Mittwoch, 14. April 2010

Debatte mit Dummdumm-Geschoss

Hier wurde der glorreiche Anfang gemacht, hier zeigte das politische Missverständnis zum ersten Mal seine große schlagzeilengestaltende Kraft. Es war der DSU-Abgeordnete Joachim Hubertus Nowack, der es in jenem Frühjahr 1990 wagte, an die Adresse der PDS-Parlamentarier in der DDR-Volkskammer gewandt zu rufen: "Sie haben die Lehren aus dem Dritten Reich nicht gezogen!" Nowack begründete das mit der "fatalen Geschichte nach 1945", für die die ehemalige SED die Verantwortung trage. Eine Entschuldigung für eine vierzigjährige verfehlte Politik vor dem Volk reiche als Wiedergutmachung nicht aus, sagte er, denn "dann hätte vielleicht eine dreifache Entschuldigung von Herrn Goebbels genügt, um alles zu vergessen".

Die PDS-Mitglieder im Parlament zog empört aus. Die Zeitungen flunkerten am nächsten Tag von einem angeblichen "Vergleich mit Goebbels", den Nowack angestellt habe - ein Rezept, nach dem seither erfolgreich mediale Einheitsbrühe aller Art angerichtet wird.

Bis dahin galt noch, dass ein Vergleich keine Gleichsetzung ist. Schließlich spreche die Behauptung, bei "1" handele es sich um eine Zahl, bei "B" aber um einen Buchstaben, weder gegen die "1" noch gegen das "B", obwohl beide relativ einfach mit einem Füller leicht auf ein Blatt zu schreiben sind.

Nun aber setzt sich die Auffassung durch, dass es gar nicht darauf ankommt, was jemand gesagt oder gemeint hat. Sondern nur darauf, welche Möglichkeiten es gibt, ihn so gezielt misszuverstehen, dass er selbst als Goebbels, Hitler, Himmler oder wenigstens als verantwortungsloser Naziverbrechensverharmloser dasteht.

Ab jetzt galt die Regel "Ein Satz, eine Gleichsetzung": Egal ob Venezuelas Präsident Chávez Kanzlerin Merkel in einem Atemzug mit dem n-tv-Moderator Adolf Hitler erwähnte oder eine heute leider längst vergessene Justizministerin namens Herta Däubler-Gmelin die Namen des US-Präsidenten George Bush und den des früheren Führers und Reichskanzlers unmittelbar nacheinander aussprach; egal ob sich türkische Zeitungen in "hetzerischen Beiträgen" (dpa) zur Amtführung des leider längst vergessenen Innenministers Otto Schily an die des Diktators und späteren Publikumslieblings erinnert fühlten. Der Vergleich des Wirkens des einen mit dem Wirken des anderen endet stets mit der backenaufblasenden Versicherung, der Vergleichende habe unzulässig gleichgesetzt.

Der Nazi-Vergleich als Dummdumm-Geschoss der demokratischen Debatte, der Nazi-Vergleicher als Selbstmordattentäter seiner politischen Karriere. "Tom Cruise tritt auf wie Goebbels", legte der ZDF-Geschichtshersteller Guido Knopp übermütig fest - nein, er sagte nicht "Tom Cruise ist Goebbels". Aber darauf kommt es nicht mehr an. Das erfuhr auch der Pullover-Revolutionär Ludwig Stiegler, der sich vom CDU-Werbeslogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" unwillkürlich an den KZ-Spruch "Arbeit macht frei" erinnert fühlte. Stiegler rettete seinen Ruf als unerbittlicher Gutmensch, indem er seine Assoziation umgehend "gründlich daneben" dementierte. Die Rettung auch für Arbeiterführer Sigmar Gabriel, der von einem Tumult im niedersächsischen Landtag inspiriert ausgerufen hatte: "So etwas haben bisher in Deutschland nur Nazis gemacht", und den Fernsehschaffenden Dieter Thomas Heck, der die Wahlniederlage der CDU-Chefin Angela Merkel anno 2005 im feucht-fröhlichen Teil der Verleihung der Goldenen Stimmgabel mit den Worten analysierte, Merkel sei bei der Wahl gescheitert, weil sie immer nur von 'ich' und nicht von 'wir' gesprochen habe. Genau wie einer "im letzten Jahrhundert, der in der Politik immer nur von 'ich' redete. Und das ist fürchterlich geendet". Auch seine TV-Kollegin Eva Herman litt unter dem missbräuchlichen Missverständnis, das ihrer evolutionären Version des Kraftwerk-Hits "Autobahn" den ganz großen Erfolg verwehrte.

Hubertus Nowack wusste das alles noch nicht, doch in der Nachfolge des am "Faszinosum Hitler" (Jenninger) gescheiterten Philipp-Hariolf Jenninger legte er den Grundstein für das moderne Missverständnis im Dienst der demokratischen Debatte. Eine Hase wird seitdem zum Kaninchen, sobald seine Ohren Erwähnung finden. Ein Waschbrett kann ein Ozean sein, weil es Wellen hat. Ein Paar Turnschuhe sind hochhackige Pumps, denn man kann sie ebenso an den Füßen tragen. Der Fantasie sind keine Grenzen mehr gleichgesetzt.

Dienstag, 13. April 2010

Gaga ohne Grenzwerte

"Das alles geht über in eine endlose Prolongation durch technische Wiederaufbereitung", mutmaßte Botho Strauß einst im "Anschwellenden Bocksgesang" und Thilo Bode, der nimmermüde Warner von Foodwatch, gibt ihm mindestens zweimal im Jahr recht.

Heute Abend ist es wieder soweit, das Jahr ist um und Foodwatch steht knietief in uranverseuchtem Wasser: Keine Grenzwerte gibt es, wird die Verbraucherschutzorganisation heute Abend im ZDF beklagen wie noch jedes Jahr wenigstens zweimal: Im November erst hatten die Bode-Truppen herausgefunden, dass trotz einer Warnung im Mai immer noch Uran im Mineralwasser war. Jetzt wird bekannt, dass das immer noch so ist: Wasser enthält zum Teil "mehr als zehn Mikrogramm Uran pro Liter" - in einigen Ortschaften seien es sogar "mehr als 20 Mikrogramm Uran pro Liter Wasser" werden die investigativen Qualitätsjournalisten von "Frontal" heute Abend in wörtlicher Wiederholung gleichlautender Meldungen aus den Jahren 2006 bis 2009 vermelden.

Bettlägerige und komatöse Gesellschaften, so lehrt Botho Strauß, werden ganz am Ende nur noch von solchen Ritualen zusammengehalten. Einmal im Jahr ist Weihnachten, einmal Ostern, zweimal kommt Thilo Bode mit den neuen Uranzahlen. Im Mai folgt der ADAC-Tunneltest, kurz danach der ADAC-Brückentest, gefolgt vom "Kriechtier des Jahres" und dem "bedrohten Baum der Saison", ehe dann der große ADAC-Raststättentest kurz vor dem großen ADAC-Fährentest die Urlaubszeit einläutet, bevor die Rückkehr ins Arbeitsleben mit der Meldung startet, dass es immer noch keine Grenzwerte für den Urangehalt von Wasser gebe.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt einen Richtwert von 15 Mikrogramm pro Liter. Zehn Mikrogramm Uran pro Liter sollen in der Trinkwasserverordnung noch 2010 festgeschrieben werden, versichert die Bundesgesundheitsministerin dem ZDF. Ein verbindlicher Grenzwert von maximal fünf Mikrogramm Uran pro Liter sei unbedingt nötig, fordert ein Toxikologe. Doch in jedem achten deutschen Wasserwerk würden die Urankonzentrationen über zwei Mikrogramm pro Liter liegen, warnt Foodwatch relativ zusammenhanglos. Aber Gaga kennt keinen Grenzwert.

Wer hat es gesagt?

Bei uns ist links nach wie vor dort, wo sich die kulturelle Mehrheit befindet. Ohne großen Unterschied ist es die öffentliche Intelligenz, sind es die gewitzten und zerknirschten Gewissenswächter, die ihren aufrechten Gang im wesentlichen nutzen, um zum nächsten Mikrofon oder Podium zu schreiten, und die gegenwärtig allesamt sich der erbitterten Anstrengung unterziehen, mit rationalen Mitteln eine Beschwörung zu betreiben, als erstrebten sie, wenigstens für sich und ihre Rede, gerade jene magische und sakrale Autorität, die sie als aufrechte Wächter aufs schärfste bekämpfen.

Nur dabei statt mittendrin

Da war er plötzlich wieder, der kernige Sozialdemokrat, der einst die Schweiz überrollen wollte, um die Auslandsvermögen der Deutschen jedes Jahr wieder versteuern zu können. Peer Steinbrück, als Finanzminister nach einer einzigartigen Politikerkarriere mit den meisten Bankenzusammenbrüchen in einer Amtszeit direkt in einen Managerposten bei einem Konzern mit großer Tradition bei der deutschen Truppenversorgung gescheitert, arbeitet hart an der Berichtigung der Geschichtsschreibung zu seinen Gunsten.

Nein, er selbst, oberster Aufseher etwa bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau, trägt keinerlei Verantwortung für die Finanzkrise. Nein, in seiner Erinnerung hat Peer Steinbrück niemals für Verbriefungen, für Deregulierung und die Verkürzung von Spekulationsfristen gestritten. Nein, er war es auch nicht mehr, der den wendigen Verbriefungsprediger Jörg Asmussen zum starken Mann im Finanzministerium gemacht hat. Der zuließ, dass öffentlich-rechtliche deutsche Banken Filialen in Steuersparparadiesen unterhielten, Länderfinanzminister Geld über dubiose Auslandskonstruktionen einwarben und der Bund sich Geld über Pfandbriefe besorgte, die eine nach Irland umgezogene ehemalige Staatsbank feilbot.

Peer Steinbrück will das alles nicht mehr wissen und er will es eigentlich auch niemals gewusst haben. Er war, so lautet die Geschichtsschreibungsvariante des bärbeißigen Offensivpolitikers, von Anfang an gegen die Krise. Schuld am Zusammenbruch waren deshalb eben auch nicht die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte. Sondern einen gesichtslose "Finanzelite" (Steinbrück) und ein anonymes "Marktversagen". Er addiert Gier und Gewissenlosigkeit dazu, und schon schaut niemand mehr Steinbrück als einen der Männer an, die an den Schalthebeln der Macht saßen und dem Treiben zuschauten. Nein, jetzt ist der Panzerbär der deutschen Sozialdemokratie, der etwa sagenhafte Laufbahn der Hypo Real Estate von der maroden Immobilientochter der Hypovereinsbank bis zum Börsenstar mit geschlossenen Auge verfolgte. Und sich erst einen Tag nach Ablauf der Frist zur Rücknahme der Bad Bank durch die ehemalige Mutter wunderte, dass er sich jetzt mit Milliarden Steuergeldern darum kümmern musste.

