Offener Brief an Peter Mezger, ARD-Korrespondent im Iran
Sehr geehrter Herr Mezger,
Wir wissen nicht, wem es am diesjährigen "Al-Quds-Tag" schlechter ging - dem iranischen Regime oder ihnen, stellvertretend für die deutschen Medien?
Jeder weiß spätestens seit dem Aufstand nach dem 12. Juni 2009, dass es keinerlei freie Berichterstattung aus dem Iran gibt. Es war also zu erwarten, dass Sie nur das über die Proteste am 18. September berichten würden, was das Regime ihnen erlaubt hat. Das erklärt aber noch nicht alles. Denn wir fragen uns, ob man Sie wirklich dazu gezwungen hat, das glatte *Gegenteil* der Wahrheit zu verlautbaren. In der Tagesschau vom 18.9. (http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts14752.html, etwa bei Minute 9:20) behaupten Sie: "Auch die iranische Opposition ist für Palästina und gegen Israel". Diese Aussage widerspricht ganz offensichtlich der zentralen Parole der oppositionellen Iraner - "Nein zu Gaza, Nein zu Libanon, mein Leben ist für Iran", die in zahlreichen Internet-Videos dokumentiert ist (s. z.B. http://www.youtube.com/watch?v=3eFi_sCKfLk&feature=player_embedded). Auf die Hassparolen "Tod Amerika, Tod Israel" aus den Lautsprechern des Regimes antworteten die Menschen immer wieder mit "Tod Russland" und "Tod China" (s. z.B. http://www.youtube.com/watch?v=_meg5DkifnE), womit sie ihre Gegnerschaft gegen alle ausdrücken, die Ahmadinejad und Khamenei unterstützen. Wenn Transparente mit den Konterfeis des libanesischen Islamistenführers Nasrallah gezeigt wurden, riefen die Menschen "Nieder mit dem Diktator" (s. z.B. http://www.youtube.com/watch?v=cfYnX5YaboM). Transparente für den "Kampf Palästinas" wurden von der Menge abgerissen (s. z.B. http://www.youtube.com/watch?v=lzt4zOYatvY).
Sie werden sagen, man könne sich - zumal unter den Bedingungen der islamischen Diktatur - nur schwer einen vollständigen Überblick über alle Ereignisse jenes Tages im Iran verschaffen. Bekannt war jedoch bereits vorher, dass das Regime vor diesem Tag zitterte und dass die Revolutionsgarden drohten, mit aller Härte gegen Menschen vorzugehen, die den antiisraelischen Slogans des Regimes widersprechen. Die Regimepresse hat den oben zitierten Satz "Nicht Gaza..." bereits aufgegriffen und behauptet, er wäre von "Zionisten" verbreitet worden.
Nachdem die Mehrheit der Iraner in den Massendemonstrationen seit dem 12. Juni die politische Legitimität der Islamischen Republik vor den Augen der Welt zerstört hat, war der 18. September ein Stoß ins ideologische Herz des Regimes - ein offener Angriff gegen seinen Antisemitismus und seinen globalen Expansionismus im Namen der "muslimischen Gemeinde". Auch wenn Sie, Herr Mezger, nur die Leute von Moussavi und Karroubi als Opposition anerkennen, müssen Sie zugeben, dass auch deren Versuche, andere, propalästinensische Parolen zu verbreiten, kläglich gescheitert sind und sie es nicht wagten, sich offen gegen die Parolen der Mehrheit der Demonstranten zu stellen. Natürlich gibt es auch unter Iranern viele unterschiedliche Meinungen über die Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis. Die Palästinasolidarität nach Art des iranischen Regimes, in deren Namen Tausende von Menschen ermordet und für deren Terrorpolitik Milliarden von Dollar ausgegeben wurden, ist jedoch zum Inbegriff all dessen geworden, was an diesem Regime hassens- und verachtenswert ist. Wer auch immer mit dieser Politik identifiziert wird, hat in einem zukünftigen demokratischen Iran keine Chance.
Wir haben, wie gesagt, den Eindruck, dass dies nicht nur ein schwarzer Tag für das Regime war. Wir verstehen, dass der 18. September vielen (nicht nur) in Deutschland Kopfschmerzen und Depressionen verursacht hat. Man hat einen strategischen Partner im Geiste verloren. Denn was würde passieren, falls das Zentrum des islamistischen und antisemitischen Terrors von den Iranern gestürzt würde? Falls in der Folge sich eventuell sogar in Palästina Kräfte der Mäßigung und des Ausgleichs mit Israel durchsetzen würden?:
Man könnte dann nicht mehr den Antisemitismus verharmlosen, indem man die antiisraelischen Tiraden Ahmadinejads zu "Übersetzungsfehlern" deklariert. Es wäre zumindest schwieriger, Stimmung gegen Israel zu machen, indem man Israelhassern Orden verleiht - so wie der israelischen "Friedensaktivistin" Felicia Langer, der die Bundesrepublik das Bundesverdienstkreuz verlieh, nachdem sie israelische Gefangenenlager als "Konzentrationslager" bezeichnet hatte. Kurz: man könnte seine eigenen Ressentiments nicht mehr (oder nicht mehr so einfach) hinter der Misere des Nahen Ostens verstecken. Man müßte diese Ressentiments im eigenen Namen aussprechen - und es bleibt zu hoffen, dass viele Deutsche vor dieser Konsequenz dann doch zurückschrecken.
Auch deswegen wünschen wir der iranischen Opposition einen schnellen und vollständigen Sieg über die Islamische Republik Iran. Die Iraner würden damit nicht nur die Basis für eine humane Zukunft ihrer eigenen Gesellschaft schaffen, sondern einen zivilisatorischen Beitrag von globaler Bedeutung leisten - zum Ärger aller, die die Taliban für eine "Kultur" und Ahmadinejad für einen würdigen Repräsentanten der Iraner halten.
Mit freundlichen Grüßen,
Fathiyeh Naghibzadeh und Andreas Benl,
Mitglieder des Bündnisses "Stop the Bomb", www.stopthebomb.net
Montag, 21. September 2009
This aint no roxy music
This is believe me music, this is forget me music
This is who can love me you know, this aint no roxy music
This is new form music, this is old form music
This is i paid attention not some makes his prediction music
Nachrichten aus einem sterbenden Land
"Das Jahr 2009 hat für die gesetzlichen Krankenkassen nach Darstellung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) finanziell gut begonnen. «Im ersten Quartal haben die Kassen voraussichtlich Überschüsse von rund einer Milliarde Euro erwirtschaftet, das zeigt, dass die Ausgabenentwicklung solide gerechnet ist», sagte Schmidt."
"Trotz Wirtschaftskrise hat die Pflegeversicherung in den ersten sieben Monaten des Jahres knapp 500 Millionen Euro Überschuss erzielt."
"Einen Monat vor der Bundestagswahl hat sich die Verbraucherstimmung in Deutschland weiter verbessert. Die Konsumenten geben ihren Konjunkturpessimismus mehr und mehr auf. Wegen der sehr geringen Inflation bleibt mehr Geld im Portemonnaie übrig. Stabile oder sogar rückläufige Preise sowie ein verhältnismäßig stabiler Arbeitsmarkt sorgten dafür, dass auch die Kauflaune zulegte."
"In der deutschen Exportwirtschaft steigt nach der langen Rezession die Zuversicht. Der Exportklima-Index des Münchner ifo-Instituts ist zum fünften Mal in Folge gestiegen."
"Die deutsche Wirtschaft fasst wieder Zuversicht. Das zeigt der aktuelle Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts. Demnach ist die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen im Juli deutlich gestiegen."
usw. usw.
"Trotz Wirtschaftskrise hat die Pflegeversicherung in den ersten sieben Monaten des Jahres knapp 500 Millionen Euro Überschuss erzielt."
"Einen Monat vor der Bundestagswahl hat sich die Verbraucherstimmung in Deutschland weiter verbessert. Die Konsumenten geben ihren Konjunkturpessimismus mehr und mehr auf. Wegen der sehr geringen Inflation bleibt mehr Geld im Portemonnaie übrig. Stabile oder sogar rückläufige Preise sowie ein verhältnismäßig stabiler Arbeitsmarkt sorgten dafür, dass auch die Kauflaune zulegte."
"In der deutschen Exportwirtschaft steigt nach der langen Rezession die Zuversicht. Der Exportklima-Index des Münchner ifo-Instituts ist zum fünften Mal in Folge gestiegen."
"Die deutsche Wirtschaft fasst wieder Zuversicht. Das zeigt der aktuelle Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts. Demnach ist die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen im Juli deutlich gestiegen."
usw. usw.
Experten erfinden Sparbuch
Banken sollen nach dem Willen von Verbraucherschützern ihren Kunden künftig ein standardisiertes Geldanlage-Produkt offerieren. "Die Geldhäuser sollen in jedem Segment ein standardisiertes Produkt anbieten, das faire Mindestbedingungen enthält", findet der Finanzexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Manfred Westphal. Mit ihren eigenen Geldanlagen verschleierten die Institute gern die Risiken der Anlage, kritisiert der Verbraucherschützer. Das wäre bei dem Standardprodukt anders. In der EU werde bereits an einem solchen Projekt gearbeitet. Zustimmung kommt von der CDU, die kurz vor dem Wahltag beschlossen hat, Verbraucher vor riskanten Geldanlagen zu schützen. Bestimmte hochriskante Anlagen sollen Privatkunden nicht mehr kaufen können, fordert der bisher eher wenig öffentlich aufgefallene finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Otto Bernhardt. Das gelte etwa für Anteile an Hedgefonds. Aber auch Zertifikate könnten darunter fallen, sagte der CDU-Politiker. "Wenn 40.000 Menschen mit Lehman-Zertifikaten Geld verlieren, muss man daraus Konsequenzen ziehen", fügte der Finanzexperte hinzu. Es müsse sichergestellt werden, dass niemand mehr jemals Geld verliere.
So sei es vorstellbar, den Verkauf von preissensitiven Geldanlagen wie Immobilien, Fahrzeuge, Goldschmuck, Briefmarken, moderner Kunst und Aktienfonds generell einzuschränken. Stattdessen könne die Bundesregierung ein von der Kreditanstalt für Wiederaufbau aufgelegtes Standardgeldanlageprodukt anbieten, das "Chancen für alle" bündele. Dieses "Volkssparbuch" solle dann über die Wochenend-Beilage der "Bild"-Zeitung angeboten werden.
Sonntag, 20. September 2009
Grüne Denk-Panzer
"Wir verstehen uns als Think Tank dieser Republik", versichert Cem Özdemir, der Elvis Presley der deutschen Politik. Mit den neuen Denk-Panzern wolle man im "Kampf um Platz drei" nicht mehr nur symbolisch kämpfen. Es gehe um eine Richtungsentscheidung, glaubt der Mann, den sie "Özi" nennen. CDU und FDP hätten ihre „Waffenarsenale“ schon gefüllt, warnt Özdemir, der einst als Krawattenmodell für den Fotosammler Hunzinger seine ersten Schritte auf dem politischen Parkett entlangglanderte und sich jetzt als Nachfolger des Panzerstrategen Heinz Guderian sieht, der immer schon forderte, zu klotzen statt zu kleckern.
