegen Ausweichleibchen besorgen, wollten sie in Kernstaaten des Verbotes wie Sachsen-Anhalt öffentlich auftreten.

Vorher hatte das Staatsversagen offiziell Premiere im Glücksspielsektor gefeiert: Während deutsche Behörden standhaft behaupteten, Glücksspiel sei verboten, belehrte die Wirklichkeit die Verantwortlichen jeden Tag eines Besseren. Überall wurde für Sportwetten geworben. Überall schossen Casinos aus dem Boden. Überall schauten die Behörden standhaft weg.

Deutschland hatte aufgegeben, seine eigene Rechtsordnung zu verteidigen. Noch lag der große Zustrom irgendwo weit in der Zukunft, noch hatte CSU-Chef Horst Seehofer den Begriff Staatsversagen noch nicht für sich entdeckt.

Aber schon zeigt sich, dass bei einer Kollision von Realität und Wunschtraum nicht zwingend der Wunschtraum platzen muss: Bundes- und Landespolitik entschlossen sich im Konflikt zwischen Europarecht und deutschen Rechtsvorgaben, einfach keines von beiden einzuhalten. Stattdessen flüchtete eine komplette politische Klasse in die Wahrnehmungsverweigerung. Was illegal ist, wird nicht verfolgt. Was nach Urteilen von Bundesverfassungsgericht eun Europäischem Gerichtshof längst legal sein müsste, findet weiter keine Bestätigung im geschriebenen Recht.

"Herrschaft des Unrechts" würde es Horst Seehofer nennen. Wäre er nicht selbst einer der Väter der seit mehr als einem Jahrzehnt herrschenden Situation der Regel- und Gesetzlosigkeit.

Sonntag, 7. August 2016

Erdogan-Jugend: Wir sind aus dem Holz dieses Bodens geschnitzt


Nun geht er doch noch in Erfüllung, der Traum von Wilhelm Pieck und Liebknecht, von Stalin, Gerald Götting und Che Guevara. "Vom Ich zum Wir" wollten die großen Revolutionäre der jüngeren Geschichte ihre Schutzbefohlenen führen, zur Not auch mit Gewalt, am Ende aber ohne Erfolg, weil das Individuum sich kleingeistig der geplanten Vermassung widersetzte, sobald er Frau, Kind und Sparvermögen mit allen teilen sollte.

Beim türkischen Nato-Partner, gerade erschüttert von einem Putsch gegen die rechtmäßige Regierung und seitdem wie der Nato-Partner Frankreich mit Notstandsverordnungen regiert, zeigen nun junge Leute, wie es besser geht. Die "Türkische Jugendverband Föderation" lebt ohne das gestrige "Ich", die Mitlgieder sagen lieber "wir" und geben der Jugend der Welt damit ein leuchtendes Vorbild.

Die jungen Türken, weit weg vom egozentrischen Weltbild etwa eines Peer Steinbrück, finden Glück in der Gemeinsamkeit, Kraft in der Kommune, Energie im Zusammensein. Stolz sind sie Masse, selbstbewusst ist ihr Verzicht auf die kleinen Wünsche des Individuums, die ewigen Extrawürste und unsinnigen Partikularinteressen, deren Verwirklichung die Menschheit nur aufhält auf ihrem Weg in eine große, glückliche, vor allem aber gemeinsame Zukunft.

"Wir sind aus dem Holz dieses Bodens geschnitzt", rufen sie, "wir sind die Zukufnt der Menschheit."

Der schreitet die Türkei  voran, ein Land, das der Vorstellung des Westens, er bestimme, was Grundrechte sind, einen Dämpfer versetzt. Die mit dem Koran in der Hand aufgewachsene Jugend des demnächst schon größten EU-Landes definiert Rechte, Werte und Ansprüche nach eigenem Willen: Sie sind multinational, sie folgen ihrem Herzen, je nachdem, wie es ihren Interessen dient. Sie haben eine Demokratie, die diktatorisch funktioniert. Sie reichen Russland die Hand und prangern Versäumnisse in Deutschland mutig an.

Sie leben vor, wie wir alle gemeinsam leben sollten: Als großes, als ein einziges glückliches Wir.

Samstag, 6. August 2016

HFC: Vom gefühlten Sieg zur gefühlten Niederlage

Heile Welt in der 9. Minute: Pintol trifft in seinem zweiten Spiel für den HFC zum zweiten Mal.
Ein Aufbruch mit fünf Neuen in der Startelf, von denen auch nach dem gloriosen Auswärtssieg in Erfurt zum Saisonauftakt niemand weiß, was sie wirklich taugen. Aufstiegsaspirant Chemnitz, die Elf von Ex-HFC-Trainer Sven Köhler, kommt da gerade recht: Zum Auftakt zu Hause sieglos, sind die Sachsen entschlossen, die eigenen Ansprüche auf einen Spitzenplatz beim vorübergehenden Tabellenführer in Halle umso nachdrücklicher zu unterstreichen. Schließlich hatte die Krisenmannschaft aus Karl-Marx-Stadt zum Ende der vergangenen Saison noch gegen die Krisenmannschaft von der Saale gewonnen und sich in der Abschlusstabelle vor die lange Zeit führenden Hallenser geschoben.

Von damals sind noch vier Spieler auf hallescher Seite dabei - und die quietschgrünen Trikot der Gäste, die einer optischen Kriegserklärung an den guten Geschmack gleichen. Die Gastgeber haben getauscht: Statt weißer Hosen und roter Trikots tragen sie diesmal rote Hosen und weiße Hemden. Und statt wie das Kaninchen vor der Schlange darauf zu warten, was sich der Favorit ausgedacht hat, spielen die Männer von Trainer Rico Schmitt, einem gebürtigen Karl-Marx-Städter, die Frahn, Fink, Endres und Mast erstmal gleich konsequent an die Wand. Chemnitz, unterstützt von einem anfangs zündelnden, später aber unverdrossen singenden Mob, sieht keinen Stich, obwohl Schmitt die Erfolgsaufstellung von Erfurt verletzungebedingt ändern musste und jetzt Tobias Müller und Marvin Ajani für Diring und Lindenhahn spielen.

Chemnitz wartet, Halle trifft. Nach einem Missverständnis in der Abwehr der Grünen ist Neuzugang Benjamin Pintol in der neunten Minute da und von seinem Fuß kullert der Ball ins lange Ecke. Was für eine Erleichterung auf den Rängen, die in der Folge weiter Unerhörtes sehen. Halle hat einen Plan, den die Mannschaft angeführt von Kapitän Klaus Gjasula beharrlich verfolgt. Die beiden Außen Brügmann und Baumgärtel stehen sehr hoch, fast an der Mittellinie, Gjasula hingegen, über den in der ersten halben Stunde jede Aktion läuft, fällt bei eigenem Aufbauspiel erst zwischen die beiden Innenverteidiger Kleineheismann und Barnofsky zurück. Ehe er nach vorn Tempo aufnimmt und vor allem den schnellen Martin Röser sucht.

