Samstag, 22. Juli 2017

HFC: Das Wunder vom 22. Juli

fetsch slicovic
Geht auch wieder nicht rein.
Eine Woche nach der grausamen Klatsche im Testspiel gegen Union Berlin gilt es. Der Hallesche FC, um Altlasten leichter, die gerade noch die Zukunft waren, startet in seine sechste Saison in der 3. Liga. Gegen Paderborn, die hier gar nicht mehr sein dürften. Wäre nicht der TSV 1860 München nicht mehr da. Verwirrend.

Verwirrend wie die neuen Namen der Spieler auf dem Platz, die so neu nicht sind. Gerademal zwei Neuzugänge hat Trainer Rico Schmidt in die Startaufstellung berufen: Den "Königstransfer" Mathias Fetsch und Abwehrmann Hendrik Starostzik. Der Rest der Verstärkungen, die aus dem Tabellen-13. der letzten Saison einen 5. machen sollen, sitzt auf der Bank.

"Jeden Monat neue Überraschungen" verspricht eine Bandenwerbung, aber Überraschungen gibt es zum Anpfiff nicht. Die Fankurve zündet einen Böller, bengalische Feuer und roten Rauch, dazu spielt die Stadionregie wie immer das Lied, mit der Heavy-Metal-Fan in der Fischkneipe bestellt: "Zander!" Schiri Felix Zweyer pfeift an, der HFC führt den Anstoß aus, der Ball geht lang auf Petr Slicovic, der in den Strafwird, er wird umgerissen. Elfmeter. Benjamin Pintol läuft an und trifft. 15 Sekunden vorbei und schon führen die Gastgeber und das Stadion schwelgt in Fantasien von einem erfolgreichen Saisonstart.

Wie von Zauberhand 


Was für eine Herrlichkeit! Die jedoch sofort endet. Der HFC findet ab Minute zwei nicht mehr statt. Oliver Schnitzlers Abstöße landen wie von Zauberhand bei einem der schwarzgekleideten Paderborder, vielversprechende Pässe in die Spitze laufen immer genau in die Richtung, in die Sliscovic, Fetsch und Pintol nicht laufen. Ajani verliert den Ball im Vorwärtsspurt, Röser bekommt erst gar keine Bälle, um mal einen Flankenlauf anzuziehen.

Dafür ist Paderborn präsent. Während der HFC in seinem neuen 4-1-4-1-System lange wartet, ehe er die Gäste anläuft, greifen die schon weit in der HFC-Hälfte an. Mit Erfolg. Der HFC wird nervös und in der vierten Minute verliert Ajani im Versuch, vorm Paderborner Tor in Schussposition zu kommen, den Ball. Zwei, drei Stationen und die Schwarzen sind vor Schnitzlers Tor. Pass nach innen, Abschluss, Schnitzler fliegt vergeblich hinterher. 1:1.

Sind das nun schon hängende Köpfe beim Gastgeber? Ein paar hängende Schultern auf jeden Fall. Was folgt, ist die fürchterlichste, grausamste und empörendste Vorstellung einer HFC-Mannschaft seit Jahren. Nichts geht mehr. Alles in Rot und Weiß steht sich auf den Füßen, stolpert über den Ball, kommt nicht zum Schießen, weil vorher noch die Füße sortiert werden sollen. Ein Debakel auch schon, ehe Marc Vucinovic in der 18. Minute einen von Schnitzler verursachten Strafstoß zum 1:2 in die Maschen setzt.

Der in der Vorbereitung kritisierte Torwart aber ist jetzt der Beste in Schmidts Elf: Dreimal wehrt er hundertprozentige Torchancen ab, er allein ist es, der einen HFC noch im Spiel hält, der wirkt wie ein Sechstligist. Immer wieder gehen Bälle im Vorwärtsgang verloren. Immer wieder fackelt Paderborn nicht lange, spielt schnell und direkt, passt genau und findet einen freien Mann, der den Abschluss sucht. Und findet: In der 45. Minute kann auch der hervorragende Schnitzler nichts mehr machen, als der aus der Regionalligaelf des BFC nach Paderborn gewechselte Dennis Srbeny in im 1:1 verlädt und rechts unten trifft. 1:3.

Es sieht jetzt alles danach aus, als könnten die 6500 Zuschauer Zeugen des schlechtesten Saisonauftakts einer HFC-Elf in der 3. Liga werden. Denn nach der Pause geht es weiter wie gehabt. Eine anämische HFC-Elf, in der Königstransfer Fetsch seine beste Aktion hat, als er einen scharf getretenen Freistoß vor der eigenen Abwehr wegköpft, scheint sich einer mittelmäßigen Paderborner Elf kampflos zu ergeben.

Nichts deutet auf das hin, was gleich folgen wird. Ganz im Gegenteil: Schmidt nimmt der schwachen Fetsch und den unsichtbaren Röser raus und bringt mit Hilal El-Helwe dem aus Braunschweig an die Saale gewechselten Braydon Manu zwei neue Leute bringt. Die beiden sind kaum auf dem Platz, als es bei Schnitzler wieder klingelt: Srbeny, in der Sommerpause angeblich auch Thema beim HFC, bedient Michel. Der hat nicht die geringste Mühe, zum 1:4 einzunetzen.

 "Aufhören" wird gerufen


Es sind 60. Minuten vorbei und es droht jetzt mindestens die Einstellung des Heimniederlagenrekords vom 1:4 gegen Stuttgart II und Aaalen. Niemand gibt jetzt noch einen Pfifferling auf diese HFC-Mannschaft, die zweifellos gute Chancen hat, als Tabellenletzter in die Saison zu starten. Die ersten Zuschauer gehen, die anderen pfeifen. "Aufhören", wird gerufen. Die Fankurve schweigt.

Es dauert bis zur 73., ehe ein Fünkchen Hoffnung aufflackert. Braydon Manu setzt sich auf links gegen jede Wahrscheinlichkeit durch und spielt aus reiner Verzweiflung nach innen. Marvin Ajana, die bis dahin trocken stotternde "Maschine" (Schmidt), flankt nach innen. Und der eigentlich abgeschriebene El-Helwe trifft per Kopf zum 2:4.

Auf einmal wittern sie unten Morgenluft und oben passiert, was nur im Fußball geschieht: Die verbliebenen Fans riechen eine Sensation, warum und weswegen auch immer. Es ist Braydon Manu, ein Zwerg von angeblich 1,70 Meter Höhe, der aussieht, als wäre er höchstens 1,50 groß, der jetzt das ganze, längst gelaufene Spiel dreht. Der Mann mit der Tretschok-23 ist überall, er bringt ins Spiel, was vorher fehlte: Leidenschaft, Kampfgeist, den Willen, es zwingen zu wollen. Nur eine Minute nach dem 2:4 bedient er Pintol, der spielt Sliscovic an. Der verkürzt auf 3:4.

Jetzt haben sie eilig da unten, jetzt steht das Stadion Kopf. In der Luft liegt ein Geruch vom Rostock-Spiel im April 2014, als Toni Lindenhahn den Sieg in der 93. Minute herausschoss. Nur noch zwei Tore! Rico Schmidt nimmt sich Braydon Manu an die Seite. Er tätschelt ihm die Schulter. Er weiß, wenn heute irgendeiner, dann nur er. Direkt von der Trainerbank läuft Manu in den nächsten Angriff. Es ist die 84. Minute. Gewühl im Strafraum. Der kurze Manu am langen Pfosten. Kein Schuss, aber ein Tor. 4:4

Paderborn ist konsterniert, der HFC euphorisiert. Zwar verraten auch die verbliebene Minuten, dass die Säge bei den Rot-Weißen noch an allen Ecken klemmt. Aber wenn der eingewechselte Daniel Bohl seinen Schuss in der 90. Minute etwas tiefer ansetzt, dann wäre das sogar noch der Sieg gewesen.

So bleibt es beim 4:4, einem Remis, das Züge eines Debakels hat und sich am Ende doch wie ein Sieg anfühlt.

In der HFC-Geschichte ab jetzt als "das Wunder vom 22. Juli" geführt.


Urlaubszeit: Wie sicher ist Ägypten wirklich?


Sechs Jahre nach dem Sturz Mubaraks und drei nach Rückkehr zu einer kommoden Militärdiktatur durch Befreiung vom Joch der demokratisch gewählten Moslembruderschaft galt Ägypten als saniert und zurückgekehrt in die Familie der Staaten mit westlichen oder anderen werten. Reiseveranstalter freuten sich, denn nach dem Ausfall vieler anderer Urlaubsländer durch moralischen Verfall bot das moderate Islamistenregime von Kairo eine Alternative etwa zur nicht mehr rechtsstaatlichen Türkei oder zu den diktatorischen Regimes in Polen und Ungarn.