Özdemir hat eine ganze Woche Wehrmacht-Frontberichte aus der "Wochenschau" angeschaut, um sich die Begrifflichkeiten einer Kesselschlacht korrekt draufzudrücken: „In den schwarzen Ministerien wird das Pulver für den schwarz-gelben Durchmarsch in dieser Republik längst gehortet“, sagt der grüne Denk-Panzerkommandant, der seine Divisionen (im Bild) mit grünen Armbändchen und Buttons aufmunitioniert hat, "damit sich etwas ändert“.
Ultras auf der Bühne: Schlüsselloch zum Ponyhof
Auf einmal stehen sie auf der Bühne, neun Mann hoch und mindestens doppelt so breit. René Stark, amtierender Mittelfeldmotor des Halleschen FC, war als Schüler schon mal in diesem Theater, sagt er zu seinem Trainer. Aber sowas haben sie damals nicht gezeigt. "Ultras - Die Bühne gehört uns" will ein Theaterstück sein, das Realität abbildet und einen Einblick gibt in die geheimnisvolle Parallelwelt der Ultra-Fans, die sich als die Gralshüter der wahren Fußballwerte sehen. Kommerz lehnen sie ab, Sitzpublikum lehnen sie ab, Legionäre lehnen sie ab, Stadienneubauten lehnen sie ab. Was zählt, ist nicht auf dem Platz, sondern daneben. In der Vorstellungswelt der neun Ultra-Anhänger des Halleschen FC, die auf der Bühne des örtlichen Thalia-Theaters als sie selbst agieren, ist Fußball Religion und der eigene Klub Gott. Neben Fußball gibt es nichts, außer den Fußballfreunden gilt nichts. Der Spieltag ist alles, worum sich das Leben dreht - und wer das nicht so sieht, ist entweder nicht normal oder sogar, wie die ringsum jeden echten Ultra versammelte Front aus Polizei, Politik, Medien, Funktionären und Tribünenfans, ein Feind.
Eine Rolle, in der sich Rocco, Grille, Pansen und die anderen HFC-Ultras gefallen. Unverstanden von der Welt, verachtet, verlacht, verspottet und verkannt, so ist das Ultraleben, das "kein Ponyhof" ist, wie Matze, ein dünner, langer 20-Jähriger mit Stadionverbot, stolz bekennt.
Anfangs versuchen sie im Stück noch so zu tun, als spielten sie Theater. Es wird hochdeutsch gesprochen, gewürzt mit den "Aas" und "Alter", die für gewöhnlich in der Kurve des hier nur "KWS" geheißenen Stadions gesprochen werden. Es geht um eine Auswärtsfahrt nach Frankfurt am Main, zu einem völlig sinnfreien Vorbereitungsspiel, das im Desaster enden wird. Matze wirft einen Böller, die Polizei stürmt den Block, es wird wüst geprügelt und am Ende fühlen sich die Ultras wie immer ungerecht behandelt: "Ich habe doch nur einen Knaller geschmissen", sagt Matze. Und Grille hat auch "nur einen Freund aus der Polizeiumklammerung befreien" wollen.Es ist die Ameisen-Perspektive, aus der die in gruppendynamischen Fesseln liegenden Theater-Ultras auf die Fußballplätze der Republik schauen. Nur sie sind die wahren Lordsiegelbewahrer des wahren Fußballerbes. Alle anderen "machen unseren Sport kaputt", sind nur Spieler, denen "der Ultra-Quatsch auf die Nerven geht" oder "Erfolgspublikum - da, so lange gewonnen wird, fort, sobald es Niederlagen setzt".
Lustig werden diese dringlich vorgebrachten Weisheiten, wenn sie von Halbwüchsigen wie Börti, der seit zwei Jahren Spiele des HFC besucht, in Richtung von Leuten geschleudert werden, die seit 30 oder 40 Jahren kaum ein Spiel verpasst haben. "Acht Jahre sind wir über die Dörfer gefahren", glaubt sich Matze an die schlimmen Zeiten zu erinnern, als der traditionsreiche Hallesche FC in der fünften Liga gegen Kleckernester wie Aschersleben und Hettstedt anzutreten hatte. Diese Zeiten sind seit neun Jahren vorbei - Matze war drei, als sie begannen, und zwölf, als sie zu Ende waren.
Aber er glaubt, er liebt und er fühlt sich, als wäre er wirklich dabei gewesen. Bei allen hier geht es um solch gefühlte Authentizität, um eine geradezu talibanisch anmutende 150-Prozentigkeit, die keine Kompromisse kennt und jeden verachtet, der das anders sieht. "Die Bühne gehört uns" ist die Gelegenheit, durch ein theaterbühnenkleines Schlüsselloch hineinzuschauen in die Gedankenlandschaften einer Jugendszene, die für gewöhnlich niemanden von außen an sich heranlässt, weil sie der Ansicht ist, am Ende doch immer nur verraten zu werden. Mit einem örtlichen Fernsehsender sprechen sie nicht, weil der "immer nur nach Skandalen sucht". Mit einem örtlichen Radiosender wollen sie nicht reden, weil der Sponsor beim verhassten Verein der Landeshauptstadt ist.
Keine Schminke, kein Drehbuch, alles, was gesagt wird, ist im Rinnstein zusammengekehrt und wird nun in knapp 90 Minuten ungefiltert in den Saal geblasen, wie es in den Köpfen der Akteure brodelt: Polizisten sind Bullen und durchweg Arschlöcher. Fans des Magdeburger Konkurrenzvereins sind Bauern und allesamt dumm. Politik interessiert nicht, Schnaps schon eher. Wirklich wichtig aber ist immer nur das nächste Spiel, die Bewachung der eigenen Zaunfahne und im Gefecht mit verfeindeten Fangruppen niemals zu kneifen.
Ein Weltbild, das noch enger und fundamentalistischer ist als es der Anschein vermuten lässt. Alles hier riecht nach Testosteron, nach Männlichkeitsritualen und einem Narzissmus, der nur sich selbst kennt und über den eigenen Blick auf die Welt nicht einmal diskutieren möchte.
Ja, die jungen Männer auf der Bühne gehen arbeiten, sie gehen zu Schule, sie haben Freundinnen und Eltern. Aber sich selbst sehen sie zuallererst als Teil einer Gruppe, die sogenannte Choreos vorbereitet, lange, mühsame Fahrten zu Auswärtsspielen unternimmt und "alles für den Klub gibt", wie Rocco versichert. Er erzählt dann, wie er als kleiner Stift" hinaufgeschaut habe zu den Vorsängern auf dem Stadionzaun, die Götter für ihn gewesen seien. Heute ist der muskulöse Mann in Ballonhosen selbst ein "Zaunkönig" mit Megaphon, der seine Aufgabe so beschreibt: "Die Massen zum Mitmachen animieren". Was er dann auch gleich tut: Das ganze Theater ruft auf seinen Befehl "Chemie Halle", alles klatscht und schwenkt die Arme, völlig grundlos, den den nächsten Sieg feiert der HFC erst am nächsten Tag.
Doch Rocco, schweißnass, erlebt einen Moment, der ihn mehr mit der Nicht-Ultra-Gesellschaft da draußen versöhnen dürfte als jedes gutgemeinte Integrationsprogramm für kompliziert strukturierte Fußballfans, die es nicht schlimm finden, "Juden Jena" zu rufen, weil das immer schon gerufen wurde und "auf jeder Speisekarte Zigeunerschnitzel steht, ohne dass sich einer aufregt" (Matze).
Darf man das denken? Darf man das sagen? Nur weil "das mit den Juden das einzige ist, auf die das Jenaer wirklich allergisch reagieren", wie es im Stück heißt? Gibt es Provokationen, die zu gut funktionieren, als dass sie verwendet werden dürfen? Oder verwendet man sie - abseits von Stadionkurven und Fangesängen - nicht gerade deshalb unentwegt, egal, ob man Harald Schmidt heißt oder Rammstein, ob man ein Arbeitsamt als KZ-Tor zeigt oder einen Hit schreibt, in dem immerzu "Autobahn" gesungen wird?
Hier geht es um Fußball, aber eigentlich überhaupt nicht. Der Sport ist für Ultras Nebensache. Nur ein Anlaß, sich zu treffen, wie Hootenanny, Beat, Punk und Gruft, Atomkraft und Nato-Doppelbeschluß einst Anlaß für andere Jugend-Generationen waren, sich in Gruppen zusammenzufinden und dasselbe anzuzuziehen und dasselbe zu wollen, zu glauben und zu hoffen.
Im Publikum an diesem Abend im Theater, das weniger Theater ist als jede "Tagesschau", sitzen Dutzende erwachsener Männer, die Ultras waren, als es den Namen noch nicht gab. Auswärts gefahren sind sie damals mit der Deutschen Reichsbahn, auf Krankenschein haben sie frei gemacht, wenn der Spielplan es erforderte, und in den Tunneln unterm Berliner Alexanderplatz haben sie sich mit dem BFC-Mob Schlachten geliefert, die heute als Widerstand gegen das DDR-Regime gelten. Wie Joschka Fischer, der nach Adrenalin und Weltrevolution gierende Straßenkämpfer West, sind seine Ost-Pedants ruhiger geworden. Schmunzelnd schauen sie dem Nachwuchs zu, der auf der Bühne romantisch referiert, wie Fußball sein müsste, damit er richtig sein könnte: Ohne Red Bull und ohne Bullen, mit Platz, um über die Stränge zu schlagen, und Möglichkeiten, missverstanden zu werden, ohne dafür bezahlen zu müssen.
Theater ist das nicht, wenn Theater wirklich moralische Anstalt sein will, die über das Gute belehrt und dem Bösen zur Besseren Kenntlichkeit ein paar Hörner anklebt. Geht es aber darum, Wirklichkeit abzubilden und ein Fenster zu Räumen zu öffnen, die normalerweise verschlossen sind, ist das Stück Laientheater, das Regisseuer Dirk Laucke seine Laienspielschar als "Die Bühne gehört uns" aufführen lässt, rundum gelungen. Wie in einem Dokumentarfilm ohne Off-Kommentar darf der Zuschauern selbst urteilen, erwachsen wie er ist.
Acht Vorhänge bekommen die gegen Ende schon völlig unbefangen agierenden Mimen, die zornigen jungen Männer, eben noch beschäftigt mit einer grollenden Generalabrechnung mit der ganzen schlechten Welt, strahlen wie Honigkuchenpferde. Einer wird sich wegen der vielen Vorhänge nun Glatze schneiden lassen müssen. Hinter der Bühne singen sie dann HFC-Lieder.
Da wächst zusammen, was zusammengehört
Mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs jedes Autos falle während der Herstellung an, der "Streetfighter" hingegen komme mit zehn Prozent aus, könne also später entsprechend mehr verbrauchen, ohne weniger sparsam zu sein. Der von "Mad Max", einem von Fischers Lieblingsfilmen, inspirierte Entwurf des sogenannten 68er Modells verbraucht mit 280 PS rund 16 Liter auf 100 Kilometer, sei damit also "kein Frauenauto", wie es bei BMW hieß. Man sei jedoch sicher, dass der Tag kommen werde, "an dem die Leute wieder raus wollen aus ihren italienischen Trabi-Nachbauten und wieder richtige Autos fahren". Fischer, inzwischen vom Lauf zu sich selbst zurückgekehrtes Polit-Schwergewicht mit Beratervertrag beim Atom-Konzern RWE, sei für diese Zeit das richtige Testimonial: "Der Mann ist ein Macho und er lebt das", verriet ein Mitarbeiter.