Was für ein Unterschied zum vergangenen Jahr, als es drei Trainer brauchte, um mit Ach und Krach die Klasse zu halten. Chemnitz steht wie erstarrt, bei den Männern von Sven Köhler geht nach vorn gar nichts und hinten schwimmen sie Mal um Mal. Zum ersten Mal seit Jahren stehen die knapp 8000 auf den Tribünen allesamt spontan auf, mitten im Spiel, und applaudieren. Sieg liegt in der Luft.

Der HFC allerdings sammelt Ecken, Freistöße und Torannäherungen, ohne erfolgreich zum Abschluss zu kommen. Vor allem Ajani und Röser verunsichern die CFC-Abwehr: Ajani köpft in der 12. Minute, trifft aber nicht. Röser schießt, aber CFC-schlussmann Kunz lenkt den Ball zur nächsten Ecke. Auch Kleineheismann fehlt ein Mü zum 2:0, Pfeffer verfehlt und einer aufwendig ausbaldowerte Freistoßvariante von Baumgärtel und Röser fehlt es im letzten Moment an Präzision.

Auf der Gegenseite aber ist Stille. Bis auf einen Schuss von Daniel Frahn bringt der Gast nach vorn überhaupt nichts zustande. Kein Gedanke mehr an frühere Duelle auf Augenhöhe, das hier ist eine ganz und gar einseitige Angelegenheit, bei der zur Halbzeit nur noch unklar ist, wann das zweite Tor fällt.

Fast das 2:0.
Es ist die 58. Minute und plötzlich ist alles falsch. Kurz vorher hatte Ajani eine weitere hundertprozentige Chance gehabt, aber erneut knapp vergeben. Und eben noch fehlt nicht viel und Pintol macht sein zweites Tor. Doch im Gegenzug dreht der CFC kurz auf, Halle ist im Rückwärtsgang, Brügmann noch vorn im Sturm. Da zieht Anton Fink aus 20 Metern ohne Ankündigung ab. Und Fabian Bredlow kann nur noch hilflos hinterherschauen.

1:1, das Spiel auf den Kopf gestellt und dann doch wieder alles wie früher. Nur die Körpersprache nicht. Klaus Gjasula, eine Art Banovic in jung, nordet die Truppe neu ein und die hört. Weiter geht es fast nur nach vorn, die Gäste stehen staunend oder, im Fall von Halles Ex-Lieblingsaußen Dennis Mast, der nahezu keinen Stich sieht, schimpfend daneben.

Doch was nützt es. Immer noch vergibt Ajani die größten Chancen, etwa als er in der 65. Minute selbst abzieht, statt den frei mitgelaufenen Pintol zu bedienen. Und allmählich wird der Kraftverschleiß sichtbar. Sascha Pfeffer pumpt und schaut fast flehentlich zur Bank. Gjasula gewinnt nicht mehr jeden Zweikampf. Und Kleineheismann und Barnofsky können manchmal nur noch auf Kosten eines Freistoßes klären.

Rico Schmitt reagiert und bringt mit Sliskovic für Müller, El-Helwe für Pfeffer und Wallenborn für Röse drei neue Leute. Offensive Wechsel, die aber auch nichts mehr richten können. Ab der 80. Minute haben sich beide Mannschaften mit dem Remis angefreundet, Risiko wird nur noch gegangen, wenn es unumgänglich scheint. Das Spiel ist nun ausgeglichen, die größte Chance hat der CFC, für den Fink Bredlow mit einem Freistoß zu einer phänomenalen Rettungstat zwingt. Dann ist es vorbei, ein bereits gefühlter Sieg verwandelt sich in eine gefühlte Niederlage.
Und dann jubelt Fink für den CFC. Der Rest der  Grünen ist noch skeptisch.

Zitate zur Zeit: Zuletzt über Leichen

Der Böse begehrt das Böse aus niederen und eigensüchtigen Beweggründen, der Gutewicht dagegen aus hohen und uneigennützigen Beweggründen. Jener ist ein skrupelloser Egoist, dieser ein skrupelloser Idealist.

Gerade weil ihm die Gerechtigkeit auf Erden über alles geht, geht er zuletzt über Leichen.


Der Aristokrat Merville belehrt seinen jakobinischen Zellengenossen Eulogius Schneider in "Der Traum der Vernunft"

Wenn Satire versagt: Olympia ohne Nationen

Gerade war es noch die Fieberfantasie eines um öffentliche Aufmerksamkeit buhlenden Fanforschers. Und dann dauerte es nur knapp einen Monat, bis sich Deutschlands Leitmedium Nummer 1 die Mahnungen und Forderungen des Dresdner Fußballexperten Wieland Wamsbauch zu eigen machte: Wo der antinationale und multiethnische Sachse hier bei PPQ eine Auflösung der traditionellen Nationalmannschaften und einen Wechsel hin zu einer gemischten europäischen Vertretung vorgeschlagen hatte, um den grassierenden Kurvennationalismus nicht weiter anwachsen zu lassen, erweitert der "Spiegel" die Idee auch auf die übrigen Sportarten.

Eine "Reform der Olympischen Spiele" sei nötig, schreibt dort ein Danyel Reiche, Gold dürfe es künftig nur noch für "Weltbürger" geben. Damit Olympia wieder ein "Völkerfest" werden könne, müssten nationale Symbole aus den Stadien verschwinden und der "staatlich finanzierte Krieg um Gold" beendet werden. "Es ist Zeit, das endlich zu ändern - mit gemischten Teams", schlägt der im Libanon lehrende Professor für vergleichende Politikwissenschaft vor.

Wie Wamsbau kritisiert Reiche den Nationalismus, der im Sport ein warmes, weiches Nest gefunden hat. Das Streben um Medaillen heize Nationalismus an, sagt er, Staaten wollten durch den Sport auch Bedeutung jenseits von wirtschaftlicher und militärischer Macht erlangen. Nach einer neuen Studie von Winfried Wamsbau ist das besonders gefährlich für eine entfremdete, schlecht gebildete, klassenlose, religionslose Bevölkerung, die Schwierigkeiten dabei hat, eine politische Identität zu finden. "Fußballnation und Kurvennationalismus werden vor allem für Alte, Junge, Kinder und weniger Gebildete zu neonationalen, profaschistischen Vehikeln", warnte der Sachse schon vor Wochen.