Zwar mit Todesstrafe, aber die hat Japan auch und da redet man dann einfach nicht so viel davon. Reiseveranstalter bezeichneten Ägypten schon als das Trendziel, die Deutschen folgten den günstigen Preisen und reisten wieder verstärkt nach Ägypten. Doch die Messerattacke im Badeort Hurghada, der Schock und die Frage: Wie sicher ist es überhaupt, in dem Folterstaat ohne Meinungsfreiheit Urlaub zu machen?

Es ist absolut sicher. Hält man sich an eine Reihe von Regeln, die das Auswärtige Amt aufgestellt hat, dann gibt es keinen Grund, nicht in Ägypten Urlaub zu machen. Davon hat sich erst im März auch Kanzlerin Auch Angela Merkel bei einem Besuch beim früheren Putschisten und jetzigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi überzeugt. Wie in der Türkei oder Frankreich herrscht in dem Land am Nil seit Jahren ein Ausnahmezustand, dadurch ist es meist sicher, sich in den Hotelanlagen und am Strand aufzuhalten.

Auch die meisten Ägypter sind zwar verunsichert, aber friedlich. Die beiden Toten vom Strand in Hurghada sind seit langer Zeit die ersten Opfer islamischer Gewalt gewesen. Die ganz überwiegend große Mehrheit der Einheimischen gilt als friedlich. Junge Männer sitzen meist nur vor Cafés herum, spielen Brettspiele und warten, dass das Essen fertig wird.

Der Reisekonzern Tui rechnet deshalb auch nicht mit größeren Auswirkungen des Terroranschlages auf die Reisebuchungen. „Die Nachfrage nach Reisen nach Ägypten hatte deutlich angezogen. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass sich hieran grundsätzlich etwas ändern wird”, sagte eine Sprecherin nach der Attacke. Nach dem Anschlag seien bislang keine Rückreisewünsche bekannt geworden, die Deutschen ließen sich vom Terror nicht einschüchtern, sondern demonstrierten den Terroristen ein entschlossenes Trotzalledemundalledem. ""Wir werden unsere westliche Lebensweise wegen eines Messerstechers nicht ändern", sagen viele, so die Sprecherin.

Bei den Call-Centern hätten sich überhaupt nur wenige Urlauber über die Situation vor Ort informiert, viele hätten aufgrund vorsichtiger Formulierungen in den Medien wohl gar nicht mitbekommen, was geschehen sei. „Aller Erfahrung nach wird es dabei auch bleiben", beschreibt Herbert Achtelbuscher, der am Entropie-Institut der Bundeskulturstiftung zum Themensterben in der deutschen Medienlandschaft forscht. Im Regelfall verschwänden kleinere Terroranschläge direkt nach den ersten Schlagzeilen für immer im Niemandsland der medialen Demenz. "Von den Ermittlungen, der Anklage oder einem Prozess wird nie die Rede sein."

Auch der Staatliche Informationsdienst Ägyptens - eine Art DPA des islamischen Staates - hebt hervor, dass die Gewalt gegen Touristen in Ägypten in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sei und inzwischen keine Rolle mehr spiele. Die beiden toten Touristinnen seien bedauerliche Einzelfälle, verglichen mit den vielen Toten nach dem heute als "Flugzeugabsturz" bezeichneten Terroranschlag auf einen Airbus 321, bei dem 224 Menschen starben.

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Gott will es: Kirche beharrt auf Glutenpflicht für Gläubige

Irgendwo hat Modernisierung ihre Grenzen: Gott besteht weiter auf glutenhaltiger Ernährung, auch für Kranke.

Es ist die Geißel der Moderne, ein Klebereiweiß aus Proteinen, das im Samen einiger Arten von Getreide lauert und gemeinsam mit Lipiden und Kohlenhydraten die modische Zöliakie auslöst, eine entzündliche Erkrankung der Darmschleimhaut mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen. Betroffene müssen bei Starbucks nach glutenfreier Milch fragen, sie sind gezwungen, glutenfreies Bier zu trinken, und selbst wenn nur eine nicht-zöliakische Glutensensitivität vorliegt, gelten die sonst unauffälligen Mitbürger schnell als besonders anspruchsvolle, verwöhnte oder überempfindliche Partygäste.



Die Katholische Kirche hat dem Trend zur vegetarischen Extrawurst für angebliche Glutenreaktoren jetzt allerdings ein unmissverständliches Stoppzeichen gesetzt. Papst Franziskus machte in einer Botschaft an alle Gläubigen klar, dass Gott darauf bestehe, glutenhaltiges Brot beim Abendmahl zu reichen. "Glutenfreies Brot ist beim Abendmahl in der katholischen Kirche nicht zugelassen", erinnerte der Vatikan in einem Rundbrief an die Bischöfe.

Gott kennt die Seinen


Das gelte auch für Zöliakie-Erkrankte, bei denen bereits kleinste Mengen des Klebereiweißes schwerwiegende Reaktionen des Immunsystems auslösen. Laut Vatikan könne darauf keine Rücksicht genommen werden, da Gott selbst sowohl Brot als auch Gluten als auch die Zöliakie erdacht und erfunden habe. Der Rundbrief aus dem Vatikan erinnert in diesem Zusammenhang an den Albigenserkreuzzug (1209 bis 1229), in dem Papst Innozenz III. die katharische Gegenkirche niedergeschlagen hatte. Als nach der Eroberung von Béziers die Frage stand, wer zu erschlagen sei, weil nicht zu erkennen war, wer genau zu den verketzerten Gegnern der einzigen wahren Kirche gehörte, entschied der päpstliche Gesandte Arnaud Amaury ohne viel Federlesen: Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen.

Wenn gottesfürchtige Hostien mit Gluten schwerwiegende Gesundheitsprobleme auslösen, dann ist auch das zweifellos Gottes Wunsch und Wille. Wichtig sei, dass die Zubereitung der Hostie "ohne fremdartige Zusätze" und ohne „Rückgriff auf Vorgangsweisen, die dem Brot seinen natürlichen Charakter nehmen“ erfolge, so der Vatikan, dessen Forcher herausgefunden haben, dass "fremdartige Zusätze" zum Ersatz der Klebereinweiße im Brot nicht Gottes Werk sind. „Hostien, die überhaupt kein Gluten enthalten, sind für die Eucharistie ungültige Materie“, heißt es deshalb dem Ukas der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Das Brot müsse ungesäuert sein und aus reinem Weizenmehl bestehen.

Glaubensechtes Brot hat Gluten


Die Entscheidung der obersten Glaubenswächter gilt als ähnlich weitreichend wie die vor zhen Jahren verfügte Abschaffung der Vorhölle durch Papst Benedikt. Die Katholische Kirche definiert hier für alle Rechtgläubigen ihren Anspruch an korrektes Brot: "Wenn Wasser zu Getreidemehl gegeben wird, dann bildet das Gluten beim Anteigen aus dem Mehl eine gummiartige und elastische Masse, der darin enthaltene Kleber entsteht beim Anteigen durch die irreversible Ausbildung einer dreidimensionalen Struktur der Proteine.

Katholiken halten zu ihm: Warum Adolf Hitler noch immer Mitglied ist
Langfristiges Sparen lohnt: Kirchereicher als alle anderen



Freitag, 21. Juli 2017

Das verschwundene Buch: "Finis Germania" auf der Spiegel-Bestenliste

Zwischen Platz 5 und Platz 7 klafft aus politikhygienischen Gründen eine Lücke.
Ein richtig schöner, ein geradezu herrlicher Skandal war das letzten Monat, als der meinungsfreie „Spiegel“-Redakteur Johannes Saltzwedel das "antisemitische, völkisch raunende, verschwörungstheoretische" (Tagesspiegel) Buch „Finis Germania“ auf der Sachbuchbestenliste von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ unterbrachte. Der Autor Rolf Peter Sieferle hatte sich ein halbes Jahr zuvor  umgebracht, verzweifelt an einer Welt, die er nicht mehr für seine hielt. Hinterlassen hatte er hundert Seiten Abrechnung mit dem Hier und Jetzt, bgestimmt zur posthumen Veröffentlichung.

Götz Kubitschek, leitmedialen Beschreibungen nach einer Art Oberhitler der Rechtsintellektuellen, hatte das schmale Bändchen in seinem auf Systemzerstörung zielenden "Antaios"-Verlag herausgebracht.

Oberhitlers Bücherhit


Ein Buch wie letztes Ausatmen, das auf dem Buchmarkt unter normalen Umständen  wie ein Stein versunken wäre. Hätten nicht die Hüter der Meinungsfreiheit mit einer Empörungskanonade von sarrazinschen Dimensionen eingegriffen. "Finis Germania", schwergängig, teils unverständlich, teils aber auch erhellend, wurde zum Hit für Oberhitler. Das Buch schoss - als erstes überhaupt aus einem Verlag auf dem Gebiet der ehemaligen DDR - auf Platz eins der Amazon-Verkaufscharts. Es war streckenweise ausverkauft und mit jedem empörten Artikel verlängerte sich die Liste der Vorbesteller für die "völkische Angstfantasie" (Tagesspiegel).