Samstag, 19. September 2009
Mummenschanz vom Muselmann
Neue Todesdrohung gegen Deutschland! Mit niegekannter Frechheit fordert ein verschleierter Al-Kaida-Kämpfer im Internet den Rückzug deutscher Truppen aus Afghanistan und den deutscher Urlauber aus der Türkei. Anderenfalls werde seine Organisation "noch mehr noch wackligere Videoschnipsel in noch vernuschelteren Sprachen ins Internet stellen". Durch ein Konzept, das Experten "Social-Web Terror" nennen, sei es Al Kaida möglich, "so häufig mit Anschlägen zu drohen, "dass Deine Zeitungen nicht mehr hinterherkommen werden mit dem Warnen vor den Warnungen", verkündet der Sprecher, der hinter einem Tisch aus Sperrholzplatten sitzt und sich nach eigenen Angaben mit einer "alten Unterhose" seines "Freundes Ümir" maskiert hat, "um nicht abgehört werden zu könne". Wie ernst es Al Kaida mit der neuen Drohung meint, zeigt nach Ansicht von Experten die Tatsache, dass die islamistische Organisation erstmals westliche Popmusik verwendet, um "verunsicherte junge Leute" (Al Kaida) im Westen für die "Befreiung Waziristans" zu begeistern. Nach Aussage des Videosprechers, der inzwischen als Al Blabla, der Bayer identifiziert werden konnte, würden bald zahllose junge deutsche Männer, enttäuscht vom Ausgang des letzten Ausgabe von "Schlag den Raab" dem Westen "den Heiligen Krieg erklären, sich alte Unterhosen oder Handtücher um den Kopf wickeln und in ihren Kinderzimmern Fernsehstudios" zur Herstellung von Drohvideos einrichten. Inwieweit die Staatssicherheit der ehemaligen DDR mit den Taliban-Kämpfern zusammenarbeitet, ist derzeit noch unklar, das BKA prüft aber inzwischen einen Hinweis, der im Video offenbar unabsichtlich gegeben wird: Danach spricht der Moderator davon, dass sein Studio aussehe "wie das Studio von Elf99", einer Sendung, die sich zu DDR-Zeiten großer Popularität erfreute. Worauf der wiederholte Ausspruch "Ich bin das Walroß, rukedikuh, ihr seid die Eiermänner" zielt, liege derzeit noch völlig im Dunkeln, hieß es in Wiesbaden. Sicher sei, dass das Video "hochprofessionell" unter Verwendung von Strom und einer Handykamera angefertigt wurde.
Optimismus aus Übersee
Rätsel, Rätsel, Rätsel überall im Land. Woher nimmt der Walter Steinmeier nur seinen Optimismus, fragen sich die einfachen Menschen draußen auf den Marktplätzen, auf denen die Schneeeule der deutschen Sozialdemokratie äußerlich unbeeindruckt von verheerenden Umfrageresultaten mit Krächzstimme darum kämpft, die Deutschen künftig aus dem Kanzleramt umfassend kontrollieren, bevormunden und in neue Kriege führen zu dürfen.Wie immer ist es Google, das Schweizer Taschenmesser des Datennetzes, das uns hilft, das Geheimnis um Walter Steinmeiers unerklärlichen Glauben an ein Happy End am Wahltag zu lösen. Die Suchmaschine aus Übersee weiß heute schon, was nach dem 27. September sein wird. Ja, auf die angefangene Frage "Steinmeier ist?" schlägt Google vor "Steinmeier ist Kanzler". Was denn auch sonst, sagt Franz Müntefering, zu dem den der Netzgigant als erstes assoziiert: "Müntefering neue Freundin". Während sie bei "Merkel" vorschlägt, "ist Jüdin", "isst gern Döner" oder "ist tot".
Freitag, 18. September 2009
Wer hat es gesagt?
Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es ebendort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen.
Qualitätsjournalismus, geklaut
Wo die Verleger doch jetzt so jammern, dass ihnen ihr handgemachter Qualitätsjournalismus dauernd geklaut wird, gehen wir gleich mal mit gutem Beispiel voran und stehlen aus dem superaufwendig von zahllosen Praktikanten zugetexteten Magazin "Focus" ein imponierendes Beispiel für elegant formulierte Volksaufklärungspoesie. Rechnerisch gibt der Beitrag Rätsel auf, aber der "Focus" steht eben für knallharte Recherche, Fakten, Fakten, Fakten und Helmut Markwort, nicht für Mathematik.
Ohne die kommt er zu solchem Ergebnis: "Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würden die Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche um 3 Prozentpunkte zulegen und auf 26 Prozent kommen. Die Union bleibt nach der am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“ veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap unverändert bei 35Prozent. Die FDP erreicht 14 Prozent (unverändert), die Linke 11 Prozent (minus 1) und die Grünen kommen auf 10 Prozent (minus 2). Schwarz-Gelb hätte demnach mit 49 Prozent weiterhin einen knappen Vorsprung vor dem linken Lager, das auf 47 Prozent kommt.
Auch in der Kanzler-Frage haben sich Merkel und Steinmeier angenähert.
Ohne die kommt er zu solchem Ergebnis: "Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würden die Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche um 3 Prozentpunkte zulegen und auf 26 Prozent kommen. Die Union bleibt nach der am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“ veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap unverändert bei 35Prozent. Die FDP erreicht 14 Prozent (unverändert), die Linke 11 Prozent (minus 1) und die Grünen kommen auf 10 Prozent (minus 2). Schwarz-Gelb hätte demnach mit 49 Prozent weiterhin einen knappen Vorsprung vor dem linken Lager, das auf 47 Prozent kommt.
Auch in der Kanzler-Frage haben sich Merkel und Steinmeier angenähert.
Donnerstag, 17. September 2009
Angelas Fischerhütte: Innen hui, außen pfui
Nach Jahren ist sie zurückgekehrt, die Kanzlerin, an den Ort, an dem sie als junge Politkerin ein halbes Dutzend kernige Fischer ins Halbkoma schwatzte, so dass die, soweit noch dazu fähig, sie seitdem wählen und wählen und wählen. Da oben in Lobbe, wo Rügen zu Ende ist, bietet jede Dorfschenke frischen Rügenfisch an, der offenbar durchweg im Kühlschiff aus Norwegen geliefert wird, denn "der letzte von uns", erzählt Ex-Fischer Eberhard Heuer, "hat 1998 aufgehört". Durch das EU-Recht mit den Fangquoten habe niemand mehr von der Fischerei leben können, sämtliche zwei Millionen Fischgaststätten auf Rügen mussten auf Atlantik-Lachs umstellen, der vor dem Braten zwei Tage in Boddenwasser gelaugt wird.Angela Merkel, die nach Ansicht der beiden Fischer, die zum großen Wiedersehen vor der "Bild"-Kamera gekommen sind, "älter" geworden zu sein scheint seit 1990, trägt wie immer ihren "camelfarbenen" (Bild) Pokemon-Blazer und tröstet: "Wir werden alle nicht jünger". Die Baracke, in der diese bemerkenswerte Weisheit ausgesprochen wurde, sieht von außen aus wie unten im Bild, sie zu betreten ist verboten, das Ordnungsamt Lobbe wird den Kanzlerinnenbesuch deshalb mit einem Ordnungsgeld ahnden müssen.
Ein schönes Stück europäischer Kultur
Langsam spricht es sich auch in Übersee herum: Demokratie und Fernsehkultur sind originär europäische, wenn nicht sogar deutsche Erfindungen. Glücklicherweise hat es sich unser kleines Propaganda-Blog PPQ zur Aufgabe gemacht, diesen schönen Gedanken in die Welt hinaus zu tragen - und das mit Erfolg, wie das ehrfürchtige Echo aus Übersee zeigt. Auch das vor allem in Missouri vielgelesene Magazin Eurokulture kann dem am letzten Sonntag in einem bundesweiten Großversuch erstmals auf vier Fernsehkanälen gleichzeitig gezeigten Krimi "Das Duell" seinen geharnischten Respekt nicht versagen. Während einheimische Medienkonzerne über "Den schlechtesten ,Tatort´ aller Zeiten" lamentieren, kommt die Botschaft in Obama-Amerika an: "Simplicity in Diversity’ (Eurokulture) ist ein Trend, dem sich niemand entziehen kann, der "Prime Minister Merkel’s recent television performance" (Eurokulture) gesehen hat. Wo aber kommt der Goebbels her? Der hat doch diesmal gar nicht mitgespielt?
Druck! Druck! Eisenstuck!
„Druck, Druck, Eisenstuck“, dröhnt es aus Kakoos voluminöser Brust, auf der frischer Schweiß feucht glänzt. Der Mann mit dem dekorativen Strichcode-Tattoo am Halsansatz wälzt sich auf dem Bühnenboden, er lässt Flammen aus dem Keyboard schlagen und wirft den Mädchen in der ersten Reihe nasse Kußhände zu. Dazu tönt er sinnlich „Carola Stern / und Oliver Nix / stehen und sterben / tragische Tricks“. Kakoo, der Hühne mit dem Heldentenor, ist Sänger bei Eisenstuck, einer Band, an der sich die Geschmäcker scheiden. Hier treffen heftige Core-Gitarren auf Opern-Pathos, Keyboard-Teppiche grundieren beißend scharfe Systemkritik und wummernde Beats begleiten Texte, in denen Drummer Wurstmann eine namenlose Ex-Geliebte stöhnend um Bestrafung anfleht, denn: „Ohne Dich spür ich mich nicht“.Eisenstuck, die jetzt als erste Band weltweit die Rammsteinballade "Pussy" coverten, sind keine Neulinge. Dreizehn Jahre hielten sich Kakoo, Wurstmann und Keyboarder Kneiperer in einem Kellerstudio am Dresdner Stadtrand vergraben, um die Erfahrungen aus ihren früheren Bands This Tragic Youth, Kaltkrawall und Elvis`Erben in eine neue Form zu gießen.
Erst all diese unterschiedlichen Einflüsse zusammen ergeben Eisenstuck. Letztes Jahr noch spielten die sechs im Vorprogramm von Punklegende Frank Black - und den Hauptact mit ihrer rauschhaften, wahlweise mit Revolutions- und Turbokapitalismus-Phantasien oder Todesängsten gespickten Show locker an die berühmte Wand. Das hatte Folgen: Erst nahm sich Ex-Onkel-Manager Carol Schrotthofer der seltsamen Gesellen an, dann drängte sich Underbelly-Produzent Jacob Crawes, der die Band zufällig bei einem ihrer seltenen Konzerte gesehen hatte, anschließend spontan hinter die Bühne, um ihnen seine Mithilfe bei der Produktion des Debütalbums anzubieten.
Sie haben abgelehnt, noch gezeichnet vom Schock um das Verschwinden ihres langjährigen Begleiters Drechselerer, der Mitte Mai von einem seiner seltenen Ausflüge in die sehenswert rekonstruierte Dresdner Innenstadt nicht zurückgekehrt war. Stattdessen haben Eisenstuck auf ihre eigene Kraft vertraut.