Das Problem sieht Danyel Reiche genauso. "Die 206 teilnehmenden Staaten marschieren jeweils hinter ihrer Landesfahne ins Maracanã-Stadion, gewinnt ein Athlet einen Wettbewerb, wird seine Nationalhymne gespielt und das Medaillenranking ist während der Spiele weltweit der wichtigste Indikator für Erfolg und Scheitern von Nationen", klagt er.

Nach Wamsbauchs Forschungsergebnissen ist es jedoch für Behörden, Kommentatoren und Regierungen völlig unmöglich, "die Idee der Nation politisch zu nutzen, ohne zugleich Hass und Zorn gegen Minderheiten und andere Nationen zu befördern". So habe der Erfolg des Hitlerfaschismus viel mit Olympia zu tun, auch die Lebensdauer der DDR verdankte sich zu großen Teilen den Medaillengewinnen ihrer Spitzensportler.

Um Wiederholungen zu verhindern, müsse Olympia internationaler werden, multinatiuonaler und gendergerechter. Reiche belehnt hier den Vorschlag zur Gründung eines gemischten Fußballweltverbandes, der Mixed-Teams gegeneinander antreten lässt. Er möchte aber auch weg von Fahnen und Hymnen - etwa, indem sich jeder Sieger bei seiner Ehrung sein eigenes Lieblingslied vorspielen lässt. "Vermutlich wären die Siegertitel nicht ausnahmslos in der Heimatsprache", hofft der Wissenschaftler, "und würden damit ein weiteres Zeichen für das Weltbürgertum setzen."



Freitag, 5. August 2016

Arschkarte für alle: Grüne planen mobile Gerechtigkeit

Bald kann jeder ohne Zusatzkosten auf den Bus warten.
"Unser Ziel ist das solidarisch finanzierte Bürgerticket für alle", heißt es im Wahlprogramm der Grünen zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin, "dafür bringen wir ein umlagebasiertes Finanzierungsmodell voran." Für Uneingeweihte übersetzt: Die Umweltpartei plant, alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen an der Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs zu beteiligen. Ganz egal, ob sie Bus und Bahn nutzen. Oder Auto fahren. Oder gar lieber ein Fahrrad nutzen.

Gerecht nach grünen Maßstäben wird das Unternehmen dadurch, dass alle, die zwangsweise bezahlen, dann Busse und Bahn nutzen können, auch wenn sie nicht müssen, nicht wollen oder nicht können. Die „Bärenkarte“ - so nennen die Grünen ihre coole Idee - wird zur Arschkarte für alle, die auf dem Weg zum "solidarisch finanzierten ÖPNV" (Wahlprogramm) lieber Auto fahren.

Immerhin eröffnet sich eine neue Dimension von Freiheit: Erstmals seit Einführung der GEZ-Gebühr, die inzwischen Demokratiesteuer heißt, haben Bürger die Gelegenheit, für etwas zu zahlen, was nicht einmal nutzen müssen, um etwas davon zu haben, das sie nicht brauchen.

Das kann aber nur ein erster Schritt sein, den die deutsche Hauptstadt solidarisch voranschreitet. In einer nächsten Stufe muss dann generell alles solidarisch finanziert werden: Brot, Butter, käuflicher Sex, Streaming im Netz, Hosen, Socken und Outdoorjacken, häusliche Musikinstrumente, Urlaubsreisen und Möbel. Zur Finanzierung zieht der fürsorgliche Staat einfach 100 Prozent aller Erwerbseinkommen, Spargroschen und Erbschaften von allen ein. Und gibt dann allen Bürgerinnen und Bürgern ein faires, auskömmliches Taschengeld für die kleinen, individuellen Wünsche, die bis zur endgültigen Geburt des neuen Menschen noch bei einigen wenigen Ewiggestrigen im Kopf herumspuken.

Das ersparte der Gesellschaft viele Diskussionen um "Bärenkarten", "Grundeinkommen" und ähnliche Probleme. Denn es wäre die supergerechte Endlösung für Kinderarmut, Gender Gap und ähnliche Hässlichkeiten.

Olympia: Vier Wochen unterm Regenbogen

Ein Humunculus mit Katzenkopf und OP-Handschuhen: Vinicius wurde nach dem lateinischen Sprichwort "Veni, vidi, vici" benannt.
Wir kommen durch den Westeingang in die große Arena, die den Namen Peles trägt. Von der gegenüberliegenden Tribüne leuchten auf weißem Grund die fünf Olympiaringe in Regenbogenfarben. Kommando über den Lautsprecher : "Eins..." Die Ringe verwandeln sich in eine rote Fläche... zwei" Auf den Rängen erscheint plötzlich in riesigen Ausmaßen Vinicius, das Olympiamaskottchen, zusammengesetzt aus einem Katzenkopf und blauen OP-Handschuhen. Ein bisschen verwackelt zwar noch, die Kommandostimme korrigiert das.

Auf dem Rasen üben etwa hundert hübsche, junge Fanfarenbläser beiderlei Geschlechts ihre Aufstellung. Ein- und Abmarsch. Eine Kommission prüft die mit Tabletts gesteuerten Aufzugsmechanismen der Fahnenstangen. Hunderte Elektriker, Elektroniker, Monteure, Platzarbeiter sind dabei, dem Stadion den letzten Schliff zu geben. Vorolympische Atmosphäre im Zentrum der Sommerspiele. Hier werden heute die Olympischen Spiele eröffnet, hier findet die Abschlussveranstaltung statt, hier werden die Leichtathleten ihre Kräfte messen, und hier wird der Sieger im Fußball ermittelt. Hierher schaut die Welt.

In den letzten Wochen hat es in Rio fast jeden Tag geregnet, manchmal wie aus Eimern. Ich wundere mich, dass der Rasen auf dem Fußballfeld fast trocken ist. Diego Schneider, Sohn deutscher Auswanderer und als Leiter der Pressegruppe des Sportparks mit diesem geradezu verwachsen, lächelt nachsichtig bei meiner Frage. Er zeigt mir eine Vertiefung an der Stirnseite der Arena, in der Ballen von Plastikfolie liegen. Ein Knopfdruck, sagt er, genügt, um sie automatisch herauszuheben und über Laufbahnen und Rasen auszurollen: So schütze man den Untergrund vor Niederschlägen.

Noch in den Nachkriegsjahren hätte man einen Phantasten genannt, wer vorausgesagt hätte, dass ausgerechnet an dieser Stelle einmal einer der größten Sportkomplexe der Erde entstehen würde. Rios Olympiapark, das waren überflutete Favelas, ein widerliches, morastiges Gelände im südlichen Bereich der Metropole. An Sportarten kannte diese Gegend in ganz alten Zeiten nur Beachvolleyball und Fußball.