Das Ende aber war das noch nicht. Denn wo die Platzierung auf der NDR/SZ-Liste reiner Willkür der Juroren folgte, war es die schiere Zahl der Verkäufe, die Sieferles Buch an die Spitze der Amazon-Charts katapultierte. Die werden öffentlich allerdings kaum wahrgenommen, ganz im Gegensatz zu „Spiegel“-Bestseller-Liste, die mit ein wenig Verzögerung und Glättung auch eine reine Widerspiegelung von Verkaufszahlen ist.

So müsste auf dieser Liste nun eigentlich auch Sieferle auftauchen, irgendwo zwischen "Das geheime Leben der Bäume", "Wunder wirken Wunder" und "Das Zeitalter des Zorns". Aber wo ist er? In der offiziellen Auflistung findet er sich jedenfalls nicht.  Denn der "Spiegel" hat die Liste augenscheinlich nachredigiert und der Wirklichkeit ein Lätzchen umgehängt. Platz 5 ist eine Andrea Wulf, Platz 6 ein Buch über einen Pinguin, Platz 7 eine mit "Wer wir waren" überschriebene Rede des verstorbenen Linksintellektuellen Roger Willemsen. Sieferle? Fehlanzeige.

Zwischen 5 und 7 ein Nichts



Auch bei Lehmanns Buchhandlung, einem renommierten Fachhaus mit einer Geschichte bis zurück ins Jahr 1872, das heute im Besitz der deutschen Ärzteschaft ist. Hier strahlt auf der angeblichen "Spiegel"-Bestenliste zwischen Platz 5 und 7 eine demonstrative Leerstelle. Nichts liegt auf Platz 6, gar nichts. Eine Suche nach "Finis Germania" führt zu Georg Fülberth. Das wars.

Verglichen mit den hierzulande früher üblichen Bücherverbrennungen ist ein Bücherverschwindenlassen aus politikhygienischen Gründen zweifellos ein wirklicher zivilisatorischer Fortschritt. Wo das Wissen um die Existenz eines Buches nicht verbreitet wird, verbreitet sich auch das Buch nicht weiter, diese Lektion haben die Leitmedien aus ihrem engagierten Kampf gegen "Germany’s Newest Intellectual Antihero" (NYT)im letzten Monat mitgenommen.

Wenn sich unsere Menschen auch von "aussagekräftigen Rezensionen zum Beispiel im „Spiegel“, in dem Sieferles Buch als „völkische Angstfantasie“ bezeichnet wurde, nicht davon abhalten lassen, das Buch zu kaufen" (Tagesspiegel), dann würde die Meinungsfreiheit das sicher aushalten.

Aber besser ist eben doch, man sorgt dafür, dass sie es nicht muss.

Sieferle, so lernen wir, ist nämlich sogar schlimmer als der Führer selbst. Als Adolf Hitler selbst im vergangenen Jahr mit seinem Buch "Mein Kampf" noch einmal einen Bestseller landete, sah niemand einen Grund, ihn nicht in der "Spiegel"-Liste zu erwähnen.

Martin Schulz: Der Nationalist

Martin Schulz und seine nationalistischen Anwandlungen.
Bei allem, was vor allem dagegenspricht: Um eine deftige Prise Nationalismus war SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz noch nie verlegen. So sehr der Mann, der sich Aussichten macht, nächste EU-Kommissionspräsident zu werden, im europäischen Alltag von „gemeinsamen Lösungen“ und „Partnerschaft“ schwadroniert, geht es ans Eingemachte, wie Schulz zu einem Deutschen, wie man sie weltweit kennt: Engstirnig, trotz der Verfehlungen der Vergangenheit stolz auf Dinge, die er gar nicht selbst erreicht oder gar erarbeitet hat. Martin Schulz droht dann geifernd damit, dass Staaten, die sich seinen Wünschen nicht unterwerfen, finanziell büßen müssten. Dass er entschieden haben, früher gefasste gemeinsame Beschlüsse zu trumpisieren. Und dass sowieso alle anders werde, wenn er erst an der Macht sei.


Ein Erz-Nationalist, dessen aus der Tiefe kommender Ton ernsthaften Glaubens an Konstrukte wie „Nation“ oder „Volksgemeinschaft“ ältere Mitbürger kaum überrascht. Im letzten Europa-Wahlkampf spielte Schulz schon schamlos die nationale Karte, als er deutschen Wählern vorgaukelte, nur er könne eine Art deutschen Präsidenten spielen.

 Jetzt nun ist es der Sport, dieses herrliche Vergnügen junger, global denkender Menschen, in dem sich die perversen Nationalfantasien des chancenlosen Zählkandidaten im Bundestagsrennen ausdrücken. „In den letzten 9 Europameisterschaften haben die deutschen Fußballerinnen 8 Mal den Titel geholt“, schwelgt Schulz bei Twitter in einem Rausch nationaler Aufwallung: „Jetzt ist Nr. 9 dran“, verspricht er, der sich selbst über Jahre hinweg als knapp vor dem Ziel gescheiterter Profifußballer bezeichnet hatte, obwohl er ernsthaft nie auch nur in der Nähe gehobenen Freizeitfußballs agierte.


So einer projiziert seine Fantasien auf andere, am liebsten auf Menschen, die aus seiner Sicht vom gleichen Stamm sind.Und am liebsten in einem Bereich, in dem der regressive Rückfall auf die mausetote Idee der "Nation" noch vor aller Augen gepflegt werden darf wie die Kippe danach vor der Kneipentür in Hamburg oder Köln.

In Schulz´ archaischen Verständnis von sportlichem Wettkampf scheint es gar nicht denkbar, als Deutscher für Norwegen, die Niederlande oder Schweden zu sein, allesamt honorige europäische Partnerländer, die teilweise mit derselben Währung zahlen. Oder sich ganz einem Wettbewerb zu verschließen, der statt Inklusion aller das Ballspiel unter Ausgewählten betreibt. Wo sind denn die Afrikaner, die südamerikanischen Nationen, die Russen? Die kleinen Chinesinnen? Wie der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker pflegt Martin Schulz eine kulturalistische, an Blutlinien und Abstammungsgedanken orientierte Anbetung der "Nation" als deren Voodoopuppe ihm die sogenannte "Nationalmannschaft" dient. Unsere soll seinem Verständnis nach ruhig auf andere treffen, sich mit ihnen messen und die Idee des globalen Gesamteuropäers als globalem Weltbürger zurückführen auf das dörfliche "Wir" und "die" des Kaiserreiches.

Der Offenbarungseid eines Politikers, der sich nur allzugern "weltoffen" und ressentimentfrei gibt. Doch tief im Inneren ist er derselbe Stammeskrieger wie seine Vorväter im Würselen des Mittelalters. Er bejubelt eine Veranstaltung, auf der die Geschlechterapartheid fröhliche Urständ feiert. Und wie beim G20-Gipfel bleiben die Führungsnationen lieber unter sich bei dieser sogenannten „Frauen-EM“, zu der sich auch der SPD-Kanzlerkandidat nicht wagt, die kritischen, antinationalistischen Anmerkungen zu machen, die die, die schon länger hier leben, ebenso sehr von Frau Merkel vermissen wie die, die noch nicht so lange hier sind, bald aber auch schon länger hier gelebt haben werden.

Martin Schulz, schon vom Habitus her der alte, hässliche weiße Mann, der bald aussterben wird, duckt sich weg vor der Verantwortung, dem wiederauferstehenden Nationalgefühl, das sich wie ein Krebs durch Europa frisst, die Tür zu weisen. Er hält es lieber mit der dumpfen Masse, die gegen andere dumpfe Massen siegen will, ganz egal, ob im Krieg oder im Endspiel, ob im Felde oder auf dem Rasen. „Drücke die Daumen!“, schreibt er. Wie er dazu so guckt, ein Missionar, der schon den Glauben an sich selbst verloren hat, ist er einmal echt.

Der wahre Schulz. Ein Salonhooligan.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Invasion in Ankara: "Die Gangart gegenüber der Türkei muss härter werden"

Für eine Ivasion in der Türkei liegen im Bendler-Block keine konkreten Planungen vor.

Legt die Bundesregierung ihre Zurückhaltung in der Türkeipolitik endlich ab? Nachdem Außenminister Sigmar Gabriel die erneute Krise mit dem einstigen Verbündeten genutzt hatte, um im Wahlkampf mit einer Einbestellung von Erdogans Botschafter Punkte zu machen, legt Justizminister Heiko Maas nun nach. Deutschland müsse Konsequenzen aus der erneuten Festnahme von Menschenverkünden. Kommt es zu einem militärischen Kräftemessen? Wie stehen die Chancen einer erfolgreichen Invasion der Bundeswehr?