Und nun ist es soweit. Eisenstuck, die sich auf den obskuren ostdeutschen Liedermacher Gerhard Schöne als Namenspaten berufen, haben ihre erste Platte fertig. Das schlicht „Seuchenmatte“ betitelte Werk versammelt Brutalo-Klänge allererster Güte: Industrial-Rhythmen kämpfen gegen geschliffene Gitarrenriffs, klassische Chöre federn Kakoos wagnerianisches Röhren gegen scharfkantige Computerloops ab.
Eisenstuck sind dabei sehr absichtsvoll alles andere als politisch korrekt. In „Hype my heart“, dem mit Abstand eingängigsten der elf Stücke, keucht Kneiperer etwas, das böse Zungen eine Weltuntergangsbeschwörung nennen werden. Auch sonst geht es gnadenlos zur Sache. „Lass mich ran / stell dich nicht so an“, heißt es im heftigen Opener „Lass mich“, und „Schweigen für den Augenblick / Schweigen für den Tag“, reimt das stets barbrüstig hinter einem saalhohen Gitter auftretende Sextett in „Ende nah“.
Eisenstuck ist Pose und Provokation, Pomp und Pop. Eisenstuck lebt von der bemerkenswerten Begabung seiner Mitglieder zur abstrusen Übertreibung: Die Welt ist schlecht, die Apokalypse nah und nur grausam-klare Wahrheit kann uns retten. Die Band sei an jenem Herbstabend in der heute längst legendären Dresdner Diskothek „wie aus einer höheren Bestimmung heraus entstanden“, beteuert Trommler Wurstmann ganz ernsthaft. Eine Art Wink des Schicksals. „Die alte Gesellschaftsordnung war zusammengebrochen, alle unsere alten Freundinnen hatten uns verlassen, in unseren alten Bands lief es nicht mehr - da trafen wir uns und es war klar: Wir müssen Eisenstuck sein.“
Axtverbot ins Grundgesetz
Unmittelbar nachdem die Polizei den Täter gestoppt hatte, begann die politische Nachbereitung des Ereignisses durch den Gewaltexperten Christian Pfeifffffer, dereinst Entdecker des gewaltauslösenden Potentials des Kollektivtopfens in der DDR, der sich sofort Zeit für einige Fernsehauftritte nahm. Pfeifffer warf den Medien vor, durch zahlreiche Berichte über Amokläufe mit seiner eigenen Unterstützung dafür zu sorgen, dass Amokläufer den Eindruck gewännen, sie könnten durch ihre Tat berühmt werden. Er, Pfeiffer, beweise hingegen seit Jahren, dass man nicht selbst Amok laufen müsse, um ins Fernsehen zu kommen. Es reiche völlig, über Amokläufe zu reden.
Das politische Berlin repetierte derweil die kurz nach dem Amoklauf von Winnenden erschlaffte Diskussion über ein schräferes Waffenrecht. Äxte dürften künftig nicht mehr in Baumärkten und nicht mehr an Minderjährige verkauft werden, forderten Spitzenpolitiker. Wer Äxte oder Messer besitze, müsse künftig mit verdachtsunabhängigen Kontrollen durch die Ordnungsämter rechnen, wer hingegen Flaschen und/oder brennbare Flüssigkeiten Jugendlichen zugänglich mache, habe mit einer Geld- oder Haftstrafe im mindestens zweistelligen Bereich zu rechnen.
"Der Staat muss konsequent sein", hieß es aus der Bundes-SPD, die die lasche Haltung von Klimakanzlerin Angela Merkel zum Verbot von Killerspielen für die Tat verantwortlich macht. Die "Linke" wies darauf hin, dass bei einer rechtzeitigen bundesweiten Einführung des in der DDR bewährten Abiturs nach 12 Jahren gar kein Schüler der 13. Klasse Amok hätte laufen können. Führende linke Politiker erneuerten ihre Forderung, die Zahl der Polizisten im Lande zu erhöhen. "Nur der Personalabbau bei der Polizei erlaubt es den Tätern, ihre Taten durchzuführen", hieß es im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. In der DDR, die noch über einen gut ausgebauten Sicherheitsapparat verfügt habe, sei es zu solchen Vorfällen nie gekommen, obwohl Äxte, Beile und Messer zum Teil frei verkäuflich und manchmal sogar erhältlich gewesen seien.
Das Bundeskanzleramt schloß eine Gesetzesänderung noch vor der Bundestagswahl aus, kündigte jedoch an, nach dem Urnengang vom 27. September Maßnahmen ergreifen zu wollen, um Messer, Gabel, Scher` und Licht durch Polizei und Ordnungsbehörden schärfer kontrollieren zu können. "Es geht um unsere Kinder", erläuterte ein mit den Planungen vertrauter Berater der Klimakanzlerin, warum die Große Koalition ein Axtverbot ins Grundgesetz aufnehmen will. "Wenn wir dadurch der das Aufstellen von Stoppschildern vor Besteckregalen nur ein einziges Kind retten können, dann müssen wir das tun."
Gekeuchter Kataklysmus
Von wegen, sie ficken selbst! Cineasten erkennen es sofort. Rammstein, die Rummelcombo aus den Mecklenburger Weiten, hat sich im "Skandalfilm" (Bild) zu ihrem neuen Liedlein "Pussy" ganz eindeutig doubeln lassen. Mit flotten Schnitten soll darüber hinweggetäuscht werden, doch die Provokation ist hier wie überall im Rock´n´Roll seit dem Tod von Keith Moon nur billige Pose, imitiert von outgesourcten studentischen Hilfskräften.
Echte Kunstblut-Rocker wie die aus Dresden stammende Kultkapelle Eisenstuck haben solches Schmierentheater nicht nötig, sie brauchen kein nacktes Fleisch und keine schiefen Ständer, um ihre Zuhörer im Gefühl zu wiegen, etwas ganz Entscheidendes zu verpassen. Hier brennen die Flammen noch selbst, hier juckt keinem Assistenten der Schritt, hier wird keine Mietpussy bemüht. "Devils Deep" ist gekeuchter Kataklysmus auf ein stolperndes Schlagzeug aus dem Spielzeugladen, der Triumph der Authentizität über den Anschein, nicht Sex, sondern mindestens sieben auf der nach unten offenen Geschmackskala. In Dresden schon ein Geheimtipp in Künstlerkreisen!
Echte Kunstblut-Rocker wie die aus Dresden stammende Kultkapelle Eisenstuck haben solches Schmierentheater nicht nötig, sie brauchen kein nacktes Fleisch und keine schiefen Ständer, um ihre Zuhörer im Gefühl zu wiegen, etwas ganz Entscheidendes zu verpassen. Hier brennen die Flammen noch selbst, hier juckt keinem Assistenten der Schritt, hier wird keine Mietpussy bemüht. "Devils Deep" ist gekeuchter Kataklysmus auf ein stolperndes Schlagzeug aus dem Spielzeugladen, der Triumph der Authentizität über den Anschein, nicht Sex, sondern mindestens sieben auf der nach unten offenen Geschmackskala. In Dresden schon ein Geheimtipp in Künstlerkreisen!
Mittwoch, 16. September 2009
Wiedergeboren als Citibank-Kunde
Er ist einer der größten Rocksänger der Welt, ein Star mit gutem Herzen, der im Glauben fest geblieben ist und so schon Afrika und das Weltklima retten konnte. Auf der Bühne ist Bono Vox, der eigentlich bloß Paul Hewson heißt, für die Fans der Popgruppe U2 ein Gott, auf der Straße aber, wenn er gerade vom Geldautomaten kommt und auf den Bus wartet, bleibt der 49-Jährige mit den Stiefelbeinen auf dem Marmorfußboden. Das Notizbuch in der linken Hand enthält übrigens schon alle Songtexte für das im Jahr 2011 zur Veröffentlichung anstehende Album "November", mit dem das irische Quartett an die dann genau drei Jahrzehnte zurückliegende Veröffentlichung ihres ersten Großwerkes "October" erinnern will.
Geradewegs in den Untergang
Noch ein Beleg dafür, wie schnell es mit den "neuen Medien" zu Ende geht. Aber das sagen wir ja schon lange.
Millionen für die Mutterloge
Im Zuge der Umsetzung des Maßnahmeplans hat Bauminister Wolfgang Tiefensee jetzt einen Förderbescheid an die Nationale Wissenschaftakademie Leopoldina übergeben, mit dem diese einer Freimaurerloge aus Berlin das traditionsreiche Tschernyschewskij-Haus in Halle abkaufen kann. Bis vor einigen Jahren hatte die Universität das Haus genutzt, dann war es der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ zurückübertragen worden.
Die konnte nichts damit anfangen und ließ das Haus verfallen. Ein Käufer war nicht in Sicht, ja, es wurde nicht einmal versucht, einen zu finden. Dennoch ist er jetzt da: Mit 15,7 Millionen Euro aus dem Rettungspaket II wird das monumental große Gebäude zuerst einmal gekauft und dann renoviert, auf dass die Nationale Akademie später einen zünftigen Hauptsitz vorweisen könne.
Verbot der Woche: Boykott gegen Brasilien
Er ist der erfolgreichste DSDS-Sieger, hat Millionen Platten verkauft und den deutschen Boulevard-Medien Seiten gefüllt wie kaum ein anderer. Jetzt aber steht Mark Medlock, ein junger Künstler, an den sich kaum jemand erinnern kann, der schon einmal ein Lied von ihm gehört hat, vor einem Verbot durch den deutschen Verfassungsschutz.Grund ist ein Ausflug Medlocks nach Brasilien, wo er wegen des in Deutschland klimawandelbedingt miserablen Sommers ein Video zu einem neuen Hit drehen musste. Nach ASngaben des Musikmagazins "Bild" "versprühe" Medlock im Film "mit seinem Sommersound gute Laune", er trage "witzigerweise sogar eine Jacke mit dem Gesicht von Dieter Bohlen". Das dicke Ende aber entsetzt alle Demokraten: "Nach knapp zwei Minuten sind im Video Medlocks Tänzer zu sehen, die sich ausgelassen vor einer Wand bewegen" - und an dieser Wand hänge ein Hakenkreuz!
Hilflos der Versuch von Medlock-Manager Volker Neumüller, die Verantwortung auf andere Länder und fremde Sitten abzuwälzen. Medlock habe, "natürlich keine Nazi-Symbole in seinem Video verwendet", sondern nur eine Kneipenwand in Rio, die von "internationalen Künstlern gestaltet" worden sei. Verwendung dabei habe auch die "Swastika" gefunden, bei der es sich um "ein sehr altes Symbol" handele, "das unter anderem im Hinduismus eine wichtige Rolle" spiele. Das Symbol sei vor allem in Indien verbreitet und dort auch nicht verboten.