Steinbrück, seinerzeit Mitverfasser des "Koch-Steinbrück-Papiers", das durch Reformen allerlei Art zu einer größeren Wendigkeit deutscher Firmen, Bürger und Institutionen herbeizaubern wollte, schiebt alle Schuld auf andere, als er beim Fußballkommentator Reinhold Beckmann fachmännisch so vernommen wird, dass er nur sagen muss, was er sagen will. Die Manager. Die Wirtschaftsjournalisten. Die Finanzwissenschaft. Alle hätten total falsch gelegen. Sich selbst erwähnt er nicht, in dieser Pinocchio-Sendung bei Beckmann. Dafür aber natürlich das falsche "Paradigma der Deregulierung, der Entfesselung der Märkte".

Doch Steinbrück, anno 2006 noch der Ansicht, dass "die Lage der öffentlichen Haushalte es nicht mehr zulässt, einen vornehmlich konsumtiv, auf Alimentation ausgerichteten Sozialstaat weiterhin im bisherigen Volumen zu finanzieren", geht über seinen Anteil galant hinweg. Nie hat dieser Mann sich dafür eingesetzt, Banken zu helfen, "ihr Geschäftsmodell auf ein aktives Management ihrer Portfolien umzustellen". Nie hat er die Bundesfinanzagentur beauftragt, für den Bund eine Dollar-Anleihe auf den Markt zu bringen, um mit der Spekulation auf den Umtauschkurs von Dollar und Euro Gewinne zu erzielen. Nie saß er im Aufsichtsrat der KfW , Mutter der ersten Pleitebank IKB und später mit Millionenverlusten aus Geschäften mit der US-Investmentbank Lehman Bros. Nie hat ihm jemand verraten, wie Bundesländer ihren eigenen Fiskus betrügen. Nie hat er etwas wissen können über milliardenschwere Auslandsfilialen deutscher Staatsbanken.

Peer Steinbrück, als Ministerpräsident aus dem Amt gejagt und von seiner Partei im Finanzministerium abgeparkt, war immer nur dabei, aber nie mittendrin. Ein Insider, abgebrüht genug, seine Hände in aller Öffentlichkeit in Unschuld zu waschen. Auch bei Beckmann ist Peer Steinbrück nicht rot geworden.

Montag, 12. April 2010

Lech mich am Arsch

Er ist ein unersetzlicher Verlust für jeden aufrechten Europäer, ein Anlass, der Trauer freien Lauf zu lassen und die deutschpolnischsowjetische Versöhnung auf ein neues Level zu heben. Lech Kaczynski eint Europa in einem Meer aus Teelichten, ein Tod auf dem Schlachtfeld der Erinnerung, die Kommandos von Kommentatoren zu schwelgerischen Lobeshymnen anregt.

Doch kann dort hinten in Smolensk wirklich der polnische Präsident gestorben sein? Der deutschlandweit bekannt wurde als "Polens neue Kartoffel" und seitdem Qualitätszeitungen und Premium-Sendern zuverlässig als Schurkenschablone für ein imaginäres Finsterpolen diente?

Kein gutes Haar trug Lech Kaczynski zu Lebzeiten auf dem Kopf, wenn den inzwischen ein bisschen vergessenen Schlagzeilen der Jahre 2005 bis 2009 zu trauen ist. Seit der polnische Präsident "als Zwölfjähriger mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw für den Spielfilm "Von zweien, die den Mond stahlen" allerlei krumme Streiche" ausgeheckt habe, so dichtete die Taz stilprägend, sei "ihm sogar der Mond näher als Deutsch- und Russland". Zweifellos ein "Schurke, der die Welt beherrschen wolle", dieser Lech "Katsche" Kaczynski, der seinen rechtmäßigen Nachfolger gerade im Ungarn Gábor Vona findet.

Nein, der Mann, dem heute deutschlandweit eine Sintflut an Krokodilstränen hinterhergeweint wird, war zu Lebzeiten alles andere als ein Liebling der Politikredaktionen. Kaczynski erregte "Aufsehen mit dem Vorschlag, über eine Wiedereinführung der Todesstrafe nachzudenken", prangerte die amtliche deutsche Nachrichtenagentur DPA an.. "Dies wäre nach EU-Recht nicht zulässig". Für die "Welt" stand Kaczynski der "Partei der polnischen Machthaber" vor und für die FAZ "stellvertretend für einen "Rechtsruck in Polen". Zitatlieferanten fanden sich jenseits der Oder-Neiße-Friedesngrenze: Solidarnosc-Führer Lech Walesa warf den Kaczynski-Brüdern vor, "sich das Land mit einem Staatsstreich unter den Nagel reißen" zu wollen. Naheliegend, fand der "Spiegel" heraus, denn "im Weltbild der Kaczynskis heiligt der Zweck die Mittel" und beider Brüder "stecken im Leben zusammen wie Puppen in einer russischen Matruschka".

Nicht nur in Deutschland, sondern auch "zuhause war der als Hardliner bekannte Kaczynski zu Lebzeiten heftig in die Kritik geraten, schilderte DPA später und die "Welt" sah im polnischen Präsidenten jetzt einen "Machthaber, von einem geradezu manichäischen Wahn gepackt". Kaczynski führe einen "Krieg zwischen Licht und Finsternis", in dem "jeder Zwischenton als Zeichen der Schwäche und jede Kritik an der Regierung als ein Bodengewinn des Schattenreiches" gelte.

Ziel des bösen Bruders und seines "Angriffs der Primitiven auf polnisch" (Die Welt) sei es, politische Gegner "gesellschaftlich zu vernichten, die bisherige Elite zu entmachten" und "das heimliche Fortleben der "Volksrepublik Polen" zu beenden". Ein Ziel, das nach Ansicht deutscher Experten mit dem Absturz bei Smolensk erreicht scheint, auch wenn statt der vor einigen Jahren noch auf "mindestens 400.000 Polen" bezifferten gesamten von Kaczynskis Machenschaften bedrohten "Elite" nur ein Flugzeug voller Elitevertreter samt dem weltbedrohenden Schurken selbst starb.

Der Tod, so lehrt nach Michael Jacksons triumphalem Sterbe-Comeback auch der tragische Verlust des polnischen Nationalisten Kaczynski, heilt alle Wunden, er macht Experten abrupt vergesslich und prägt das Bild des Verstorbenen mehr als dessen ganzes Leben. Wer auf Wahrhaftigkeit Wert legt, darf jetzt ruhig einmal laut sagen: Lech mich am Arsch.

Alltag bei der Anarchie

Angetreten waren sie, die schlimmen Unterdrückungsmechanismen des modernen, im letzten Stadium unbemerkt verfaulenden Imperialismus durch das Anzünden der Fiat-Kleinwagen ihrer Nachbarn aufzudecken. Die Militante Gruppe Leipzig startete im Januar furios, ihre Angriffe auf die vom Volk verhassten Schergen des Systems brachten schnell Sympathiepunkte bei den revolutionären Massen in den Arbeitslosencafés Sachsens. Kein Wunder: Um rasch eins, zwei, viele Vietnams zu schaffen, griffen die gewitzten Freizeitterroristen zu modernsten Mitteln. So wurde bei Wordpress ein eigenes Zentralorgan installiert, über das die selbsternannten Rebellen mit Rechtschreibschwäche ihre herzergreifenden Weltbefreiungspoeme unzensiert in die wissbegierige Öffentlichkeit verklappen konnten.

Ein Schlag, von dem sich die Systempresse bis heute nicht erholt hat. Trotz vielfältigster Bemühungen, dem Elend der Bevölkerung mit Feuer und Flamme abzuhelfen, ignorierte sogar die einzige echte staatliche Nachrichtenagentur dpa dieKomiker der Gewalt und ihre auf der Basis von Baumarktkleber durchgeführten Brandanschläge. Die Militante Gruppe Leipzig bekannte sich stolz "zu 2 von 3 Anschlägen auf Fahrzeuge im Raum Leipzig durch Feuerlegen". Die Medien schwiegen.

Hundert Tage später ist Zeit, Bilanz zu ziehen: Wächst da in Leipzig eine neue RAF? Wie steht es um die Abteilung Agitprop der Weltrevolution? Kommt Hilfe aus Venezuela? Wie läuft überhaupt die Alltagsarbeit der Anarchie?

Gar nicht. So schnell der Kapitalismus aus einer selbstverschuldeten Krise herausfand, so eilig geriet die Militante Gruppe hinein. Eben noch zuversichtlich auf dem Weg, den Mensch endgültig vom Joch des Menschen zu befreien, ist die MGL unmittelbar nach Aufgabe ihres letzten Bekennerschreibens wieder verstummt - und das nicht wie andere intellektuelle Kämpfer gegen die Wirklichkeit, weil das System seine Werkzeuge veranlasst, die Kanäle zum Volk zu schließen. Sondern aus eigenen, freien Stücken.

Der Traum ist aus und es gibt nicht einmal ein letztes Bekennerschreiben zum frühen Tod der Militanten Gruppe Leipzig, die zum vielversprechenden Start noch optimistisch erläutert hatte, "unser Anschlag gielt als Zeichen gegen die verdammten Bonzen, die Ihr Fahrzeug Makre Cabrio und Vergleichbares als Statussymbol ihres Reichtums verwenden" (Rechtsschreibung im Original).

Der Frühling kommt, Hartz4 bleibt und die cabriofahrenden Bonzen können sich ins Fäustchen lachen. Am offenen Grabe des letzten deutschen Volksaufstandes gielt es nun für alle, die an eine bessere Zukunft glauben, die Häupter zu neigen und zu hoffen, dass der Schoß fruchtbar noch ist, aus dem das kroch.

Sonntag, 11. April 2010

Tiefpunkt statt Triumph

Dreimal geteilt, jahrzehntelang unterjocht, von Soldatenstiefeln zertreten, auf fremden Schlachtfeldern im Kampf für die Heimat und dann doch wieder von fernen Königen und Kaisern betrogen: Polen ist ein Land mit einer bewegten Geschichte, die an Tiefpunkten reicher ist als an Triumphen. Der Unfalltod des bis vor kurzem vor allem bei Regierungskollegen im europäischen Ausland überaus verhassten polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, der sich lange geweigert hatte, die Lissabon-Verträge zu unterschreiben, ordnet sich so ein in eine Kette nationaler Dramen, die als Beweis dafür dienen könnten, dass konzentrierter Katholizismus nicht zur Anreicherung von Glück führen muss.

n-tv, ein Qualitätsfernsehsender, bei der alte Polen-Feind Adolf Hitler seit Jahren weite Strecken der Nachmittagsschiene moderiert, überschreibt seinen Online-Beitrag zum Flugzeugunglück von Smolensk dennoch mit dem Satz "Noch nie eine solche Tragödie erlebt". Das scheint naheliegend, saß doch rein zufälligdie gesamte nationale Elite Polens samt der Spitzen aller Teilstreitkräfte an Bord des Fliegers. Der, wäre er von einem Jahr abgestürzt, als Kacynski die Lissabon-Verträge noch nicht unterschrieben hatte, zweifellos zu einem gewaltigen Problem für Europa geworden wäre: Zu bequem wäre ein Absturz des EU-Kritikers damals gewesen.