Härte zeigen, gnadenlos, den "Erdowahn" (Bild) stoppen, auch wenn die Hühner lachen. Zugleich aber im Wahlkampf nicht die Millionen türkischstämmiger Wähler vergraulen, die in Deutschland treu zu Recep Erdogan stehen: Es ist ein Balanceakt, den Bundeskanzlerin und SPD-Kanzlerkandidat in diesen Tagen absolvieren müssen. Statt sich selbst zu Wort zu melden, überlassen sie es deshalb weitgehend ihren Wahlkampfhelfern, die Türkei-Krise zu managen. Die ist aus der Phase der verbalen Streitgespräche in die der Besichtigung der Instrumente übergegangen. Die Rede ist von Sanktionen, gestoppten Investitionen und vom Plan, die Türkei in die Arme Russlands zu treiben, in denen sie in den kommenden Jahren so lange verarmen soll, bis sich das Land winselnd wieder auf die Türschwelle der EU legt und um Einlass bettelt.

Klipp und klar: Harte Gangart


Es gibt in der Bundesregierung aber inzwischen auch Stimmen, die ganz andere Maßnahmen im Sinn haben. "Die Gangart gegenüber der Türkei muss härter werden", fordert nun Justizminister Heiko Maas (SPD). Ein Land, das seit mittlerweile 34 Jahren eines seiner Nachbarländer völkerrechtswidrig besetzt halte, zerstöre die europäische Friedensordnung und müsse "umgehend zur Räson" gebracht werden, heißt es im politischen Berlin.

Vieles deutet auf eine militärische Lösung, auch, weil sie gut in den bislang eher müden Wahlkampf passen würde. Doch wie stehen Deutschlands Chancen, im Kräftemessen mit der hochgerüsteten Türkei einen Sieg einzufahren? Militärexperten sind unschlüssig, denn sowohl die Kampfkraft der Bundeswehr als auch die der türkischen Armee ist nach den jüngsten inneren Krisen kaum mehr seriös einzuschätzen. Das deutsche Heer gilt selbst seiner Ministerin als von Neonazis unterwandert, in der Türkei besteht der Verdacht, dass der in den USA lebende Islam-Priester Gülen immer noch ganze Truppenteile fernsteuern kann.

Doch selbst bei voller Einsatzfähigkeit der deutschen Truppen würde es wohl ein enges Rennen werden, die in Ankara in Geiselhaft gehaltenen Deutschen mit einem gezielten Einmarsch zu befreien. Derzeit verfügt die türkische Armee über rund doppelt so viel Personal wie die Bundeswehr, sie hat fünfmal so viel Panzer, doppelt so viele Jagdflugzeuge, viermal so viel Raketenwerfer und sie kann auf nahezu zehnmal so viele Reservisten zurückgreifen.

Auch die Einsatzerfahrung spricht für die Türken. Seit Jahrzehnten schon führen sie einen mörderischen Bürgerkrieg in den sogenannten Kudengebieten, dazu kommt die seit 1983 aufrechterhaltene widerrechtliche Besetzung Zyperns ("Operation Attila"), die das türkische Heer gelehrt hat, sich zu verbunkern und auch vorgeschobene und schlecht versorgte Posten erfolgreich zu verteidigen.

 Letzte Invasion vor 76 Jahren


Deutschland hingegen kann nur mit seinen eher defensiven Unterstützungsmissionen etwa in Mali und Afghanistan punkten. Seit der Invasion auf Kreta im Mai 1941, damals hauptsächlich aus der Luft absolviert, haben deutsche Truppen nicht mehr versucht, feindliche Gebiete ohne einen traditionellen Aufmarsch zur offenen Feldschlacht über See einzunehmen. Das "Unternehmen Seelöwe" zur Eroberung Großbritanniens musste seinerzeit abgesagt werden, weil die militärische Kraft des hochgerüsteten Deutschen Reiches absehbar nicht ausgereicht hätte, die Insel einzunehmen.

Wenig spricht dafür, dass die Erfolgsaussichten im Fall der Türkei höher sind. Landungsoperationen müssen genau vorbereitet werden, das dauert oft Jahre. Der deutsche Generalstab um Ursula von der Leyen hat aber wegen des spontanen Charakters der Türkei-Krise keine fertigen Pläne in den hochgeheimen Safes im Berliner Bendler-Block. Zudem spricht allein schon die Schwäche der Bundeswehr bei den Transportkapazitäten gegen einen schnellen Enthauptungsschlag.

Mangelnde Transportkapazitäten



Zur See könnte die Bundesmarine derzeit gerade 91 Fahrzeuge mobilisieren, dazu müsste sie allerdings die Operation Atalanta am Horn von Afrika abbrechen und auch die Außengrenzen der EU völlig entblößen. Die Türkei hingegen verfügt über 194 Schiffe, die ausreichen würden, jedem angreifenden deutschen Boot zwei Fregatten oder Küstenschutzschiffe entgegenzustellen.

Eine Lösung aus der Luft kommt realistischerweise auch nicht infrage. Zwar besitzt Deutschland 345 Transportflugzeuge, aus denen Bundeswehr-Fallschirmjäger abspringen könnten, um die Türkei zu befreien. Die Türkei ist mit 439 auch hier überlegen, das würde aber im Falle einer zielgerichteten Invasion über das Hinterland keine Rolle spielen. Allerdings hakt es im Detail: Viele Bundeswehr-Flugzeuge stehen nur auf dem Papier, um sich zu Einsatzräumen außerhalb Niedersachsens zu bewegen, ist das Heer nach wie vor auf Hilfe des früheren russischen Weltkriegsgegners angewiesen.

Ob der einer Bitte um Hilfe bei einem Einmarsch in der Türkei nachkommen würde, gilt in Berlin als offen. Putin könnte im Gegenzug verlangen, dass ihm Einflussmöglichkeiten auf den Ausgang der Bundestagswahl gewährt werden. Zudem gilt die Türkei mit 7.200 Kilometern Küstenlänge als kaum eroberbar. Der letzte Heerführer, dem es gelang, das Land, das etwa doppelt so groß ist wie Deutschland, zu unterwerfen, war Timur Lenk, der 1402 in der Schlacht von Ankara obsiegte.

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NSU: Sperrfristen statt Schlagzeilen

DDR Nazis NSU
Bekannte Fakten, neu geordnet: Ostdeutschland ist kriminell.

Am Anfang das Gedrängel um die Sitze im Gerichtssaal, dann das schnelle Ende der öffentlichen Aufregung, nachdem der NSU-Prozess sich als langwierige und mühsame Angelegenheit herausstellte. Je länger es dauerte,umso mehr Fragen tauchten auf. Und umso weniger wurden beantwortet.


Kein Stoff, aus dem die Schlagzeilen sind. An der Aufklärung der Hintergründe der NSU-Affäre arbeiteten irgendwann nur noch versprengte Privatleute und notorisch neugierige Blogger. In den Leitmedien, die zu Beginn der Enthüllungen um die Drei-Mann-Geheimarmee aus Thüringen begeistert auch noch die absurdeste Theorie über Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt verbreitet hatten, stellte sich NSU-Müdigkeit ein. Statt großer Würfe nur noch kleines Karo. "Beate Zschäpe bringt sich in Bedrängnis", notierte die Süddeutsche Zeitung Anfang des Monats. Im vierten Jahr eines Verfahrens, über dessen Ausgang von Anfang an kein Zweifel bestehen konnte.

Jetzt versteckt der Verfassungsschutz Berichte über Details eines dem NSU zugeschriebenen Mordes hinter einer Sperrfrist von 120 Jahren. So absurd lang, als schraubten sie ein Licht aufs Dach: Hier gibt es was zu sehen! Hier stehen Fragen, auf die "ein Teil der Antworten die Bevölkerung verunsichern" würde.

Sechs Jahre nach den Schüssen von Zwickau, nach dem eilig weggeschüttelten Wohnmobil, nach dem Pumpgun-Rätsel, der verschwundenen Feuerwehr-Fotos und der endlosen Liste von absurden, bizarren und völlig fantastischen Details aus dem Leben der Terrorbande ist weniger klar als am ersten Tag. Fast 380 Prozesstage und alles, was man sicher weiß, ist, dass es sicher mehr und Wichtigeres zu wissen gäbe als das, was ersatzweise im Mittelpunkt der inzwischen fast gänzlich geschwundenen öffentlichen Aufmerksamkeit steht.