Nach dem Hinweis aufmerksamer Blockwärter und Blockwärterinnen will Mark Medlock dennoch schnell handeln. "Wir werden die entsprechende Szene trotzdem aus dem Video nehmen“, kündigte sein Manager an. Die Verfassungsschutzbehörden haben allerdings inzwischen intern klargestellt, dass diese Maßnahme allein nicht ausreichen wird. Das Video kursiere in der verfassungsfeindlichen Version bereits "im rechtsfreien Raum Internet", die berühmt-berüchtigten "Falschen" applaudierten Gerüchten zufolge auch schon, nachdem sie durch die "Bild"-Zeitung vom Hakenkreuz-Hit erfahren hätten.
Konsequenz aus dem Fauxpas müsse deshalb entweder ein sofortiges Verbot von Mark Medlock sein oder aber dessen Bereitschaft zum kompletten Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Brasilien.
Vor einem solchen Schritt, der das südamerikanische Land international völlig isolieren würde, stünden vorerst aber bilaterale Gespräche auf höchster Ebene an, zu denen führende indische Hinduisten geladen werden sollen. Die Bundesregierung wolle darauf dringen, das Zeigen der vorgeblichen "Swastika" auch auf dem indischen Subkontinent als verfassungsfeindliche Tat unter Strafe zu stellen. Anderenfalls müsse vermutlich auch Indien mit den Konsequenzen leben: Man werde keine Mark-Medlock-CDs mehr in das asiatische Land exportieren und bislang ausgeführte Exemplare zurückverlangen.
Wahlkampf mit wirren Linien
Andere haben den Wahl-O-Mat, der nach Beantwortung der Frage "Sind Sie für den A) Frieden? oder B) Krieg?" einen passenden Platz für das Kreuzchen am 27. September empfiehlt. Google dagegen hat ein "Trendtool", das den nach dem großen Kanzlerduell verschärft verunsicherten Volksmassen noch weiter hilft: In wirren Linien nimmt das Wahlwerkzeug aufgrund der über Google gestellten Anfragen vorweg, was "Forsa" und "Infratest" bisher teuer von unlustigen Studenten erstellen lassen mussten. Das Ergebnis des von 14 Millionen Hartgesottenen Wahlbürgern tapfer durchgestandenen Fernsehduells ist danach klar. Sowohl Steinmeier als auch Merkel haben an Beliebtheit zulegen können - der normale Effekt eines Fernsehauftritts also.
Gesänge fremder Völkerschaften: Boogie in LA
Völkerkunde hört ja nicht im Wahlkampf auf, Musikwissenschaft und Brauchtumsforschung können nicht Pause machen, nur weil eine "Schicksalswahl" (Müntefering) ansteht. In einem großangelegten Experiment sammelt das ethnologische Extrem-Board PPQ seit Jahr und Tag die melodanten Entäußerungen fremder Völkerschaften, um statt des von Samuel P. Huntington vorausgesagten "Krieg der Kulturen" einen "Freundschaftstanz der Völker" auszulösen. In Los Angeles gehen junge Menschen heute schon mit gutem Beispiel voran: Zum verhältnismäßig besinnungslos bollernden Boogie-Ersatz einer namentlich nicht bekannten Grunge-Band schieben sie einen Friedenswalzer übers Parkett in "Hennessey's Tavern".
Kein Fake!
In seiner großen Güte und Weitsicht bringt der Weltgeist hin und wieder Dinge zusammen, die nicht zusammengehören wollen, und doch zusammengehören. Die unten zu sehende Rückseite des Fernsehmagazins "Prisma" ist solch ein Fall. Wie ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, so werden hier alle Diskussionen um Kanzler-Duelle und Wahlkampf-Gewürge in das sanfte Licht der Erkenntnis getaucht, vulgo: ausgekotzt.
Dienstag, 15. September 2009
Früher aufstehen, früher ableben
Früher aufstehen, früher sterben: Die Einwohner von Sachsen-Anhalt, die nach Berechnungen ihrer Landesregierung früher aufstehen als die Bürger aller anderen Bundesländer, haben es auch mit dem Ableben eiliger. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes sterben Sachsen-Anhalter früher als der Durchschnitt der Deutschen. Im vergangenen Jahr lag das durchschnittliche Sterbealter im westlichsten aller östlichen Bundesländer bei nur 75,5 Jahren - etwa zwei Jahre niedriger als in deutschland insgesamt. Frauen werden in Sachsen-Anhalt im Schnitt nur 79,7 Jahre alt, Männer sogar nur 71 Jahre, bundesweit hingegen schaffen Frauen 80,8 Jahre alt und Männer immerhin noch 72,9 Jahre. Da vor allem junge Menschen das Land weiterhin in scharen verlassen, steigt das Durchschnittalter, wodurch das Sterben unablässig zunimmt: Im vergangenen Jahr starben 29.905 Sachsen-Anhalter, 1,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hier stehen die Leute nicht nur früher auf, hier sterben sie auch schneller aus.
Mehr Staat wagen
Der Staat gibt es ja sowieso sofort wieder aus - etwa durch staats- und landeseigene Banken, bei denen Walter Steinmeiers Traum von "umfassender, kluger Kontrolle" bereits umgesetzt ist: Bei den Landesbanken wie bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau sitzen neben dem kommenden SPD-Kanzler auch der amtierende SPD-Finanzminister, zahllose Gewerkschafter, Politiker der Linken, der Grünen, von CDU, CDU und FDP in den Aufsichtsgremien.
Mit schönem Erfolg, wie wir hier beim kleinen Finanz-Blog PPQ bereits im Februar 2008 nicht müde wurden zu betonen. Kaum zwei Schwangerschaften und einen Weltuntergang später bekommt die Politik dasselbe Armutszeugnis nun auch von einer Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Marcel Thum, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet. Nach der Untersuchung gelang es den 13 größten öffentlich-rechtlichen Geldhäusern während der Wirtschaftskrise im Schnitt zwei- bis dreimal so viel Geld zu verlieren wie die 16 größten privaten Konkurrenten, die auf Hilfe und Rat von hochrangigen Experten wie den früheren selbsternannten "Sparminister" Peer Steinbrück verzichten mussten.
Der an der Technischen Universität Dresden und am Ifo-Institut tätige Ökonom habe neben höheren Verlusten", schreibt die FAZ, "zudem einen Mangel an Kompetenz der Aufsichtsräte festgestellt". Vor allem in staatlichen Banken hätten viele Aufsichtsratsmitglieder wenig Sachkenntnis, je weniger Kompetenz der Aufsichtsrat gehabt habe, desto höher seien tendenziell die Verluste ausgefallen.
Laut "FAZ" weist der Wirtschaftsprofessor den Einwand zurück, öffentlich-rechtliche Banken würden deshalb schlechter geführt, weil sie die Führungskräfte schlechter bezahlten und darum nicht um Spitzenkräfte konkurrieren könnten. Die Vergütung sei laut Thum kaum geringer als bei Privatbanken - mit Zustimmung der Aufsichtsgremien, deren Mitglieder neuerdings so tun, als sei die Kürzung von Managergehältern der Königsweg zur Herstellung gesamtgesellschaftlicher Gerechtigkeit.
Grönland gibt Gas
Kuupik Kleist, Regierungschef der teilautonomen Insel, auf der die damals noch als Klimakanzlerin amtierende Angela Merkel im Sommer 2007 während eines Kurzausfluges ins Eis eigenhändig das Weltklima gerettet hatte, begründete den Wunsch nach drastisch erhöhten CO2-Emissionsrechten für Grönland mit geplanten Industrieprojekten wie etwa Aluminiumschmelzen. Grönland müsse Gas geben, um für die 50.000 Bewohner der Insel wirtschaftliche Grundlagen für die angestrebte staatliche Unabhängigkeit zu schaffen. Die Insel-Regierung müsse sich deshalb das Recht sichern, den derzeitigen Ausstoß von 650.000 Tonnen CO2 jährlich auf zehn Millionen Tonnen zu steigern. Das würde 170 Tonnen je Einwohner entsprechen - etwa doppelt soviel wie der Merkel-Rettungsflug ins Eis ausgaste.
Montag, 14. September 2009
Wer hat es gesagt?
Wenn es gut läuft, soll der Staat die Pfoten weg lassen, wenn es schlecht läuft, soll er einspringen.
Put out the lights on the age of reason
Erstaunlich doch, wie weitsichtig Kunst sein kann, selbst wenn sie nur Rocknroll zu sein vorgibt. Als Tim Brownlow vor einem Jahrzehnt die Zeilen "I saw the light / saw the light / just for 15 seconds" in seine Gitarre hackte, konnte er natürlich nicht wissen, dass das Licht beim großen Kanzlerinnenduell anno 2009 tatsächlich nur für allenfalls 15 Sekunden leuchten würde, ehe ein intellektueller Stromausfall Kandidaten und wißbegieriges Publikum gemeinsam ins Koma riß.
"It burnt so bright / burnt so bright", ahnte Brownlow, der als Brite wenig im Sinn hat mit deutschen Befindlichkeiten, damals noch höflich. Doch auch das Wegnicken der Bundestagswahlfans draußen an den Empfangsgeräten sah er voraus: "but i was medicated", entschuldigte er sich angesichts des einschläfernden Blabla aus dem Bildschirm.
Brownlow ist stark geblieben und er hat das enthüllende Lied zu Ende geschrieben, das Merkel und Steinmeier nunmehr als abendfüllendes Theaterstück wiederaufgeführt haben. Im Original ist es aber immer noch hübsch.
"It burnt so bright / burnt so bright", ahnte Brownlow, der als Brite wenig im Sinn hat mit deutschen Befindlichkeiten, damals noch höflich. Doch auch das Wegnicken der Bundestagswahlfans draußen an den Empfangsgeräten sah er voraus: "but i was medicated", entschuldigte er sich angesichts des einschläfernden Blabla aus dem Bildschirm.
Brownlow ist stark geblieben und er hat das enthüllende Lied zu Ende geschrieben, das Merkel und Steinmeier nunmehr als abendfüllendes Theaterstück wiederaufgeführt haben. Im Original ist es aber immer noch hübsch.
Blass wie Milch
So also geht Baden ohne Schaum. Kaum haben sich Kanzlerinnenamtsinhaberin Angela Steinmeier und Wunschtraumkanzler Walter Merkel ihre auswendig gelernten Parteiprogrammzitate in die Bildröhre verklappt, setzt das große Deuten an. War Walter Steinmerkel besser drauf? Oder hatte Angela Merkelmeier die besseren Plattitüden? Blass wie Milch vom beißenden Scheinwerferlicht duellierten sich die Koma-Kombattanten eine endlose Fußballspielzeit lang mit Walzstahlsätzen aus Assistentenhand, Merkelmeier stets mit offenem Blick freigeradeaus an der Kamera vorbei, Frank Meiermerkel mit schiefen Elvis-Mund, aber tongebrannt bis ins Herz. Die Steuer wollen beide senken, um sie zu erhöhen, die Atomkraft muss abgeschaltet oder auch klug ersetzt werden, der Mindestlohn ist ein Segen, aber man muss sich dennoch regen, um "Wachstumsimpulse" zu setzen, die den Gerechtigkeitsfaktor allgemein und im Speziellen weiter erhöhen. Es wäre leicht gewesen, in diesem Duell der Dilettanten einen Kantersieg zu landen. Einmal so tun, als bräche man aus aus der von den Phantomfedern geschriebenen Rolle, einmal die Oma, die Familie, die eigene schwere Kindheit angeführt oder bekannt, dass man sich darüber klar geworden sei, Teil einer billigen Inszenierung ohne Unterhaltungswert zu sein. "Ich finde", sagte Walter Merkelstein nicht, "die Menschen draußen an den Empfänger haben Besseres verdient, als uns beim Stroh dreschen zuzusehen!" Ein Loch, randvoll mit Bewunderung klaffte im Studio auf, ehe Angela Meiermerkel erleichtert antwortet: "Wo Sie das gerade ansprechen, aus meiner persönlichen Lebensgeschichte heraus bin ich gar nicht bereit, zu einer Inszenierung beizutragen, die mich fatal an das Polittheater der untergegangenen SED-Diktatur erinnert".