So aber ist es einfach nur die größte Tragödie aller Zeiten, noch vor Michael jackson und Robert Enke. Und nicht nur für Polen, wie Ministerpräsident Donald Tusk laut ntv geäußert hat. Nein, "die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt" ist er sicher. Ob Tusk wegen unzulässiger Verharmlosung anderer geschichtlicher Ereignisse angeklagt werden wird, haben die Behörden in Deutschland noch nicht entschieden.

Samstag, 10. April 2010

Putzkolonne findet "Peitsche"

Die Qualität der Bilder ist grauenhaft, die Kameraführung dilettantisch, dennoch stürzt ein neuaufgetauchtes Video die Führung der Linkspartei in Deutschland in Erklärungsnöte. Denn der kurze Film, den die Wistleblower-Plattform wikifreaks ins Internet gestellt hat, zeigt, wie zwei DDR-Lehrer eine Gruppe von DDR-Schülerinnen missbrauchen und körperlich züchtigen.

Der Vorfall wurde, so schreibt wikifreaks dazu, seinerzeit von einem Stasi-Leutnant für seine Doktorarbeit mit dem makaberen Titel „Erziehungsmethoden in der sozialistischen Bildungslandschaft“ gefilmt. Während der Prügelorgie, die in einem DDR-Mädcheninternat stattgefunden haben soll, machten die anwesenden Lehrer zynische Witze über ihre Opfer.

Schlimm genug, dass immer wieder neue Missbrauchsfälle in katholischen Internaten und Reformschulen aufgedeckt werden. Schlimmer noch, wenn wie jetzt zum ersten Mal ein auf Super-8-Film dokumentierter Missbrauchsfall in der ehemaligen DDR die Runde macht. Bislang hatten untergetauchte Behörden und umbenannte Parteien aus dem ehemaligen sozialistischn Teilstaat versucht, Übergriffe auf Mitglieder von Nachwuchorganisationen wie "Junge Pioniere" und Freie Deutsche Jugend zu vertuschen.

Eine Strategie, die nun hinfällig ist. Auf dem von der Putzkolonne eines bundesweiten Hygienekonzerns in einem ehemaligen Aktenschuppen einer früheren DDR-Internatsschule in Sachsen aufgefundenen Filmmaterial ist trotz bescheidener Qualität genau zu sehen, wie Lehrpersonal gezielt und brutal gegen hilflos und wehrlose Schülerinnen vorgeht. Die Bedauernswerten, angetreten in Pionierbluse und Halstuch, müssen sich „frei machen“, wie der von der Stasi abgeordnete Kameramann zynisch bemerkt, weil sie den beginn eines sogenannten Fahnenappells verpasst hatten. Dann schlägt eine eigens herbeigerufene weibliche Lehrkraft mit einem Stock auf eines der Kinder ein.

Bilder, die erschüttern, Bilder, die sprachlos machen. Bislang waren vor allem auf dem Gebiet der ehemaligen Ex-DDR zahlreiche Menschen davon ausgegangen, dass Missbrauch ein reines Westproblem gewesen sei. Doch der Film, von der Staatssicherheit unter dem Vorgang „Peitsche“ abgelegt, zu dem die Akte während der Wendezeit beseitigt wurde, ist authentisch, wie von PPQ zum exklusiven PPQ-Film befragte Zeitgeschichtler nach eingehender Analyse bestätigt haben. Offenbar stammten die Aufnahmen aus den 70er Jahren, hieß es, sie seien jedoch keinesfalls vor dem 10. Dezember 1973 entstanden, da Pioniere bis zu diesem Tag ausschließlich blaue Halstücher getragen hätten. Ein kurz eingeblendetes Bild an der Wand zeige Erich Honecker in seiner offziellen Funktion als Staatsratsvorsitzener. Daraus könne geschlossen werden, dass die Aufnahmen nach 1976 entstanden, nicht aber nach 1985, da Mitte der 80er Jahre neue Honeckerbilder zur Zwangsaufhängung an Behörden und Einrichtungen verschickt worden waren.

Damit wären die dokumentierten Vorgänge in jedem Fall verjährt. Auch die Stasi-Offiziere, deren Originalkommentare denen amerikanischer Hubschrauberbesatzungen in nichts nachstehen, könnten kaum noch belangt werden. Opferverbände haben inzwischen jedoch angekündigt, von den Nachfolgeparteien der Nationalen Front der DDR Entschuldigungen und Entschädigungszahlungen verlangen zu wollen.

Die Bewegung "Wir sind links" kritisierte, dass eine Entschuldigung der Führungsriege der Partei Die Linke ebenso längst überfällig sei wie ein ehrliches „Sorry“ von FDP und CDU. Beide Parteien hatten sich seinerzeit Vermögen und Mitgliedschaft von CDU, Bauernpartei und LDPD einverleibt, ohne zuvor eine Missbrauchsprüfung durchzuführen.

Die grauenhafte Originalversion ohne Blendungen und Verfremdungen gibt es nachfolgend. Bitte nur in Abwesenheit von Kleinkindern anschauen!

Freitag, 9. April 2010

Freispruch für die FDJ

Seit Jahren hält sich leider hartnäckig das Gerücht, dass die bis zuletzt für den Frieden in der Welt kämpfende Freie Deutsche Jugend im vereinigten Deutschland verboten sei. Das Bürgerfrageportal Abgeordnetenwatch, nach dunklen Jahren krawallartiger Kritikattacken auf schwerarbeitende Volksvertreter inzwischen direkt dem Bundestag unterstellt, hat jetzt aber dankenswerterweise klar gemacht, dass dem keineswegs so ist.

Dabei nutzte die bei Experten als dünnste Nahtstelle zwischen Volk und seinen herausragendsten Vertretern wie Dieter "Trallafitti" Wiefelspütz geltende Seite geschickt eine recht unbotmäßige Frage an die sozialdemokratische Parlamentarierin Daniela Kolbe, einem schmucken Fratz mit erziehungsberechtigtem Lehrerinnenlächeln.

"Sehr geehrte Frau Kolbe", hatte ein angeblicher Bürger der Leipziger Abgeordneten in klar provokativer Absicht geschrieben, wie schon die Anrede verdeutlicht. "Sie demonstrierten kürzlich beim Leipziger Ostermarsch auf dem Nikolaikirchhof mit, neben ihnen nahmen an der Demo auch sechs Demonstranten in FDJ-Hemden teil." Er wolle nun einfach nur wissen, ob der am Todestag der DDR gerade zehn Jahre alten Kämpferin für mehr soziale Rechte "die Bedeutung der "FDJ" während der DDR bewußt" sei oder ob Daniela Kolbe "diese Organisation nicht kenne", bei der es sich seines erlebten Wissens nach um eine Vereinigung gehandelt habe, für die "de fakto eine Zwangsmitgliedschaft für alle DDR-Jugendlichen ab der 8. Klasse" galt.

Der zornige Zeitzeuge klärt Kolbe dann vorsichtshalber auf: "Die FDJ wurde für die vormilitärische Ausbildung genutzt", schwört er, auch habe es "Fahnenappelle und Zivilverteidigungslager" gegeben. "Nicht zuletzt wurde in den 80er Jahren in FDJ-Versammlungen der Afghanistan-Einmarsch der Sowjets unterstützt."

Der Fragesteller staunt nun: "Heute demonstrieren Sie mit Ewiggestrigen derselben Organisation für das Ende des Afghanistaneinsatzes? Ist es Ihnen denn völlig egal, mit wem Sie zusammen auf die Straße gehen?" Heilige der Zweck hier gar die Mittel?

Daniela Kolbe hätte nun sicherlich gern aus ihrer Zeit bei den Jungpionieren erzählt, ihre Erinnerungen an Fahnenapelle im tiefsten Thüringen und Halstuchknoten zu Besten gegeben. Allein, es kommt nicht dazu. Denn Abgeordnetenwatch schreitet umgehend scharf ein: "Vielen Dank für Ihre Nachricht an Frau Daniela Kolbe", heißt es, "aber wir müssen Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Nachricht in der vorliegenden Version nicht freischalten können". Der Fragesteller sei "auf unserer Plattform unter verschiedenen Namen aufgetreten", habe eine sicherlich intensive Prüfung der IP-Adressen und Email-Einträge der Nutzer ergeben. Das gehe ja nun gar nicht, der wenn nicht fragt, bleibt dumm und wer seinen richtigen Namen nicht sagt erst recht. Damit wolle man den Dialog zwischen Fragestellern und Abgeordneten "auf gleicher Augenhöhe gewährleisten und einer möglichen, durch das Medium Internet bedingten, Anonymität vorbeugen".

Im konkreten Falle könne diese beseitigt werden, so heißt es weiter, durch "Belegung Ihrer Identität" durch "Übersendung einer Ausweiskopie per Fax oder eMail".

Sei das erfolgt, benötigten nur noch einige Behauptungen zur FDJ eine ausführliche Belegung "durch Quellen in Form von Zeitungsarktikeln" (abgeordnetenwatch.de). Der Freien Deutschen Jugend einfach nachzusagen, sie habe den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan begrüßt und unterstützt, gehe so nämlich gar nicht. Womöglich komme dann demnächst jemand und behaupte dreist, Kohl, Schäuble und Möllemann sei in Parteispendenaffären verwickelt gewesen, bei Honecker, Mielke und Sindermann handele es sich um mutmaßliche Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Stalin, Hitler und Mao hätten den Mord an Millionen veranlasst.

Nein, da sei ein historisch hochgebildeter Moderator vor, der hier auf Post wartet. Aber "bitte verändern Sie dabei NICHT den Betreff und Ursprungstext der eMail, damit eine zeitnahe Bearbeitung Ihrer Anfrage stattfinden kann".

Abriss-Exkursionen: Das Volk geht baden

Der Pool eines pleitegegangenen russischen Ölmilliardärs sähe wohl so aus. Oder das städtische Schwimmbecken einer Bürgerkriegskommune im Tschad. Das hallesche Gesundbrunnenbad allerdings versteckt sich mitten in der Stadt, ein bläulich leuchtender Fleck Trockenbecken hinter einer Hecke aus wildem Gesträuch, die dornröschenmäßig aufgewachsen ist, seit das frühere Lieblingsfreibad der südlichen Stadtteile Ende der 90er Jahre auf dem Altar der Verwaltungssparsamkeit geopfert wurde.