Niemand hat die Absicht, hier etwas herauszubekommen, von dem nicht vorab feststeht, dass es nicht höherrangige Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik berührt.  Dass im Laufe des Verfahrens reihenweise Zeugen starben, Akten verschwanden und Untersuchungsausschüsse um des Kaisers Bart stritten, war bald so normal, dass es niemanden mehr verwunderte. Das BKA ermittelte eifriger nach dem Urheber der NSU-Leaks als nach Mitwissern, Mittätern und staatlichen Unterstützern des angeblichen Terrortrios. Opfer entpuppten sich als erfunden und verschwanden folgenlos aus der Berichterstattung. Alle, die man hätte fragen müssen, sind leider tot. Die übrigen erinnerten sich nicht. Oder es gelang, ihnen viele, aber nicht die richtigen Fragen zu stellen.

So versandet auch diese Staatsaffäre im Nebel des öffentlichen Desinteresses.  Niemand mehr, der sich noch erinnern kann, worum es eigentlich ging, weshalb drei junge Leute grundlos im "Untergrund" lebten und wie sie ihre Leben dort mit den kargen Einnahmen aus ein paar Banküberfällen finanziert haben sollen. "Unser 11. September" (Jörg Ziercke, inzwischen stillschweigend abgelöster Chef des BKA) endet wie das amerikanische Original. Nichts Genaues weiß man nicht, das aber mit dem guten Gefühl, dass es für das eigene Seelenheil wohl besser so ist.



Ein Land schreibt einen Thriller:

NSU: Flut spült alle Fragen fort
NSU: Opfer aus Luft
NSU: Als alles noch sonnenklar war
NSU: Hinterm Rand der Katastrophe
NSU: Todesursache blauer Fleck
NSU: Morde aus dem Grab heraus
NSU: Mit großem Pomp am Ziel vorbei
NSU: Beweisschau im Internet
NSU: Klein, schmal und knochig
NSU: Die Toten auf dem Rücksitz
NSU: Hundert Tage April, April
NSU: Banküberfalltäter im Tattooarchiv
NSU: Die Fassade auf der Anklagebank
NSU: Nicht nur sauber, sondern rein

NSU: Doppelselbstmord zu dritt
NSU: Vorladung für Hollywood
NSU: Rufnummernmitnahme
NSU: Robert Redford gegen rechts
NSU: Strafe muss sein
NSU: Terror fürs Museum
NSU: Herz, Stern oder Halbmond
NSU: Schweigekomplott am Bosporus
NSU: Nazi per Nachname
NSU: Platznot auch im Alex-Prozess
NSU: Killerkatzen im Untergrund
NSU: Das weltoffene Deutschland im Visier
NSU: Liebes Terrortagebuch
NSU: NSU: Push the forearm fully forward
NSU: Heiße Spur nach Hollywood
NSU: Die Mutter von Hirn und Werkzeug
NSU: Musterstück der Selbstentlarvung
NSU: Rettung durch Rechtsrotz
NSU: Schreddern mit rechts
NSU: Softwarepanne halb so wild
NSU: Neues Opfer beim Verfassungsschutz
NSU: Im Namen der Nabe
NSU: Handy-Spur ins Rätselcamp
NSU: Brauner Pate auf freiem Fuß
NSU: Rufmord an den Opfern
NSU: Heiße Spur ins Juwelendiebmilieu
NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terrors
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau




Mittwoch, 19. Juli 2017

Ramelow: Keine Rechte mehr für Rechte

Die Nazibrut, sie marschiert immer noch, hört Musik mitten in Thüringen, nicht einmal verbotene von Xavier Naidoo, sondern richtig harten Stoff mit legalen Inhalten. 6000 Faschisten versammeln sich im thüringischen Themar, als wäre es nicht längst an der Zeit, einzusehen, dass das nicht sein kann: Keine der hier zum Mittäter werdenden Bands hat eine ordentliche Einstufung. Unklar ist, ob das vorgeschriebene Verhältnis von 60 Prozent Rechtsrock und 40 Prozent Nazi-Scheiße eingehalten wird. Ein Missbrauch der großzügigen Regeln für Demonstrationen, die die Bundesregierung den Bürgerinnen und Bürgern immer noch einräumt obwohl erste Bemühungen Erfolg zeitigen, bestimmte Tage und Orte notwendigerweise prinzipiell grundrechtsfrei zu stellen.

Obwohl ihm durch seine geburt im kapitalistischen Ausland die DDR-Grundausbildung fehlt, die das Grundrecht des Staates auf öffentliche Belästigung durch Andersdenkende rigoros über das Grundrecht des Bürgers gestellt hatte, öffentlich herumzumeckern, hat Ministerpräsident Bodo Ramelow jetzt gefordert, das Versammlungsrecht für Veranstaltungen einzuschränken, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen.

Der niedersächsische Kommunist aus Thüringen folgt damit der Logik einer Verräumlichung des Ansehens der Bundesrepublik, die davon ausgeht, dass die Öffentlichkeit weltweit sich brennend selbst für kleine und kleinste Zusammenkünfte von deutschen Neonazis interessiert. „Ich denke, wir müssen das Versammlungsrecht derart präzisieren, dass in Zukunft Landratsämter und Genehmigungsbehörden und dann auch in der Folge die entscheidenden Gerichte diese Dinge nicht mehr unter Meinungsfreiheit abtun“, konkretisierte der Linken-Politiker seinen Plan zur generellen Aufhebung von Demonstrationsrechten für Rechte, der seinem schon länger ins Auge gefassten Plan folgt, Thüringen zu einer versammlungsfreien Zone zu machen.

Worum genau es sich bei "solchen Dingen" handele, könne von Fall zu Fall operativ entschieden werden. Wenn 6000 Anhänger der rechten Szene sich aber "getarnt als Demonstranten" versammeln und friedlich abseitige Krachmusik zu sich nehmen, wäre der neue Tatbestand "solche Dinge" im Gesetz über Versammlungen und Aufzüge (VersammlG) aber Ramelow zufolge auf jeden Fall erfüllt. Eine Berufung auf Grundgesetzartikel 8 könnte dann durch eine Behörde umgehend suspendiert werden. Nicht vergleichbar sind die von Ramelow geforderter Schritte zur notwendigen Einschränkung von Versammlungsrechten und neugeschaffenen speziellen Eingriffsrechten staatlicher Organe mit ähnlichen Gesetzesänderungen in Polen.

In Deutschland erfolgt die Einschränkung von Grundrechten stets auf demokratischer Basis. So sei der bislang im Wasserrecht geltende Besorgnisgrundsatz erfolgreiche aus seinem Ursprungskontext gelöst und als neue Prämisse in das bis dahin von völlig anderen Rechtspositionen, Interessenkollisionen und Konfliktlinien geprägte Versammlungsrecht überführt worden. Damit reicht in Sachsen, das als Vorreiterland fungiert, nunmehr bereits die entfernte Möglichkeit einer Gefahr für irgendein Rechtsgut aus, um Versammlungen beschränken oder ganz verbieten zu können. Faktisch ist nicht mehr die Versammlungsbehörde in der Pflicht, nachzuweisen, dass eine Versammlung eine solche Gefahr heraufbeschwört, sondern der Anmelder müssen begründen, dass und weshalb sie das nicht tut.

Steuerzahlergedenktag: Genug ist nie genug

Wer 1960 durchschnittlich verdiente, lag 95 Prozent unter dem Spitzensteuersatz. Wer 2016 durchschnittlich verdient, liegt nur noch 42 Prozent entfernt.

Diesmal ist es heute, am 19. Juli. Noch mal sieben Tage später als letztes Jahr und ganze 48 später als noch 1960. Nicht ab 5.45 Uhr, sondern ab 3.27 Uhr heute morgen wirtschaften Bürger und Betriebe rein rechnerisch in die eigene Kasse. Nachdem sie bis hierhin ausschließlich arbeiten mussten, um auf Steuern, Abgaben und Quasi-Steuern wie den Rundfunkbeitrag, die EEG-Umlage und vier weitere Sonderumlagen auf Strom sowie die Konzessionsabgabe auf Strom, Gas und Wasser für dieses Jahr zusammenzusparen.


Ein glücklicher Tag, der die nimmermüden, nie nachlassenden Bemühungen der Bundespolitik, den Staat zu stärken und den Bürger auszunehmen, gebührend feiert. Auch 2017 wieder mit großem Erfolg: Nie zuvor war der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, den die Wähler vereinnahmen, so niedrig, nie zuvor war der Anteil des Staates und seiner Institutionen so hoch. In leichter Sprache für Spiegel-Leser und Abonnenten der "Welt": "Noch nie arbeiteten die Bürger so lange nur für den Staat".

Genug ist nie genug


Doch ist das genug? Geht es nach SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, sicherlich nicht. In einer Not-Rochade der SPD-Spitze aus dem vorläufigen Ruhestand geholt, hat der neue alte Chef im Willy-Brandt-Haus eben angekündigt, die SPD werde nach der Wahl "Geld mobilisieren", um endlich all das zu tun, wozu sie zwischen 1998 und 2009 und 2013 und heute einfach nicht gekommen ist.