Der bekannte Architekt Carlos Porto erhielt den Auftrag, einen ganz neuen Sportkomplex zu entwerfen. Beim gründlichen Suchen nach einem geeigneten Bauplatz verfiel er auf den Bereich, in dem heute das nach dem alten korrupten Strippenzieher João Havelange benannte Olympiastadion steht. Es ist gut vom Zentrum aus zu erreichen und liegt inmitten neuer Stadtteile. Doch es gehörte eine ordentliche Portion Mut dazu, große Stadien auf Sumpfboden bauen zu wollen. In 90 Tagen war das Projekt fertig. Das war schon ein Rekord. Die Bauzeit wurde auf 15 Monate veranschlagt. Zur ersten Spartakiade der Völker Südamerikas sollten alle Sportanlagen übergeben werden. Dieser kurze Termin rief großes Erstaunen hervor. Auch im Ausland und gerade in Deutschland, das seit Jahren vergeblich versucht, einen kleinen Flughafen fertigzubekommen.

Auf einer Pressekonferenz in Paris wurde damals von einem kritischen deutschen Journalisten mit skeptischem Lächeln gefragt, ob Porto es schriftlich geben könne, dass dieses umfangreiche Werk in so kurzer Zeit beendet würde. Porto nahm ein Schema der zukünftigen Sportstätten von der Wand und schrieb darauf: April (Baubeginn), August (Bauabschluss). Dann rollte er den Plan zusammen und gab ihn dem Reporter. Der lächelte weiter: "Ich habe schon viel Propaganda erlebt, doch die brasilianische übersteigt alles. Wir werden ja sehen."

Und er sah. Porto hatte ihn eingeladen. Bei der Eröffnung der Spiele der Jugend der Welt sitzt er heute im Stadion. Ein wenig froh auch darüber, dass diesmal eine auch politisch saubere deutsche Mannschaft an den Start geht: Alle Teilnehmer wurden auf fragwürdige Verbindungen familiärer Art überprüft, alle stellten sich als ideologisch sauber und international vorzeigbar heraus.

Was die Bauarbeiter, junge Menschen aus allen Teilen Brasiliens, in diesen letzten Monaten schafften, ist wirklich bewundernswert. Es entstanden das Große Stadion für 100 000 Zuschauer, ein kleineres, ein Schwimmbassin, weitere Fußball-, Volley-, Basketballfelder, Tennisplätze, Turnhallen, Gymnastikräume, insgesamt 140 Sportanlagen, ein medizinisches Zentrum, ein Filmstudio, ein Sportlerhotel. Eine ganze Sportstadt.

Später kamen noch der Sportpalast mit maximal 13 000 Plätzen, die Eissporthalle und in den letzten Jahren eine Mehrzweckhalle hinzu.

Das schwere Werk der Bauarbeiter war bald in der ganzen Welt berühmt. Brasilien wurde eine Stätte der Rekorde, besonders sein Herzstück, das Stadion. Viele Große der Leichtathletik stellen nun in den nächsten Wochen in diesem Oval Europa- und Weltrekorde auf. In der Mitte der Osttribüne erhebt sich dabei vor ihnen auf einer 38 Meter hohen Metallsäule die Schale für das olympische Feuer. Ich bin Zeuge, wie plötzlich die Flamme meterhoch emporschießt. Aber ich sehe keinen, der sie da oben entfacht hat. Nikolai Toloraja klärt mich auf. Es wäre gefährlich, einen Fackelträger auf diese Höhe zu schicken. Deshalb wird das Feuer schon in der Säule gezündet. "Die Flamme ist auch am Tage im Stadtzentrum zu sehen.

Ich erlebte nur eine Probe. Doch von heute an wird das olympische Feuer all diese bunten, fröhlichen Olympiatage über Rio de Janeiro brennen. Ein Licht für den Frieden der Welt. Für den olympischen Gedanken. Für den Profit des IOC. Deutschland sollte reagieren, denke ich. Wir brauchen diese Spiele auch.


*Originaltext Neues Deutschland 1980

Donnerstag, 4. August 2016

Pilotversuch totale Kontrolle: Alle erfassen, keinen zurücklassen

Erst kam die Lkw-Maut mit ihren Überwachungsbrücken, die nie zu etwas anderem als zur Überwachung von Lkws dienen würden. Dann kam die Großfahndung nach dem Autobahn-Terroristen, die eine Ausnahme war, nur gestattet, weil es um eine Serie von Gewaltverbrechen ging und Menschenleben auf dem Spiel standen.

Nun plant Nordrhein-Westfalen im nächsten Schritt zur Totalüberwachung einen Pilotversuch, bei dem die vorhandene Überwachungsinfrastruktur auf Autobahnen dauerhaft für Tempokontrollen genutzt werden soll. Beim schick englisch benannten System Section Control wird eine Zeitspanne festgelegt, nach der ein an Punkt A erfasstes Auto frühestens an Punkt P erneut erfasst werden darf. Erscheint es eher, ist der Fahrzeugführer zu schnell gewesen.

Verfassungsrechtlich problematisch ist dabei der Umstand, dass bei der Ersterfassung natürlich niemand wissen kann, wer bei der Zweiterfassung durch „Section Control“ am Ende der Strecke zu schnell gewesen sein wird. Erfasst werden müssen aber alle Fahrzeuge – es kommt also zwingend zu einer Suspendierung der Unschuldsvermutung.

Das ist aus verfassungsrechtlichen wie aus Datenschutzgründen nicht zulässig, stört aber die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf keineswegs. Innenminister Ralf Jäger (SPD) stellt alle Autofahrer unter Generalverdacht, verspricht aber dafür „mehr Sicherheit“. Rasen sei immer noch „Ursache für ein Drittel aller tödlichen Verkehrsunfälle“, wissenschaftliche Studien über den Einsatz im Ausland belegten zudem „eindeutig den disziplinierenden Effekt der neuen Radar-Technik“.

Die verfassungsrechtliche Hürde, dass aufgrund der Konzeption geplanten der disziplinierenden Kontrollen zahllose gesetzestreue und keineswegs gegen Verkehrsvorschriften verstoßende Bürger mit ihren Mobilitätsdaten von der Schleierfahndung nach Rasern erfasst würden, will Jäger dadurch umgehen, dass „Daten zu Unrecht erfasster Fahrzeuge automatisch und umgehend gelöscht werden“. Aus der Sicht des Innenministers ist „gleich gelöscht“ fast wie „nie aufgezeichnet“.