Den Ort der Kindheit ganzer Generationen von Hallensern hatte der Architekt Wilhelm Jost im Jahre 1928 errichtet. Verglichen mit den zahllosen anderen Werken des damaligen Baustadtrates, der in seiner Wirkungszeit Sparkassen, Friedhöfe, Schulen und Arbeitsämter am Fließband entwarf und bauen ließ, ein hingehuschtes Becken mit Funktionsgebäuden und Umkleidekabinen, gelegen neben der damaligen "Mitteldeutschen Kampfbahn", die Jost gleich mitentworfen hatte. Das Wasser im Becken aber entsprang einer Solequelle - Grund für die stete Warnung aller Eltern an ihre Kinder, die salzig schmeckende Flüssigkeit nur ja nicht in den Mund zu nehmen (Foto oben: nachtstromer.de). Es bestehe, so der Volksglaube, schließlich zu einem großen Teil aus dem Urin der anderen Badegäste.

Zwei Millionen Euro wären anno 1999 gebraucht worden, das undichte Becken zu flicken und das Bad weiterzubetreiben. Die zwei Millionen waren nicht da, aber es gab ja auch kaum noch Kinder in den engen Siedlungshäuschen der "Gartenstadt Gesundbrunnen" ringsum. Und Wilhelm Jost war schon 1944 gestorben, nachdem er seiner Stadt noch schnell einen Ratshof, ein Stadtbad, das kürzlich beinahe von Wahnsinnigen besetzte Wittekind-Bad, ein halbes Dutzend wuchtiger Trafo-Stationen, einen Wasserturm und eine nicht ganz beendete trutzige nationalsozialistische Thingstätte in den Brandbergen gebaut hatte. Das Bad wurde zum Parkplatz für Vip-Gäste bei Heimspielen des Halleschen FC , das Badgelände zur Austragungsstätte von Paintball-Schlachten und Sprayer-Battles. Städtische Beamte gaben immer mal unterhaltsame Visionen von einer Bad-Sanierung zum Besten, gelegentlich aber sollte aus dem Areal auch ein großartiger Bauaustellungpark werden.

Erst als sich die Anzeichen dafür verdichten, dass der Neubau des bröckligen Kurt-Wabbel-Stadion seine Parkplätze genau über dem ehemaligen Schwimmbecken finden könnte, regt sich Protest. Nun ist der notorisch empörte Arbeitskreis Auenwälder bereit, im Planschbecken ein unersetzliches Biotop zu entdecken. Nun finden sich Bürgerinnen und Bürger zum Protestmarsch, nun steht ein Stadtteil auf, mitten in die ersten Fällarbeiten neue Bäume zu pflanzen.

Nachholender Widerstand, der im luftleeren Raum verpufft. Noch ehe die 17 Millionen teure Sanierung des Kurt-Wabbel-Stadions beschlossen und Geld für den Abriss des Gesundbrunnenbades bereitgestellt war, begannen städtische Bautrupps damit, das Gelände besenrein zu machen. In ein paar Wochen soll es losgehen mit dem Umbau des gesamten Areals, von dem am Ende nur dreierlei bleiben wird wie es war: Ein altes Brunnenhäuschen im Badgebüsch, die Stadionmauer und Wilhelm Josts nach dem Krieg von der NS-Thingstätte an den Ort zahlloser Rasenschlachten geschleppte Monumentalfiguren von guten Volksgenossen, die nun allerdings kernige Proletarier darstellen durften.

Mehr Abriss-Exkursionen hier.

Donnerstag, 8. April 2010

Wiedergeboren als Netzpolizist

Dass deutsche Polizisten das Recht schützen, in dem sie es mit dem Recht nicht so ganz genau nehmen, hat das Spezialjagdkommando Hooligan erst jüngst in aller Deutlichkeit klar gemacht. Der Einfallsreichtum der Einsatzkräfte beim Stehlen fremder Federn im "Spiegel"-Stil geht aber noch viel weiter und tiefer, wie Nerdcore.com in einer liebenswerten externen Fortschreibung der beliebten PPQ-Serie "Wiedergeboren als..." herausgefunden hat.

Denn auch der normale Polizeifunktionär war einmal Kind und begeisterter Leser von Superhelden-Comics. Als es nun darum ging, ein Logo für die innovative Idee eines Browserbuttons mit Direktverbindung zum Mouse-Police-Ressort zu entwerfen, brauchte der Bund Deutscher Kriminalbeamter keinen Grafiker und keinen Zeichner, nein, nicht mal eine Idee wurde benötigt. Stattdessen scannten Fachkräfte einfach eine Zeichnung des Mitte der 60er Jahre von Jack Kirby und Stan Lee erdachten Außerirdischen Norrin Radd alias "Silver Surfer" (oben rechts) ein, entfernten die Textur und schon war es fertig, das Signet für die Idee (oben links), jeden Surfer einzubeziehen in den Kampf gegen Schund und Schmutz und schlechtes Gedankengut im Internet.

Den nach dem alten KKK-Spruch "I'm Proud To Be White" liebevoll “White IT-Button” genannte Schalter darf sich nach den Vorstellungen von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann bald jeder Nutzer in seinem Internetbrowser installieren. Sobald er dann rein zufällig und versehentlich auf kinderpornografisches Material, Parteipropaganda, gemeine Chatantworten oder gestohlene Logos stoße, könne er mit einem einzigen Klick die komplette Seite abfotografieren und sie automatisch und total anonym an eine rund um die Uhr besetzte Beschwerdestelle des Bundeskriminalamtes weiterleiten, wo Beamte mit der Lizenz zum Löschen sie umgehend auf Rechtstreue, guten Geschmack und Farbechtheit prüfen.

Den ersten Test hat der Button mit Bravour bestanden: Kaum war der dreiste Diebstahl des Surferbildes bemerkt worden,hatten die wackeren Gesetzeshüter das rechtswidrige Logo auch schon gelöscht.

Mediale Modedroge

Komasaufen, bisher nur für Minderjährige zugelassen, wird dank der großen Dichtkunst der staatlichen Nachrichtenagentur dpa endlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. "Viele Deutsche trinken zu viel", reimt die Realitätserfindungsmaschine, "immer öfter sogar, bis sie ins Koma fallen". Jeder Bundesbürger habe im Jahr 2008 im Durchschnitt umgerechnet 9,9 Liter reinen Alkohol zu sich genommen, gehe aus dem Jahrbuch Sucht 2010 hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) eben brühwarm vorstellte. Damit sei der "Verbrauch im Vergleich zu 2007 gleich" geblieben, aber "es ist natürlich viel zu hoch», habe Deutschlands oberster Suchthelfer Raphael Gaßmann erklärt.

Eine beeindruckende Bilanz angesichts der für die alkoholherstellende Industrie frustrierenden Zahlen der letzten 15 Jahre. Noch 1995 knallte jeder Deutsche jährlich zuverlässig 11,1 Liter reinen Alkohols weg, nachdem er Anfang der 80er Jahre sogar noch rund 12 Liter bewältigt hatte. Seitdem aber knickte die Nachfrage scharf ein, der Konsum ging um mehr als 20 Prozent zurück, allein zwischen 1995 und 2008 sank der Bierverbrauch von 135 auf nur noch 111 Liter pro Kopf und Jahr und der Schnapskonsum ging von 5,9 Liter auf 5,6 Liter zurück.

Zugleich aber konnte das Alkohol-Problem der Deutschen kontinuierlich zulegen, wie die unbestechliche Google-Timeline (unten) zeigt. 1980, als Horst Schmimanski noch zur besten Sendezeit volltrunken durch den "Tatort" taumelte und gemeinsam mit Marius Müller-Westernhagen, dem Erschaffer von Hymnen wie "Hier in der Kneipe" und "Johnny Walker" vom "Jungen auf dem weißen Pferd" sang, hatte Alkohol medial nur eine Chance, wenn Prominente im Suff "verunfallten" (Polizeigewerkschaft). Der kleine Rausch zwischendurch war Alltag, die Büroflasche Usus, Bier auch außerhalb Bayern ein Erfrischungsgetränk, das zu jeder Tageszeit gekippt wurde.

Karriere als die Bevölkerung begann, die Flasche zu verweigern und sich stattdessen diverser Fittnesssportarten hingab, begann der Aufschwung de Alkohols zur medialen Modedroge: Plötzlich entstanden Suchthilfeorganisationen, plötzlich förderte Vater Staat die Abstinenz mit bunten Werbespots, plötzlich rüttelten zunehmend häufiger zunehmend grausige Schlagzeilen über die Deutschen als ein Volk von Alkoholikern die gelegenheitstrinkende Mehrheit auf. Die betrunkene Republik bekam jetzt eine "Suchtbeauftragte", die zumindest dem Namen nach noch vom Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, einem begeisterten Alkoholverweigerer, benannteDeutsche Hauptstelle für Suchtfragen dachte sich vom Geld des Bundesministeriums für Gesundheit das "Suchtjahrbuch" aus und überzog das Land mit einem Netz aus mehr als eintausend Beratungsstellen. Der Erfolg ist beeindruckend: Das Problem, einmal erkannt und an Experten zu Erforschung und Bekämpfung abgegeben, wird zuverlässig immer größer.
Und, singt Westenhagen, "mein Glas ist übrigens leer, nein, der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr".

Eichhörnchen und Damenschlüpfer

In wessen Nachlass wurden folgende Dinge gefunden? Auszug aus der Inventarliste:

- Diverse Weine, 1229 Flaschen
- Sammlung pornographischer Fotos: 3904 Stück
- Pornographische Filme: 11
- Zigaretten: 11 075 Stück
- Persianermäntel: 2 Stück
- Ausländische Damenschuhe: 31 Paar
- Ausländische Damenschlüpfer aus Seide: 68
- Eichhörnchenfelle: 50 Stück
- Fischotterpelze: 5 Stück
- Feldstecher: 7
- Penis aus Gummi: 1
- Flügel, Klaviere: 3

Mittwoch, 7. April 2010

Grashalme im letzten Gefecht

Es ist der erste Frühling nach der Revolution, als das siegreiche Volk damit beginnt, die Schuldigen abzustrafen. In Halle, einer Stadt inmitten des gleichnamigen Arbeiterbezirks, geht es in diesem April des Jahres 1990 zuerst einmal Pierre Chretien Degeyter an den Kragen. Der Belgier, 1932 als bekennender Kommunist gestorben, hatte 1888 die Musik der "Internationale" auf einen Text komponiert, den Eugène Pottier wenige Tage nach der Blutwoche der Pariser Commune 1871 geschrieben hatte.

Für das weltbewegende Lied über die Signale, die die Völker hören sollten, brachte er gerademal einen Sonntagvormittag, wenig später schon führte sein Chor Lyre des Travailleurs das epochale Werk bei der jährlichen Feier der Zeitungsverkäufer auf.