Das klingt nach einem Griff in die Tasche, bei dem der Arm bis zum Ellenbogen verschwindet. Martin Schulz hat gerade erst eine ganze Latte von Ideen vorgestellt, wie ein von ihm geführter Staat das Geld der Bürger noch schneller und segensreicher wird ausgeben können.

Luft ist da noch, denn nach der vom Steuerzahlerbund berechneten volkswirtschaftlichen Einkommensbelastungsquote, bei der gesamte Aufkommen aus Steuern, Quasi-Steuern und den Zwangsbeiträgen zur Sozialversicherung ins Verhältnis zum Volkseinkommen gesetzt wird, greift der Staat derzeit noch immer nur 54,6 Prozent von allem ab. Das ist so viel wie nie, aber da von jedem verdienten Euro immer noch 45,4 Cent zur freien Verfügung derer bleiben, die ihn erarbeitet haben, bleibt immer noch eine Menge zu holen.

So lange noch Luft ist


Und darauf versteht sich der Staat, wie die Vergangenheit zeigt: Wer 1960 durchschnittlich verdiente, lag 95 Prozent unter dem Spitzensteuersatz. Wer 2016 durchschnittlich verdient, liegt nur noch 42 Prozent entfernt, weil der Durchschnittslohn sich etwa verzehnfachte, der Spitzensteuersatz aber nicht im selben Maße nach oben verschoben wurde.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Steuereinnahmen des deutschen Staates haben sich seit Anfang der 90er Jahre in etwa verdoppelt. Die nominalen Löhne und Gehälter im Land dagegen sind im selben Zeitraum gerademal um knapp sieben Prozent gestiegen. Fakt ist jedenfalls, ganz egal, wer regiert und wie viel Überschuss auch in der Steuerkasse klingelt: Steuern runter geht nicht. Geht gar nicht. Nicht jetzt. Nicht morgen. Und später erst recht keinesfalls.


Dienstag, 18. Juli 2017

Ende der Spaßgesellschaft: Schulz knöpft sich Trump vor

Traurige Schlacht: Martin Schulz griff mutig an, Trump ignorierte ihn dreist.

Die wichtigsten Planungen zum Umbau Deutschlands zu einer Postdemokratie mit staatlicher Vollbetreuung hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gerade erst vorgelegt. Nun wendet der Sozialdemokrat sich dem erfolgversprechenden Feld der Außenpolitik zu, auf dem sein Vorgänger Gerd Schröder einst die entscheidenden Punkte im Kampf gegen Edmund Stoiber holte.

Damals wählte Schröder als Podium für seinen Angriff auf das bei vielen Deutschen verhasste Imperium jenseits des Atlantik einen Marktplatz. Schulz dagegen griff zeitgemäß zum Smartphone und hieß seine Twitter-Redaktion, im Kurznachrichtendienst kategorisch Front gegen den verabscheuten US-Präsidenten Donald Trump zu machen.

Schulz, der Weltpolitiker. Auf den Hinweis Trumps in der von der New York Times und zahlreichen deutschen Abspielstationen seit Monaten liebevoll gepflegten "Russland-Affäre", jeder Politiker würde zu einem Treffen mit jemandem gehen, der ihm Informationen über seinen Konkurrenten zu geben bereit sei, antwortet Schulz mit einem kategorischen "Ich würde nicht hingehen. Das ist keine Politik". Schulz nämlich, das müssen Wähler wissen, ist eine reine Haut, ein sauberes Gewissen, ein kleiner Mann, der Großes bewirkt, indem er immer ehrlich bleibt, nie in die Kasse greift, seine eigenen üppigen Tagegelder schon immer "ungerecht" fand und die Absprache unter Europas großen Volksparteien der Mitte, die ihn nach der verlorenen EU-Präsidentenwahl zumindest noch mit dem Posten des Parlamentschefs abfand, jederzeit abgelehnt hat.

Moralisch gefestigt, weil mit seinem einstigen Konkurrenten Jean-Claude Juncker nicht nur befreundet, sondern auch guter Aussicht, nach der verlorenen Bundestagswahl im Herbst eine Anschlussverwendung als dessen Nachfolger in Brüssel zu finden, liest Martin Schulz dem "irren" (FR) "Wahnsinnigen" (Spiegel) im Weißen Haus die Leviten. Schulz´ Politikbegriff ist anders, eher kooperativ, kein Wettbewerb zwischen Anbietern unterschiedlicher Ansichten, sondern gemeinsames Handeln aller im Betrieb zur Sicherung von Macht, Einfluss und Pfründen.

Draußen in der nach Wahlkampf und wenigstens ein wenig Krawall dürstenden Medienlandschaft kommt der kleine Tweet an wie die Emser Depesche. Ein "direkter Angriff auf Donald Trump", fabulieren die Blätter. Den der US-Präsident zwar ignoriert hat. Den eine Schulz gewogene gnädige Feder bei der "Welt" aber dennoch zu einem "Schlagabtausch" erklärt hat.

Als "Schulz twittert, Trump antwortet nicht!", verpackt die "Bild"-Zeitung den ins Nichts gesendeten Tweet des "Merkel mit Bart" (®© PPQ) in freundliche Worte. Schulz, der Retter von der traurigen Gestalt, sei damit "einer der ersten deutschen Politiker, der direkt auf einen von Trumps Tweets geantwortet hat", heißt es weiter.

Nein! Doch! Darf man das? Was für ein Mut, was für Tapferkeit, wie viel Charakter, wie viel Entschlossenheit! Trump auf Twitter Paroli geboten zu haben, wenn auch ohne jedes Echo, das ist eine Tat, die die Nation nicht vergessen wird.

Deutschland, schau auf diesen Mann. Und wähle ihn, denn er ist gut.






"Massenhafte Entgleisungen": Deutschland außer Rand und Band

Das rot-rot-grün regierte Thüringen erlebte Stunden fürchterlichster Entgrenzung.
Fälle schlimmster, massenhafter Entgleisungen hat es über das Wochenende in Thüringen und Westsachsen gegeben. In Themar zeigten tausende und abertausende Nazis den verbotenen Hitlergruß, in Sachsen geriet ein syrischer Friseur unschuldig ins Visier von Fremdenhasser und Ausländerfeinden. Deutschland 2017, außer Rand und Band. Die Kanzlerin aber schweigt. Und auch ihr Herausforderer beschäftigt sich lieber mit den Großlagen einer weit entfernten Zukunft als mit den akuten Krisen der Gegenwart.

Auslöser der Unruhen in Zwickau waren Personalengpässe in einer Filiale der Friseurkette Klier in den Zwickau-Arcaden, einem nach dem Zusammenbruch der DDR von westdeutschen Solidaritätssteuern gebauten modernen Einkaufszentrum. Ein "unglücklich formuliertes Schild" (BIld) wie Kunden hier darauf hin, dass in den Spätnachmittags-Stunden nur ein Friseur in der Filiale arbeite, der als Flüchtling aus Syrien kam, dort den Beruf des Herren-Friseurs erlernte und entsprechend seiner Qualifikation ausschließlich Herren bedient.

Das löste einen Aufschrei in den sozialen Netzwerken aus, in denen sich weit entfernt lebende Kommentatoren sofort routinemäßig über die fortschreitende Islamisierung in deutschen Barbierstuben echauffierten. Dabei weigert der vor der Verfolgung durch das Assad-Regime aus Syrien nach Deutschland geflohene junge Mann sich nicht wegen seines Glaubens, Frauen zu bedienen. „Der Mitarbeiter hat keine beruflich-fachliche Qualifikation, einen Damen-Haarschnitt auszuführen", stellte die Klier-Kette klar.

Die Hasser aber juckt das nicht. Schon Stunden später zeigten sie im thüringischen Themar ihr wahres Gesicht. Dutzende Besucher eines Rechtsrockfestivals, das völlig unbehelligt von zivilgesellschaftlichem Widerstand mitten Freistaat im Hass baden konnte, hoben die den Arm zum Hitlergruß. Offenbar glaubten die aus ganz Europa angereisten Nazis, ein zuletzt aufgetretener kurzzeitiger "Kontrollverlust im Schwabenland" (Die Welt) habe mittlerweile auch auf das straff im rot-rot-grün regierte grüne Herz Deutschlands übergegriffen.

Irrtum. Thüringen ist weder Köln noch Schorndorf, die Polizei verliert hier nicht einmal phasenweise die Kontrolle über die Lage. Ein beim Kurznachrichtendienst Twitter kursierender Film zeigt dennoch Teilnehmer, die den Arm zum verbotenen Hitlergruß recken. Die Ermittler versuchten nun, an das Originalvideo zu kommen, da die Aufnahmen aus dem Internet die Täter nur von hinten zeigen. Die Polizei selbst durfte im Zelt, in dem die Bands auftraten, nicht filmen. 