Auch dieser Satz fällt nicht, Diskutanten und Augenzeugen dämmern gemeinsam einem "Tatort"-Ende entgegen, das heute auf vier Kanälen ausbleibt. Steinmeier, schreckt ein Beobachter mittendrin hoch, ist gerade elefantendamen-porzellanladenmässig in Plasbergs Ulla-Schmidt-Falle getappt. Das hat der Rest der Republik inklusive der Division von Deutern, die den Battleground belagern und Schnittchen essen, gar nicht so mitbekommen. Eine "relative Mehrheit", heißt es dann souverän verrätselt, sei für Merkelmeierstein oder glaube doch wenigstens, dass eine Mehrheit nicht gegen ihn und sie sei. Später empört sich die leichenblaß geschminkte Amtsinhaberin, die ein bisschen einem Addams-Family-Film entstiegen zu sein schien, mit schlecht gespieltem Grimm über Maybritt Illners Tigerentenkoalitionsmetapher, die als einziges bleiben wird von einem Abend, über den es auf Twitter heißt "Gebt mir meine 90 Minuten Lebenszeit zurück".
Die SPD-Ortgruppen jubeln, dass Walter Steinmerkel nicht verloren hat. Ein Sieg! Die CDU-Ortsgruppen feiern, dass die Kanzlerinnendarstellerin den "Herausforderer auf Abstand gehalten" habe. Sieg! Die FDP höhnt, die Linke stänkert, die Grünen lassen eine Frau mit Dauerwelle auch Kritisches sagen. Manfred Mustermann aus Mansfeld indes stöhnt engagiert: "Das sind also unsere besten Köpfe".
Ja, sind sie! Aber viele draußen im Lande seien trotzdem immer noch unentschieden, ergibt eine Umfrage, für die 200 lustlose Studenten 1029 Zuschauer befragt haben, die während des Kanzlerduells immer wieder auf den Simpsons-Film umgeschaltet hatten, den ein renitenter Kleinsender alternativ zur Schicksalsreportage gesendet hatte. Keiner hat das zugegeben, alle haben Walter oder Angela gewählt. Thea Dorn ist später am Abend im "Philosophischen Quartett" übrigens ganz blond und sie beschreibt recht kühl "diese ganze relativistische Debatte, die wir uns geleistet haben". Thea Dorn hat es nicht gesehen. Einfalt in Vielfalt. Auf vier Sendern. Drei Stunden Nichts. Mit zwei Niemanden. Ein letztes Mal.
Sonntag, 13. September 2009
Krise? Welche Krise?
Halb ziehen sie ihn, halb sinkt er hin: In Spiel eins nach dem Ende der weltrekordverdächtigen Auswärtsserie des Halleschen FC hat ausgerechnet Abwehrchef Adli Lachheb die rundum ausgerufene Krise weggeschossen. Nach einem schönen Strafraumdurchbruch von Regisseur René Stark drückt der Tunesier den Ball in der 30. Minute fast von der Torauslinie ins Netz. Fünf Minuten später legt Kapitän Nico Kanitz nach: Den Elfmeter, den der Schiri nach einem zarten Foul an Pavel David verhängt hat, schmettert der "Dicke" kompromißlos in die Maschen.
Bis dahin war Tennis Borussia nur durch die drei Dutzend mitgereiste Fans und den überengagiert über den Platz hetzenden Stürmer Landu-Tubi aufgefallen. Gerade zweimal schaffen es die Violetten bis zur Halbzeitpause in die hallesche Hälfte, Torchancen hatten sie dank eines konzentriert zu Werke gehenden Gastgebers, bei dem erstmals in einem Heimspiel wieder die Betonabwehr aus der letzten Saison begann, keine. Überlegt schieben sich die Rot-Weißen die Bälle zu, die Geld-Schwarzen kommen immer zu spät. Bis zum Pausenpfiff hätte es nach Spielanteilen gerechnet eigentlich 4:0 stehen müssen.
Kaum aber lässt der Regen nach, der das HFC-Spiel bis dahin flüssig gemacht hatte, ist auch der Spielfaden wieder weg. Wie noch jedes Mal in der jungen Saison gehen die Bälle quer statt nach vorn, Kanitz läuft sich ebenso wie Außenverteidiger Benes lieber trotzig fest als abzuspielen, Finke, dem Trainer Köhler seit Wochen beharrlich den Vorzug vor dem erfahrenen Görke gibt, kann ohnehin nur defensiv. Immerhin: Nachdem der von Lachheb und seinem fehlerlos spielenden Innenverteidigerkollegen Christian Kamalla immer wieder mit aufreizenden Abspielen provoziert Landu-Tubi nach einem gegen Philipp Schubert verlorenen Zweikampf über den halben Platz hechtet, um Ballverteiler Stark umzusensen, ist es wenigstens hier soweit. Der aufgeregte TeBe-Stürmer sieht, wie von allen 2400 Zuschauern außer dem Berliner Trainer seit einer Viertelstunde erwartet, Gelb-Rot.
Der HFC aber ist derzeit eine Mannschaft, die das Unerwartete tut. In Unterzahl in Führung gehen, in der Nachspielzeit Punkte verschenken, beim schwächsten Auswärtsgegner seit Monaten zum ersten Mal seit 2007 verlieren, die Verteidiger plötzlich Tore schießen lassen, das ist Programm. Doch gegen eine schon mit elf Mann hilflos wirkende Berliner Mannschaft in Überzahl noch zwei, drei Tore nachlegen, das gelingt natürlich nicht. Auch der von Trainer Sven Köhler wie stets zwischen 65. und 75. Minute vorgenommene Wechsel von Müller zu Neubert, dem Westernhagen des deutschen Fußballs,und David und Hebestreit zu Hauk und Aydemir bleibt wirkungslos. Das Spiel stolpert lendenlahm Richtung Abpfiff und fällt erleichtert zu Boden, als es dort ankommt. Endlich mal zu Null gespielt. Tabellenspitze wieder in Reichweite. Die Tribüne applaudiert: Krise? Welche Krise?
Bis dahin war Tennis Borussia nur durch die drei Dutzend mitgereiste Fans und den überengagiert über den Platz hetzenden Stürmer Landu-Tubi aufgefallen. Gerade zweimal schaffen es die Violetten bis zur Halbzeitpause in die hallesche Hälfte, Torchancen hatten sie dank eines konzentriert zu Werke gehenden Gastgebers, bei dem erstmals in einem Heimspiel wieder die Betonabwehr aus der letzten Saison begann, keine. Überlegt schieben sich die Rot-Weißen die Bälle zu, die Geld-Schwarzen kommen immer zu spät. Bis zum Pausenpfiff hätte es nach Spielanteilen gerechnet eigentlich 4:0 stehen müssen.
Kaum aber lässt der Regen nach, der das HFC-Spiel bis dahin flüssig gemacht hatte, ist auch der Spielfaden wieder weg. Wie noch jedes Mal in der jungen Saison gehen die Bälle quer statt nach vorn, Kanitz läuft sich ebenso wie Außenverteidiger Benes lieber trotzig fest als abzuspielen, Finke, dem Trainer Köhler seit Wochen beharrlich den Vorzug vor dem erfahrenen Görke gibt, kann ohnehin nur defensiv. Immerhin: Nachdem der von Lachheb und seinem fehlerlos spielenden Innenverteidigerkollegen Christian Kamalla immer wieder mit aufreizenden Abspielen provoziert Landu-Tubi nach einem gegen Philipp Schubert verlorenen Zweikampf über den halben Platz hechtet, um Ballverteiler Stark umzusensen, ist es wenigstens hier soweit. Der aufgeregte TeBe-Stürmer sieht, wie von allen 2400 Zuschauern außer dem Berliner Trainer seit einer Viertelstunde erwartet, Gelb-Rot.
Der HFC aber ist derzeit eine Mannschaft, die das Unerwartete tut. In Unterzahl in Führung gehen, in der Nachspielzeit Punkte verschenken, beim schwächsten Auswärtsgegner seit Monaten zum ersten Mal seit 2007 verlieren, die Verteidiger plötzlich Tore schießen lassen, das ist Programm. Doch gegen eine schon mit elf Mann hilflos wirkende Berliner Mannschaft in Überzahl noch zwei, drei Tore nachlegen, das gelingt natürlich nicht. Auch der von Trainer Sven Köhler wie stets zwischen 65. und 75. Minute vorgenommene Wechsel von Müller zu Neubert, dem Westernhagen des deutschen Fußballs,und David und Hebestreit zu Hauk und Aydemir bleibt wirkungslos. Das Spiel stolpert lendenlahm Richtung Abpfiff und fällt erleichtert zu Boden, als es dort ankommt. Endlich mal zu Null gespielt. Tabellenspitze wieder in Reichweite. Die Tribüne applaudiert: Krise? Welche Krise?
Angst statt Freiheit
Ja, so macht der Staat Gurkensalat, um mal einen alten Spruch abzuwandeln, den Revolutionsromantiker auf den Lippen führten, als Polizistn noch Schirmmützen trugen und Knüppel aus Holz verwendeten. Heute nehmen sie, wie das Fefe-Video zeigt, einfach die Faust.
Einfalt in Vielfalt
Grau und eintönig, so war das nur dem Machterhalt einer korrupten Elite verpflichtete Fernsehprogramm in der DDR. Manchmal ein Montagabendfilm aus der Kino-Fabrik von Joseph Goebbels, sonst aber hüftsteife Funktionäre und langweile Lenin-Filme.Nicht zuletzt aus diesem Grund fegte der Volkszorn das Regime vor 20 Jahren hinweg - der Lohn der Mühe ist eine ungekannte Vielfalt an Einfalt, meistenteils mit großem Aufwand in zumindest dem Namen nach unterschiedliche Sendungen gepresst, heute Abend aber endlich einmal als Blockwahl-Angebot: Die vier großen Staatssender haben sich darauf geeinigt, den Koma-Gipfel der Kanzler-Kombattanten parallel live und in kräftig aufgehübschten Farben auszustrahlen.
Merkel und Steinmeier, nach Ansicht langjähriger Beobachter gemeinsam noch weniger mitreißend als seinerzeit Erich Honecker allein, werden 90 Minuten lang vorab besprochene Fragen von vier Moderatoren nicht beantworten, in der Stunde danach, die beim ZDF eine Minute früher beginnt als auf den anderen Kanälen, besprechen Sabine Christiansen, Peter Kloeppel und Anne Will, warum Steinmeier überrascht, Merkel enttäuscht und umgekehrt haben.