Degeyter aber brachte das Lied kein Glück. Obwohl er als Komponist versucht hatte, anonym zu bleiben, wurde ihm gekündigt. Der Vater einer Tochter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und hatte keine Zeit mehr zum Komponieren. Auch hatte er seine Rechte an der "Internationalen" nicht angemeldet, so dass sein Bruder Adolphe die Gelegenheit ergriff, und seinerseits behauptete, das Lied geschrieben zu haben.

Erst 1927 erntete De Geyter, wie er ursprünglich hieß, etwas Anerkennung. Die ruhmreiche Sowjetunion, in der seine Werk als Nationalhymne diente, lud ihn ein und spendierte ihm eine Staatspension und die Miete für eine Wohnung. 1932 starb der kommunistische Komponist im Alter von 84 Jahren, 30 Jahre später begann die DDR, den revolutionären Erschaffer der Weltbefreiungshymne als internationalistischen Namensgeber für Straßen zu ehren, Anfang der 80er Jahre bekam auch ein Straße in Halle den Ehrennamen "Degeyter".

Aber schon knapp sieben Jahre danach bestätigte der Rat des Stadtbezirkes West die Rechtmäßigkeit einer "besonderen Form des Denkmalsturzes", wie es bei Historikerkongress 1996 hieß. Das Recht drang nun in der Tat "wie Glut im Kraterherde" mit "Macht zum Durchbruch". Die Pierre-Degeyter-Straße, gelegen im funkelnagelneuesten Neubaugebiet der Chemiemetropole, wurde umbenannt. Sie trägt bis heute den stolzen Namen Grashalmstraße. Und über ihr scheint, wie es Eugène Pottier einst vorhergeahnt hatte, "die Sonn' ohn' Unterlass".

Zur Teilnahme an weiteren demokratischen Umbenennungen geht es hier.

Verbot der Woche: Zuballern mit Badesalz

Da ist die Politik gefordert! Nachdem plötzlichen und unerwarteten Bekanntwerden der neuen Partydroge "Miau Miau" ist ein breitangelegtes neues Verbot im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" fällig. Davon wären Kleingärtner, Zierpflanzenzüchter und Freunde der Freuden ausgedehnter Wannenbäder betroffen: Der "Miau Miau"-Inhaltsstoff Mephedron ist im Moment noch einfach und legal zu erwerben - etwa als Badesalz oder Pflanzendünger.

Statt in die Topfpflanzen geschüttet durch die Nase gezogen, soll die Wirkung ähnlich stimmungsaufhellend wie bei Ecstasy sein. Zusammen mit Alkohol ballert das Badesalz bis zum Herzinfarkt, bislang wusste das nur niemand. Durch breite Berichterstattung soll in den kommenden Woche Werbung für den Mephedron-Missbrauch durhc das sogenannte "M-Cat" gemacht werden. Im Sommer könne dann eine breite Verbotsdebatte die Nutzer von nasalen Narkotika wie "Ivory Wave" und "Charge" zur Vorratshaltung anregen und gleichzeitig den Eindruck erwecken, die Bundesregierung reagiere schnell und entschlossen auf neue Herausforderungen.

Wer hat es gesagt?

Fast ausnahmslos sind die Waren abstoßend. Man könnte sogar auf den Gedanken kommen, die Stoffe, Verkaufsartikel usf. ... machten sich absichtlich so reizlos wie möglich, um den Appetit danach derart zu dämpfen, dass man nur noch aus dringendem Bedarf einkaufte, niemals aber mehr, um der Kauflust zu frönen.

Dienstag, 6. April 2010

Es ist alles nur geklaut

Sie sind gewissenlos, sie verachten den Urheberschutz, sie haben keine Moral, keine Skrupel, denn sie sind Qualitätsjournalisten beim renommierten "Spiegel", einem ehemaligen Nachrichtenmagazin, das sich heute mit dem Diebstahl fremder Arbeit notdürftig über Wasser hält. Besonders beliebt beim früheren Sturmgeschütz der Demokratie ist die Aufmunitionierung der eigenen Reklame-Rohre mit Videos aus dritter Hand, denen einen gutausgebildete und mit Praktikantenlöhnen gefügig gemachte Expertenabteilung den Quellenvermerk "Video: Spiegel Online" (Screenshot-Quelle: Spiegel Online) aufzudrücken pflegt.

So geschehen eben mit dem über Wikileaks veröffentlichten Film "Collateral Murder", der einen Angriff zweier Apache-Hubschrauber in Bagdad vor drei Jahren zeigt. Oder eben, wie der "Spiegel" durch investigatives Kollektiv-Gucken herausgefunden hat: "US-Helikopter feuerten auf Zivilisten in Bagdad". Der Film sei "neu aufgetaucht" heißt es wolkig, erst später wird als Quelle Wikileaks genannt.

Das verwundert, denn dem "Spiegel" zufolge hat ja die Spiegel-Videoabteilung das Material eigenhändig erstellt, eingebettet erst im "Apache" und nun bei Spiegel Online, einfach aus Youtube, direkt nachdem die angebliche Quelle "Spiegel-Video" hinzugefälscht wurde.

Vor den Genuß des Grauens hat der Moralgigant der Vollständigkeit halber noch ausführliche Baumarkt-Werbung gestellt. Da willn-tv nicht lange beiseite stehen - hier ist das Wikileaks-Video plötzlich zum "n-tv-Video" mutiert, schick umbaut in einem neuem Playerrahmen heißt es besonders originell "Schau dir die toten Bastarde an" und verkauft fleißig Werbung für Bankprodukte. Grandioser Qualitätsjournalismus, der aus Klauen und Umbauen besteht. Alles wie immer also.

Offshore unter dem eigenen Ofen

Pünktlich zum Jahrgedächtnis des PPQ-Klassiker "Denn sie wollen gar nicht wissen, was sie tun" flicht die wieselflinke Neue Zürcher Zeitung den ambitionierten Bemühungen unseres ehrenamtlichen Hinweisboards für "Steuersünder" (Peer Steinbrück) heute einen Kranz der besonderen Art. Unter der verblüffend einfallsreichen Überschrift "Die USA als «Steueroase»" geht es um - die USA als Steueroase.

Also um liebreizende Orte wie den Bundesstaat Delaware, dem wir vor einem Monat erst einen Besuch abgestattet hatten, um die dort zahlreich vertretenen Filialen deutscher Staatsbanken noch einmal durchzuzählen. Nun bemerkt auch die Schweizer Qualitätspresse: "Die grösste Zahl von LLC sind im kleinen Gliedstaat Delaware ansässig".

Überhaupt seien die Anforderungen für die Gründung von Unternehmen und die Eröffnung von Konten in richtigen Steueroasen oft höher als die in Ländern, die für ihren unermüdlichen Kampf gegen Steueroasen bekannt sind. Für eine Studie habe der Politologe Jason Sharman von der Griffith-University in Brisbane über das Internet 54 Dienstleister kontaktiert, über die man «Offshore»-Firmen gründen kann. 45 antworteten, wobei es dem Autor in 17 Fällen gelang, eine Firma zu gründen, ohne dass für Aussenstehende ersichtlich ist, wer wirklich dahintersteckt. 13 der so entstandenen anonymem Geldverstecke konnte der Wissenschaftler in OECD-Ländern etablieren, wohingegen nur vier von 28 Versuchen in «Steueroasen» so schön glückten wie seinerzeit die Gründung der scharia-konformen Steuersparstiftung "Stichting" durch das Bundesland Sachsen-Anhalt.

Wiedergeboren als Lügendetektor

Schon vor seiner Auszeichnung mit dem Oscar für seine brillante Rolle im Partisanendrama "Inglorous Basterds" hatten viele Beobachter dem österreichischen Charaktermimen Christoph Waltz den großen Sprung nach Hollywood zugetraut. Zu sehr erinnerte der in Wien geborene Mime (oben links) bei seinen Glanzauftritten immer wieder an einen anderen großen Schauspieler und Träger des Ifland-Ringes: Bruno Ganz, der Schweizer, der seine größten Erfolge als Darsteller eines Österreichers in einer deutschen Megaproduktion feierte.

Was allerdings kaum jemand wusste: Der wendige und belesene Waltz war zu jener Zeit bereits in der Filmfabrik beschäftigt. Unter dem Namen "Tim Roth" (ober rechts) verdingte sich einer der besten deutschen Darsteller in einer US-Fernsehproduktion: Für "Lie to me" schlüpft Waltz als angeblicher Brite Roth, nach offiziellen Angaben fünf Jahre jünger als er selbst, einmal wöchentlich in die Rolle des Dr. Cal Lightman. Der ist ein Experten für Körpersprache und Mikroausdrücke, dem es dank seiner raschen Beobachtungsgabe immer wieder gelingt, Verbrechern ihre Taten an der Nasenspitze anzusehen, wie ein altes Wiener Sprichwort sagt.

Bisher hat der Oscar-Preisträger schon drei Staffeln der doppelbödigen Serie abgedreht, ohne sich weiter zu tarnen als mit einem dünnen Drei-Tage-Bart und seiner überragenden Wandlungsfähigkeit. Dennoch haben Filmkritiker und Medien seine Doppel-Identität bisher nicht erkannt: Obwohl doch die Lightman-Figur unübersehbar auf die frühen Forschungen des wie Waltz aus Österreich stammenden Tiefenpsychologen Sigmund Freud verweist.

Montag, 5. April 2010

Wer hat es gesagt?

Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der kontrerevolutionären Nationen Europas dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der Revolution der Tschechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slawischen Völker die Revolution sicherstellen können … Dann Kampf, ‘unerbittlicher Kampf auf Leben und Tod’ mit dem revolutionsverräterischen Slawentum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus - nicht im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution!

Regression mit Rumpelstein

Die Originale kommen schon lange nicht mehr hierher, in die mitteldeutsche Rock-Provinz, in der sie als junge Leute ihre ersten Schritte zum Weltruhm stolperten. Doch das Publikum in Halle, der Kulturhauptstadt der alten Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt, ist zur Genügsamkeit erzogen: Es strömt herbei, wenn die originale Ireen Sheer sich selbst covert, es jubelt Queen-Nachbauten aus Sachsen und Siegern von Rolling-Stones-Ähnlichkeitswettbewerben bierselig zu.