Die Rechtsextremismus-Expertin und Abgeordnete der Linken im Thüringer Landtag, Katharina König-Preuss, kritisierte auf Twitter, dass die Polizei nicht eingeschritten sei. Jetzt ist das Entsetzen groß - zumal es auch bei Veranstaltungen in Reutlingen und Böblingen wie zuvor schon in Bonn und Berlin zu bestimmten Vorfällen gekommen war.

In dem pittoresken Städtchen Themar, wo einst des Kaisers Marine-Admiral Emil Heusinger von Waldegg geboren wurde, sitzt der Schock nun tief, die Empörung ist groß. Man schimpft hier über die Presse, die nach Meinung vieler nicht ausführlich genug über die Hitlergrüße berichtete, auf vermeintliche „Gutmenschen“ und den Schwarzen Block, die trotz der anmarschierenden Nazi-Massen auf frühzeitige Proteste verzichteten und auf die Polizei, die ihre Bürger nicht mehr schützen könne. Vor allem aber sind viele sauer auf die Politik, die zwar ausländische Regierungen im Wochentakt kritisiere, selbst aber mit der "Ist doch schön"-Methode versuche, noch einmal ohne Problemlösung über den Wahltag zu kommen.

Sommer der Blinden

Montag, 17. Juli 2017

Zitate zur Zeit: Ein undemokratischer Akt

"Der Putsch in der Türkei im vergangenen Jahr war sicherlich ein sehr undemokratischer Akt."

Markus Feldenkirchen, Der Spiegel

Martin Schulz: Der Fake-News-Riese

Fake News in der "Welt": Henryk M. Broder ist auf Schulz´Behauptung hereingefallen, er sei 1,80 Meter groß.
Was lange währt, wird Wahrheit. Eben erst hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz der Nato eine Absage erteilt und den Grundkonsens der Mitgliedsstaaten über den Zwei-Prozent-Anteil der Militär- an den gesamten Haushaltsausgaben aufgekündigt. Und doch dieses offenen Affronts gegen die gemeinsamen Werte des Westens gilt der Sozialdemokrat noch immer als präsidiabler Vertreter der politischen Mitte, ein Mann, von dem sich eine kleine Minderheit der Deutschen sogar vorstellen könnte, dass er sie mit seinen im Wochentakt verbreiteten Plänen zu "Investitionen, Gerechtigkeit, Europa" (Die Welt) regieren könnte.

Schulz hat aber ja auch schon bewiesen, dass es in der politischen Auseinandersetzung zuallerletzt auf Fakten ankommt. Einen Pappaufsteller von sich selbst, den Fans im SPD-Shop bestellen können, lässt der Lokführer des Schulz-Zuges als 1,80 Meter hoch und zugleich als "lebensgroß" anpreisen. Beides zusammen geht allerdings nicht, weil der "Merkel mit Bart", wie die "Welt" eine Formulierung von PPQ aus dem Mai zitiert, selbst mit Absatzschuhen kaum drei Zentimeter größer ist als Angela Merkel. Die gerademal 1,65 Meter misst.

Der "Gottkanzler" (SPD) ist eher Gimli als Gigant. Aber  fehlt Schulz an Länge, so doch nicht an Größe, sich die fehlenden Zentimeter einfach durch Behauptung anzueignen. Und die "Welt" fällt darauf rein: Henryk M. Broder, eine für gewöhnlich verlässliche Stimme der Vernunft im Festival des Wahnsinns, beschreibt in einer länglichen Reportage, wie er mit dem Pappkameraden Schulz durch Berlin zieht. Und er nimmt die hanebüchene Behauptung, Schulz sei wie der "lebensgroße Pappaufsteller" (SPD) 1,80 Meter groß, unwidersprochen hin.

So geht das, wenn es um nichts mehr geht. Martin Schulz selbst lebt in diesen schweren Tagen  vor der verlorenen Wahl vor, wie radikal man sich vor der Wirklichkeit in ein selbstgebautes Gedankengebäude zurückziehen kann. Um Merkel noch einmal herauszufordern, hat sich der SPD-Kandidat eine verwirrende Liste von Veränderungsvorschlägen für einen sogeannten "Zukunftsplan für das moderne Deutschland" zusammenstellen lassen. da fehlt dann die ganz, ganz wichtige Klimapolitik, es fehlt auch an Äußerungen zur Einwanderungen und an einem Plan für Familienförderung oder zur Zukunft des staatlichen Rundfunks.

Aber mit dem Vorschlag, für jeden Arbeitnehmer ein staatliches "Chancenkonto" zu eröffnen  - den Begriff hat sich die SPD in der Bundesworthülsenfabrik anfertigen lassen - , flunkert sich Schulz ein neues Gefechtsfeld herbei, auf dem er fröhlich neue Versprechen machen kann: 5000 oder 10.000 oder gar 30.000 Euro soll "jeder Arbeitnehmer" bekommen, irgendwo irgendwie angelegt. Damit er im Fall einer Midlifecrisis oder dem Wunsch nach beruflicher Neuorientierung etwas hat, das ihm den Selbstfindungstrip und die nachfolgende Umschulung vom Schlosser zum Snapchat-Influencer finanziert.

40 Millionen potentielle Kontoinhaber, das macht 200 Milliarden Startguthaben, langsam anwachsend auf 1.2e+12 Nullen, also 1,2 Billionen Euro. Das sind nur vier komplette Bundeshaushalte.

Klingt doch aber gut, wenn man nicht weiter drüber nachdenkt. Und wer sich mit Anfang 60, nach drei Jahrzehnten in den Hinterzimmern der Polittruks, noch für einen jungen, dynamischen Newcomer mit Hoffnungsträgerqualität hält, denkt längst nicht mehr. Und wer sich für 1,80 Meter groß hält, obwohl er nur 1,68 misst, und dann Pappfiguren von sich nicht in seiner wirklichen, sondern in seiner eingebildeten Größe anfertigen lässt, dem muss man das wahrscheinlich sogar nachsehen.

Er ist ein armer, ein ganz, ganz armer Mann.



Sonntag, 16. Juli 2017

HFC: Züge einer Hinrichtung

Bitter: Oliver Schnitzler holt wieder einen Ball aus dem Netz.
Es sollte der krönende Abschluss einer Vorbereitung werden, die ein klein wenig Mut gemacht hat. Der Hallesche FC, Ende der vergangenen Saison in ein Wachkoma aus Niederlagen, Zwist und Frustration gestürzt, siegte sich durch Vorbereitungsspiele gegen unterklassige Gegner, der zurückgekehrte Stürmer Petr Sliscovic traf plötzlich wie gewünscht. Selbst die namhaften Verstärkungen, nach denen die Fans schon im Winter verlangt hatten, stellten sich plötzlich ein.

Zum Vorbereitungsfinale nun also Union Berlin, ein alter Bekannter aus der DDR-Oberliga, der damals eher von oben bedauert wurde, heute aber aus der 2. Liga auf den früheren Konkurrenten herunterschaut. Der HFC startet mit einer Elf, in der mit Fetsch, Starostzik und Sliscovic nur zweieinhalb Neuzugänge stehen. Aber er startet stark. Die ersten zehn Minuten gehören fast ganz den Gastgebern, die dreimal vielversprechend zu Abschlussmöglichkeiten kommen. Gegenüber hat die neue Nummer eins Oliver Schnitzler einen ruhigen Nachmittag: Einmal nur wird der Bredlow-Nachfolger geprüft. Und er besteht.

Dass hier nicht alles Gold ist, was glänzt, haben die nur knapp über 3000 Zuschauer allerdings schon beim Einlass bemerkt. Nicht nur, dass die Marketingabteilung des von fortschreitendem Zuschauerschwund geplagten Vereins darauf verzichtet hat, irgendwelche Bemühungen zu unternehmen, um mit Freikarten für Kinder oder ermäßigten Preisen für Familien Menschen außerhalb der Stammgemeinde ins Stadion u locken. Nein, man hat auch entschieden, die Zahl der Einlasstore zu halbieren, die Warteschlangen damit zu verdoppeln. Und für kurzentschlossene Besucher eine Kasse zu öffnen, vor der sich damit eine Schlange bildet, als gastierte hier heute Real Madrid. "Wenn du hier heute zum ersten Mal herkommst", schimpft ein Mann vor dem Einlass, "drehste doch gleich wieder rum und kommst nie wieder."

Kein Gedanke daran. Es ist nur Union und der HFC hat den Gast fest im Griff. Die Fünferoffensive mit Pintol, Fetsch, Ajani, Röser und Sliscovic bereitet den Eisernen sichtlich Problme. Vor allem wenn Röser oder Ajani außen zum Spurt ansetzen, wirkt die Abwehr um den Ex-Hallenser Toni Leistner anfällig. Zum Glück für die Gäste hat sich an der Qualität der Flanken beim HFC auch über die Sommerpause nicht viel geändert. Zu kurz. Zu weit. Zu hoch. Oder ins Bein eines Gegenspielers.