Linke gegen AfD: Kampf um Deutschland erreicht Grammatik

Wenn die Linke korrigiert, wird aus Richtig Falsch und aus Falsch richtig
"Gnade uns Gott, wenn die AfD im Schulwesen Mitspracherecht erhält", stöhnt Niema Movassat von der Linkspartei über ein "AfD Wahlplakat in Berlin mit reichlich Fehlern" (Bindestrichauslassung von Movassat). Die hat sich der Bundestagsabgeordnete aus Wuppertal dann ganz genau anschauen lassen - und herausgefunden, was alles falsch ist. Auf anderthalb Rechtschreib- und einen Ausdruckfehler kommt Oberlehrer Movassat in den acht Zeilen, wie er in einem ausführlichen Testat mit germanistischem Anspruch darlegt.

So sei etwa das verwendete Wort "deutsch" falschgeschrieben, weil "Deutsch" nach Großschreibung verlange. Movassat streicht das Wort deshalb gleich ganz - obwohl es sich hier zweifellos um ein Adverb handelt, das die Art und Weise des Verbes "sprechen" genauer bezeichnet. Weshalb es tatsächlich kleingeschrieben wird. So führt man heute Wahlkämpfe!

Movassat allerdings markiert die Kleinschreibung unverdrossen als Fehler. Das Hobbygermanistenboard PPQ wie die fachkundige deutschmeisterei.de hingegen streichen seinen Fehleranstrich als Fehler an.

Denn der willkürlich erfundene Fehler ist kein Zufall und nicht der einzige. Beispielhaft auch der Umgang des gelernten Juristen mit der von der AfD verwendeten Präposition "zu" in Kombination mit dem Substantiv "Voraussetzung". Sprachkämpfer Movassat moniert hier einen Fehler im Ausdruck. Es heiße nicht "zu einem guten Beruf", sondern "für einen", prangert er an. Das Komma, das die AfD-Werber hier zu viel verstreut haben, lässt er hingegen unangestrichen, obwohl das nun ausgerechnet wirklich zwingend als Fehler gezählt werden muss.

Der Oberlehrer von der PDS ist damit nun auf dem Weg, die Fehlerquote der AfD zügig zu übertreffen. Wird der Linkspopulist es schaffen, beim Korrigieren mehr Fehler zu machen als die Rechtspopulisten beim Schreiben?

Ja, er schafft es, indem er beim nächsten Komma zuschlägt. "Die AfD nimmt das Schulwesen ernst (hier kommt ein Komma hin: , ) und deshalb wähle ich sie“, behauptet er. Eine Sichtweise, die er exklusiv hat. Wer in der Schule aufgepasst hat, weiß, dass Hauptsätze entweder mittels einer nebenordnenden Konjunktion - wie hier dem Verbindungspartikel "und" - oder einem geeigneten Satzzeichen verbunden werden können. Niemals jedoch durch eine Kombination aus beidem, wenn nicht ein paar sehr seltene Sonderfälle wie eingeschobene Infinitivgruppen oder Appositionen auftreten.

Die gibt es hier nicht. Und Niema Movassat hat es damit geschafft - im Wettbewerb der Grammatikkrieger geht er mit drei Korrekturfehlern in Führung, während die AfD es nur auf einen halben Rechtsschreib- und einen Ausdruckfehler bringt.

Gnade uns Gott, wenn die Linke im Schulwesen Mitspracherecht erhält.

Mittwoch, 3. August 2016

Psychopathen: Wider den Rufmord

Denkmal für den unbekannten Psychopathen im mecklenburgischen Warin: Der Künstler Gerald Bornschein verfügte selbst über mehrere Persönlichkeiten.
Unfassbar viel Hass schwappte in den letzten Wochen über Menschen her, die psychisch krank oder geistig labil sind. Ihnen wurden Terroranschläge zugeschrieben, sie wurden als willenlos, gefährlich und haltlos gebrandmarkt. Doch Psychopathie muss nicht von Nachteil sein, haben jetzt Forscher der Uni Bonn herausbekommen. Psychisch Kranke sind häufig furchtlos und stressresistent, trotzdem erledigen sie oft jahrelang unauffällig ihre Arbeit. So profitiert die Gesellschaft von den Anstrengungen der Kranken.

Die Bonner Forscher suchten sich für ihre Studie Personen mit sogenannten hohen Psychopathie-Werten. Die gelten als besonders egoistisch, intrigant und sie sabotieren in Momenten psychischer Anfälligkeit skrupellos alles um sich her. dabei wirken sie unauffällig und sind in Momenten der Ruhe kaum zu identifizieren, weil es noch immer keine allgemeinen äußeren Merkmale gibt, anhand derer wachsame Mitbürger künftige Amokläufer erkennen können.

Die Bonner Studie, die im renommierten "Journal of Management" veröffentlicht wurde, zeigt nun, dass manche Menschen mit psychopathischen Zügen bei ihrer Umwelt sogar als hilfsbereit und kooperativ gelten. Statt als abgebrüht, gefühlskalt, reuelos, unehrlich und impulsiv wahrgenommen zu werden, haben Menschen mit psychopathischen Zügen die Möglichkeit, sich bruchlos in die Gesellschaft einzufügen.

Denn "Psychopath" ist nicht gleich "Psychopath", wie Nora Schütte vom Institut für Psychologie der Universität Bonn erklärt. "Wir sprechen von unabhängigen Persönlichkeitsdimensionen", sagt sie. "Die erste davon bezeichnen wir als furchtlose Dominanz. Menschen mit diesem Charakterzug wollen sich durchsetzen, haben dabei keine Angst vor den Konsequenzen ihres Tuns und können sehr gut Stress aushalten." Diese primäre Psychopathie findet sich bei vielen hochrangigen Managern, vor allem aber auch in der Politik. Einsame Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus getroffen, es gibt keine Versuche, eine demokratische Legitimation auch nur zu suchen. Der Psychopath ist sich selbst genug, denn er weiß, er kann nicht irren.

Auf Kritik von außen reagiert er in einer zweiten Dimension. Diese ist geprägt von egozentrischer Impulsivität: Personen, die hier hohe Werte haben, fehlt es an inneren Bremsen. Ihre Selbstkontrolle ist also schwach, und sie nehmen deshalb auch keine Rücksicht auf andere. "Sie werden als sekundäre Psychopathen bezeichnet", erklärt Nora Schütte das Phänomen der nachrangigen psychischen Erkrankung bei Erhalt der Fähigkeit, nach außen völlig normal zu wirken.

Das gelingt vor allem psychisch Kranken, die neben ihrer hohen furchtlosen Dominanz auf ein Reservoir an Hilfsbereitschaft, Kooperativität und Nettheit zurückgreifen können. "Das sind Menschen, deren primäre Psychopathie mit ausgeprägten sozialen Fertigkeiten kombiniert ist", sagt Nora Schütte. Für Menschen mit einer hohen egozentrischen Impulsivität ergab die Studie ein ganz anderes Bild: Sie wurden von ihrer Umwelt durchweg als destruktiv im Umgang, wenig hilfsbereit und leistungsschwach bezeichnet - und zwar unabhängig von ihren Sozialkompetenzen. "Diese Personen mit hohen Werten in sekundärer Psychopathie haben also tatsächlich die postulierten negativen Auswirkungen auf ihr Arbeitsumfeld", betont Schütte. "Und zwar in einem viel stärkeren Ausmaß, als wenn wir beide Gruppen gemeinsam betrachten."