Ein guter Platz für RMC, einen dicken Fußabdruck auf der Deutschlandkarte der Rock-Grausamkeiten zu hinterlassen. Die Rammstein-Nachspielcombo aus Tschechien lud zünftig in ein ehemaliges "Pappenwerk" von der staatssozialistischen Fabrikationshallenstange, in dem heute "Plakatpromotion" betrieben wird. Vor der Tür tiefergelegte BMW-Kinderwagen aus dem Saalkreis, drinnen tiefersitzende Buggy-Hosen von H&M, im Hof Dixieklos, auf der Bühne die komplette Regressionsreihe, die eigentlich nur das Rammstein-Original zu leisten vermag. Der "Rammstein Member's Club" aus Liberec ist auf einer Art Europatournee, als Tourmotto gilt "Weniger produzieren mehr": Braucht die Original-Mannschaft von Till Lindemann sechs Mitglieder, um epischen Lärm zu produzieren und Platten herzustellen, die vom Bundesjugendzensurministerium verboten werden, reichen den Kopisten um Sänger Martier fünf feste Musikanten und ein zwangsverpflichteter Keyboardsklave, verbanntes Liedgut wie "Ich tu Dir weh" (Video) in spritzgußartigen Versionen aus allen Rohren zu blasen.

Der "Stacheldraht im Harnkanal", nach Ansicht führender Politaufsehern gehalten, die deutsche Jugend in ihrer Entwicklung zu gefährden, wird hier mit Inbrunst eingeführt. Flammen schlagen aus dem Bühnenboden, der Keyboardsklave im Ledertanga tanzt wie ein Derwisch, die Instrumenatlfraktion zelebriert den Stoizismus der Originale mit dem Stolz armer Vorstadtbrüder. Sie können alle Hits von "Benzin" über "Ohne Dich" bis zu "Pussy", Martier hat alle Lindemann-Gesichtsausdrücke drauf und sich sogar so einen metallenen Mad-Max-Arm bauen lassen, wie ihn der Meister des rockgewordenen Roll-R gelegentlich trägt.

Der Orginal-Anhang der Berliner Spätromantiker ist begeistert vom falschen Schein der Rumpelsteine. Das Volk kennt alle Texte, es schreit kollektiv nach Bestrafung und es gehorcht Befehlen wie "Hände hoch", obwohl ein leichter tschechischer Akzent unverkennbar ist. "We´re all living in America", singt der Tscheche am Ende das Hohelied der Globalisierung: "Wer nicht tanzen will am Schluss, weiß noch nicht, dass er tanzen muss!" Frohe Ostern.

Sonntag, 4. April 2010

Arbeit für alle

Er selbst verpasste seinen Einsatz seinerzeit denkbar knapp, weil der Reichsarbeitsdienst aufgelöst werden musste, ehe Wolfgang Böhmer das dienstfähige Alter erreichte. Kinder und Enkel aber sollen es besser haben, das ist erklärtes Politikziel des zuweilen als "Bundesstrickjacke" gelobten Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Pünktlich zu Ostern hat der greise CDU-Mann jetzt die Einrichtung einer "allgemeinen Dienstpflicht für junge Männer" gefordert, wie sie zwischen Juni 1935 und Mai 1945 obligatorisch und äußerst erfolgreich war.

Ein Reichsarbeitsdienst für alle schaffe "mehr Gerechtigkeit beim Wehr- und Zivildienst", ist sich Böhmer sicher. «Es ist ungerecht, wenn diejenigen, die einberufen werden, sich für die soldatische Ausbildung oder Zivildienst entscheiden müssen, und andere überhaupt nicht herangezogen werden», erläuterte der gelernte Gynäkologe der einzigen amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa. «Irgendeine Leistung für das Land, egal welche, sollte man sich abverlangen können. Das heißt, dass jeder junge Mann entweder das eine oder das andere machen sollte und sich da möglichst nicht herausmogeln kann.» Der neue Bundesarbeitsdienst sei ein logischer Schritt weiter. Erst habe man den massenhaften Abbau von ganzen Gewerbezweigen subventioniert, nun seien genügend Arbeitslose verfügbar, um von einem schlagkräftigen Arbeitsdienst aufgefangen zu werden. Das entlaste langfristig sowohl die Ämter für Arbeit als auch die Justiz.

Bei Frauen sieht Böhmer aber eine andere Situation. «Da Frauen in ihrer beruflichen Entwicklung durch Familienbildung ohnehin in besonderer Weise betroffen sind, würde ich sie von einer Dienstpflicht herausnehmen", schlug Böhmer in Ergänzung seiner These vom Schwangerschaftsabbruch als Mittel der Familienplanugn vor. Freiwillige Lösungen wären aber in Ordnung, schließlich sei er selbst vor einigen Jahren noch der Ansicht gewesen, dass Jungen und Mädchen die Chance haben sollten, sich richtig schön soldatisch erziehen zu lassen. Neue, schmucke Uniformen könnten Heranwachsende für den Dienst begeistern, große gesellschaftliche Aufgaben wie das Zuspachteln von Schlaglöchern deutschlandweit einer jungen Generation Halt und Sinn geben wie ihm selbst sein geliebter Garten in Wittenberg.

Kanonen auf Kacheln

Böse Osterüberraschung für Kachelfans in aller Welt: Nach der Verhaftung des als "Kachelmann" auftretenden Metereologen Jörg K. fährt die Stadtverwaltung der Fliesenmetropole Halle schwere Geschütze gegen die im öffentlichen Raum ausgestellten Werke des wahren Kachelmannes Kachel Gott auf. Gingen Feinde der völligen Neuverfliesung der Saalemetropole bislang in Einzelfällen gezielt gegen bestimmte Kachelklebungen vor, bemerken Kacheleologen jetzt eine "neue Dimension der Gewalt" gegen das gewaltige Kunstprojekt, von dem sich die Unterstützer des gigantischen Klebeprojektes eine finale Anerkennung von Halle als Uno-Weltkulturerbestätte versprechen.



In einem "geradezu grausamen Akt der Vernichtung", wie es in einem internen Internetforum der Fliesen-Fans heißt, beantwortete die Verwaltung den Beginn der alljährlichen Frühjahrsoffenfliese des Kachelgiganten auf ihre Art: Um die Spuren der Befliesung eines Hauses in der vielbefahrenen und bereits weiträumig verkachelten Ludwig-Wucherer-Straße zu tilgen, schickte das notorisch kunstfeindliche Rathaus nicht etwa eine kleine Handwerkerkolonne, die die aus der Urzeit des Kachelprojektes stammende und von Kennern als Relikt der frühen Flieszeit verehrte "Schmetterlingskachel" für das Stadtarchiv bargen. Sondern Bagger, die gleich das ganze Haus abrissen, dem der bis heute namentlich nicht bekannte Fliesenkünstler mit dem winzigen Keramikquadrat seinen Stempel aufgedrückt hatte.

Ein tragisches Kapitel im Provinztheater, aufgeführt in einer Stadt, die sich bis heute nicht zu ihrem neben Händel größten Sohn bekannt hat. Während Kachel Gott seinem Ziel einer
Neuverfliesung der historischen Altstadt unbeirrt nachstrebt und damit inzwischen in Leipzig und New York begeisterte Nachahmer findet, ignorieren Bürger und Politiker den Kunstschaffenden nicht nur. "Nein", analysieren führende Kachelforscher, "mit dem Abriss des Schmetterlingsfliesenhauses in der Wuchererstraße hat man ihm quasi den Krieg erklärt".

Ob ein derart barbarischer Umgang der Verantwortlichen dem Ruf der Stadt Halle als Kulturhauptstadt des Landes Sachsen-Anhalt langfristig wirklich dient, gilt in Expertemkreisen als fraglich. Das große Kachelverzeichnis, von PPQ in Zusammenarbeit mit der Google-Zentrale in Mountain View als erste offizielle Online-Galerie der Kachelkunst aufgeschaltet, erfreut sich ständig steigender Besucherzahlen, Feldforscherteams sind bereits wieder unterwegs, um neue Kachelfunde aktenkundig zu machen - "auch barbarische Bagger werden die Idee von der Neuverfliesung nicht stoppen können", machen sich Fliesenfreunde Mut. Grausame Taten der Bilderstürmerei könnten letztlich nie obsiegen, das zeige nicht zuletzt die Geschichte der Taliban. In den Herzen aller Fliesenfreunde werde auch die ikonografisch so klarsichtig gezeichnete Schmetterlingskachel weiterleben, ein ewiges Symbol für kleinstädtische Kunstabsenz und postsozialistische Ignoranz.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Samstag, 3. April 2010

Der kalte Wind der Wirklichkeit

Am Ende liegt Toni Lindenhahn ganz allein auf dem Rasen, das Gesicht in den Händen vergraben. Nichts mit Aufholjagd, nichts mit Kampf um den Aufstieg in die dritte Liga. Stattdessen Ende einer Serie von zehn Spielen ohne Niederlage - und das gegen eine Reservemannschaft des Hamburger SV, die nur ein einziges Mal zeigte, warum sie auf Tabellenplatz 5 in der Regionalliga Nord steht: Fünf Stationen braucht die bis dahin ebenso anämisch wie die Gastgeber spielende Elf des früheren Bundesliga-Stars Rudolfo Cardoso in der 48. Minute. Und plötzlich steht es in einem Spiel, das beißenden Null-zu-Null-Geruch verbreitete, 0:1.

Ein Gefühl, das die Hallenser kaum noch erinnern. Zuletzt waren sie im Spitzenspiel gegen Babelsberg im November in Rückstand geraten, das Spiel damals ging verloren. Seitdem aber keines mehr. Ohne je spielerischen Glanz zu verbreiten, tankt sich die Mannschaft von Trainer Sven Köhler zuverlässig von Punkt zu Punkt, nur gelegentliche Aussetzer vorzugshalber in den letzten Spielminuten wie gegen Tennis Borussia und zuletzt gegen Hertha BSC verhinderten bislang, dass der HFC Spitzenreiter Babelsberg näher auf die Pelle rückte.

Die Zeit aber läuft für Babelsberg. Elf Spieltage vor Schluss muss Halle gewinnen, dem Spitzenreiter indes reicht es, den Vorsprung zu behaupten. So hat Kiel im vergangenen Jahr den Aufstieg geschafft.

So wird ihn Babelsberg in diesem auch schaffen. Denn auf der Zielgerade zeigt sich, dass der HFC kaum noch etwas zuzusetzen hat. Mit Pavel David, René Stark und David Sieber fehlen drei wichtige Leute verletzt, Routinier Thorsten Görke hat Trainer Köhler aussortiert. Und die vor der Saison als Verstärkung geholten Angelo Hauk und Selim Aydemir können an guten Tagen so mitspielen, dass das Fehlen der eigentlichen Stammkräfte nicht weiter auffällt. Wie David oder Stark Spiele auch mal allein entscheiden aber können sie nicht.

Aydemir fällt vor allem dadurch auf, dass er ständig wichtig mit den Händen winkt, reklamiert und nach selbstverpatzten Aktionen schimpft. Hauk hingegen zieht zwar mehrmals vielversprechend auf Rechtsaußen an. Im entscheidenden Moment aber fehlt ihm ein halber Meter Platz zum Flanken, ein sicheres Standbein oder der Blick dafür, dass es besser ist, ins Eck zu schießen, wenn der Torwart in der Mitte steht.