Da lacht der Dschandschawid

"Was droht der Welt, wenn es zu keiner schnellen Einigung über Emissionsziele kommt?"
So ward der Ökonom Nicholas Stern von der FR gefragt. Für jemanden, der einen Bericht mit dem Titel "The Economics of Climate Change" ("Stern-Report") zu verantworten hat, konnte es nur eine Antwort geben:
"Es wird zu einer Völkerwanderung bislang unbekannten Ausmaßes kommen. In Darfur machen sich die Menschen bereits auf den Weg, Dürren verwüsten dort das Land, der Konflikt um Wasser führt bereits zu ernsten Auseinandersetzungen. Wir sehen das schon bei einem Anstieg von nur 0,8 Grad. Was werden zwei Grad bedeuten?"
Huijuijui. Ernste Auseinandersetzungen. Bei einem Anstieg von 0,8 Grad. In fernerer Zukunft könnten die Menschen in Darfur gar anfangen, sich gegenseitig abzuschlachten. So ungefähr bei einem Anstieg von zwei Grad. Ist aber nur geraten. Vielleicht hat sich die Welt bis dahin auch schon lange auf Emissionsziele geeinigt. Dann ist wieder alles gut.
Samstag, 12. September 2009
Arme immer reicher
"Unsere Untersuchung belegt, dass der Abbau der Armutsgefährdung parallel verlief mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit, der wegen der Agenda 2010 im letzten Boom allein in Westdeutschland um eine Million Menschen größer war, als man es bei einer Fortsetzung früherer Entwicklungsmuster hätte erwarten können", erläuterte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn der einzig amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa.
Zum ersten Mal, seit Elvis sein letztes Gebäude verließ, schließt sich damit die "Schere zwischen Arm und Reich" (Walter Steinmeier), die einer ganzen Solidarindustrie zu Arbeit und Wohlstand verholfen hat. Sie schließt sich sogar schneller als der reichtum der Armen zunimmt, denn gleichzeitig wächst beim Industrieadel und den Kuponschneidern das Risiko von Oligarchenarmut.
Gesänge fremder Völkerschaften: The Queen is dead
Selbst seine früheren Bandkollegen halten ihn für tot und dilettieren deshalb mit Hilfe des wüsten Paul Rodgers an den alten Hits herum. Freddie Mercury aber ist natürlich nicht wirklich gestorben. Der exzentrische Frontmann der englischen Queen hat sich nur ins Privatleben zurückgezogen - als Betreiber einer als Motel getarnten Sixt-Niederlassung in der kleinen US-Gemeinde Seligman konzentriert sich der modebewusste Frührentner seit Jahren auf die Verbesserung seines Haut-Tonus. Gelegentlich, wenn er bei seinem Physiotherapeuten in Las Vegas vorbeischaut, lässt sich der 63-Jährige sogar noch überreden, ein paar alte Brüller live aufzuführen - und siehe da, wie unser Live-Dokument aus der PPQ-Reihe "Gesänge fremder Völkerschaften" belegt, er kann es immer noch!
Republikaner vs. Linke oder Linke vs. Republikaner?
1. Wir fordern den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, weil wir der festen Überzeugung sind, dass der Einsatz der Bundeswehr nicht der internationalen Sicherheit dient, nicht dem Frieden und er auch nicht geeignet ist, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen.
2. Deutschland hat sich in ein Abenteuer begeben, das beendet werden muß, bevor es zum Desaster wird. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Einsatz, Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehr müssen sich am Verfassungsauftrag der Landesverteidigung orientieren. Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt, und auch der Vorwand, man könne den Terrorismus bekämpfen, indem man in ein einzelnes Land einmarschiere, ist unsinnig.
2. Deutschland hat sich in ein Abenteuer begeben, das beendet werden muß, bevor es zum Desaster wird. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Einsatz, Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehr müssen sich am Verfassungsauftrag der Landesverteidigung orientieren. Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt, und auch der Vorwand, man könne den Terrorismus bekämpfen, indem man in ein einzelnes Land einmarschiere, ist unsinnig.
Und Tschüss!
Bei ihrer Fahrt auf die Insel der Glückseligen kann sich die Linkspartei über kräftigen Rückenwind freuen: "Die Zahl der von Armut gefährdeten Personen in Deutschland geht nach Untersuchungen des Münchner Ifo-Instituts zurück." Doch wer den Kommunisten in die Segel bläst, dürfte denen nicht gefallen. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn lässt nämlich verlauten: «Unsere Untersuchung belegt, dass der Abbau der Armutsgefährdung parallel verlief mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit, der wegen der Agenda 2010 im letzten Boom allein in Westdeutschland um eine Million Menschen größer war, als man es bei einer Fortsetzung früherer Entwicklungsmuster hätte erwarten können.» Von einem der beiden Slogan - "Reichtum für alle" oder "Hartz IV muss weg" - muss sich die Linkspartei wohl verabschieden.
Freitag, 11. September 2009
In der Sprache, die sie verstehen
Wer in Deutschland lebt, muss mit ihnen leben. Mit den Ämtern. Ohne sie wäre alles viel schöner, einfacher vor allem. So zumindest die landläufige Meinung. Lange Wartezeiten, unfreundliche Beamte und vor allem Inkompetenz lehren einem das Fürchten vor dem Gang zum Amt. Alles Lüge. Wirkliche Schuld an den Wartezeiten und allem anderen haben nicht die Ämter, sondern die Bürger.
Bürgeramt Pankow, Rathaus, Breite Straße. Kurz nach 9 Uhr. Ich geh hinein, frage am Infotresen nach dem Weg, ziehe eine Wartenummer. Es ist die 132, auf der aktuellen Anzeige leuchtet die 128 als letzte Nummer. Also noch drei vor mir, sollte schnell gehen. Ging es dann auch. Aber zwischenzeitlich spielten sich Dramen ab.
Zuerst kam eine Frau, Mitte 20. Sie erfuhr am Infotresen, dass sie sich eine Nummer ziehen und dann im Wartsaal Platz nehmen soll. Direkt neben der Tür hängt ein Wartenummerndruckundauswurfautomat, oder wie das Teil auch immer heißen mag. Ein dicker, fetter, roter Pfeil zeigt auf eine Taste: HIER NUMMER ZIEHEN. Die junge Frau guckt etwa drei Minuten lang den Automaten an. Von oben, von der Seite, von unten. Dann drückt sie auf verschiedene Stellen: Auf das Schloss an der Seite, auf ein schwarzes Feld in der Mitte, auf ein Scharnier, und auf noch etliche andere Stellen. Nur nicht auf die Taste, worauf der dicke, fette, rote Pfeil zeigt. Die Warteschlange derer, die sich eine Wartenummer ziehen wollen, wird inzwischen immer länger.
Der Mann hinter der jungen Frau zeigt ihr dann, wo sie draufdrücken muss. Da sie es scheinbar immer noch nicht kapiert hat, nimmt ER sich den ausgedruckten Schein mit IHRER Wartenummer. „Eh, dit is aba meine Nummer“, kreischt darafhin die Frau. „Wat kann ick dafür, dat sie zu doof sind“, erwidert der Mann. „Na hörnse ma, dit muss ick mir nich jefalln lassen. Jebense mir jefällichst die Numma.“ Der Mann gibt ihr die Nummer und zieht sich, per Druck auf die Taste mit dem dicken, fetten, roten Pfeil, eine nächste Wartenummer. Die Frau geht. Nicht aber in den Wartesaal, wo an der Wand die Anzeigetafel hängt. Wo demnächst auch ihre Nummer erscheinen wird. Die Frau geht in Richtung der Bürgerbüros und klopft an eine der erstbesten Türen. Weil dort keiner antwortet, geht sie weiter und verschwindet aus dem Blickfeld.
Und noch weiter geht es auf eine Art, die unsere These belegt, dass der Einfluß der Dummheit auf den Gang der Welt allgemein weit unterschätzt wird.
Bürgeramt Pankow, Rathaus, Breite Straße. Kurz nach 9 Uhr. Ich geh hinein, frage am Infotresen nach dem Weg, ziehe eine Wartenummer. Es ist die 132, auf der aktuellen Anzeige leuchtet die 128 als letzte Nummer. Also noch drei vor mir, sollte schnell gehen. Ging es dann auch. Aber zwischenzeitlich spielten sich Dramen ab.
Zuerst kam eine Frau, Mitte 20. Sie erfuhr am Infotresen, dass sie sich eine Nummer ziehen und dann im Wartsaal Platz nehmen soll. Direkt neben der Tür hängt ein Wartenummerndruckundauswurfautomat, oder wie das Teil auch immer heißen mag. Ein dicker, fetter, roter Pfeil zeigt auf eine Taste: HIER NUMMER ZIEHEN. Die junge Frau guckt etwa drei Minuten lang den Automaten an. Von oben, von der Seite, von unten. Dann drückt sie auf verschiedene Stellen: Auf das Schloss an der Seite, auf ein schwarzes Feld in der Mitte, auf ein Scharnier, und auf noch etliche andere Stellen. Nur nicht auf die Taste, worauf der dicke, fette, rote Pfeil zeigt. Die Warteschlange derer, die sich eine Wartenummer ziehen wollen, wird inzwischen immer länger.
Der Mann hinter der jungen Frau zeigt ihr dann, wo sie draufdrücken muss. Da sie es scheinbar immer noch nicht kapiert hat, nimmt ER sich den ausgedruckten Schein mit IHRER Wartenummer. „Eh, dit is aba meine Nummer“, kreischt darafhin die Frau. „Wat kann ick dafür, dat sie zu doof sind“, erwidert der Mann. „Na hörnse ma, dit muss ick mir nich jefalln lassen. Jebense mir jefällichst die Numma.“ Der Mann gibt ihr die Nummer und zieht sich, per Druck auf die Taste mit dem dicken, fetten, roten Pfeil, eine nächste Wartenummer. Die Frau geht. Nicht aber in den Wartesaal, wo an der Wand die Anzeigetafel hängt. Wo demnächst auch ihre Nummer erscheinen wird. Die Frau geht in Richtung der Bürgerbüros und klopft an eine der erstbesten Türen. Weil dort keiner antwortet, geht sie weiter und verschwindet aus dem Blickfeld.
Und noch weiter geht es auf eine Art, die unsere These belegt, dass der Einfluß der Dummheit auf den Gang der Welt allgemein weit unterschätzt wird.
Erster Versuch: Das deutsche Internet
"Weltnetz" nennen es die Spaßvögel von Rechtsaußen, richtig eingeführt aber hat das Internet, in das nicht jeder gucken darf, jetzt die im Auftrag von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück tätigeDeutsche Finanzagentur. Über eine Pressemitteilung, die das für die Beschaffung von Krediten für den Bund zuständige Unternehmen auf seiner Internetseite veröffentlicht hat, schreibt die Finanzagentur vorsichtshalber "Nicht zur Verbreitung in den Vereinigten Staaten von Amerika".