Die Forscher plädieren deshalb für ein Ende von Pauschalurteilen und für einen differenzierten Blick auf die Persönlichkeitsdisposition "Psychopathie". "Auch Personen mit ausgeprägten psychopathischen Zügen verhalten sich nicht zwangsläufig antisozial", sagt die Psychologin. Es komme ganz auf die Ausprägung der seelischen Erkrankung an. Aus Sicht der Experten ist deshalb schon der Begriff "Psychopathie" - so viel wie "Erkrankung der Seele" - irreführend.

 "Psychisch krank ist nicht gleich psychisch krank", sagen sie. So könnten Personen mit hoher furchtloser Dominanz im Alltag sogar selbstlose Helden sein oder Anführe, sie eignen sich als Lebensretter, Notärzte oder Kanzler. Egozentrische Impulsivität hingegen macht Menschen bei passender Gelegenheit gefährlich, denn sie empfinden ihre Umwelt häufig als Beleidigung. Dann komme es zur Eruption. Und zu den entsprechenden Schlagzeilen.

Hate Speech: Freischärler im Meinungsfreiheitsschutz

Wer nicht dafür ist, ist dagegen. Und wer dagegen ist, versündigt sich am Wertvollsten, was wir haben: Der Freiheit, auch mal Blödsinn zu sagen. Oder zu schreiben.

Die nutzen die Angestellten der "europaweiten Kampagne des Europarates gegen Hassreden im Netz" (Eigenwerbung) weidlich. Seit die "Kampagne für Deutschland" vor einigen Wochen offiziell unter dem Motto "Laut und freundlich" gestartet wurde, gibt es beim Kurznachrichtenportal Twitter unter dem Hashtag #NoHateSpeech jede Menge Stoff zum Lachen. Als selbsternanntes "Bundestrollamt für gegen digitalen Hass" kämpft die anonyme Eingreiftruppe - "koordiniert von den @NdMedienmachern" - gegen Hass, Hetze und Zweifel, seien sie strafbar oder nicht.

Mal wird ein "Online-Flashmob gegen Hass im Netz" ausgerufen, an dem niemand teilnimmt. Mal wird behauptet, Hass sei keine Meinung. Mal wird mit zusammengeklauten Internetbildern versucht, den entscheidenden Unterschied zwischen strafbaren Beleidigungen, übler Nachrede und Volksverhetzung und zugespitzten Meinungsäußerungen zu verwischen. Auf dass irgendwann jede randständige Ansicht zur modernistisch "Hate speech" genannten Feindrede umgedeutet werden kann.

Mit riesigen Kanonen schießt die Bundesregierung mit Hilfe der als außergesetzliche Freischärlertruppe engagierten Antonio-Amadeu-Stiftung gegen Spatzen, unabhängig von Strafbarkeit, als Vorfeldtruppe des Rechtsstaates und Hilfspolizei von Privatunternehmen. Das Ziel, so ein Kritiker: "Meinungskorridor einengen, Selbstzensur fördern, Menschen in die Schweigespirale treiben".

Im Visier ist, was nach Urteil erfahrener Hass-Spezialisten wie Julia Schramm nach Hetze riecht. Und das ist laut offizieller Definition der Überwachungstruppe aus Berlin alles, bei dem "man Worte und Bilder als Waffe einsetzt, bewusst, gezielt und voll auf die Zwölf".

Was das genau heißen mag, wissen die Federführer der "NdMedienmacher" und ihr Zensurvolkssturm dabei selbst nicht so genau. Gerade erst prangerten sie zum Beispiel den Nationalsozialismus an. Er sei eine "antisemitische, rassistische, antikommunistische und antidemokratische Ideologie", warnt ein aufklärender Tweet.

Wer sich da noch kritisch über den Kommunismus äußert, bekommt Besuch.

Dienstag, 2. August 2016

Massen gegen Klassen: Die große Krise der Linken

Nicht nur die Rechte in Deutschland hat extreme Probleme, sondern auch die Linke. Die bürgerliche Linke sieht ihre Positionen von der CDU okkupiert, das Chisma mit Teilen der mildrevolutionären Reste scheint unauflösbar und weit drüben am revolutionären Rand herrscht weitgehend Uneinigkeit darüber, ob linke Politik dem Volskwillen folgen oder einen neuen Versuch starten soll, die Massen so umzuerziehen, dass sie nach den Vorgaben einer wissenschaftlichen Theorie zu leben beginnen.

Eine bedrohliche Situation, die es nun sogar auf die Debattenplattform Internationale Politik und Gesellschaft geschafft hat. Ernst Hillebrand beleuchtet dort die "Entkoppelung zwischen linker Politik und ihren traditionellen Wählern" und den Versuch von ostdeutschen Hotelbesitzertöchtern, mit Belehrungen nach Gutsherrenart jede Krisendiskussion zu unterbinden.

"Aber wir lieben Euch doch alle!" hat Hillebrand seinen Text überschrieben, der als Momentaufnahme einen Augenblick zeigt, in dem die "ideologische Entfremdung zwischen der etablierten Linken und den arbeitenden Unterschichten" nicht mehr zu leugnen ist. Links hat noch Erfolg, das aber vorzugsweise bei den gesellschaftlichen Schichten, die als Beamte, Staatsangestellte oder Mitarbeiter der Sozialindustrie direkt oder indirekt, materiell oder ideell von linker Wunschpolitik profitieren.

Jenseits dessen aber sind die Antworten der linken Parteien auf die Fragen der Gegenwart den Fragenden weitgehend egal, wie die schlechten Wahlergebnisse zeigen. Trotz eines Linksrucks der Politik im zurückliegenden Jahrzehnt, trotz Mindestlohn und Mietbremse, weltoffener Flüchtlings- und zukunftsorientierter Genderpolitik strafen die Wahlbürger alles links der von der CDU sozialdemokratisierten Mitte mit Nichtachtung.

Der Bürger, der in der Vorstellung der Linken als Träger des Staates berufen war, einer linken Avantgarde besinnungslos in eine bessere Zukunft zu folgen, verweigert sich. "Während die Parteien und ihre Funktionäre sich in zentralen wirtschaftlichen und sozialen Fragen im Sinne von Globalisierung, Europäisierung, Entgrenzung und Liberalisierung positionieren, halten Teile der Unterschicht an Nationalstaat, Patriotismus, und traditionellen Wertemustern fest", schreibt Hillebrand.