Martin Röser ist es dann, der in der 34. Minute zeigt, wie es besser geht. Unwiderstehlich zieht er zur Grundlinie, scheint fast schon zu weit zu sein und legt dann doch noch genau auf Marvin Ajani zurück. Der zieht ab und trifft zum 1:0. Hätte Schiedsrichter Thomas Stein den gleich nach fünf Minuten fälligen Elfmeter nach einer Stoßattacke im Strafraum gepfiffen, wäre das Spiel fast schon entschieden.

So kann es weitergehen. Aber so geht es nicht weiter. Zwar bleibt Union reserviert, aber auch der HFC spielt jetzt nicht mehr so überzeugend nach vorn. Die Ballstafetten versanden, die herausgespielten Chancen werden achtlos vertan. Marvin Ajani hat die größte, als er von Benjamin Pintol mit einem messerscharfen Ball allein zu Union-Torhüter Busk geschickt wird. Statt links oder rechts einzuschieben, schießt Ajani Busk an.

Damit endet auch die halbe Stunde der überraschenden HFC-Herrlichkeit, die manchen auf den Rängen schon von einer Rückkehr zur Stärke des Herbst 2016 hatte träumen lassen. Erst hat Schnitzler Glück, als ein Schuss von Pedersen vom Posten abprallt. Dann fehlt es, als Felix Kroos einen Freistoß durch die Mauer schießt. 1:1.

Fehlt nun die Kraft? Oder dreht Union auf? Weder noch. Die zweite Halbzeit ist ein Abziehbild so vieler zweiter Halbzeiten der letzten Jahre, nur noch ein wenig schlimmer. Denn von der Mannschaft, die Union gerade noch dominiert hat, ist nun nichts mehr zu sehen. Zwar hat der HFC immer noch mehr vom Spiel und Union vermag es auch nicht, sich ein großartiges Chancenübergewicht zu erspielen.
Der Ausgleich durch Felix Kroos.
Doch wenn die Berliner anziehen, dann klingelt es: Erst geht der Ex-Hallenser Andy Gogia einem Steilpass hinterher, den Starostzik schon im Aus wähnt. Seine Eingabe verwertet Hosiner mit kalter Ruhe aus Nahdistanz. Dann zeigen die abgebrühten Zweitliga-Profis den Kollegen aus der 3. Liga, dass Fussball auch ein Kopfspiel ist. Nach einem Freistoßpfiff von Stein sortieren sich die Hallenser noch, das dribbelt Gogia mit dem Ball schon auf Schnitzler zu. Querpass. Skrzybski. 1:3.

Das ganze Schauspiel nimmt jetzt Züge einer Hinrichtung an. HFC-Trainer Rico Schmitt wechselt fröhlich durch. Aller paar Minuten kommen zwei neue Spieler, darunter auch die auffälligen Neuzugänge Bohl und Manu und die komplette Nachwuchsriege mit Ludwig, Neumann und Pannier. Besser aber wird es nicht, weil Ersatzkapitän Nick Fenell in der 70. einen Rückpass auf Schnitzler spielt, der unterwegs langsam einschläft, so dass Redondo keine Mühe hat, ihn zu erlaufen, den HFC-Torwart zu verladen und lässig wie im Trainingsspiel zum 1:4 zu erhöhen. Neun Minuten später, der HFC hat faktisch aufgegeben und fällt nur noch durch Einzelaktionen von Bohl und Manu auf, wehrt Kleineheistmann einen Schuss aufs Tor direkt zu den im Strafraumwinkel stehenden Krailach ab. Der fackelt nicht und trifft zum 1:5.

Dann schleppt es sich noch ein wenig. Dann ist es aber endlich auch zu Ende. Die Generalprobe für das Paderborn-Spiel zum Saisonauftakt, die in die Hose gegangen ist, wie das Generalproben traditionsgemäß tun müssen. Der Landeskonkurrent aus Magdeburg, dessen Testspiel gegen Wismut Aue vom MDR live übertragen wird, während der blau-weiße Fansender das HFC-Ergebnis nicht einmal vermeldet, hat nicht so viel Schwein. Die Bördetruppe siegt 1:0. Für den HFC dagegen kann es nur besser werden.
Nach dem 1:0 jubeln die HFC-Spieler um den neuen Leitwolf Mathias Fetsch (Mitte) noch.


Zitate zur Zeit: Neues von der Weisheitsforschung

Die aktuelle Fokussierung auf Afro-Amerikanerinnen durch hiesige Vertreter_innen von Critical Whiteness seit Ende der Nuller Jahre ist ein Fehlimport, der über die akademische Beschäftigung aus den Gender-Studies kommt und ungeachtet der Geschichte der Kämpfe hierzulande zum Handlungsimperativ wurde.

Die daraus formulierte Trennung in und Hierarchisierung von Rassismus und »Migrantismus«, POCs und Migrant_innen, die Bezugnahme auf das Combahee River Collective von 1974 unter gleichzeitiger Ausblendung des Streiks der Migrantinnen in Pierburg/Neuss von 1973, ist akademisch elitär und im Effekt rassistisch.


Einordnende Bemerkungen zur Identitätsolympiade

Mehr Zitate zur Zeit

Trump Daily: Deutschland-Kurier aus dem Spiegel-Hochhaus

Wie in einer Seifenoper schreibt "Spiegel Daily" den Personen, über die berichtet wird, klare Rollen zu.
Im zweiten Monat rettet das neue "Spiegel"-Beiboot "Trump Daily" nun schon den Sozialismus Journalismus, wenn auch derzeit noch mit einer Gefolgschaft von nur ein paar tausend Lesern. Doch der Anfang ist gemacht, die Linie des Deutschland-Kurier von links liegt fest: Mit einer Mischung aus "Bento"-Texten und flotten Grafiken bringt "Trump Daily", nach unglaublichen vier Jahren Vorbereitunsgzeit gestartet, die Krise des Journalismus seit zwei Monaten jeden Tag um 17 Uhr neu auf den Punkt. Kompetent. Mit einem klaren Schwerpunkt auf Trump-kritischen Texten.

Seifenoper ohne Erkenntnisgewinn


Eine Seifenoper, in der es nicht um Erkenntnisgewinn geht, sondern um Fortschreibung festgelegter Stereotypen. Ziel ist es immer, "für historische Großereignisse reale Akteure dingfest" zu machen, "die die „Schuld“ für diese Ereignisse auf sich zu nehmen haben , analysiert Jürgen Fitz in einer Betrachtung von Ansatz und Ausführung des neuen Journalismus im "Lindenstraßen"- Stil. "Trump Daily" erzählt von einer Welt, in der die Guten nur gut und die Bösen abgrundtief verdorben sind, wo nur Schwarz und Weiß existiert, kein Grau, keine Farben, außer natürlich denen bei bunten Demonstrationen gegen die fürchterlichen Feinde der "Daily"-Weltsicht.

„Geschichte erscheint so ganz archaisch als Heldenepos mit Bösewichten, Opportunisten und Heiligen", hat Fritz beobachtet, "Vorbild für diese Inszenierung ist die ‚Personality show‘ des Fernsehens." Strukturelles Geschehen werde in die Intimsphäre zurückübersetzt, das Schicksalhafte wird personalisiert: Die Klimakatastrophe hat ihre Ursache nicht mehr in Deutschlands Unvermögen, die selbstgesteckten CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Sondern in Donald Trump, der einen noch nicht inkraftgesetzten Vertrag aus fragwürdigen Kompromissen kündigt.

Leichte Sprache für dumme Leser


Die "smarte Abendzeitung" befleißigt sich zu diesem Behufe einer Art "leichter Sprache". Kurze Sätze, simple Sachverhalte, klare Eigenschaftszuschreibungen. Nicht das Ungewöhnliche steht im Mittelpunkt, sondern die Routine des Immergleichen. Der fiese, miese, böse Trump. Die schon irgendwie bemühte Merkel, die man nur mögen kann, wenn man ihr nicht großen Respekt entgegenbringt. Die fürchterlichen Russen. Die bedauernswerten Syrer. Die fetten Deutschen. Die dummen Amis. Das bedrohte Klima. Die verseuchten Meere. Die Diktatoren. Die Machthaber. Die wie handelnde Personen beschriebenen Institutionen.

Eine Klischeeparade wie aus der Kinderzeitung, nur hier angerichtet für Erwachsene, die das Selberdenken entnervt aufgegeben haben. Wer gar keine Zeit mehr findet, sich zu informieren, wird hier kompetent verblödet bedient.

Alle anderen sind wenigstens pfeilschnell durch: "Nur 1 Minute Lesezeit!" hat Jakblog in einem Test herausgefunden.