Grafische Gegendarstellung
In der DDR war nicht alles gut, aber im siegreichen Westen ist auch nicht alles schlecht, obwohl der Dichter jodelt "The movers move, the shakers shake, the winners write their history".Eine wirklich formschöne Grafik - Klicken, um sie vergrößert anzuzeigen - zeigt jetzt auf leicht faßbarem "Wissen macht ahhhh!"-Niveau, dass alle Unkenrufe darüber, dass das Leben auf der Erde immer schlimmer, immer ärmer und immer ungerechter wird, zumindest überwiegend völlig frei erfunden sind. Richtig ist vielmehr, dass die Welt gerechter wird, das Leben länger dauert und sich die Schere zwischen Arm und Reich sich dahingehend schließt, dass zwar nicht jeder vier Autos und zwölf Villen hat, arm sein aber nicht mehr gleichbedeutend mit Verhungern müssen ist.
Noch nicht einberechnet scheint der Wahlsieg der Linken zu sein, der ja demnächst schon "Reichtum für alle" bringen wird. Sobald dann aber eine entsprechende Grafik vorliegt, reichen wir die sofort nach.
Kabinett beim Komasaufen
Gerade noch forderte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gemeinsam mit dem künftigen sozialdemokratischen Bundeskanzler Walter Steinmeier die Einführung einer weltweiten Börsenumsatzsteuer, um das "Komasaufen" an den Finanzplätzen endlich zu beenden. Und schon nimmt das von ihm selbst geleitete Bundesministerium der Finanzen wieder selbst einen richtig großen Schluck aus der Spekulationspulle: Zum zweiten Mal nach 2005 hat Peer Steinbrück die Bundesfinanzagentur beauftragt, für den Bund eine Dollar-Anleihe auf den Markt zu bringen.
Ziel der Emission ist es, mit Hilfe einer Spekulation auf den Umtauschkurs von Dollar und Euro Gewinne zu erzielen. Die dabei entstehenden Zins- und Währungsrisiken für den Bundeshaushalt, falls die erwartete Entwicklung nicht eintrete, seien von der Finanzagentur "vollständig abgesichert" worden, heißt es, indem sie verbrieft und an Banken verkauft wurden.
Auch als Zwischenhändler für den Verkauf der Bonds wählte der Bund bewährte Kräfte wie die Bank of America/Merrill-Lynch, die Citigroup, die Deutsche Bank und die HSBC, denn, so Steinemeier: "Die Kosten der Krise dürfen am Ende nicht allein bei kleinen und mittleren Steuerzahlern hängenbleiben".Steinbrück schlug vor, sich bei der Börsenumsatzsteuer an der 1972 von US-Nobelpreisträger James Tobin vorgeschlagenen "Tobinsteuer" auf spekulative Devisengeschäfte zu orientieren. Der Bund könne dann der erste sein, der diese Steuer an sich selbst zahle.
Ziel der Emission ist es, mit Hilfe einer Spekulation auf den Umtauschkurs von Dollar und Euro Gewinne zu erzielen. Die dabei entstehenden Zins- und Währungsrisiken für den Bundeshaushalt, falls die erwartete Entwicklung nicht eintrete, seien von der Finanzagentur "vollständig abgesichert" worden, heißt es, indem sie verbrieft und an Banken verkauft wurden.
Auch als Zwischenhändler für den Verkauf der Bonds wählte der Bund bewährte Kräfte wie die Bank of America/Merrill-Lynch, die Citigroup, die Deutsche Bank und die HSBC, denn, so Steinemeier: "Die Kosten der Krise dürfen am Ende nicht allein bei kleinen und mittleren Steuerzahlern hängenbleiben".Steinbrück schlug vor, sich bei der Börsenumsatzsteuer an der 1972 von US-Nobelpreisträger James Tobin vorgeschlagenen "Tobinsteuer" auf spekulative Devisengeschäfte zu orientieren. Der Bund könne dann der erste sein, der diese Steuer an sich selbst zahle.
Wissen macht Urghh
Ähnlich vorauschauend handelte auch der baden-württembergische Landesagrarminister Peter Hauk, als er wegen "gentechnisch manipuliertem Leinsamen" Alarm schlug: "Von den ... Körnern gehe zwar keine Gesundheitsgefahr aus, er habe aber den Bund und die Europäische Union informiert." Der Mann handelt jetzt und wartet nicht, bis die Gesundheitsgefahr eingetreten ist! Das begrüßen wir. Eine Liste mit Dingen, von denen auch keine Gesundheitsgefahr ausgeht, haben wir schon auf den Weg zu Peter Hauk gebracht.
P.S.: Wie zur Bestätigung blendet unser Kollaborateur Google das nebenstehende Bild als Werbung ein.
Einzug der Abkassierer
Nichts Neues unter der Sonne, zumindest auch nicht aus dem Wahlkampfhauptquartier der deutschen Sozialdemokratie. Zwar redet Arbeiterführer Franz Mpntefering inziwschen eher nicht mehr davon, fehlende Wählerstimmen einfach zu kaufen, indem jedem Steuerzahler, der die SPD wählt, 300 Euro versprochen werden, wenn sie künftig darauf verzichten, per Steuererklärung vom Staat Geld zurückzuverlangen.
Aber die Idee mit der Börsenumsatzsteuer finden Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Franz Müntefering noch immer richtig Klasse. Damit könne das "Komasaufen an den Weltbörsen" eingedämmt werden, glaubt Peer Steinbrück, der als oberster Aufseher der in Sachen Spekulation an den Weltfinanzmärkten nicht eben unerfahrenen Kreditamstalt für Wiederaufbau weiß, wovon er spricht. Und weil ein Sozialdemokrat, der auf sich hält, nichts weniger gesunden lassen will als die ganze Welt, soll das neue Werkzeug zum Abkassieren bei Geldanlegern gleich weltweit eingeführt werden. Damit, so flunkern die um hanebüchene Schwindeleien nie verlegenen Wahlkämpfer, würden Spekulanten, die man sich in der SPD nach wie vor am liebsten im schwarzen Gehrock, mit Zylinder und Zynismus im Blick vorstellt, endlich zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen müssen.
Die 25 Prozent, die die Große Koalition der Nationalen Front jedem Kleinsparer seit der letzten Gesetzesänderung fortnimmt, wenn er Gewinne mit seinem bereits einmal versteuerten und danach in einer kleinen mittelständischen AG wie der Jenoptik, der Halloren-Schokoladenfabrik oder dem Fahrradbauer Mifa angelegten Geld macht, reichen nicht mehr.
Beschlossen auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wirft die sogenannte Abschlagsteuer, die eigentlich Milliarden einbringen sollte, nun nämlich überhaupt nichts ab, weil die breite Masse der Anleger durch die gefallenen Kurse auf Jahre hinaus keine Gewinne zu versteuern haben wird. Nun also ein neuer Dreh an der Steuerschraube, mit alter, längst widerlegter Begründung: Eine Spekulationssteuer dämmt keineswegs irgendwelche Spekulation ein. In Großbritannien etwa wurde sie im Unterschied zu Deutschland niemals abgeschafft - und dennoch gingen die Kurse dort vor der großen Krise genauso hoch wie hier. Und danach genauso wieder runter.
Aber die Idee mit der Börsenumsatzsteuer finden Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Franz Müntefering noch immer richtig Klasse. Damit könne das "Komasaufen an den Weltbörsen" eingedämmt werden, glaubt Peer Steinbrück, der als oberster Aufseher der in Sachen Spekulation an den Weltfinanzmärkten nicht eben unerfahrenen Kreditamstalt für Wiederaufbau weiß, wovon er spricht. Und weil ein Sozialdemokrat, der auf sich hält, nichts weniger gesunden lassen will als die ganze Welt, soll das neue Werkzeug zum Abkassieren bei Geldanlegern gleich weltweit eingeführt werden. Damit, so flunkern die um hanebüchene Schwindeleien nie verlegenen Wahlkämpfer, würden Spekulanten, die man sich in der SPD nach wie vor am liebsten im schwarzen Gehrock, mit Zylinder und Zynismus im Blick vorstellt, endlich zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen müssen.
Die 25 Prozent, die die Große Koalition der Nationalen Front jedem Kleinsparer seit der letzten Gesetzesänderung fortnimmt, wenn er Gewinne mit seinem bereits einmal versteuerten und danach in einer kleinen mittelständischen AG wie der Jenoptik, der Halloren-Schokoladenfabrik oder dem Fahrradbauer Mifa angelegten Geld macht, reichen nicht mehr.
Beschlossen auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wirft die sogenannte Abschlagsteuer, die eigentlich Milliarden einbringen sollte, nun nämlich überhaupt nichts ab, weil die breite Masse der Anleger durch die gefallenen Kurse auf Jahre hinaus keine Gewinne zu versteuern haben wird. Nun also ein neuer Dreh an der Steuerschraube, mit alter, längst widerlegter Begründung: Eine Spekulationssteuer dämmt keineswegs irgendwelche Spekulation ein. In Großbritannien etwa wurde sie im Unterschied zu Deutschland niemals abgeschafft - und dennoch gingen die Kurse dort vor der großen Krise genauso hoch wie hier. Und danach genauso wieder runter.
Gyöngyhajú lány
Endlich hab ich einen Grund gefunden, das lange schon von mir verehrte Original hier zu zeigen.
Sand-Sinfonie mit dem Eingreiforchester
Das Original in einer perfekt dilettierten Garten-Version wurde hier gerade weiter unten vorgestellt und das nach Malimo-Mode schmeckende Cover des deutschen Schlager-Genies Frank Schöbel in diesem Zusammenhang ausgiebig gewürdigt. Die definitive Version des Ohrwurms "Schreib es mir in den Sand" aber liefert PPQ jetzt nach: Dem in keinem Rocklexikon je erwähnten Eingreiforchester Linkssentimentale Transportarbeiterfreunde gefiel es eines Tages, die ganze Dramatik, die berückenden Gefühle und letztendliche Vergeblichkeit des Schreiben von Liebesschwüren in Strandsand in einem zackigen Epos zu bündeln, das jeden wahren Transportarbeiterfreund wie jeden aufrechten Ostseeurlauber zugleich Lachen und Weinen und getroffen Aufstöhnen lässt. Wir sind stolz, das Werk hier weltexklusiv in einer Nachpremiere präsentieren zu dürfen und wünschen viel Vergnügen.
Donnerstag, 10. September 2009
Jede Maus ein Fingerabdruckscanner
Nachdem sie versichert, dass die "technische Entwicklung mit Rasanz voran" gehe, fragt sie spitzbübisch, "ob wir nicht in fünf Jahren eine neue Generation des Internets haben". Wie das am besten aussehen könnte, weiß Brigitte Zypries auch schon: "Vielleicht hat dann jeder Mensch eine individuelle IP-Adresse, die so unverwechselbar ist wie seine Telefonnummer?"
Dann, ist sie sicher "hätten wir zum Beispiel viele Probleme bei der Verfolgung von Straftaten im Internet nicht mehr, weil die IP-Adresse wie ein Fingerabdruck zum Aufspüren von Kriminellen genutzt werden könnte". Wahrscheinlich gefalle das den Piraten nicht, ihr selbst aber gefällt es schon: Jede Maus ein Fin gerabdruckscanner, jede aufgerufene Internetseite im Bundeszentralinternetarchiv mit Paßbild des Aufrufenden und kurzer Vita gespeichert. Man müsse sich doch den Problemen stellen und dabei Konzepte für die Zukunft entwickeln, findet Brigitte Zypries.
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