US-Wahlkampf: Der Schurke und die Staatsfrau

Wunschpräsidentin aller deutschen Medienhäuser: Redakteurinnen und Redakteure lieben Hillary Clinton.
Die Schützengräben sind klar gezogen. Hier ist das Licht. Dort ist die Dunkelheit. Bei Berichten über den amerikanischen Wahlkampf machen deutsche Medien überhaupt keinen Hehl daraus, wie sie sich den Ausgang wünschen. Wie einst bei Barack Obama, der über Monate hinweg zum Heilsbringer für die gesamte Menschheit geschrieben wurde, fehlt auch jetzt jeder Versuch, wenigstens so zu tun, als könne man aus sicherer deutscher Entfernung wenigstens so tun, als sei es möglich, objektiv zu berichten.

Nein, ist es nicht. Wo deutsche Leitmedien zuschlagen, sei es im "Morgenmagazin", in dem manchen Kommentator gar das Höschen nass zu werden scheint, wenn er Hillary Clinton sieht, sei es im „Spiegel“, wo die aufgeklappten Messer aus den Schreibertaschen lugen, sobald es um Donald Trump geht, bleibt niemandem im Publikum verborgen, welche Wünsche die Berichterstatter beseelen. Hillary möge es machen. Alles, nur nicht dieser Trump. Berichterstattung auf der Beteiligtenfrequenz. Journalisten bibbern und bangen mit ihrer Favoritin.

Dazu zieht das Berichterstatterbataillon an einem Strang wie selbst in diesen Zeiten nur selten. Einseitigkeit kommt ungeschminkt, das Vorurteil regiert, auf Inhalte kann gern verzichtet werden.

„Selten wurde auf einem US-Parteitag so viel gelogen wie jetzt beim Treffen der Republikaner“, heißt es im „Spiegel“, der mit „selten“ freilich nicht meint, dass auf dem Parteitag der Demokraten vielleicht auch ein bisschen geschwindelt wurde. Nein, dort küren sie mit „Hillary Clinton "erstmals eine Frau zur Präsidentschaftskandidatin einer der großen Parteien in den USA“. Das ist Spitze! Das finden wir gut! Und die "größte Lobeshymne" auf sie kommt – voll die Überraschung! - von ihrem Ehemann. Bill, der Gute. Schreibt das frühere Nachrichtenmagazin, das damit wohl überhaupt nicht gerechnet hatte. Nach der Nummer mit der Zigarre damals.

Keine Lüge hier, alles verlogen dort. Ein Bild wie aus dem Malkasten eines Karikaturisten.

„Das ist ganz im Sinne des frisch gekürten Präsidentschaftskandidaten - Trumps gesamter Wahlkampf fußt auf Unwahrheiten“, das weiß man doch. Beim "Spiegel", der den Republikaner gern analytisch kalt als "ignorant" "wütend", "schlimmer als im Fernsehen", "König der Wutbürger", "großsprecherischen Immobilienmilliardär", "Pöbler" und "windigen Geschäftsmann" beschreibt.

Clinton dagegen wird von "Prominenten unterstützt". Sie "schreibt Geschichte". Sie "durchbricht die Glasdecke". Sie ist "erfahren, berechenbar, verlässlich" (Sächsische Zeitung). Sie garantiert eine "seriöse, berechenbare Führung" (FR). Sie ist einfach unser Mann in Washington. Superschön, wie sie ihren Gegner "trollt"!

Dass Hillary Clintons Inthronisation als Kandidatin auf Hinterzimmerabsprachen mit der Parteiführung beruht, die über Monate alles unternommen hat, um den gefährlich aufkommenden Bernie Sanders ganz undemokratisch und einzuhegen abzufangen, das könnte man aus von Hackern bei Wikileaks veröffentlichten Emails vom Parteiserver der Demokraten wissen. Dann kennte man aber auch das Ausmaß an Verlogenheit im anderen Lager, dem zumindest die Parteivorsitzende durch ihren Rücktritt Tribut zollen musste.

Aber will man das wirklich wissen? Kann dem deutschen Publikum die Erkenntnis zugemutet werden, dass in den USA nicht ein Schurke und die Staatsfrau vom Dienst um das mächtigste Amt der Welt streiten. Sondern zwei ausgemachte Schlitzohren, denen – wie allen ihren Vorgängern – jede List und jeder Kniff recht ist, wenn er sie nur ins Weiße Haus führt?

Aber nein. Inhalte sind auch hier verzichtbar, sie schaden nur.

In der Berichterstattung um die Hillary-Leaks konzentriert sich Pressedeutschland demzufolge emsig auf die russische Spur.

Die Logik dahinter ist von bestechender Konsequenz: Wenn es die Russen waren, die die internen Emails mit Clintons hinterlistigen Überlegungen zur Bestechung von Feinden und zur Postenversorgung von Freunden gestohlen haben, dann hatten die doch die Absicht, den US-Wahlkampf damit zu beeinflussen. Zugunsten von Trump natürlich. Das aber wollen wir nicht.

Weshalb alles, was in den Emails steht, keine Rolle mehr spielt, nützte es doch am Ende nur Putin. Trump, so suggerieren deutsche Medien dann lieber ironiefrei, hätte das gern. Bei uns aber, so die Botschaft, hat er damit keine Chance.

Montag, 1. August 2016

Brexit: Wie ein Weltuntergang verschwand

Kurz auf der Stichflamme gekocht: Das Thema Brexit ist unterdessen im Eiltempo den Weg aller Themen gegangen und unbeobachtet gestorben.
Für eine ganze Woche lang war es das Ende Europas, der Menschheit, der Zukunft. Nachdem eine kleine, aber von Putin und Boris Johnson radikalisierte Mehrheit der Briten sich gegen ein gemeinsames Haus Europa und für den Umzug in eine Einliegerwohnung entschieden hatten, zogen die deutschen Medien alle Register, um die anstehenden Schrecken der Separation an die Wand zu malen. Großbritannien würde verarmen, niemand würde mehr hinfahren, die britischen Intellektuellen, Findigen und Reichen würden fliehen, das Pfund alle Bedeutung verlieren.

Fernsehgerichte tagten, Spitzenpolitiker warnten, Europas Führer stellten im Minutenrhythmus klar, dass es ein Zurück in die Arme der Gemeinschaft der gemeinsamen Schulden, des ungelösten Flüchtlingsstreits und der Nichtanwendung des Rechts nicht geben werde.