Der Führungstreffer des HSV allerdings hätte nicht das Siegtor sein müssen. Nachdem Hauk und Aydemir für Markus Müller und Toni Lindenhahn Platz machen müssen, geht zumindest etwas mehr beim HFC, der bis dahin gerade fünf starke Minuten vor der Pause hatte. Lindenhahn ist der bessere Aydemir, unprätentiöser, weniger Gaukler als Kämpfer. Einmal dribbelt er sich durch drei Mann bis an den Strafraum und flankt. Doch keiner der drei wartenden Rot-Weißen dort bringt einen Schuss zustande. Später will Müllers Kopfball so wenig ins Netz wie sein Nahschuss, Kanitz trifft die Latte, Lindenhahn schießt drüber, Hebestreit gelingt mit dem Kopf dasselbe.

Doch das wirkt alles nicht wie der unbedingte Wille, der beim Derby in Magdeburg für drei Punkte sorgte. Bezeichnend eine Szene von Nico Kanitz, Mitte der 2. Halbzeit: Horvat fängt eine HSV-Flanke, sucht den schnellen Abwurf nach vorn. Kanitz aber, in der vergangenen Saison ein Lichtfigur im halleschen Spiel, trabt ganz in Gedanken Richtung Mittellinie, den Kopf unten, den Blick gesenkt, als wollte er signalisieren, dass er den Ball im Moment eigentlich nicht haben will. Der Abwurf kommt dennoch, kullert an Kanitz vorbei, der schreckt auf, deutet zwei schnelle Schritte an und realisiert dann, dass nun bereits ein Hamburger den Ball hat.

Da ist auch die Sonne schon weg, die bis dahin über dem abrissreifen Kurt-Wabbel-Stadion strahlte, dem heute ein paar Hessen-Fans aus Kassel ihre Abschiedsaufwartung machen. Der kalte Wind der Wirklichkeit fällt in die einst als "Mitteldeutsche Kampfbahn" gebaute und später als "Horst-Wessel-Kampfbahn" betriebene Arena. Der ganze Rasen ist voller Ratlosigkeit, ein vielleicht mit Millimetervorsprung gesicherter Aufstieg mit dieser Elf wäre weniger Grund zum Jubeln als Anlass, sich große Sorgen um die Zukunft zu machen.

Die Ahnung war ja da. In der Woche zuvor schon hatten die Fans bereits begonnen, ihre Mannschaft für die nächste Regionalliga-Saison virtuell umzubauen: Die Helden der gerade erst abgepfiffenen Rasenschlachten fanden sich plötzlich unter "zu alt", "zu langsam" und "keine Perspektive" eingeordnet. Stattdessen sollte doch lieber gleich, so hieß es, mit "jungen, hungrigen Leuten" für einen Aufstieg in zwei Jahren neuaufgebaut werden.

Dem Wunsch wird nun wohl entsprochen werden, denn der Mannschaftsteil, dem die beeindruckenden Erfolge der letzten zwei Jahre zu verdanken sind, wird im Herbst nicht mehr da sein: Torwart Darko Horvat dürfte seine Laufbahn beenden, die beiden Innenverteidiger Patrick Mouaya und Adli Lachheb werden mit einiger Sicherheit Angebote aus der 3. Liga bekommen.

Ronny Hebestreit jedenfalls hat den Aufstieg direkt nach dem Abpfiff erstmal verloren gegeben. "Das war's wohl", sagt er dem MDR, Babelsberg zeige ja sowieso keine Schwäche. Dabei spielen die doch erst morgen.

Keiner will es nicht gewesen sein

Der Mann saß neben ihr, während sie sturzbetrunken ihr Auto über eine rote Ampel lenkte. Die Polizei kam, die Bischöfin musste pusten, ein Polizist verkaufte das Blasergebnis an die Bildzeitung - und noch Wochen vor der großen Mißbrauchsdebatte hatte Deutschland seinen ersten großen Kirchenskandal: "Komasaufen in der Kirche", hieß es bei PPQ mit großer Sympathie, denn "Ein bisschen Glas muss sein".

Komischerweise verschwand der Beifahrer der bedröhnten Kirchenfürstin spurlos. Kein Name, kein Hinweis, nur Gerüchte. Die aber waren so heiß, dass keine große Qualitätszeitung auch nur andeutungsweise versuchte, ihnen nachzugehen: Hannover, Protestanten, Klüngel, Niedersachsen. Kein Thema.

Es zu einem zu machen, musste erst der mutmaßliche Beifahrer selbst. Gerhard Schröder, der Käßmann bei ihrer Amtseinführung gleich zweimal mit "Sehr geehrter lieber Herr Landesbischof" angesprochen hatte, holte seine größte Trommel aus dem Schrank holen: Wie damals, als Gerhard Schröder gerichtlich durchsetzte, dass niemand behaupten dürfe, er färbe sein Haar, weil er es tatsächlich nur getönt hatte, versucht er jetzt dem bloggenden Anwalt Joachim Steinhöfel untersagen zu lassen, ihn als den Beifahrer der betrunkenen Bischöfin zu nennen, die nach Ansicht der Grünen-Politikerin Antje Vollmer "etwas schönes Flirrendes und Verführerisches" hat. Steinhöfel solle einen entsprechenden Blogeintrag löschen, fordert Schröder, der weiß, dass er damit seine Chancen verbessert, überall als mutmaßlicher Beifahrer genannt zu werden, der nicht genannt werden will.

"Too late", singen die Schweden von den Shout Out Louds in unserem, ganz und gar Gerd Schröder gewidmeten Video (oben), "the word is already in your mouth. I can hear it comin out towards me". Und der Ex-Kanzler scheint zu antworten: "Shut up. I don't want to hear a single word." Wobei die Wahrheit wohl wie immer in der Mitte liegt, medial gesehen: Medial gesehen kommt die Schröder-Geschichte sechs Wochen nach dem Saufgeständnis "Too late. Too slow", wie die angenehm brummige Shout-Out-Louds-Nummer heißt.

Freitag, 2. April 2010

Er rührte an den Schleef der Welt

Er war der Berserker aus der Provinz, der Pinsel-Peitscher und Theatervernichter. Einar Schleef, der größte Sohn der kleinen Stadt Sangerhausen, starb dennoch ohne Pophit und ignoriert vom Kinopublikum. In einem alten Kaufhaus in Halle, stillgelegt seinerzeit, aber beharrlich "neues Kaufhaus" genannt, weil es das Anfang der achtziger Jahre mal gewesen war, feierte der Dramatiker dann dunkle Wiederkehr: Der jung aus einem Zug auf den Kopf gefallene Sangerhäuser, der als Theater-Tarzan zeitlebens ein Stück namens Provokation inszenierte und aufführte, verbriet noch aus dem Jenseits 150.000 Euro von der Bundeskulturstiftung, um lange graue Kaufhauswände mit seinen grellbunten Bildern von Telefonzellen und bemalten ND-Seiten zu tapezieren.

Die Exposition rührte jedoch nur kurzzeitig an den Schleef der Welt. Neun Jahre nach dem Tod des renitenten Malerschauspielers, dessen größter Erfolg die Hauptrolle in Bertolt Brechts Puntila unter dem Regisseur Einar Schleef war, ist das nach Meinung von Elfride Jelinek einzige ostdeutsche Genie wieder vergessen. Sein schriftstellerisches Hauptwerk "Gertrud", ein zweibändiger, monumentaler Monolog über das Leben seiner Mutter durch vier Staatsformen hindurch, dümpelt bei Amazon jenseits von Platz 500.000, die letzte Aufführung seiner "Nietzsche Trilogie" ist auch schon wieder acht Jahre her, auch die von PPQ lancierte Online-Ausstellung seiner epochalen Telefonzellen wird kaum mehr beachtet. Ein Gigant fällt ins Volksvergessen: In die improvisierte gewaltige Kaufhaus-Galerie, die des fundamentalistischen Fröhlichkeitsverweigerers Kunst in der angemessen kalten, toten Gruft einer untergegangenen Einkaufskultur zeigte, zog inzwischen ein Möbelhändler.

Hallo, lieber Arbeitssuchender

"Hallo, lieber Arbeitssuchender! Bitte, lesen Sie diese Nachricht, und treffen erst dann ihre Entscheidung", bittet die Bulgarische Immobilien GmbH gerade mehrere hunderttausend deutsche Internetnutzer. Alle seien wir "genau die Person die wir fur unsere neue Marketingstrategie benotigen, um uns, auf dem deutschen Immobilienmarkt, zu befestigen". Es wird die Chance unseres Lebens sein, denn die Bulgarische Immobilien GmbH mit Sitz in Plowdiv "bieten Innen die Moglichkeit zusammen mit uns erfolgreich tatig zu sein".

Natürlich fragen wir uns jetzt, wie unsere Daten nach Bulgarien geraten konnten, wo dort noch nicht einmal ausreichend Kommata vorhanden sind. Aber Christa Park von der BI GmbH, die sich fluffig "BG Ralty" nennt, weil auch die "e" etwas knapp sind, weiß das natürlich. "Sie fragen sich bestimmt wie wir auf Sie aufmerksam geworden sind", beruhigt sie. Ganz seriös, das alles: "Die Bundesagentur fur Arbeit hat uns ihre Personaldaten ubermittelt, da mit wir selbst mit Innen in den Kontakt treten konnten."

Glück gehabt! Ein Datenskandal! Auch wenn ein Tropfen Wermut folgt. Die Bulgaren sind untröstlich: "Leider konnen wir auf der Etappe noch nicht eine personalisierte Anwerbung vornehmen und bitten Sie hoflichst um eine Entschuldigung und um ihr Verstandnis fur diese Tatsache, dass wir Sie nicht angerufen haben oder Sie noch nicht bei ihrem Namen nennen."


Den wird die Bundesagentur für Arbeit doch nicht etwa auch herausgegeben haben? Nein, ganz anders: "Wir sparen einfach die Zeit da mit. Und die gesparte Zeit konnen wir zusammen fur ihre Einschulung nutzen. So kommen wir zusammen an das Ziel!"

Namen sind hier unten auf dem Balkan nicht Schall und Rauch, Time ist nicht Money, sondern umgekehrt. Namen sind Zeit! Das ist ganz klar fixiert und steht uns nach einer kurzen Firmenvorstellung deutlich vor Augen. "Wir, die BG-Realty, handeln mit Immobilien und haben dem Firmensitz im Plovdiv, einer Stadt die sich im Suden unseres Landes befindet". Das ist übrigens ein "wundervolles Land mit den besten Voraussetzungen fur eine Urlaubsreise die nicht leicht zu vergessen sein wird". Die Kultur gelte als eine der altesten in der Europa. Die Menschen sind freundlich und hoflich, die Lage des Landes gilt unter Experten als "sehr gut geographisch". Jaja: "Das alles zeichnet unseres Land aus."