Dann kam der Terror der psychisch Kranken. Und Großbritannien, das Land, an dessen Austritt das Schicksal ganz Europas hing, verschwand samt seinem Brexit nahezu komplett aus der Berichterstattung. Was eben noch eine Schicksalsfrage war, war plötzlich nicht mehr vorhanden.

Selbst für den Medienwissenschaftler Herbert Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale, der seit vielen Jahren zum Thema Themensterben forscht, ein in dieser Wucht noch nie erlebtes Phänomen. Achtelbuscher hatte zuletzt im Fall der Ukraine- und der Griechenland-Berichterstattung festgestellt, dass es der Politik zunehmend gelinge, Themen zu pflegen, wenn sie ihr nützlich sind, während sogenannte unnütze Themen durch konsequente Ignoranz vom Nachrichtennachschub abgeschnitten werden. "So entsteht bei uns Bild der Welt, das sich nach politischen Vorgaben formt."

Es geht nicht mehr um wirkliche Bedeutung, sondern um Aufmerksamkeitsabsorbtion. Mit nur sieben Emp, einer von Achtelbuschers Expertenteam ersonnenen Einheit für einheitliche Empörung, hatte Ukrainekrise, obschon größte Friedensbedrohung seit dem Ende der Balkan-Kriege, weniger Haltbarkeit als seinerzeit das Sarrazin-Buch, analysiert der ausgebildete Entroposoph. Dies beweise die von seinem Team bereits vor Jahren dargelegte These, dass es überhaupt nicht darauf ankomme, "wie wichtig ein Thema wirklich ist, sondern vor allem darauf, wie es sich medial vermitteln lässt."

Der Brexit ist für Achtelbuscher "der klare Fall eines übertourten Themas, bei dem die Berichterstatter überwiegend politischen Wünschen folgten". Die noch gar nicht absehbaren Konsequenzen eines britischen Austritts seien "gezielt überzeichnet", die praktischen Erfahrungen mit der Folgenlosigkeit etwa des grönländischen Austritts hingegen verschwiegen worden. "Es ging wohl allein darum, einen Abschreckungseffekt zu erzielen." Als der erreicht zu sein schien, gesellte sich das eben noch so bedeutsame Thema zu all den anderen, die in der Vergangenheit auf einer Stichflamme gekocht und dann umgehend vergessen worden seien. Normalität kehrt zurück, der Brexit, so Achtelbuscher, wohnt nun dort, wo auch Griechenland, Fukushima, Wirtschaftskrise, Ukrainekonflikt, Flüchtlingswelle, AfD-Aufstieg und Böhmermann zu Hause sind. "Spannend wird es sein zu sehen, ob es dem Terrorthema gelingt, diesem Schicksal zu entgehen", schmunzelt der Experte.

Je suis Hass

Sie ist erfüllt von Hass, von Hass auf alles, was anders ist, anders fühlt und anders glaubt als sie selbst. Und doch gilt Julia Schramm, beruflich im elften Studienjahr, als Speerspitze des Guten auf der Welt. Selbst wenn sie Dresden ein neues Bombardement der Royal Air Force wünscht, wenn sie Angela Merkel in miese Pornozusammenhänge stellt und wenn sie beim Kurznachrichtenportal Twitter mit Verbalinjurien und Pauschalurteilen um sich wirft.

Die 30-jährige Hobbydichterin, die ihre politische Karriere bei der FDP startete, dann Piratin wurde und wegen der besseren Karriereaussichten schließlich zur überalterten Linkspartei wechselte, es ist immer für einen guten, ja, für den besten Zweck. Selbst ausgelebter Ego-Sexismus, der versucht, Männer und Medien mit mordlüsternen Botschaften auf entblößter Busenhaut zu provozieren, gilt im Fall der öffentlichkeitslüsternen Henneferin als Engagement, dem unbedingt zu applaudieren ist.

Die selbsternannte "Aktivistin" und bekennende Marxistin mit dem Händchen für menschenverachtende Sprache ist so erste Adresse, wenn es darum geht, den Meinungsfreiheitsschutz in Deutschland gezielt weiter auszubauen. Im Sicherheitsteam der früheren Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane überwacht und säubert Schramm als Mitarbeiterin der privaten Amadeu-Antonio-Stiftung Kommentarspalten bei Facebook, Blogeinträge und unliebsame Meinungsäußerungen im Netz.

Der 1990 ermordete Namensgeber der Stiftung hieß eigentlich Amadeu António Kiowa, war aber Angolaner und wird von den linken Aktivisten im Dienst von Bundesinnen- und Familienministerium deshalb wie der Tom aus "Onkel Toms Hütte" nur mit Vornamen angekumpelt.

Der Bock als Gärtner ist in diesem Fall eine Ziege, und zwar die aus dem Märchen "Tischlein, deck Dich". Nimmersatt frisst Julia Schramm Hass, Hetze und Zweifel in sich hinein, endlos produziert sie selbst Schmäh, Schimpfworte und schmuddelige Beleidigungen. Schramm ist die Unkultur der Abgründe des Internets in persona: Unwillig, sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetzen, gewillt, die eigene Unfähigkeit, Widersprüchen zuzuhören, als Tugend anzusehen, und mächtig genug, Kritiker ihrer an stalinistische Meinungslenkung erinnernde Methoden mundtot zu machen.

Je suis Hass. Aber stolz darauf wie andere auf ihren Nationalismus. Wehleidig wird Schramm dann, wenn ihr Hass Hass genannt wird. Dann erklärt sie ihre Forderung, Dresden noch einmal zu bombardieren, zu einem notwendigen Mittel in einem seinerzeit geführten innerparteilichen Machtkampf. Und alle, die das zynisch nennen, zu Leuten, die den eigentlich voll witzigen "Gag" rund um den Tod von zehntausenden von Menschen nicht verstehen.

Bedauernswerte Geschöpfe, die es nicht zum Lachen finden, wenn die selbsternannte Linke in einem Text voller Kommafehler versucht, Geschichte zu "reflektieren" (Schramm). Und dabei klingt wie ein Vorschüler, der Matheformeln vorliest, die er nicht versteht.

Der Erfolg ihrer permanenten Öffentlichkeitsarbeit gibt der Narzisstin allerdings Recht. Nachdem Schramm mit der Zensurmaschine Amadeu-Stiftung ein paar Strahlen ganz ungewollter Öffentlichkeit abbekam und sich darüber bitterlich über "Bedrohungen" und "Beschimpfungen" beklagte, fanden sich bei Twitter gleich hunderte Fans, die der bedrängten Zweckfeministin als #teamjulia zur Seite sprangen. Anmaßung, die belohnt wird. Zensurarbeit, die von den potentiell Zensierten beklatscht wird. Halbbildung, die im Applaus baden darf.

Bedürfte es noch eines Beweises, dass die Welt aus den Fugen ist, hier wäre er.