Hier wird die immobile Zukunft geschmiedet, hier, bei Weißbrot, dunklem Wein und dicken Trauben, darf noch jeder auf das schnelle Geld hoffen. "Wir werden Innen sicherlich nicht die Geldberge versprechen konnen, denn es ist nicht moglich fur uns", bremst Christa Park. Aber immerhin "Wir konnen Innen aber eine weitgehende Unterstutzung zusichern."

Was wir tun müssen, und zwar sofort: "Sie brauchen nur ihr Interesse zu zeigen und auf diese Mail zu antworten." Es würde das Bewerbungsverfahren beschleunigen, "wenn Sie bei der Antwort an diese Mail uns ein detailliertes Lebenslauf mit einem Lichtbild zukommen lassen konnten", heißt es. "Wir werden Innen spatestens in einer Woche, nach dem Sie uns die Antwort zugesandt haben, einen personalisierten Vertragsvorschlag machen konnen". Bei besonderer Interesse an ihrer Person werden wir "sofort von unserem Manager kontaktiert", meldet der sich nicht, können alle abgelehnten Bewerber eine Mail an schreiben. .Es würde das Bewerbungsverfahren beschleunigen, wenn Sie dabei ihre Kontonummern und Passworte in die mit Kreuzchen versehenen Spalten eintragen könnten. Ihre Wohnungs- und Autoschlüssel holt auf Wunsch ein Paketdienst an Ihrer Haustür ab, wer mag, kann sie aber auch per Post an uns schicken.

Wer hat es gesagt?

Das private Fernsehen hat offensichtlich ein Publikum erreicht, das sehr viel Zeit am Tage hat, ich sag's mal ganz schlicht: Arbeitslose. Und hier - das muss man auch sehen - hat das Fernsehen eine integrative Funktion. Es absorbiert Arbeitslosigkeit, es befriedet auch sozusagen diesen ganzen Bereich. Sie müssen sich einfach nur mal vorstellen: Die gleiche Arbeitslosenzahl ungefähr zum Ende der Weimarer Republik hat zu großen Straßendemonstrationen, zu großer Instabilität der Systeme geführt. Also, da hat das Fernsehen - kann man sagen - eine Befriedungsfunktion.

Donnerstag, 1. April 2010

Erstes Ost-Opfer gesteht

Das ist Qualität! Nur einen knappen Monat, nachdem PPQ infolge ausführlicher Lektüre in Online-Foren von DDR-Heimkindern lokalpatriotisch korrekt darauf verwiesen hatte, dass der sexuelle "Missbrauch kein Westmonopol" bleiben dürfe, zieht der "Tagesspiegel" scharf und aktuell nach. Endlich bekommen auch die Kinder ein wenig mediale Aufmerksamkeit, die nicht in katholischen, sondern in sozialistischen Heimen geprügelt und vergewaltigt wurde.

Mit Heidemarie Puls berichtet erstmals ein Ost-Opfer über sexuellen Missbrauch in einem DDR-Jugendwerkhof – es trifft sich gut, dass Frau Puls gerade ein Buch über ihre Leidenszeit geschrieben hat. Obwohl die Frage der Beweise wohl noch zu klären wäre, geht der "Tagesspiegel"-Autor Matthias Schlegel da gleich ganz weit in die Vorlage: "Möglicherweise", mutmaßt er wage, sei Heidemarie Puls "eins von sehr vielen Opfern". Bei 474 staatlichen Kinderheimen in der DDR, in denen über 40 Jahre zehntausende Kinder über Jahre und immer sehr handfest im Sinne des Arbeiter- und Bauernstaates erzogen wurden fürwahr eine mutige Prognose. Denkbar, dass schon demnächst das ganz Undenkbare Schlagzeilen macht: Erich Honecker war Kommunist. Der Dienst bei den Grenztruppen gar nicht freiwillig. Und FDJ-Blusen gab es nicht nur aus guter baschkirischer Baumwolle, sondern auch aus Nylon.

Mißbrauch erreicht Scientology

Mit sechstausend Mitgliedern bundesweit kämpfen sie seit Jahren beharrlich mit der NPD um den Titel gefährlichste Verein von Grundgesetzfeinden, der angestrebten Weltherrschaft aber ist die Scientology-Kirche trotz aller Warnungen durch Sektenbeauftragte, Aussteiger-Dokumentationen und Verfassungsschutzberichte nicht näher gekommen. Die ARD versuchte deshalb jetzt, die vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard erfundene Religion per Spielfilm zu popularisieren.

Ein Unternehmen, das hervorragend ankam. Mehr als acht Millionen Zuschauer freuten sich, nach ewigen Dokumentationen über den liebevollen Missbrauch von Kindern in katholischen Internaten endlich mal einer "menschenverachtenden Organisation" (Bayerns Innenminister Joachim Herrmann) bei der Arbeit zuschauen zu dürfen. Sekteninsider Herrmann, der zuletzt als Fachmann im Fall Mannichl vor einer "neuen Qualität rechter Gewalt" gewarnt hatte, war nach dem Anschauen des Filmes geplättet: Die Lehre der Scientologen ziele offenbar darauf, dass "die Besseren, Klügeren und Stärkeren über die Schwächeren herrschen", teilte der erschrockene CSU-Politiker der Bild-Zeitung mit.

Dazu benutzt die Organisation, die in Berlin schon nicht mehr öffentlich stresstesten kann, weil niemand mitmachen will, eine lebensnahe und völlig logisch klingende Welterklärung: In jedem Menschen sitzt ein unsterblicher Thetan, der seinerzeit das ganze uns umgebende Weltall erfunden hat, seitdem reinkarniert er immer wieder und in verschiedensten physischen Formen, ohne es selbst zu wissen, weil ein böser intergalaktischer Herrscher ihn vor Urzeiten ähnlich einem katholischen Internatsschüler schwer missbraucht und misshandelt hat.

Ein fast todsicheres Rezept zur Eroberung der Massen, weshalb Bild Herrmann zur Sicherheit nochmal konkret fragt: "Mit welchen Methoden und Mitteln versucht Scientology, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung außer Kraft zu setzen?" Der Innenminister hält mit Wahrheit nicht hinterm Berg: "Scientology versucht immer wieder", beschreibt er knallhart all die geheimen Methoden der Sekte, "Bürger in die Fänge zu bekommen, um sie anschließend einer Gehirnwäsche zu unterziehen".

Gut, dass eine warnende Fernsehrunde bei Knallhart Plasberg nach dem Fall des Filmvorhangs ausführlich ein Verbot der verbrecherischen Organisation diskutieren konnte. Herausragend der Aufklärungsbeitrag eines investigativ agierenden Reporters, der sich in die Sekte eingeschmuggelt hatte, um mit versteckter Kamera zu zeigen, wie er an einem Schreibtisch sitzt, auf dessen anderer Seite ein Sektenmitglied Platz genommen hat. Das befragt ihn dann mit scharf heruntergekurbelter Stimme etwa danach, ob er gekommen sei, um Scientology zu schaden.

Der wackere Enthüller sagt nein, der Lügendetektor aus Coladosen und Taschenlampenbatterie glaubt ihm. Plötzlich weiß man, warum es "Scientology in Deutschland bisher nicht gelungen" ist, "im großen Stil Fuß zu fassen und starken Einfluss auf das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben zu gewinnen", wie Joachim Herrmann analysiert, der mit dem ehemaligen DDR-Propagandachef Joachim Herrmann weder identisch noch verwandt ist, auch wenn man auf den Gedanken kommen könnte. Wachsamkeit und "intensive Aufklärungsarbeit" hätten das verhindern können. Doch "in den USA ist das ganz anders, dort hat die Organisation durch ihre Anerkennung als Religion und Kirche quasi Narrenfreiheit". So dürfen Bücher des vor einem Vierteljahrhundert verstorbenen unsterblichen Oberthetan Hubbard öffentlich und ohne Altersnachweis verkauft werden. Es ist nicht einmal untersagt, sie unter ein "Bestseller"-Schild zu legen. Dabei ist die Scientologen-Bibel "Dianetik" gar keiner - sie rangiert bei Amazon nur auf Platz 2008 der Bestsellerliste, direkt hinter dem Buchhit "BARF - Biologisch Artgerechtes Rohes Futter für Hunde". das, so wurde gestern bekannt, wird die ARD nun im kommenden Monat aus der Sicht eines betroffenen Bernhardiners verfilmen. Die Diskussionsrunde dazu wird erneut Plasberg leiten.

Liebe geht durch den Saumagen

Wunderbare Nachrichten für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nachdem das ehemalige Hamburger Nachrichtenmagazin "Spiegel" gemeldet hatte, dass die Sympathiewerte der früheren Klimakanzlerin ganz schlimm einknicken, zeigt eine von der ARD in Auftrag gegebene historische Studie, dass große Unbeliebtheit zu Amtszeiten das Fundament für beständigen Nachruhm ist.

Danach sind inzwischen 59 Prozent der Deutschen der Meinung, dass der in seinen großen Tagen als Führer des deutschen Volkes und der CDU als "Birne" verspottete Helmut Kohl ein guter Kanzler war. Kohl, der die CDU als Kanzlerkandidat 1998 erstmals unter die magische Schwelle von 40 Prozent der Stimmen geführt und anschließend nur knapp einem Prozess wegen illegalwer Parteispenden entgangen war, sei damit viel beliebter als sein Nachfolger Gerhard Schröder. Den SPD-Arbeiterführer haben nur 47 Prozent der Befragten als guten Kanzler in Erinnerung.

Offensichtlich gelte die Regel "aus den Augen, aus dem Sinn", schlussfolgern die Wissenschaftler. In der Langfristbetrachtung seien Vorgänger immer beliebter als Nachfolger, zudem gelte die Faustregel, dass jedes Jahrzehnt, dass seit Amtsaufgabe vergangen sei, etwa zehn zusätzliche Beliebtheitspunkte bringe. So komme Kohls Vorgänger Helmut Schmidt, der seine zweite Amtszeit nicht einmal hatte beenden können, bereits auf 75 Prozent. Noch beliebter ist Konrad Adenauer, der seine letzten Amtsjahre ohne eigene Mehrheit hatte regieren müssen, dies aber nach Ansicht der meisten Deutschen, die keine persönliche Erinnerung an ihn mehr haben, ausgezeichnet gemacht hat.

Weiter zurück habe man nicht fragen wollen, hieß es, denn Thema der Umfrage sei nicht der Rechtsradikalismus gewesen, der sich inzwischen mitten in der Mitte der Gesellschaft eingenistet habe.